„Die
Lips Tullian SAGA“
Fellmuthow 2008


Nachdem
im Jahr 1976 die Kleinbahn, die vom Bahnhof Klingenberg kommend, über Naundorf,
Falkenberg, Niederschöna und Oberschar, bis nach Mohorn ratterte, dampfte und
fauchte, eingestellt wurde, herrscht im Tännichtgrund wieder Einsamkeit und
Stille. Heute trifft man auf dem am Nordhang verlaufenden alten Bahndamm, der im
Sommer als Radweg, im Winter, wenn die Schneehöhe es zulässt, als Loipe dient
hin und wieder ein paar Naturfreunde - oder ein Liebespaar.
Der
Geografische Mittelpunkt Sachsens vor der einstigen Diebeskammer gelegen,
angezeigt durch eine granitene Stehle, lockt den einen oder anderen hinunter zum
Talgrund. Dabei erschließt sich von dort wo ein schmaler Weg dem Lauf des Tales
folgt erst der eigentliche Reiz des wunderschönen Tales.
Am
steilen felsigen Hang wachsen Eichen, Buchen und Birken, neben Haselnuss-,
Himbeer- und Brombeersträuchern. Auf den Wiesen findet derjenige der zu sehen
versteht, Süßgräser, Binsen, den Bärenklau, das Springkraut und vieles mehr.
Meißen zirpen, der Häher warnt, hoch oben kreist der Bussard und sucht
mit seinem Teleblick nach Beute. Wenn man Glück hat begegnet man der
Ringelnatter und der schillernden Eidechse. Insekten wimmeln, Libellen
schwirren, Bienen fliegen emsig von Blüte zu Blüte.
Anfangs
des 18. Jahrhunderts haben Räuber diese Gegend unsicher gemacht. Erst war es
Karrasek, der hier mit Komplizen sein Unwesen trieb. Später führte Lips
Tullian die Schwarze Bande an. Seine wilde Horte, die vor allem Kirchen und
reiche Privathäuser ausraubte, soll ihr Versteck hier im Tännichtgrund gehabt
haben.
Nun
möchte ich dir die Umgebung des Ortes zeigen, an dem sich die Diebeskammer
befunden haben könnte.
Der Tännichtgrund
zwischen Colmnitz und Naundorf

Hier soll sich
die Diebeskammer befunden haben.
Dort an der
Felswand will ich übernachten.
Die
Zeit vergeht. Es wird Abend. Bereits liegt Dämmerung über dem Tal. Die Vögel
schweigen. Dunkle Schatten kriechen aus dem Wald. Bald senkt sich die Nacht wie
ein schwarzes Tuch in das Tal herab. Ich rolle die Isoliermatte ganz nahe der
Felswand aus, lege den Schlafsack darauf, krieche hinein, strecke mich,
verharre...
Lieber
Leser, hast du schon einmal ganz allein an einen solchen Ort übernachtet? Ich
sage dir, da klopft das Herz, die Brust wird eng. Du reißt die Augen auf, auch
wenn du schon lange nichts mehr erkennen kannst. Obwohl ich nicht an Geister und
Gespenster glaube, horche ich angestrengt auf jedes Geräusch. Es raschelt und
knackt im Unterholz. Wer mag da entlang schleichen? Der
Abendwind rauscht in den Wipfeln. Ein Kauz ruft schauerlich. Der Schrei
eines Tieres gellt durch die Nacht. Wenn wenigstens die Sterne leuchten würden,
doch am Abend haben sich, vom Westen her kommend, Wolken genähert, haben den
Himmel verhangen. Nachdem Mitternacht bereits vorüber ist, nichts geschieht, lässt
die nervliche Anspannung nach; schließlich ich schlafe ein...
Als
mich die Morgensonne und das Gezwitscher der Vögel weckt bin ich ganz benommen.
In dieser Nacht muss etwas geschehen sein, von dem ich nicht weiß ob es
wirklich geschehen ist, oder vielleicht nur ein Alptraum war.
Ich
habe den abgeschlagenen Kopf Lips Tullians gesehen. Spukt der hier noch?
Du
musst mich nicht darauf hinweisen, dass ich eben noch behauptet habe es gäbe
weder an Geister noch Gespenster. Aber an so einem Ort, in so einer Nacht,
verstehst du? Es war unheimlich!
Wenn
es dich interessiert, dann lese weiter. Ich werde erzählen und du kannst dir
deine eigenen Gedanken darüber machen:
Es
fing damit an, dass plötzlich eine Stelle der Wand über mir zu leuchten
begann. Wenig später quoll dort schwefelgelber Nebel heraus, der sich bald
blutrot färbte. In dieser wirbelnden Wolke erschien der abgeschlagene,
blutbeschmierte Kopf des Räuberhauptmanns Lips Tullian. Seine glasigen Augen
blickten starr auf mich herab. Mir stockt der Atem. Ich wollte schreien, doch
kein Ton kam über meine Lippen. Dann sank sich der rote Nebel auf mich herab,
bis der Kopf unmittelbar über mir zu schweben schien. Seine verzerrten Lippen
waren wie im Schrei erstarrt. Sie bewegten sich nicht; doch tief in mir erklang
das dumpfe Echo einer Stimme:
„Endlich
wagt es einer, die Nacht, die auf das Datum meiner Hinrichtung folgt, hier zu
verbringen. Jahrhunderte musste ich darauf warten. Solange die Menschen mich
verachten, in mir nur den Räuber und Mörder sehen, solange werde ich keine
Ruhe finden.“
Bist
du ein Geist? Obwohl ich diese Worte nur denke, sie nicht ausspreche,
antwortete die Stimme in mir:
„Kein
Geist! Ich bin Lips Tullian - muss bis heute in der siebenden Dimension
verharren.“
Siebente
Dimension? So etwas gibt es doch gar nicht - genau so wenig wie Geister!
Der
Kopf pendelte hin und her...
„Ach,
was wisst ihr schon davon, ihr heutigen Menschen? Ihr glaubt nicht dass es so
etwas gibt, weil ihr es mit euren Sinnen und Geräten nicht erfassen könnt.
Aber, ihr glaubt fest an Götter die ihr nie gesehen habt, für deren Existenz
es keinerlei Beweise gibt.“
Was
willst du von mir?
„Du
kannst mir helfen und genau das erwarte ich von dir!“,antwortet
die Stimme fordernd.
Was
müsste ich tun?
„Mich
fragen. Mir zuhören! Ich werde dir von meinem Leben erzählen. Woher ich kam.
Wie es damals war auf der Welt, warum ich zum Räuber werden musste. Und du
sollst es dir merken, es aufschreiben, das viele es lesen können. Sie werden
dann ein anderes Bild von mir
bekommen.“
Dann
könntest du die siebente Dimension verlassen?
„Ja!
Ich fände endlich meine Ruhe.“
Das
ist eine einmalige Gelegenheit, mehr über diesen Räuberhauptmann zu erfahren
– aus erster Quelle! Sehen wir ihn bisher
doch vor allem einen Verbrechers und Unholdes,
überlegte ich.
Prompt
kommt die Antwort:
„Genau
darum geht es! Du wirst mich fragen und ich werde dir antworten, dir erklären,
dass es die Lebensumstände waren, die mich zwangen zum Räuber zu werden und
dass ich denen etwas genommen habe, die sich vorher an anderen bereichert
hatten. Ist das getan, bin ich frei, kann mich in der Ewigkeit verlieren.“
Rasch
entschließe ich mich diese Gelegenheit zu nutzen und stelle die erste Frage:
Wo
wurdest du eigentlich geboren? Und wie heißt du wirklich? Doch nicht Lips
Tullian, wie du dich heute nennst.
„Geboren
wurde ich – wahrscheinlich – im Jahr 1672. So genau weiß ich das aber
nicht. Getauft bin ich auf den Namen Elias Erasmus Schönknecht. Im Straßburger
Kirchenregister würdest den Eintrag finden; wenn es noch existierte. Meine
Erinnerungen beginnen im fünften oder sechsten Lebensjahr. Wir lebten in einem
Haus in der Nähe von Straßburg, mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und ich.
Den Namen Lips Tullian habe ich erst viel später angenommen. Ich kannte eine
Familie Tullian, deren Sohn Phillip oder kurz Lips gerufen wurde. Da er
verschollen war, konnte ich unter seinen Namen leben.“
Erzählst
du mir etwas von deinen Eltern, von deinem Bruder?
„Meine
Mutter, eine geborene Armfeldin und eines Amtsmannes Tochter, war eine streng gläubige,
geduldige und stille Frau. Sie lebte noch, als ich Straßburg verlassen musste.
Mein Vater war Leutnant in der Kaiserlichen Armee. 1683 wurde er bei der
Verteidigung Wiens gegen die Türken schwer verwundet, daran ist er gestorben.
Er war sehr streng und soldatisch. Da ich in der Jugend einen recht wilden und
eigensinnigen Charakter hatte, die Schule nicht ernst nahm, viel Unsinn
anstellte, hat er mich oft verwünscht und mir schon damals den Weg zum
Scharfrichter prophezeit. Meinen Bruder habe ich das letzte Mal gesehen, als ich
etwa 26 Jahre alt war. Auch er hatte es in der Kaiserlichen Armee bis zum
Leutnant gebracht.“
Und
du? Bist auch du Soldat geworden?
„Ja!
Auch ich sollte die Tradition fortsetzen. Deshalb kam ich, durch die Vermittlung
meines Vaters, bereits mit 10 Jahren zu Baron Georg Eberhard von Heydersdorff,
dem ich aufwarten musste. Später ließ er mich zum Fourier-Schütze ausbilden. Alles hätte gut werden können.“
Warum
wurde es nicht gut?
„Neidische
Intriganten warfen dem Baron vor, er habe die Festung Heidelberg, deren
Kommandant er war, feige an den Feind übergeben. Er wurde zum Tode verurteilt.
ihm alle Titel aberkannt. Später begnadigt ihn der Kaiser zwar, doch er
verbannt ihn außer Landes. Ich verlor dadurch meine Stellung, meine Zukunft.“
Was
hast du danach unternommen?
„Ich
bin in mein Elternhaus zurückgekehrt. Doch da mein Vater gefallen war herrschte
Not im Haus. Um meiner Mutter nicht zur Last zu fallen, habe ich mich vom „Kaiserlich-Daffischen
Regiment“ anwerben lassen. Später diente ich im „Kaiserlich Vaubonischen
Dragoner-Regiment“ in den Spanischen Niederlanden.“
Als
einfacher Rekrut?
Anfangs
schon, doch nach einiger Zeit wurde ich zum Wachtmeister ernannt.
Dann
gab es doch gar keinen Grund, zum Räuber zu werden.
„Unter
den Kameraden war einer der mich ständig provozierte, mich beleidigte. Mit dem
habe ich mich geschlagen und ihn so schwer verletzt, dass ich annehmen musste,
er würde sterben. Um der drohenden Strafe zu entgehen die mich in so einem Fall
erwartet hätte, bin ich desertiert.“
Ist
dein Gegner wirklich gestorben?
„Das
weiß ich nicht, habe es nie erfahren.“
Wohin
bist du geflohen?
„In
den Niederlanden konnte ich nicht bleiben, auch nicht in Spanien. Unter falschen
Namen bin ich als Schlossergeselle Philipp Mengenstein’ bis Prag geflohen.
Dort traf ich einen Bekannten, der sich „Der kleine Fourier“ nannte. Bis zu
diesem Zeitpunkt habe ich ein ehrliches Leben geführt. Er war es, der mich auf
den falschen Weg gebracht hat!“
Mit
ihm nahm das Unglück seinen Anfang?
„Ja!
Da mein Geld zu Ende ging und ich keinen anderen Broterwerb fand, das ganze Land
lag nach langen Kriegen am Boden, ließ ich mich von ihm anwerben. Er gab vor
Kapitän zu sein, wolle mit mir nach Italien reisen. Doch das war gelogen. Nach
Italien konnte er gar nicht, hatte dort einen Obristen erstochen. Er reiste mit
seiner Diebes-Kompanie in Mähren umher. Später ist er wegen seiner Missetaten
in preußischen Landen enthauptet worden.“
Durch
ihn bist du zum Räuber geworden? Warum?
„Was
sollt ich tun fremd und ohne Geld? Er machte mich mit jüdischen Hehlern, mit
Leutnant Wittorffen und einem Mann, der sich nur N.N. nannte, bekannt. Diese
Hehler verstanden es meisterlich mich zu verführen. Sie sagten, wenn ich mich
bereit erklärte an ihren Unternehmungen teilzunehmen, würde ich tausend Taler
zusätzlich zu meinem Anteil erhalten. Dem konnte ich nicht wiederstehen. Gab
nach und nahm an verschiedenen Kirchenräubereien und Diebstählen in Prag
teil.“
Und,
hast du die tausend Taler bekommen?
„Nein!
Alles war Lug und Trug, sollte mich nur zu den Taten verleiten.“
Warum
bist du trotzdem bei ihnen geblieben?
„Der
Hunger hat mich dazu getrieben. Nach dem dreißigjährigen Krieg verschlechterte
sich die Lebenslage auch in Böhmen, dass mir gar keine andere Wahl blieb. Die
Armeen waren aufgelöst, entlasse Söldner trieben sich, um überleben zu können,
raubend und plündernd im Land herum. Hunger und Krankheiten grassierten. Das
Handwerk lag danieder, und auch der Handel.“
Was
weiter?
„Eine
Zeit lang haben wir uns von Einbrüchen in Kirchen und von anderen Räubereien
ernährt.“
Erzähle!
„In
Prag und Umgebung waren es acht Kirchen, in die wir eingebrochen sind und in
noch manches Privathaus.“
Was
habt ihr mit der Beute gemacht?
„Die
Juden nahmen sie uns ab. Doch sie nutzten unsere Lage aus, zahlten immer
weniger. Bald blieb uns nicht anderes übrig als wegzugehen. Zusammen mit
Wittorffen und N.N. bin ich, erst der Moldau dann der Elbe folgend nach Sachsen
gezogen. Als unser Geld zu Ende ging, haben wir in der Oberlausitz zwei Kirchen
besucht, mitgenommen was uns wertvoll schien.“
Warum
hattet ihr es vor allem auf Kirchen abgesehen?
„Bei
den armen Leuten war nichts zu holen, denen ging es wie uns. Beute war
hingegen beim Adel und in den Kirchen zu finden. Beide pressten das
Letzte mit Steuern und Abgaben aus Bauern und Handwerkern heraus. Es war unrecht
erworbener Reichtum! Was lag also näher als sich bei ihnen zu bedienen.“
Warum
seid ihr 1702 gerade nach Dresden gezogen. Gab es dafür einen Grund?
„Wir
hatten vom Krieg gehört, den August der Starke gegen die Schweden führte,
wollten uns als Soldaten anwerben lassen. Doch man gab uns keine Chance. Also
blieb uns keine andere Wahl als beim Räubergewerbe bleiben, um überleben zu können.“
Hattet
ihr Bekannte in Dresden?
„Ich
nicht. Doch Wittorffen und N.N. kannten den alten Samuel, einen Zahnarzt, der
uns mit Ungern und dessen Knecht Bernhardi bekannt machte. Von denen erhielten
wir Hinweise, wo sich eine Gelegenheit bot, etwas zu stehlen. Sie waren es auch,
die uns den Hinweis auf die Reichtümer im Gewölbe des Hochgräflich
Beichlingischen Hauses am alten Markt in Dresden gaben. Am 16. November 1702
sind wir nachts in das Gewölbe eingestiegen und haben vieles mitgehen
lassen.“
Was
habt ihr mitgehen lassen?
„In
dem Gewölbe fanden wir einen Kasten mit Schüsseln, Tellern und Leuchtern aus
Silber. Manche auch vergoldet. Sogar ein Weinbecher aus purem Gold war darunter.
Es war kein schlechter Anfang.“
Das
musstet ihr doch noch zu Geld machen!
„Darin
lag eine große Gefahr, die letztendlich auch zu meiner ersten Verhaftung führte.“
Wie
kam es dazu?
„In
Halle gab es einen Juden Namens ‚Assor Marxen’, der als Hehler bekannt war.
Zu ihm trugen wir die Beute. Nun ergab es sich aber, dass der Jude nicht im Haus
war. Nur seine Frau trafen wir an, die ganz gierig wurde, als sie die Schätze
sah. Mit ihr konnten wir einen sehr günstigen Handel abschließen, der sich
allerdings bald als großes Verlustgeschäft erweisen sollte. Auf dem Rückweg
nach Leipzig wendeten wir viel Mühe darauf, uns vor Nachstellungen und dem
Zugriff der Justiz zu schützen. So verabschiedeten wir den Postillion noch vor
dem Stadttor, trugen unser Gepäck selbst in die Stadt hinein. Dann ließen wir
es durch immer andere Leute in verschiedene Häuser transportieren, um schließlich
im ‚Schwarzen Kreuz’ am Brühl Quartier zu nehmen.“
Und
doch hat man euch gefunden und gefangen genommen?
„Da
hatte der Teufel seine Hand im Spiel! Als der Jude nach Hause kam und ihm die
Frau von dem Geschäft erzählte, merkte er, dass wir sie gewaltig übervorteilt
hatten. Wutentbrannt kam er, zusammen mit seinem Sohn, nach Leipzig geeilt. Es
gelang ihnen tatsächlich uns im „Schwarzen Kreuz“ aufzuspüren.
Herbeigerufene Gerichtsdiener nahmen uns fest und brachten uns ins
Rathausverlies. Es war ein großer Fehler, dass wir uns damals widerstandslos
ergaben, hätten wir sie doch ohne große Mühe erledigen können.“
Konnte
man euch denn beweisen, dass ihr die Sachen gestohlen hattet?
„Zum
Glück nicht! Wir behaupteten stur und steif, dass wir die Koffer mit dem
Diebesgut zwei Gaunern abgenommen hätten, die uns verdächtig vorkamen. Die
seien geflohen, als wir sie stellten und hätten die Koffer zurück gelassen.“
Haben
sie euch das geglaubt?
„Nein!
Doch wir sind bei unserer Behauptung geblieben - trotz der Folter!“
Ihr
wurdet gefoltert?
„Ja!
Diese Hunde! Erst haben sie mir fast die Finger zerquetscht, dann die Hände
hinter dem Rücken zusammengebunden und mich an einem Seil bis zur Decke
hochgezogen, da hängen lassen. Ich war fast wahnsinnig vor Schmerzen, doch ich
wusste, wenn ich gestehe, übergeben sie mich dem Henker. Auch N.N. hat diese
Tortur überstanden, ohne etwas zu gestehen. So mussten sie die Folter
abbrechen.“
Sie
mussten die Folter abbrechen? Wieso?
„Das
Gesetz ließ damals nur die 1. Stufe der Folter zu, solange es keine Augenzeugen
oder wenigstens das Geständnis eines der Angeklagten gab.“
Ihr
seid also frei gekommen?
Wären
wir, wenn nicht höheren Ortes Einspruch erhoben worden wäre. Daraufhin
schleppten sie uns nach Dresden und sperrten uns in der Salomonisbastion der
Festung ein.

Ich
kenne die Stelle! Dort befindet sich heute das Rathaus.
„Das
Rathaus? Sagt mir nichts, gab es damals nicht. Wir mussten schwerste Arbeit
leisten. Nachts wurden wir an die Wand gekettet. Sie wollten uns zermürben.“
Aber
du bist doch bald entflohen!
„Ja!
Die Wächter glaubten, dass wir zu erschöpft wären, um einen Fluchtversuch zu
unternehmen. Doch da hatten sie sich geirrt. Im Winter 1703 zu 1704 gelang es
uns nachts über den Festungswall und den zugefrorenen Festungsgraben zu
fliehen.“
Toll!
Wohin seid ihr gegangen?
„Nach
Niederbobritsch, zu Samuel Richter. Bei dem fanden wir geheimen Unterschlupf.“
Und
euer Versteck im Tännichtgrund?
Warum bist du nicht dahin geflohen?
„Damals
war ich noch nicht Mitglied der „Schwarzen Garde“, die dort ihr Versteck
hatte. Aber auch später, als ich bereits deren Anführer war, zog es mich nicht
an diesen Ort. Der Aufenthalt war mir zu unbequem.“
Die
Diebeskammer! Gab es dort wirklich eine Höhle, in der eure Beute aufbewahrt
wurde? Eigentlich ist das gar nicht möglich, denn in dem Porphyrfelsen gibt es
keine Höhlen. Oder hattet ihr sie selbst in die Felsen getrieben?
„So
einen Unsinn erzählt man heute über uns? Es gab keine Höhle, nur ein an den
Fels gelehntes Blockhaus aus Baumstämmen zusammen gezimmert, eng und feucht.
Ich war nur selten dort.“
Man erzählt
sich auch lustige Geschichten über euch. Wie war das damals, als ihr nach dem
großen Brand in Wurzen in die Domkirche eingebrochen seid?
„Davon hast du
gehört? Ja, da haben wir es den Wachpersonal gegeben. Beim Aufbrechen der Tür
zur Sakristei ließ sich Lärm nicht ganz vermeiden. Den hatten auch die Domwächter
gehört und kamen neugierig herbei. Wir hatten aber die Tür hinter uns wieder
verschlossen, so glaubten sie, es wäre alles in Ordnung und setzten sich unter
einem nahebei stehenden Baume nieder. Das war aber gerade gegenüber dem
Fenster, durch das ich den Dom mit der Beute verlassen wollte. Zum Glück
bemerkten sie nicht, dass ich bereits auf dem Fenstersims saß. Doch was nun
tun? Wenn ihr glauben solltet, dass
meine Gefolgsleute dumm waren, so wirst du gleich eines besseren belehrt.
Zimmermann hatte ich zum Schmiere stehen abkommandiert. Der sah nun mein
Dilemma. Torkelnd und rülpsend, einen Betrunkenen markierend, ging er auf die Wächter
zu, hockte sich in deren Nähe nieder und verrichtete dort seine Notdurft. Die Wächter
murrten, verzogen sich aber vor dem Gestank, den Zimmermann verbreitete. Ich
entkam mit der Beute. In sicherer Entfernung haben wir uns gegenseitig auf die
Schulter gehauen, getanzt und gegrölt bis uns die Luft wegblieb.
Wieso seit ihr eigentlich in die kleine Kirche in Pretschendorf
eingebrochen?
Wir hatten einen Hinweis erhalten, dass sich
in dieser Kirche, in einer eisenbeschlagenen und gut verschlossenen Truhe
ein Schatz befände.
Und hat es sich gelohnt?
Haben euch die Pretschendorfer nicht vertrieben?
Unsinn! Sie haben uns
in der Sonntagnacht gar nicht bemerkt. Die alte Kirche stand, etwas entfernt vom
Dorf, inmitten des Friedhofes. Gegen die „Schwarze Garde“, wie wir
inzwischen genannt wurden, hätten die Bauern ja auch gar keine Chance gehabt.
Also war alles umsonst?
Nein. Die meisten meiner Gefolgsleute arbeiteten doch am Tag in ganz
ehrbaren Berufen. Ich hingegen zog es vor, nachdem ich einigen Reichtum erworben
hatte, in den Städten zu wohnen, wo ich als ehrbarer Bürger geachtet war. Auch
in Dresden hatte eich eine Wohnung, in der ich mit meiner Geliebten Marianne
lebte. Das gab mir die Gelegenheit auszuspähen, wo etwas zu holen war. Meinen
Aufenthalt in Dresden kannten nur Sarberg, Hentschel, Schöneck, Lehmann
Schickel und Eckhold. Nur diese Hauptleute durften mich besuchen, wenn es galt,
neue Unternehmen zu besprechen.
Wo seid ihr noch eingebrochen?
Ich entsinne mich nicht mehr an alles, nur an die Kirchen in Grottau,
Meißen, Kosewitz, Kaditz, Strehle, Belgern, Altenburg und Zittau. In die sind
wir eingebrochen. Auch reiche Privatleute suchten wir heim, so den Pächter des
Breittenbachischen Rittergutes. Manchmal mussten wir allerdings auch ohne Beute
abziehen. So bei einer Frau an der Mauer in Jena, beim Gemeinderat und einer
Kirche in Halberstadt, dem Schloss in Weißenfels, dem Pfarrer zu Glashütte und
noch bei einigen anderen.
Hat sich denn das alles gelohnt?
Wir haben zwar ein gefährliches Leben geführt, das uns auch die
Qualen und Nöte in den Gefängnissen beschert, und schließlich nach unserer
Verhaftung im Jahr 1710 zu
Verurteilung zum Todgeführt hat, aber wir lebten auch eine Zeit lang
in Wohlstand.
Wie seit ihr vorgegangen, wenn ihr in ein Privathaus eingedrungen
seit?
Meist konnten wir uns durch ein Fenster, das wir zerschlugen,
Zutritt verschaffen. Erst durchsuchten wir die unteren Räume und brachen danach
mit Gewalt die Türen zu den oberen Räumen auf. Rücksicht kannten wir nicht,
haben die Leute gebunden und geprügelt, bis sie uns verrieten, wo sie ihr Geld
verborgen hatten. Aber erschlagen
haben wir niemanden.
Was habt ihr eigentlich gestohlen?
Vor allem hatten wir es auf Bargeld abgesehen, doch wir haben auch
alles andere was uns als wertvoll erschien mitgehen lassen. In den Kirchen
silberne Pokale und Becher, Messtücher. In den Privathäusern Stoffe, Waffen
und vieles mehr Insgesamt sollen wir Sachen
für mehr als 20.000 Gulden gestohlen haben, wurde mir in den Verhören
vorgeworfen.
Wieso
hast du das alles zugegeben. Ohne dein Geständnis, oder einen Zeugen mussten
sie dich entlassen, wie anfangs in Freiberg. War das nicht mehr so?
„Diese
Hunde! Sie hatten sich eine bestialische Tortur ausgedacht. Sie banden mir die Hände
auf den Rücken und fesselten mich mit eisernen Ketten am Hals, den Händen und
Füßen. Es war furchtbar. Ich lag im Unrat, im eigenen Kot. Unter den
Eisenfesseln hatte sich das Fleisch entzündet, es eiterte. Die Schmerzen wurden
schließlich unerträglich.“
Eine
solche Folter war doch gar nicht zulässig!
„Es
war hinterlistig und bestialisch ausgedacht. Diese Art der Folter war noch nie
angewendet worden, war in den Gesetzten nicht erfasst und erforderte deshalb
auch keinen Gerichtsbeschluss. Nach sechsundzwanzig Tagen war ich fast
wahnsinnig, dem Tod nahe. Ich sah keinen anderen Ausweg mehr, als alles
zuzugeben.“
Was
geschah danach?
„Sie
haben alle festgenommen, die ich genannt hatte – als ich es erfuhr, habe ich
mich verflucht. Doch es war zu spät. Das Schöppengericht verurteilte mich und
die Hauptleute zum Tod durch das Rad. Vom Landesfürsten wurde es in eine
Enthauptung umgewandelt. Ein kurzer und schmerzloser Tod.“
Hast
du die Taten eigentlich bereut?
„Ja!
Doch es war zu spät. Ich habe als Zeichen der Reue 4 Exemplare über die
Evangelia und Epistel gekauft und verschenkt. Meinen Kameraden gab ich 5 weiße
Mützen.“
Wo
fand die Hinrichtung statt:
„Am
8. März 1715 gegen 9 Uhr auf dem Platz des Hofgerichtes am Schwarzen Tor. Mit
mir starben Der Waldbauer Samuel Schickel, der Studentenfriedrich und der Böttcher
Christian Echold. Es war eine große Schau – über 20.000 Menschen kamen um
die Hinrichtung zu verfolgen. Alles ging sehr rasch. Auf dem Schinderkarren
brachte man uns zum Richtplatz. Ich legte die Beichte ab, erhielt die Absolution
und sprach zu dem Volk, das ich zu einem tugentlichen Wandel ermahnte. Dann
zwang man mich den Kopf vorzustrecken...“
Kaum
sind diese letzten Worte in mir verklungen, verschwindet der Kopf, der Nebel
verfliegt – ich erwache. Noch
ganz benommen richte ich mich auf, blicke mich um. Alles ist ruhig, die Sonne
scheint, die Vögel zwitschern. Das schreckliche Bild ist verschwunden. Und
doch, sobald ich die Augen wieder schließe, mich erinnere, erscheint das Bild
von dem Kopf, höre ich diese
Stimme in mir. Also doch nicht nur ein Traum. Hastig packe ich meine Sachen
zusammen und begebe mich auf den Weg nach Hause. Noch heute sinne ich darüber
nach, wie das geschehen konnte. Hatte meine Phantasie mir das Erlebnis
vorgegaukelt, oder ist doch etwas von dem geschehen, was mir immer noch im Kopf
schwirrt. Wie dem auch sei, nun habe ich aufgeschrieben, was mir Lips Tullian
erzählt hat und vielleicht findet er dadurch doch noch seine Ruhe...
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Vielleicht
möchtest du wissen, auf welchem Weg man zu diesem wunderschönen Grund gelangt?
OK!
Dann werde ich dich führen. Am günstigsten reist du mit dem PKW, oder mit Bahn
und Fahrrad an. Aber auch der Wanderer, der wie der Radler am Bahnhof
Klingenberg aussteigen sollte, erreicht auf Schusters Rappen bald den Tännichtgrund.
Ich empfehle über die in Richtung Tharandt liegende Straßenbrücke, zur nördlich
der Bahnstrecke verlaufenden Salzstraße wechseln, dieser bis zum Hinweisschild
„Lips Tullian Felsen“ zu folgen und von da aus den
Tännichtgrund zu erschließen.
Als
Auto-Tourist hast du zwei Möglichkeiten: Auf der L194 von Dresden über Freital,
Tharandt und Grillenburg nach Naundorf kommend, biegst du dort etwa 100m nach
dem Ortseingangsschild und dem rechts liegenden Sportplatz scharf nach links ab
und folgst der Straße bis zum alten Bahnhof. Kommst du über die B173 aus
Richtung Freiberg oder Dresden, wechselst du in Naundorf, gegenüber dem alten
Gasthof, auf die L194 in Richtung
Grillenburg. Dort, wo die Straße scharf nach links biegt, fährst du gerade
aus, so kommst du ebenfalls zum
alten Bahnhof.
Dort
angekommen folgst du dem Bahndamm, oder dem parallel zu ihm führenden Weg, und
gelangst nach etwa einundeinhalb Kilometern zum westlichen Eingang des
Grundes. Unterwegs siehst du unten im Tal das Naundorfer Freibad liegen.
Um
vom Osten her zum Tännichtgrund zu gelangen, benutzt du am besten die am
Ortsausgang von Grillenburg links nach Neu-Klingenberg abzweigende L189 und verlässt
diese nach den Plattenbauten rechts, in Richtung Colmnitz. Der L190 folgst du
ohne abzubiegen bis nach Colmnitz. Etwa 200m nach der Überquerung der
Bahnstrecke Dresden – Freiberg erreichst du das alte Gleisbett der Kleinbahn.
Rechts liegt der alte Bahnhof. Dort parkst du dein Auto, oder du fährst
bis zu dem zum Weidehof gehörenden Parkplatz unmittelbar neben dem Bahndamm.
Der aus der LPG hervor gegangene „Weidehof“, mit Kräutergarten, Grill- und
Spielplatz, links unten im Tal, lädt zu einer Rast ein. Bis zum östlichen
Eingang des Tännichtgrundes folgst du dem alten Gleisbett und erreichst nach
etwa 500 m den Hangwald.
Folgt
man der alten Bahnanlage von einem Ende des Grundes zum anderen, zurück muss
man ja auch wieder, so hat man gut seine 13 km zurückgelegt. Leider findet der
müde Wanderer unterwegs keine Raststätte. Er sollte also einen gut gepackten
Rucksack mit sich führen.
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Quellen:
Uwe
Danker: Räuberbanden im Alten Reich um 1700. Ein Beitrag zur Geschichte von
Herrschaft und Kriminalität in der frühen Neuzeit. Suhrkamp, Frankfurt am
Main 1986 ISBN 3-518-28307-3
Heiner
Boehnecke, Hans Sarkowicz (Hrsg.): Sachsens böse Kerle. Räuber, Schmuggler,
Wilderer. Eichborn, Frankfurt am Main 1993 ISBN 3-8218-1174-9
Roscher
Samuel: Des sogenannten Lips Tullians ausführliche Bekänntniß sowohl
seiner, als auch aller bösen Consorten Diebes- und Mord-Geschichte,
Leipzig, Verlag König, Ausgabe 1715
Frei
Ernst: Lips Tullian und seine Raubgenossen, Neusalza, Verlag Oeser,
Ausgabe 1854
???
: Des bekannten Diebes, Mörders unbd Räubers Lips Tullians und seiner
Complicen Leben und Uebeltaten, Dresden,
1716