Menschen
Fellmuthow
2000
Auf
dem Weg aus der „Dresdner Altstadt“ hinüber zur anderen, ruhigeren
Elbseite, verweile ich am Standbild des tanzenden Hofnarren Fröhlich, der 1725,
aus der Steiermark stammend, an den Dresdner Hof gekommen war. Seinem Gesicht
hat der Künstler etwas Spitzbübiges gegeben; doch die Augen, so scheint es
mir, blicken starr und kalt in die Ferne...
Spielkarten
und Münzen in seinen Händen symbolisieren den Taschenspieler, der das Glück
herausfordert, mal gewinnt, mal verliert. Fröhlich hat gewonnen, aber er musste
auch vieles erdulden. Ich betrachte die Figur näher...
Der
Kammerherrenschlüssel soll wohl von der Vertrautheit zum König künden. Und
das pressende Wildschwein? Es steht wahrscheinlich für die Wildsau, die Fröhlich
während einer Hubertusjagd mutig gestochen hatte und die ihm den Spitznamen
„Graf Saumagen“ eintrug. Aber warum entleert es sich hinter seinem Rücken?
Da ist der Affe mit dem Würfelspiel - ein altes Symbol. Für die Zahlen finde
ich keine Erklärung. Fünf, zwei und eins addieren sich zu acht Augen. Kein
Pasch, überhaupt kein toller Wurf.
Das
Narrenzepter liegt am Boden. Es könnte ihm entglitten sein, als er seine Frau,
nach einer unbedachten Maulschelle, händeringend um Vergebung bat. So stellt es
eine alte Radierung dar. Oder hat er es gar weggeworfen, verachtet sein
Narrentum?
Die
Eule darauf? Sie steht für Wahrheit - war sein Wappenzeichen. Narrentum und
Klugheit gehören zusammen. Und klug war er, der Narr des Königs. Da ist noch
der Schleier, der ihn umweht, auch die Sau bedeckt. Ein Hinweis auf die Vergänglichkeit
allen Lebens. Fünfzehn Meter lang soll er gewesen sein, als Fröhlich mit ihm,
im Gedenken an den verstorbenen preußischen Hofnarren Grundig, durch die
Dresdner Altstadt zog. Bleibt noch die winzige Maus auf dem runden Käse. Sie
erinnert an seinen Kompagnon und Mäusefreund Schmiedel. Kändler hat die Beiden
in Porzellan verewigt. Zwei Mohrrüben liegen da. Warum? Kein Hase ist zu
sehen...
Leider
hat der Künstler auf wichtige Symbole verzichtet. Schade! Sie gehören doch
auch zu der Figur des Narren, die
Zeichen willkürlicher Strafen seines Herrn. Der nagelbespickte Balken auf dem
er reiten musste. Oder ein Büschel Barthaare, die ihm einzeln ausgerissen
wurden, auch die Eier, mit denen ihn die Höflinge zum Spaß bewarfen. Man müsste
den Künstler fragen. Nein, er wird uns die Interpretation überlassen. Was war
eigentlich dieser Narr, damals? Nur ein Unterhalter der gelangweilten
Potentaten? Ihr Spielzeug? Er war mehr! Auch Berater. Manchmal sogar
vorsichtiger, aber immerhin - Kritiker des allmächtigen Königs. Ein mutiger
und kluger Mann jedenfalls, und willensstark.
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Da
erwacht ganz nahebei ein Akkordeon - stört mich in meinen Sinnen, lenkt mich
ab. Eine Melodie erklingt. Erst leise, schwillt an, macht mich neugierig. Woher?
Zwei drei Schritte zur Seite und ich sehe ihn, den Bärtigen. Am zugig-kalten,
graffitibeschmierten Tunneleingang sitz er auf seinem Koffer, eingehüllt in
seinen verschlissenen Mantel. Mit behandschuhten, aber, da fingerfrei, bestimmt
klammen Händen entlockt er dem Instrument eine unbekannte Melodie; die
aufsteigt, in der Luft wirbelt, sich an den Wänden stößt, sich schließlich
in der Tiefe des Tunnels verliert. Warum spielt er hier, an diesem nasskalten
unfreundlichen Novembertag? Diese Frage schreckt mich auf aus meiner
Beschaulichkeit, zwingt mich nachzudenken, genauer hinzusehen. Sie wird mich
schon bald vor die Entscheidung stellen, entweder etwas von meinem Geld - eine Münze
vielleicht - in seine vor ihm im Straßenstaub wartende Mütze zu werfen, oder
mich so wie andere zu verhalten, die den anonymen Musiker, von seiner
Anwesenheit unangenehm berührt - ihn blinden Auges ignorierend - das erbetene
Almosen verweigern.
Warum,
noch ist diese Frage unbeantwortet, mag er hier spielen, in der Ungemütlichkeit
des Tunneleinganges? Was kann Menschen dazu
bringen, sich ständig der kalten Gleichgültigkeit herzloser Ignoranten
auszusetzen? Vielleicht ein Obdachloser, dem Alkohol noch nicht erlegen? Oder
einer, dem von der Wohlstandsgesellschaft nur noch die Sozialhilfe blieb? Ein
Zugereister, der sich in dem einst erstrebten, nun, da er hier ist, fremden
mitleidslosen Land damit durchschlagen muss?
Ich
habe Achtung vor ihnen allen, denn es gehört Mut dazu, Willenstärke, nicht
aufzugeben. So sind sie sich in gewisser Weise ähnlich, die Beiden: Der Narr
des Königs und der Anonyme Musiker als Narr derer, denen es besser geht.
Ein
kurzes Aufblicken, ein paar unverständlich gemurmelte Worte sind Reaktionen auf
das Klimpern des Geldstückes, als ich es zu den wenigen anderen in die Mütze
fallen lasse. Mich drängt es zu erfahren, weshalb er hier sitzt und spielt. Was
ist das für ein Mensch? Und ich möchte sehen, wie sich die anderen verhalten -
was übrig blieb von der Solidarität vergangener Jahre. Wie groß die
Hilfsbereitschaft noch ist, für die an den Rand der Gesellschaft gedrängten.
Auch ohne Öffentlichkeit und Steuern sparende Spendenquittung.
Ich
werde ihn fragen müssen, wenn ich es wirklich wissen will - frage ihn ob er
deutsch spricht. Er erschrickt, unterbricht sein Spiel, erhebt sich, blickt mich
misstrauisch an. „Ukraine“, ist alles was er sagt. Also ein Zugereister!
Leider spreche ich kein Russisch und er spricht kein Deutsch, so bleibt alles
andere unverstanden.
Seitwärts
von ihm stehe ich, warte, beobachte...
Als
erster kommt ein junger Mann, mit flatternden schwarzen Langbeinhosen, bis zu
den Hüften reichenden grünen Strickpullover, bunt behelmt, Knie und Ellenbogen
gepanzert, auf schnellen Rollen die Schräge herunter getobt. Den Blick verengt
- blind für rechts und links - ist er allein an der für ihn wichtigen freien
Fahrspur interessiert. Von dem ist nichts zu erwarten, der nimmt den Musiker
nicht einmal wahr. Vorbei!
Absätze
klackern. Zwei Frauen nähern sich dem Musiker. Die Reifere könnte Geschäftsfrau
sein, Frisur und Kleidung durch ihre soziale Stellung bestimmt. Mit dem bunten
Schal, der sich keck aus dem modisch wollenen Mantel herausgewagt hat, spielt
der Wind. Ihr Gesicht zieht meinen Blick an. Gepflegt! Die Augen stark betont,
von goldgefassten Brillengläsern unterstützt. Nicht übel aufbereitet das
Ganze, doch wirkt sie durch die sich markant nach unten ziehenden Mundwinkel
arrogant, kalt und abweisend. Ob die etwas gibt? Kaum. Die ist bestimmt keines
Gefühls für den Musiker fähig.
Die
Jüngere, ihre Tochter vielleicht, trägt ganz andere Attribute. Haare rot gefärbt,
mit bunten Strähnchen. Dünne Zöpfe zu beiden Seiten des schmalen Gesichts,
die Stirn vom Pony verdeckt, Ohren und Nase golddurchbohrt. Den blauen Anorak lässig
offen, seine Ärmellänge so bemessen, dass Handschuhe überflüssig sind.
Jeanshosen, Plateauschuhe, das Handy am Ohr, kommt sie tänzelnd daher. Nein!
Auch die wird bestimmt nichts für den Musiker übrig haben, denke ich mir und
wende meine Aufmerksamkeit einer älteren Dame zu, die schwer auf ihren
Stock gestützt, langsamen Schrittes aus der Tiefe des Tunnels auftaucht.
Ich
habe mich geirrt - gründlich! Die junge Frau geht zu dem Bärtigen, beugt sich
ein wenig zu ihm hinunter und legt mit freundlichen „bitte“ einen Schein in
die Mütze, in der sich erst wenige Münzen langweilen. Die Ältere verhält
unwillig ihren Schritt, zerrt die Mundwinkel noch weiter nach unten, ist ganz
Verachtung - ihr Gesicht nur noch höhnische Fratze.
Diesmal
deutet der Musiker eine Verbeugung an, nicht unterwürfig, eher respektvoll,
unterbricht sein Spiel, nimmt den Schein aus der Mütze, stellt die unerwartete
Gabe sicher.
Falsch
eingeschätzt! Ich bitte die junge Frau in Gedanken um Verzeihung. Was mag sie
zu der Gabe veranlasst haben? Mitleid, schlechtes Gewissen, oder das Gefühl,
selbst
Verantwortung
dafür zu tragen, dass heute in dem Land, in dem Reichtum allgegenwärtig ist,
Menschen in bitterer Armut leben müssen. Ich könnte sie fragen, doch das lasse
ich bleiben, will mir das positive Bild von ihr bewahren. Wenn es sie noch gibt,
diese Menschen mit Herz, auch unter den Jüngeren, dann gibt es auch Hoffnung,
sage ich mir und bin der jungen Frau für diese Erfahrung dankbar.
Ich
wende mich wieder der älteren Dame zu. Sie verweilt vor dem Bärtigen, stützt
sich auf ihren Stock, lauscht seiner Musik, nickt, wippe im Rhythmus der Melodie
ein wenig mit dem rechten Fuß - geht weiter, ohne die Zahl der Münzen in der Mütze
zu mehren. Von ihr hätte ich schon erwartet, dass sie ein kleines Opfer bringt.
Die weniger Begüterten sind es doch, die noch Mitleid kennen, weil sie selbst
darauf angewiesen sind.
Ich
betrachte sie genauer... Der lange, abgetragene Mantel die Strickkappe, die
hohen Schnürschuhe mit den schiefen Absätzen, all das lässt vermuten, dass
sie selbst nicht viel besitzt - dann sei ihr verziehen.
Lärm
hallt aus der Tunneltiefe. Eine Gruppe junger Leute nähert sich wie selbstverständlich
die ganze Breite des Weges für sich beanspruchend. Jungs, durchweg aus
rundsohligen, schweißtreibenden hellen Sportschuhen aufragend, die Haare kurz
geschoren, schubsend, laut diskutierend. Mädchen, stelzend, hin und wieder
aufkreischend. Ein unbeschwerter Haufen. Viel Geld haben die bestimmt nicht,
brauchen es selbst für Zigaretten und die Disko. Auch von denen ist nichts zu
erwarten. Werden sie ihn wenigstens akzeptieren, ungeschoren lassen, wenn er
denen links außen im Wege ist?
Die
breite Front näher sich dem Hindernis, wird auf der linken Seite komprimiert, hängt
dort zurück, drängelt fluchend und schubsend vorbei, entspannt sich danach
wieder, zieht unbekümmert schwadronierend weiter. Ich glaube die haben den
Musiker nur als unbequemes Hindernis wahrgenommen, keinen Gedanken an ihn
verschwendet. Immerhin, sie haben ihn ungeschoren gelassen. Kann man von ihnen
mehr erwarten?
So
stehe ich lange Zeit, beobachte die Gehetzten, die von der Zeit getrieben an dem
Musiker vorüber hasten. Nur selten wirft einer von ihnen eine Münze in die
wartende Mütze. Viel kommt dabei nicht zusammen. Vielleicht reicht das Wenige
um zu überleben.
Dass
es ihm hier besser geht als in seiner Heimat bezweifle ich. Es ist doch tragisch
in die Fremde zu entfliehen und dann da irgendwo stehen und betteln zu müssen.