Eine halbe Stunde Hofnnung
Fellmuthow
2000
In
einer Imbissstube sitzt sie mir gegenüber - am Nachbartisch. Eine Frau, deren
kantiges, zerfurchtes Gesicht auf ein nicht einfaches Leben hindeutet. Weißgraues,
wirres, schon gelichtetes Haar umgibt ihr Haupt wie ein Strahlenkranz. Spitz
spießt ihre Nase zwischen den Gläsern der Brille hervor, läuft auf ihrer
Stirn in zwei tief eingegrabene Furchen aus. Kurzsichtig, die Hornbrille auf der
Nasenspitze balancierend, neigt sie sich tief über einen Stapel bunter Blätter.
Erst mit ihrem Zeigefinger darauf tippend, sie dann vor sich hin murmelnd,
vergleicht sie, ganz in ihr Tun versunken, Bingozahlen mit der Glückszahl, die
in der neben ihr liegenden Zeitung stehen muss.
Von
ihr geht eine wunderbare Faszination aus, die mich zum Hinschauen zwingt.
Vielleicht ist es unabwendbare Armut, die sie dazu gebracht hat, alles Hoffen
auf diese, wenn auch nur winzige Chance zu setzen. Wenigstens deutet ihre
Kleidung und der kleine Teller Eintopf, den sie sich zu Mittag geleistet hat,
darauf hin.
In
immer gleich bleibendem Rhythmus gleitet ihr Finger von Zahl zu Zahl, verharrt
einen Augenblick, rückt dann zur nächsten, unermüdlich, ohne Pause. Sie muss
gespürt haben dass ich sie beobachte, blickt auf, schaut zu mir herüber.
Hinter der Hornbrille glimmen dunkelbraune Lichter. Ihr schmaler Mund ist
verkniffen, verrät Missmut wegen der Störung, Abwehr. Nur einen Moment dauert
das Fixieren, dann verlischt das Glimmen ihrer Augen. Sie wendet sich erneut
ihren Zahlen zu.
Wieder
erst mit dem Finger darauf tippend, sie dann leise vor sich hin murmelnd, hofft
sie wohl irgendwann einmal diejenige zu entdecken die ihr den ersehnten Gewinn
verspricht. Eine halbe Stunde lang gibt sie sich andachtsvoll dieser, ihr noch
verbliebenen Hoffnung hin.
Ich wünsche ihr
von ganzem Herzen Glück, hoffe darauf, dass sie aufjubelt, warte geradezu
darauf - vergebens! Die letzte Zahl ist verglichen, das letzte Blatt beiseite
gelegt. Auch diesmal, wie sicher schon oft, ist die kurze Zeit des Hoffens vorüber;
ohne ihr das ersehnte Glück gebracht zu haben.
Sie hebt den
Blick. Ihr Gesicht scheint noch kantiger geworden zu sein. Sie presst die
Lippen, lässt ihre Schultern hängen. Doch die Enttäuschung währt nur kurze
Zeit, dann rafft sie sich auf. Sie lächelt, verstaut die Hoffnungsblätter in
ihrer Tasche, und geht.
Sinnend blicke
ich ihr nach. Wird sie verzagen?. Nein, so sieht sie nicht aus. Warum auch?
Braucht sie doch nur kurze Zeit zu warten, bis die nächste Ziehung ihr die nächste
halbe Stunde Hoffnung schenkt.