Wir schaffen es...

Fellmuthow

 1999 - 2002

1. Kapitel

»Nur Routine!«, beruhigt Rita ihren Ehemann Horst, der besorgt aufblickt, als sie sich eines Morgens telefonisch bei ihrer Frauenärztin zur Konsultation anmeldet.

»Nur Routine? Wirklich?«, fragt der besorgt, erhält keine Antwort, gibt sich damit schließlich zufrieden.

Rita hat schon einen besonderen Grund. Doch, da sie sich dessen noch nicht ganz sicher ist, schweigt sie. Ein paar Tage später jedoch überrascht sie ihn mit der Frage: »Merkst du was?«

»Was soll ich merken?« Verwundert schüttelt Horst seinen Kopf und blickt sie fragend an.

Rita lächelt geheimnisvoll, steht auf und dreht sich mit zur Decke gestreckten Armen langsam um die eigene Achse, so dass er sie von allen Seiten betrachten kann. Als sie seinen immer noch fragenden Blick sieht, hilft sie ihm. »Na ja. Es ist ja auch noch ein bisschen früh. Aber in drei - vier Monaten, dann ist es nicht mehr zu übersehen.«

Jetzt begreift Horst. Er kommt gar nicht so schnell wie er gern möchte aus seinem bequemen Sessel hoch. »Also hattest du doch einen Grund zur Frauenärztin zu gehen? Nun sag schon. Bekommen wir ein Kind? Ist es wirklich wahr?« Er umfasst Rita, schwenkt sie durch die Stube, dass ihre langen blonden Haare aufwirbeln, drückt und küsst sie; hält sie dann, mit ausgestreckten Armen, ein Stück von sich weg. »Ja, jetzt sehe ich es auch!«, flunkert er. »Du, das wird bestimmt ein Junge«, behauptet er spontan und läuft aus dem Zimmer.

Die hört ihn in der Küche rumoren. An dem saugend-schmatzenden Geräusch erkennt sie, dass die Kühlschranktür geöffnet wird. Dann verrät ihr ein zischendes Blubb, dass er die Sektflasche geöffnet hat, die dort immer für besondere Anlässe bereit liegt.

Tatsächlich kommt er mit zwei randvoll gefüllten Gläsern zurück, reicht Rita eines davon. »Stoßen wir darauf an! Ich habe es mir schon so lange gewünscht«, gesteht er. Seine Augen strahlen und die Gläser fallen mit ihrem hellen Klang in seinen Jubel ein. Nachdem sie von dem perlenden Sekt gekostet haben, zieht er Rita neben sich auf die Couch, nimmt sie in seine Arme. »Jetzt hör mir mal zu!«, beginnt er.

Rita ist gespannt und kuschelt sich an ihn.

»Unser Kind soll doch nicht in einer so kleinen Wohnung aufwachsen. Die ist viel zu eng. Es braucht Platz, braucht ein eignes Zimmer, einen Garten.«, schwärmt er.

Rita blickt ihn fragend an, lächelt verstehend, nickt zustimmend.

»Gut! Das siehst du also auch so.«, freut sich Horst. Meinst du nicht auch dass es jetzt, wo wir doch bald eine richtige Familie sein werden, an der Zeit ist uns ein eigenes Heim zu schaffen?«

»Du willst - wir wollen bauen? Ein eignes Haus? Du bist verrückt!«, ist ihre erste Reaktion.

»Jawohl, wir werden bauen! Wir bauen ein Häuschen, das habe ich mir schon lange vorgenommen. Nur die Zeit, die war bisher noch nicht reif dafür. Jetzt ist es so weit!« Er blickt Rita triumphierend an.            

Die hat aufmerksam zugehört, erfasst die Inbrunst seiner Worte.

»Es wäre schon schön. Ein eigenes Haus - ein kleiner Garten. Es wäre unser Paradies«, schwärmt sie. »Aber, können wir uns das auch leisten? Müssen wir uns da nicht zu sehr verschulden?« Ihr Gesicht spiegelt Besorgnis wieder.

Horst versucht ihre Bedenken zu zerstreuen. »In den letzten Jahren haben wir eine schöne Summe zurückgelegt. Die reicht für unseren Eigenanteil. Und, der Bausparvertrag ist doch auch bald reif. Und, es gibt Fördermittel vom Land! Wir werden aber alles erst noch einmal mit den Spezialisten von der Bank beraten. Es muss einfach gehen!«, bekundet er seinen festen Willen. »Auch, wenn wir uns eine Zeitlang etwas einschränken müssen.«

Die „Leute vom Fach“, mit denen sie über ihren Plan sprechen, die sagen natürlich: »Es geht!« 

‚Ein Ausbauhaus, ohne Keller, ohne Terrasse, wäre zu schaffen.’, rechnen sie vor. Schließlich müsste ja auch die Miete für eine größere Wohnung bezahlt werden. »Die jetzige wird, wenn Nachwuchs kommt, doch sicher zu klein«, argumentieren sie geschickt.  »Und, eines Tages sind die Kredite getilgt, dann fallen auch diese Ausgaben weg. Es ist auch eine Vorsorge fürs Alter!«

Das leuchtet ihnen ein. Nur zu gern glauben sie ihren Worten.

Auch Rita ist jetzt davon überzeugt, dass der Weg zu einem eigenen Haus zwar schwierig und voller Mühsal sein wird, sie es aber schaffen können. Nun hält die beiden nichts mehr davon ab. Was sie damit wirklich auf sich nehmen, welche Krisen sie werden bestehen müssen, das können und wollen sie jetzt gar nicht wissen.

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Mit laut schepperndem Knall schlägt Horst die Tür der Fahrerkabine des Kippers hinter sich zu. Bei schlechtem Wetter verbringt er dort, zusammen mit seinen beiden Kollegen Werner und Rolf, die Mittagspause. Draußen ist es unangenehm, nasskalt und stürmisch. Schneeregen peitscht gegen die Scheiben. Aprilwetter! Er lässt den Motor laufen.

Sie reden über die Fußballergebnisse vom Wochenende und das Fernsehprogramm der letzten Tage. Schließlich erzählt er begeistert von ihren Entschluss, sich ein Häuschen zu bauen. Überrascht und enttäuscht bemerkt er, dass die beiden seinen Enthusiasmus nicht teilen, Vorbehalte haben.

‚Dass die das nicht begreifen, das verstehe ich nicht’, wundert er sich. ‚Die Vorteile, die liegen doch ganz klar auf der Hand.’ »Gestern habe ich die Finanzierung total günstig geklärt. Super Konditionen, sage ich euch«, bringt er als wichtiges Argument in die Debatte ein.

»Und wie wollt ihr den Bau finanzieren?«, fragt Werner interessiert. Auch er hatte sich vor einiger Zeit mit diesem Thema befasst. Doch bald musste er erkennen, dass sich so ein Bau finanziell nur für den lohnt, der in der Lage ist, die Bausumme zum einem großen Teil durch Eigen- und Fördermittel zu finanzieren. Der nicht so sehr auf Kredite angewiesen ist. »Da ist viel Eigenkapital erforderlich, wenn du nicht die Banken reich machen willst«, gibt er deshalb zu bedenken. »Heute sind die Zinsen zwar niedrig, gut und schön. Weißt du, wie hoch die in zehn Jahren sein werden?« Er zieht seine Stirn in Falten, schüttelt besorgt den Kopf ‚Sehr viel Geld haben sie doch bestimmt nicht’, überlegt er. ‚Zinsen und Tilgung werden da schnell zu einer hohen Belastung. Der Job im Baugewerbe ist unsicher. Wenn etwas schief läuft, ist die Katastrophe schon so gut wie vorprogrammiert. Na ja, jeder kann machen, was er für richtig hält. Für mich war das Risiko jedenfalls zu groß.’ Doch das behält er für sich. ‚Horst würde sowieso nicht auf mich hören’, vermutet er.

Prompt erhält er die Bestätigung: »Mensch Werner! Heute nimmt dazu doch jeder einen Kredit. Die Zinsen sind niedrig, da hast du völlig recht. Und die Banken, die sind ganz scharf drauf, Verträge abzuschließen.« Nein! Von Bedenken möchte Horst jetzt nichts hören. »Ich habe schon seit Jahren einen Bausparvertrag laufen. Die Zuteilung müsste bald erfolgen - haben die von der Bank gesagt. Fördermittel werden wir auch beantragen. Außerdem!« Er hebt bedeutungsvoll die rechte Hand und spießt seinen Zeigefinger belehrend in die Luft: »Es ist ein Ausbauhaus! Da können wir sehr viel selber machen, können jede Menge Geld sparen. Die von der Bank, die haben alles ausgerechnet, das könnt ihr glauben!«, ereifert er sich. Es ärgert ihn schon, als er bemerkt, dass seine Argumente die Skepsis der beiden nicht beseitigen.

Werner fragt weiter und strapaziert damit seine schon gereizten Nerven: »Habt ihr euch das auch reiflich überlegt? Um so etwas auf Dauer finanzieren zu können, müsst ihr beide immer gut verdienen. Da darf die nächsten dreißig Jahre nichts dazwischen kommen.« Sein Gesichtsausdruck spiegelt deutlich Bedenken wieder. »Nur dann könntet ihr so ein Unternehmen bewältigen.«, ergänzt er. »Meine Frau sitzt nun schon zwei Jahre zu Hause, arbeitslos. Lehrerinnen werden nicht mehr gebraucht. Die Leute schaffen sich Autos an, keine Kinder. Ihre Umschulung hat auch nichts gebracht. Nein! Mir ist das Risiko zu groß. Arbeitslosigkeit droht immer. Alles wird teurer. Die Löhne halten nicht mit. Millionen Familien in Deutschland sind schon überschuldet. Wie oft liest man, dass Häuser, gerade erst gebaut, zwangsversteigert werden.«

Rolf, der befürchtet, dass die zwei ernsthaft aneinander geraten könnten, bremst ihn. Mit: »Lass mal gut sein! Er wird schon wissen, was er macht.«, bläst er den Zunder von der Pfanne und blickt Werner warnend an.

»Wie viel wird euch das Haus denn jeden Monat kosten, wenn es fertig ist?«, fragt er, um abzulenken.

»Ganze tausenddreihundert Mark für Zinsen und Tilgung.«, gibt Horst bereitwillig Auskunft, ist froh darüber, dass ihr Gespräch eine Wendung nimmt. »Das müssten wir bestimmt auch für eine Wohnung mit hundertvierzig Quadratmetern zahlen; soviel haben wir nämlich in dem Haus. Und, wenn die Kredite abgezahlt sind, wohnen wir darin faktisch umsonst, haben so fürs Alter vorgesorgt«, erklärt er stolz seine Philosophie. Die hat ihnen Argumente geliefert, die sie brauchen, um vor sich selbst rechtfertigen zu können, dass sie dieses riskante Unternehmen überhaupt wagen.

»Das ist günstig«, bestätigt Rolf. »Wir haben vor nicht allzu langer Zeit eine moderne Wohnung bezogen und zahlen da auch fünfzehn Mark Miete für den Quadratmeter.«

»Würdest du denn eine Wohnung mit hundertvierzig Quadratmetern mieten?«, fragt ihn Werner. »Außerdem! Rate und Tilgung sind doch noch nicht alles. Du musst auch für Energie, Wasser, Müll und Heizung zahlen, musst Rücklagen für die Instandsetzung bilden.«

Jetzt wird es Horst zuviel. Er winkt ab. »Haben wir alles bedacht! Ist alles bedacht!« Damit wehrt er ihre Bedenken ab. Er möchte einfach keine weiteren Einwände hören.

‚Der lässt sich doch nicht belehren’, begreift Werner und gibt seine Bemühungen auf.

»Wann wollt ihr eigentlich mit dem Bau beginnen?«, fragt Rolf und lenkt damit der Diskussion erneut in eine andere Richtung.

»Und wenn wollt ihr einziehen?«, ergänzt Werner seine Frage.

»Das Grundstück kaufen wir in der nächsten Woche. Günstig, sage ich euch. Unser Chef übernimmt den Auftrag für den Bau - zu ganz fairen Konditionen. Einziehen wollen wir noch vor Weihnachten. Länger als sieben Monate darf der Bau nicht mehr dauern. Das lässt unser Baby nicht zu.«

»Wau! Ein Baby? Gratuliere!« Rolf haut ihm so kräftig auf die Schulter, dass Horst vor Schmerz sein Gesicht verzieht, schüttelt ihm die Hand, bevor er sie an Werner weiterreicht.

»Da müssen wir einen drauf trinken!«, fordert der ihn auf. Schnell sind sie sich einig, dass das ein triftiger Grund dafür ist.

Rolf wird nachdenklich. »Deine Frau kann dich dann aber nicht mehr sehr unterstützen.« ‚Allein schafft er das nie’, überlegt er. »Wenn du möchtest, bin ich gerne bereit hin und wieder beim Bau zu helfen«, bietet er deshalb an. »Ein paar Jahre habe ich als Elektriker gearbeitet und vom Fliesenlegen verstehe ich auch etwas.«

»Na klar«, pflichtet Werner ihm bei. »Auch mit mir kannst du rechnen«

Die Mittagspause geht zu Ende und damit auch die Diskussion um das Haus.

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Bis 1990 hatte Holzig im Bauhof einer Traktorenstation als Brigadier gearbeitet. Er wurde entlassen, kurz nachdem der Betrieb vertreuhandet war. Als der Bauboom im Osten begann, nutzte er die Gelegenheit; sich selbständig zu machen. Die Holzig-Bau GmbH, bei der Horst seit deren Gründung als Baumaschinist arbeitet, ist ein kleiner Betrieb mit zwanzig Beschäftigten. Frau Holzig sitzt im Büro, ist Sekretärin, führt die Bücher, löst die Bestellungen aus und versucht auch sonst, wo immer es ihr er möglich ist, ihrem Mann zu helfen. Einige Jahre ging alles gut. Aufträge kamen, Leute wurden eingestellt, sie machten mit ihrer Firma richtig Geld. Maschinen und Autos konnten sie anschaffen, sogar ein eigenes Haus bauen. Die neue Welt war für sie in Ordnung.

»Wir schaffen es! Wenn jemand, dann wir!«, war lange Zeit einer der optimistischen Sätze von Holzig, wenn er sich in der knappen Freizeit einmal mit seiner Frau über ihre Zukunft unterhielt.

In letzter Zeit jedoch ist er merklich stiller geworden, verschlossener, weniger optimistisch. Kunden verzögern die Bezahlung seiner Rechnungen, schieben als Begründung Mängel vor, halten die Zahlung sogar dann noch zurück, wenn die Mängel behoben sind. Die liquiden Mittel der Firma werden knapp und die Hausbank lehnt es ab, den Kredit zu erhöhen.

Auch in den Kommunen ist das Geld rarer geworden. Die Auftragsvergabe ist rückläufig. Neu ist vor allem, dass Ausschreibungen immer öfter von anderen ums Überleben kämpfenden Firmen gewonnen werden. Da helfen auch seine guten Beziehungen nicht mehr. Er ist gezwungen, mit Geld nachzuhelfen, um Erfolg zu haben. Heute blickt er sorgenvoll in die Zukunft.

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‚Ich muss mit Horst noch einmal über die Ausstattung reden’, nimmt Rita sich vor, als sie am Sonntagmorgen den Frühstückstisch deckt. Sie gibt sich große Mühe, schmückt den Tisch liebevoll mit einem Blumenstrauß, vergisst auch die Kerze nicht. Der Kuchen ist ihr gelungen, leise Musik klingt aus dem Radio, es duftet nach frisch gebrühtem Kaffee.

Gut gelaunt kommt Horst aus dem Bad und setzt sich erwartungsvoll an den Tisch. Rita schenkt Kaffee ein, legt auch ein Stück von dem Kuchen auf seinen Teller. Er nimmt einen Schluck vom Kaffe, kostet den Kuchen, lobt sie dafür.

‚Jetzt ist die Gelegenheit günstig’, schätzt sie ein. »Horst, ich denke, wir sollten für die Ausstattung nicht das Billigste nehmen. Das meinst du doch auch?«, beginnt sie diplomatisch. Der ahnt, was jetzt kommt, verzieht zwar sein Gesicht ein wenig, sagt aber nichts, um den Frieden der Morgenstunde nicht zu stören.

Rita sprudelt die nächsten Sätze ganz schnell heraus, hofft, dass Horst sie nicht unterbricht. »Also, für die Küche habe ich eine ganz konkrete Vorstellung. Modern muss sie sein - klar! Eine aus Kunststoff, das ist nichts für uns. So eine aus Echtholz, wie drüben im Küchenstudio, die könnte mir gefallen? Und so einen Tresen, an dem wir gleich essen können, den sollten wir auch...« Als sie Horsts skeptischen Blick bemerkt, stoppt sie ihren Wortschwall, blickt ihn fragend an, versucht seine Gedanken zu erraten, wundert sich, dass er nichts sagt, kommt dann schnell zum Nächsten. »Und dann das Wohnzimmer! Auslegeware kommt nicht in Frage. Parkett gehört da rein, solches vom Feinsten. Habe mich schon mal erkundigt. Das kannst du selbst verlegen. Damit sparen wir eine Menge Geld.«

Bisher hat Horst geduldig zugehört. »Lass es gut sein. Wir werden sehen«, bremst er sie. »Ich kenne deine Wünsche.« ‚Dafür reicht unser Geld nie’, überlegt er besorgt. ‚Doch wenn ich jetzt Bedenken vorbringe, führt das zu nichts. Sie wird so lange auf mich einreden, bis ich schließlich nachgebe oder laut werde. In jedem Fall ist dann ist die Stimmung hin. Es ist ja schließlich noch Zeit, um endgültig zu entscheiden, was wir wirklich kaufen’, tröstet er sich, lässt Rita im Glauben, dass alles, was sie sich wünscht, auch realisierbar ist.

»Die ist zufrieden und davon überzeugt, dass Horst nichts einzuwenden hat. Die Stimmung ist gerettet.

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An einem schönen sonnigen Tag im Mai erfolgt der erste Spatenstich. Die Sonne strahlt vom azurblauen, fast wolkenlosen Himmel. Sanfter warmer Wind streicht übers Land. Es riecht nach Frühling und die Vögel geben ihr Hochzeitskonzert. Die Formalitäten haben viel Zeit in Anspruch genommen, doch nun stehen Rita und Horst glücklich und erwartungsvoll auf ihrem Grundstück, beobachten den Beginn der Arbeiten. Der Vermesser steckt die Baugrube ab, dann rückt der Bagger vor.

‚Dass die ja keinen Pfusch machen!’, sorgen sie sich. Doch alles verläuft zu ihrer Zufriedenheit. Die schwere Baggerschaufel wühlt sich knirschend in die weiche, braune, dampfende Erde, wird hoch gerissen, herum geschwenkt und entlässt ihren Inhalt mit lautem Poltern auf den bereit stehenden Kipper.

»Geschafft!«

Hub um Hub erweitert sich die Grube. Lange können sie nicht bleiben, haben sich nur kurz frei genommen, um wenigstens beim Anfang dabei zu sein. Als die Baggerschaufel kreischend auf Fels trifft, sind sie schon nicht mehr vor Ort.

»So ein Mist!«, schimpft der Baggerführer und fährt das schwere Gerät zurück.

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Für das Wochenende hat Horst seine beiden Kollegen zu einem Bier auf die Baustelle eingeladen. Als sie kommen, begrüßt er sie mit lautem „Hallo!“, schüttelt ihnen die Hände und führt sie auf sein Grundstück, das, am Südhang des Tales, hoch über dem Ort liegt.

»Ein herrlicher Ausblick!« Werner ist begeistert, auch Rolf nickt zustimmend. Sie blicken hinunter in das weite, lang gestreckte, an den Hängen bewaldete Tal, in dem sich ein Bächlein, von Korbweiden gesäumt, durch Wiesen und Felder schlängelt. Zwei Dörfer ruhen behäbig inmitten dieser Idylle.

»Wir hatten Glück, diesen Fleck zu finden. Ich habe die Anzeige ganz zufällig in der Zeitung gesehen. Obwohl das Land ein ganzes Stück vom Ort entfernt liegt, ist es erschlossen. Gas, Wasser, Abwasser, Strom, alles liegt bis an die Grundstücksgrenze. Nur die Straße, die müssen sie noch fertig stellen.« Horst ist stolz auf ihren Bau, das ist ihm anzusehen.

»Ihr habt keinen Keller vorgesehen?«, erkundigt sich Werner.

»Später, wenn wir eine Terrasse anbauen, kann ich den darunter einrichten.«

Auf die Unterkellerung des Hauses mussten sie schweren Herzens verzichten, da das Projekt für sie sonst nicht finanzierbar war.

»An der Zufahrt ist auch noch allerhand zu tun.«, stellen sie während des Rundgangs sachlich fest. »Im Winter, oder bei schlechtem Wetter, habt ihr bestimmt Probleme, hier hoch zu kommen.«

»Nur was innerhalb des Grundstückes nötig ist, geht uns etwas an. Für alles außerhalb ist die Gemeinde zuständig.«, klärt Horst sie auf.

‚Ist ja alles gut und schön, aber du musst doch hierher fahren, nicht die Stadtverwaltung’, denkt sich Rolf. »Auch eine Umzäunung wird nötig sein. Ihr habt noch für lange Zeit Arbeit«, fasst er zusammen.

»Wenn wir erst einmal drin wohnen, wird es einfacher. Dann fällt die lange Anfahrt weg. Es muss ja nicht alles auf einmal fertig werden.« Horst ist immer noch von unverwüstlichem Optimismus beseelt. Er angelt für jeden eine Bierflasche aus dem Korb, stellt sie auf den Campingtisch, den sie bei schönem Wetter neben dem Bauwagen aufstellen. Nachdem sie einen kräftigen Schluck auf gutes Gelingen getrunken haben, bringt Rolf das Gespräch auf ihr Angebot, ihm beim Bau zu helfen. Rasch werden sie sich einig.

»An den Wochentagen wird es schlecht klappen. Du weißt doch, die Überstunden«, schränkt Werner ein. »Am Sonntag geht es auch nicht; wegen der Kinder und dem Fußball. Doch an den Sonnabenden, da kannst du mit mir rechnen.«

So sieht es auch Rolf. »Wir könnten dir beim Verlegen der Elektrik helfen und dem Einbau der Heizung«, schlägt er vor.

»Auch beim Fliesen und Tapezieren«, ergänzt Werner.

»Wie machen wir es mit der Bezahlerei?«, erkundigt sich Horst, ist ein wenig besorgt. Er wird angenehm überrascht.

»Wegen der brauchst du dir überhaupt keine Sorgen zu machen. Wenn du für Essen und Trinken sorgst, dann ist schon alles OK. Mehr verlangen wir nicht.« Rolf blickt fragend zu Werner, der nickt zustimmend.

Horst atmet erleichtert auf, bietet ihnen noch ein Bier an, doch sie lehnen ab.

»Wir sind doch mit dem Auto hier«, geben sie zu bedenken.

Eine Weile genießen alle die Ruhe und den herrlichen Ausblick, dann bedanken sie sich und fahren zurück.

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Vierzehn Tage später. Die Grundplatte ist gegossen, die Maurerarbeiten am Erdgeschoss sind im vollen Gang, trifft die erste Rechnung ein. Gewissenhaft vergleicht Horst die Zahlen mit denen in der Kalkulation. »Die Schachtarbeiten sind teurer geworden, als veranschlagt«, stellt er besorgt fest. Beim Ausheben der Baugrube sind sie auf Fels gestoßen. Er weiß es, hatte ja selbst gesehen, wie sie den mühsam abspitzen mussten. Zum ersten Mal spürt er ein ungutes Gefühl in der Magengegend. »Da kommen bestimmt noch mehr solcher Probleme auf uns zu«, vermutet er, ist beunruhigt. Die Prüfung des Ausmaßes, das der Rechnung beigefügt ist, bereitet ihm Schwierigkeiten. Er überlegt, vergleicht, fährt raus zur Baustelle und misst nach. ‚Stimmt das alles, oder haut der mich übers Ohr?’ Diese Frage kann er sich nicht eindeutig beantworten. Er arbeitet zwar auf dem Bau, doch so genau kennt er sich mit dem Papierkram nicht aus.

Rita, die dazu gekommen ist, blickt ihm über die Schultor. Sie spürt seine Unsicherheit. »War es richtig, ohne Bauträger?«, fragt sie zweifelnd.

»Klar! Wir haben eine Menge Geld gespart. Umsonst hätte so eine Firma auch nicht gearbeitet«, begründet Horst die einmal getroffene Entscheidung.

»Aber alles der Baufirma zu überlassen, im guten Glauben, dass die es schon richten wird, das war vielleicht doch nicht ganz klug.

»Heute darüber zu spekulieren, hat doch keinen Sinn«, wehrt sich Horst. »Daran ist nun doch nichts mehr zu ändern.«

Rita nimmt es leicht, zuckt nur mit den Schultern.

Mit: ‚Ach was!’, verdrängt er schließlich seine Bedenken. ‚Holzig wird schon alles richtig berechnet haben’, sagt er sich und zeichnet gegen. Sarkastisch stellt er fest: »Wenn dir nichts weiter übrig bleibt, dann - kannst du auch Vertrauen haben.« Das hatte sein Vater in solchen Situationen immer gesagt. »Ist es nicht so?«

Rita erwidert nichts.

Die Bezahlung der ersten Rechnung bereitet unerwartet Schwierigkeiten. Nachdem er diese an die Bank eingereicht hat, rufen sie von dort zurück und erklären Rita wortreich, dass sie den Betrag vorerst leider nicht anweisen könnten. Sie sollten doch noch einmal in die Filiale kommen.

Rita hatte den Bauvertrag zwar mit unterschrieben, sich aber nicht um die Einzelheiten gekümmert. Sie betrachtet deshalb auch den Anruf der Bank nicht als großes Problem.

»Das wirst du schon klären können«, ist später ihr ganzer Kommentar, nachdem sie Horst von dem Anruf unterrichtet hatte. Horst muss sich dafür einen Urlaubstag nehmen, den er eigentlich dringend für den Bau braucht.

Der Berater, mit dem sie vor der Vertragsunterschrift die Finanzierung durchgesprochen hatten, gibt sich verständnisvoll. »Ich verstehe auch nicht, wieso die Bestätigung ihres Kredites noch nicht erfolgt ist«, versucht er Mitgefühl zu zeigen. »Doch darüber entscheiden eben nicht wir - leider«, entschuldigt er sich. »Wir sind auf die Zentrale angewiesen. Es tut mir sehr leid, dass Sie jetzt in Schwierigkeiten...«

»Hör auf mit dem Schmus!«, fällt Horst ihm grob ins Wort, vergisst die höfliche Anrede, gestikuliert wütend. »Das hätte ich wissen müssen, bevor ich den Vertrag unterschrieben habe. Wie soll es jetzt weiter gehen? Können Sie mir das sagen? Soll ich den Bau stoppen? Tragt ihr die Kosten? Lass dir gefälligst etwas einfallen!« Er zittert vor Wut und wäre dem »Bankheini«, so nennt er den Berater in Gedanken, am liebsten an den Kragen gegangen.

Großzügig bietet der Horst einen Überbrückungskredit an. »Um den Bauablauf nicht zu verzögern«, wie er sagt. »Sie könnten ja auch erst einmal ihre Eigenmittel einsetzen«, schlägt er vor.

Doch darauf geht Horst nicht ein. »Und wer bezahlt uns die zusätzlichen Zinsen?« Der Berater hebt bedauernd die Schultern, was wohl soviel bedeuten soll wie: »Wir nicht!«

Horst begreift, dass sie darauf sitzen bleiben werden. »Bearbeitungsgebühren sind doch auch noch fällig, oder?«, fragt er. Die Gegenseite nickt nur. Horst spürt, dass er in der Falle sitzt. Nur mit einem Überbrückungskredit bekommt er kurzfristig Geld von der Bank. Ohne den kann er die Rechnung nicht bezahlen. Dann kommt der Bau ins Stocken. Die eigenen Mittel haben sie doch schon für anderes ausgegeben.

‚Verdammt! Die sitzen am längeren Hebel’, begreift er. ‚Mir bleibt gar keine andere Wahl, als darauf einzugehen.’ Zähneknirschend willigt er ein. Wieder entstehen Kosten, mit denen sie nicht gerechnet haben. Wütend verlässt er die Bank.

»So eine elende Scheiße!«, flucht er unflätig, als er von der Besprechung nach Hause kommt.

»Um Gottes Willen, warum bist du so aufgeregt?«, fragt Rita erschrocken. Sie spürt, dass das Gespräch in der Bank nicht günstig verlaufen ist.

»Stell dir vor, unser Kredit ist noch gar nicht genehmigt. Auch der Bausparvertrag ist noch nicht zugeteilt!«, schildert er die unangenehme Situation. »So eine verdammte Sauerei! Allen Ankündigungen und Zusicherungen zum Trotz. Die müssen einen Knall haben. Erst lauter Versprechungen und Zusagen, damit wir den Vertrag unterschreiben. Und nun, wo es ernst wird, lassen sie uns hängen. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als einen Überbrückungskredit in Anspruch zu nehmen«, klärt er Rita auf. »Aber für den sind die Zinsen viel höher und Bearbeitungsgebühren kostet der auch noch.« Seine Rede stockt.

Als sie ihn beruhigen will, weist er sie schroff zurück.

»Die haben uns ins Messer laufen lassen, nun machen sie ihren Schnitt. Wir können nur hoffen, dass sie diesmal ihre Zusage einhalten, wir den teuren Kredit bald wieder ablösen können.«

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Rita kann ihren Zustand nicht länger vor den Kolleginnen verbergen. Ab und zu wird ihr schlecht, dann läuft sie zur Toilette. An der Kasse stört das den Ablauf, Kunden murren. Die neugierigen, abschätzigen Blicke der anderen werden immer aufdringlicher. Rita spürt auch das Tuscheln hinter ihrem Rücken.

‚Ich glaube, die haben gemerkt, dass ich in anderen Umständen bin’, sagt sie sich. Zwischen den Beschäftigten im Supermarkt gibt es kaum freundschaftliche Beziehungen. Der Dauerstress, die ständige Sorge um den Job, das strenge, kalte und arrogante Gehabe des Chefs, unterbinden es. Jeder ist hier auf den eigenen Vorteil bedacht und beobachtet misstrauisch seinen Nachbarn. Zuträgerei ist an der Tagesordnung. So muss auch ihr Chef von der Vermutung der anderen erfahren haben. Er kommt zu Rita an die Kasse, was ungewöhnlich ist, und erkundigt sich nach ihrem Befinden.

Besorgt erzählt sie zu Hause davon.»Es wäre besser, du sagst es deinem Chef«, meint Horst. »Erkläre ihm unsere Situation«, rät er ihr. »Vielleicht hat er Verständnis. An der Kasse kannst du sowieso nicht mehr lange bleiben.«

Rita scheut sich vor diesem Gespräch. »Ich warte damit noch eine Weile«, entscheidet sie schließlich. »Dafür ist immer noch Zeit.«

Seitdem Horst ahnt, dass sie in finanzielle Bedrängnis geraten werden, kauft er alles, was er von dort bekommen kann, möglichst billig im Baumarkt. Trotzdem, die Materialkosten sind höher als geplant. Schon bereut er es, dass sie die Küche bereits bestellt, und, um den Bahrzahlerrabatt zu nutzen, im Voraus bezahlt haben. Dafür mussten sie einen Teil des Geldes verwenden, das eigentlich für den Hausbau vorgesehen war.

‚Hätte ich mich bloß durchgesetzt!’, wirft Horst sich vor. ‚Ich habe schon geahnt, dass es mit dem Geld knapp wird. Wenn die nächste größere Rechnung kommt, muss ich nochmals zur Bank gehen und betteln. Das wird teuer. Wenn wenigstens die Fördermittel bald genehmigt würden. Damit könnten wir ein Loch stopfen. Aber das dauert und dauert. Man kann nichts weiter tun, als höflich nachfragen und warten.’ Er spricht zwar zu sich selbst, aber so laut, dass Rita es hören muss.
Doch die nimmt es leicht. »Frage doch deinen Chef wegen eines Vorschusses...«

Davon will er nichts wissen. »Mach du das doch!«, hält er verärgert dagegen. ‚Die will gar nicht verstehen, dass wir Mist gebaut haben, mit der Einkauferei. Nun sitzen wir ganz schön in der Bredouille.’ Er steht auf und geht erst einmal hinaus, um sich abzureagieren.

‚Der soll doch nicht so tun, als wäre ich allein Schuld an dem Schlamassel’, wehrt sich Rita gedanklich gegen den Vorwurf, den Horst zwar nicht ausspricht, den sie aber spürt. ‚Er hat schließlich zugestimmt, als wir die Küche gekauft und gleich bar bezahlt haben’, versucht sie sich zu rechtfertigen. Na ja, vielleicht wäre es ja tatsächlich nicht nötig gewesen...’, gesteht sie sich ein. ‚Aber wir haben doch gedacht, da sparen wir etwas.’

Endlich sind Elektrik und Heizung installiert. Durch einen Meisterbetrieb wurde alles abgenommen. Nur hier und da gab es kleine Beanstandungen und Nacharbeiten. Als die Rechnung dafür eintrifft, ist Horst entsetzt. »Der Stundenlohn, den die berechnen, der ist unverschämt«, empört er sich. ‚Na die können warten, bis ich bezahle’, nimmt er sich vor und heftet die Rechnung erst einmal in den Ordner mit den noch Unerledigten.

Er werkelt jetzt fast jeden Tag nach seiner Arbeit noch auf der Baustelle. Auch am Sonnabend und am Sonntagvormittag ist er dort. ‚Das Haus muss bis Oktober wenigstens soweit fertig werden, dass wir darin wohnen können’, haben sie sich vorgenommen. Die Miete zusätzlich zu den Ausgaben für das Haus zu zahlen, das können sie sich nicht länger leisten. Obwohl sie sich darum bemühen, den Druck, der durch die angespannte finanzielle Situation auf ihnen lastet, nicht in unsinnige Streitereien münden zu lassen, ist die Stimmung oft gereizt.

Dazu kommt die Sorge um Ritas Arbeit. »Du musst das klären, unbedingt!«, fordert Horst immer wieder. »Wir brauchen Klarheit, mit was wir künftig rechnen können.«

Nach langem Zögern meldet sich Rita bei Herrn Westermann an. Schon am Nachmittag des gleichen Tags erhält sie einen Termin. Pünktlich auf die Minute betritt sie sein Büro, von dessen Nüchternheit sie überrascht ist. Nur einige Bilder unterbrechen die sonst kahlen Wände. Sie gehören zu den verzweifelt modernen, deren Aussage, wenn es überhaupt eine gibt, niemand versteht. Nur der mächtige Schreibtisch, der schwarze Chefsessel und die beiden Ledersessel neben dem kleinen runden Tisch geben dem Ganzen eine gewisse Eleganz.

Westermann erhebt sich, ein wenig ächzend. Nach kurzer Begrüßung fragt er Rita nach dem Grund des Gespräches. Die setzt sich, nachdem er sie mit einer jovialen Geste dazu aufgefordert hat.
Ohne Umschweife sagt sie ihm, dass sie bereits im vierten Monat schwanger sei und ihr die Arbeit an der Kasse deshalb zunehmend Probleme bereite. Die einseitige Belastung sei es, die sie nicht mehr verträgt.

Westermann hat ihr mit hochgezogenen Augenbrauen zugehört. Dann erklärt er gestenreich, wie schwierig es für ihn sein wird, ihr eine andere Tätigkeit zuzuweisen. »Sie wissen doch selbst, dass ich nur wenig Personal zur Verfügung habe. Die Kosten, Frau Glaubig, die Kosten! Wenn Sie die Kasse verlassen, muss ich eine andere Kraft einstellen. Das verursacht Kosten«, wiederholt er sich.
»Na gut!«, sagt er zum Schluss. »Sobald ich Ersatz gefunden habe, werde ich Sie im Lagerbüro beschäftigen. Aber ganz ohne körperliche Arbeit geht es auch da nicht ab. Die Kassenzuschläge fallen natürlich weg«, stellt er klar. Obwohl sie dann etwas weniger verdient, ist Rita damit einverstanden.

Einige Tage später bittet Westermann Rita noch einmal in sein Büro. Die ist verunsichert. ‚Was will der von mir?’, fragt sie sich. ‚Ich habe mir doch nichts zu Schulden kommen lassen. Klappt das etwa nicht, im Lager?’

Es kommt ganz anders, als sie erwartet hat. »Und wenn Sie nun mit einer Abfindung ausscheiden, Frau Glaubig?«, fragt Westerland, ohne große Einleitung.
‚Der will mich los werden!’, schießt es Rita durch den Sinn. Sie äußert sich nicht, wartet...
Westermann erkennt ihre Verwirrung und seine Chance. Geschickt schiebt er Argumente nach: »Sie bauen doch, können die Abfindung bestimmt gut brauchen - bekommen ja auch noch Geld vom Arbeitsamt!«

Rita überlegt, sagt schließlich, dass sie darüber erst mit ihrem Mann reden müsse. »Das mit der Arbeit im Lagerbüro, das bleibt doch?«, erkundigt sie sich, ist skeptisch.
Doch ihr Chef nickt. »War so abgesprochen. Trotzdem, überlegen Sie sich meinen Vorschlag.

« Damit ist das Gespräch beendet. Rita geht an ihre Kasse zurück.
‚Ein schlauer Fuchs, dieser Westermann, das muss man ihm lassen’, überlegt Rita. ‚Der will mich los sein. Wenn ich zustimme, braucht er mich später nicht wieder einzustellen. Aber wir sind auch nicht aus Dummsdorf’! Sie lächelt verschmitzt. Noch am gleichen Abend spricht sie mit Horst über den neuen Vorschlag. Lange diskutieren sie die Vor- und Nachteile.

»Natürlich könnten wir die Abfindung gut brauchen, gerade jetzt. Die würde uns schon helfen.« Horst möchte, dass sie zu einem Entschluss kommen, ist eigentlich dafür, dass Rita aufhört.

»Aber dann bin ich arbeitslos. Wer weiß wie lange?«

»Nach der Geburt wolltest du ja sowieso, wenigstens für ein Jahr, zu Hause bleiben...«
Zu einem Ergebnis kommen sie an diesem Abend nicht.
Der Ausbau macht Fortschritte. Es wird höchste Zeit, dass Horst das restliche Material einkauft. Bisher hat er das immer hinausgezögert. Obwohl er dabei sehr auf die Preise achtet, ergibt sich ein so erheblicher Betrag, dass er diesen nicht mehr bezahlen kann. Eine Krediterhöhung, die er bei der Bank beantragt hatte, ist nur zu einem Teil genehmigt worden, und das auch erst, nachdem er sich bereit erklärt hatte, dafür seine Lebensversicherung zu verpfänden.
Was bleibt ihm weiter übrig? Der Bau muss weiter gehen. Im Baumarkt kennen sie die Sorgen der Häuselbauer, geben sich kulant und räumen ihm einen Ratenkredit für zwölf Monate ein. Das löst das Zahlungsproblem zumindest für den Augenblick. Trotzdem kommt Horst in sehr gedrückter Stimmung nach Hause.

»Ich war heute noch einmal in der Bank, sie haben uns die Krediterhöhung nicht so genehmigt, wie wir sie brauchen würden«, sagt er, ist deprimiert. »Im Baumarkt musste ich deshalb Ratenzahlungen vereinbaren und von den offenen Rechnungen können wir auch nur einen Teil bezahlen. Meine Lebensversicherung habe ich verpfändet. Wenn mir jetzt etwas zustößt, kassiert die Bank. Ihr steht dann ziemlich mittellos da. Das macht mir Angst.«

Rita versucht ihn von den schwermütigen Gedanken abzubringen. »Quatsch! Dir stößt schon nichts zu, wenn du vorsichtig bist. An so etwas darfst du gar nicht denken. Wir haben es doch bald geschafft. In vier Monaten ziehen wir ein. Du wirst sehen, dann wird es leichter«, versucht sie ihn zu trösten.
»Aber die Schulden, Rita, die Schulden, die bleiben. Wir müssen sparen, sparen, sparen; wo es nur geht«, bremst er ihren Optimismus. »An der Küche können wir ja nichts mehr ändern, die haben wir nun einmal gekauft, doch mit dem Parkett im Wohnzimmer, das lassen wir sein. Das verschieben wir auf später. Erst einmal tut es einfache Auslegeware. Die Gardinen, die hast du ja auch schon fast alle gekauft, aber für die Einrichtung, da ist wirklich nicht mehr viel übrig. Da müssen es erst einmal die alten Möbel tun.

Rita verzieht ihr Gesicht, wie sie es immer tut, wenn etwas nicht nach ihrem Willen geht. »Dass du immer wieder davon anfängst«, schmollt sie. »So habe ich mir das nicht vorgestellt, so nicht!«, sagt sie mit Tränen in den Augen.
Als Horst sie trösten will, wendet sie sich ab. ‚Wenn sie doch endlich begreifen würde, dass ich kein Geld her hexen kann, und noch mehr Schulden können wir uns auch nicht leisten.’ Horst ist ratlos.

»Du hättest doch wissen müssen, dass unser Geld für den Bau nicht reicht. Da wäre es besser gewesen, wir hätten gar nicht erst angefangen«, wirft sie ihm vor, obwohl sie genau weiß, dass sie ihm damit weh tut.

»Rede nicht solchen Unsinn! Wieso sagst du so etwas? Das ist doch unfair. Es war von Anfang an klar, dass es eine schwierige Zeit wird«, verteidigt er sich. »Du hast das nur nicht ernst genommen, wolltest immer nur das Beste haben.« Beleidigt wendet er sich ab und schweigt.

»Jammern und gegenseitig Vorwürfe machen, hilft auch nicht weiter.« Rita lenkt ein, als sie erkennt, wie sehr ihn ihre Worte getroffen haben. »Wir müssen eben irgendwie damit fertig werden.«
»Irgendwie fertig werden? Na prima! So reagierst du immer, nur eine Lösung ist das nicht, das muss dir doch endlich klar werden.«

Ihr Streit hält den ganzen Abend an und vergiftet die Stimmung. Das erste Mal schlafen sie ohne den gewohnten Gutenachtkuss ein.

3. Kapitel

Die Schlussrechnung der Firma Holzig ist eingetroffen. Wieder kommen sie in Schwierigkeiten, wissen nicht mehr, wie sie den Betrag aufbringen sollen.
»Wir brauchen doch auch noch etwas für ein paar Möbel, wenigstens fürs Kinderzimmer«, sagt sie und ist ganz verzweifelt. Von der unbequemen Rechnung möchte sie am liebsten gar nichts hören. »Der muss eben eine Weile warten! Du arbeitest doch auch den ganzen Monat, und deinen Lohn, den zahlt er nicht vor Ultimo.« Beide grübeln und suchen nach einem Ausweg.
»Kannst du nicht Mängel geltend machen?«, schlägt Rita vor. »Es gab eine Sendung im Fernsehen, da haben sie es auch so gemacht. Das Podest vor der Haustür fehlt. Das Dach ist nicht ganz dicht - glaube ich. Es gibt bestimmt noch mehr auszusetzen. Das ziehen wir ihm erst einmal von der Rechnung ab, bis alles in Ordnung ist. Kommt Zeit, kommt Rat, hat meine Mutter immer gesagt - wenn es schwierig war.«
Obwohl Horst nicht wohl ist, wenn er an die Auseinandersetzung denkt, die es dann mit seinem Chef geben wird, sieht er auch keine bessere Lösung, willigt schließlich ein.
Das ganze Wochenende verbringen sie damit, den Bau auf Mängel zu untersuchen. Sie finden einiges und entscheiden, dass sie ein Drittel des Rechnungsbetrages zurück behalten. Die übrigen zwei Drittel kann Horst noch anweisen.

»Aber davon ziehen wir drei Prozent Skonto ab, denn wir bezahlenden ja innerhalb der vereinbarten Frist«, entscheidet er. Die nächsten Tage versucht er Holzig aus dem Weg zu gehen. Dann jedoch kommt der auf die Baustelle und direkt auf ihn zu.

»Ich glaube, wir müssen miteinander reden!«, sagt er und sein Ton verrät nichts Gutes. »Kommen Sie morgen früh in mein Büro, Glaubig!« Die ungewohnte Anrede, Holzig spricht seine Arbeiter sonst mit du und ihrem Vornamen an, lässt ihn ahnen, dass ihm dort die schon befürchtete unangenehme Auseinandersetzung bevorsteht.

‚Verdammt! Mussten wir auch so viel Geld für die Einrichtung ausgeben. Ohne dies hätten wir die Rechnung voll bezahlen können. Doch nun hilft mir das auch nicht weiter.’
Nach Feierabend geht er, von Ängsten und Sorgen geplagt, nicht wie gewohnt auf die Baustelle, sondern gleich nach Hause. Er möchte die Situation noch einmal mit Rita besprechen. Aber sie finden keine Lösung dafür, wie sie das fehlende Geld aufbringen könnten. Den einbehaltenen Betrag zu zahlen ist ihnen nicht möglich.

»Dann muss ich eben durch!« Horst hat das in entschlossenem Ton gesagt und es klingt dabei so etwas wie „Optimismus aus Verzweiflung“ an. Er ist sich aber klar darüber, dass der ihm morgen nicht helfen wird.

Die Firma „Holzig-Bau GmbH“ befindet sich in einer fast hoffnungslosen finanziellen Situation. Die Außenstände nehmen ständig zu und die finanziellen Reserven sind erschöpft. Holzig müsste eigentlich aus seinem privaten Besitz Kapital nachschießen, doch davor scheut er sich. ‚Dann ist das Geld wahrscheinlich auch verloren’, befürchtet er.

»Sogar der Glaubig zahlt seine Schlussrechnung nicht ordentlich«, empört er sich, als seine Frau ins Büro kommt. »Jetzt behält sogar der mit einer an den Haaren herbei gezogenen Begründung ein Drittel des Rechnungsbetrages zurück. Und der arbeitet bei uns, verdient erst durch uns sein Geld. Von dem gezahlten Betrag hat er auch noch drei Prozent Skonto abgezogen, eine Unverschämtheit!« Er ist wütend, seine Stimme immer lauter geworden. »Na, der kann was erleben! Seinen Lohn behalte ich so lange ein, bis die Schulden beglichen sind. Mal sehen, was er dazu sagt. Schließlich haben wir an dem Objekt kaum etwas verdient.« Holzig hat sich in Rage geredet. »Und wenn ich wirklich Leute entlassen muss, dann ist der Erste, der...«

Seine Frau unterbricht ihn, versucht ihn zu beruhigen: »Du, ich glaube, die haben sich finanziell übernommen, brauchen einfach etwas Zeit, um sich wieder zu erholen. Die zahlen schon. Du kennst doch den Glaubig, der ist ehrlich. Seine Frau erwartet ein Baby. Den kannst du nicht so einfach auf die Straße setzen. Wovon sollen sie dann leben?«

»Wieso soll ich Rücksicht nehmen? Uns hilft doch auch niemand. Der Glaubig fliegt raus, wenn er nicht zahlt und damit basta!«
»Damit sicherst du unser Geld aber auch nicht«, gibt sie zu bedenken.
»Du mit deiner Sozialdusselei«, fährt er sie an. »Wer stundet uns die fälligen Rechnungen? Du kennst doch die Summe, die wir jeden Monat für die Betriebskosten brauchen. Denke an die Mahnbescheide. Du, das ist kein Spaß mehr!« Holzig schreit jetzt unbeherrscht: »Ist dir eigentlich klar, dass wir vor dem Konkurs stehen, wenn das so weitergeht?« Er stützt sich mit der linken Hand auf den Schreibtisch, ringt mit hochrotem Kopf nach Luft, presst seine rechte Hand auf die Brust. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. In letzter Zeit häuften sich solche Anfälle. Der ständige Druck, der auf ihm lastet, fordert seinen Tribut.
Seine Frau ist aufgesprungen, fasst den vor Aufregung Zitternden fest bei den Schultern und zwingt ihn, sich zu setzen. Dann holt sie ein Glas Wasser und löst zwei von den Tabletten auf, die  sein Arzt ihm vorsorglich verschrieben hatte. Sie hilft ihm beim Trinken und streicht zärtlich über das grau gewordene Haar. Er tut ihr leid. Nachdem er die Medizin getrunken hat, wird er ruhiger. »Danke, Elvira!« Holzig ist erschöpft, blickt sie aus müden Augen an, versucht ein Lächeln. »Wir dürfen uns nicht aufreiben«, sagt er mit leiser Stimme, geht nach nebenan und legt sich nieder.
Am nächsten Morgen fährt Horst noch vor Arbeitsbeginn, mit einem flauem Gefühl im Bauch, zum Büro seines Chefs. ‚Wenn ich das bloß schon hinter mir hätte,’ wünscht er sich. ‚Aber mir bleibt ja nichts anderes übrig, als es durchzustehen. Bezahlen können wir nicht, und wenn er mich zerreißt.’
Als er eintritt, sitzt Holzig bereits hinter seinem mit Bergen von Papier bedeckten Schreibtisch. Er telefoniert lautstark, blickt nicht einmal auf, bietet ihm keinen Platz an, wie es sonst seine Art war. »Na, der ist ganz schön sauer«, erkennt Horst, bleibt stehen, wartet erst einmal ab...
Endlich! Holzig knallt den Hörer auf und wendet sich ihm zu.
»Was denkst du dir eigentlich dabei, die Rechnung nicht ordentlich zu bezahlen?«, fährt er ihn ohne jede Begrüßung an. »Die scheiß paar Mängel, die du da aufzählst, das sind doch Lappalien. Die werden abgestellt, klar. Hättest doch bloß was sagen brauchen. Aber nein, da wird einfach meine Rechnung gekürzt, vom Rest auch noch Skonto abgezogen, eine Unverschämtheit. An dem Objekt habe ich sowieso kaum etwas verdient, dachte, das wäre fair. Ist das nun der Dank dafür?«
Durch den Vorwurf seines wütenden Chefs ist Horst ganz verstört. Außerdem quält ihn sein schlechtes Gewissen.

»Mensch, ich würde doch zahlen, wenn ich könnte!«, antwortet er spontan und unüberlegt auf die grimmigen Vorwürfe.
»Ach so, das ist der Grund? Es sind also gar nicht die Mängel? Die hast du nur vorgeschoben?«, schnaubt Holzig. »Das ist ja unerhört«, schreit er los. »Da hältst du es nicht für nötig, herzukommen und mit mir zu reden? Da werden einfach Mängel vorgeschoben. Sollen die doch sehen, wie sie zurecht kommen! Aber deinen Lohn, den forderst du am Monatsende. Du wirst dich wundern, den behalte ich ein, bis deine Schulden bezahlt sind, basta!« Holzig atmet schwer. Wieder fühlt er diese Beklemmungen in seiner Brust.

Horst ist erschrocken und ratlos. Das hatte er nicht erwartet. »Der macht ernst, der zahlt mir wirklich keinen Lohn.« Er fühlt, wie ihm der Hals eng wird, ist versucht zu schreien, doch er beherrscht sich. Am meisten ärgert ihn, dass er sich verquatscht hat. Um das Schlimmste abzuwenden, versucht er seine Situation zu erklären: »Meine Frau ist schwanger und wird ihren Job wahrscheinlich verlieren. Wir sind auf meinen Verdienst angewiesen.«

Doch Holzig zeigt kein Verständnis. »Das hast du doch vorher gewusst!«, tut er den Einwand ab.

»Dann hat es doch gar keinen Sinn, dass ich weiter arbeite«, sagt Horst jetzt trotzig. »Ohne Lohn können wir nicht existieren, den brauchen wir zum Leben. Da kann ich mir gleich den Strick...« Seine Stimme versagt.

Holzig erkennt, dass er auch mit noch mehr Druck nicht weiter kommt.

»Der ist am Ende«, sagt er sich. »Der dreht durch, tut sich noch etwas an. Davon habe ich gar nichts! Er zwingt sich zur Ruhe. »Quatsch!«, knurrt er. »Das ist auch keine Lösung. Ihr habt euch finanziell übernommen; habt euer Geld wahrscheinlich großzügig ausgegeben, solange ihr noch etwas auf dem Konto hattet. Jetzt wisst ihr nicht mehr weiter. Aber so, wie du es jetzt versuchst, geht es auch nicht, das bringt nur Ärger.«

Da Horst nichts dazu sagt, nur stumm und verlegen vor ihm steht, schimpft er weiter: »Verdammt! Ich brauche das Geld! Was glaubst du denn, wie viel Außenstände ich habe. Nicht zu zahlen ist eine Seuche, die uns noch alle ruiniert. Also, gut! Nicht alles, aber einen Teil vom deinem Lohn muss ich einbehalten, da beißt die Maus keinen Faden ab. Will es aber vorerst auch bei einem Drittel belassen. Und nun geh an die Arbeit.« Damit ist das Gespräch beendet. Horst traut sich nicht, noch etwas zu erwidern.

 

4. Kapitel

Rita wird das Angebot von Westermann annehmen und gegen Zahlung einer Abfindung ausscheiden.

»Wir hätten eben sofort ein paar Mark.« Diese Bemerkung von Horst hat für ihre Entscheidung den Ausschlag gegeben.

Gleich am darauf folgenden Tag meldet sie sich bei Westermanns Sekretärin und bittet um einen neuen Gesprächstermin. Am Nachmittag hat er Zeit für sie. Pünktlich betritt sie das Vorzimmer und wird von der Sekretärin gebeten, einen Augenblick Platz zu nehmen. »Herr Westermann führt noch ein wichtiges Telefongespräch«, entschuldigt sie die Verzögerung.

Rita überlegt noch einmal, was sie besprochen haben. ‚Keinesfalls darf ich sagen, dass mir die Arbeit im Lager zu schwer sein wird. Kündigen wollen die, nicht ich. Und sie brauchen dafür meine Zustimmung. Ich lasse ihn kommen, höre mir erst einmal an, was er vorschlägt’, nimmt sie sich vor. Ihr gehen die Worte von Horst noch einmal durch den Sinn: ‚Erkläre ihm ruhig, dass wir auf dein Einkommen angewiesen sind, und dass du deshalb einer Aufhebung des Arbeitsverhältnisses nur zustimmen kannst, wenn uns dadurch keine finanziellen Nachteile entstehen.’

‚Die lasse ich eine Weile schmoren.’ Westermann weiß aus Erfahrung, dass es seine Gesprächspartner nervös macht, wenn er sie warten lässt, dass es Minderwertigkeitskomplexe verstärkt. Er kann das ausnutzen, um seine Vorstellungen durchzusetzen. In aller Ruhe blättert er deshalb noch in den Papieren, die vor ihm auf dem Schreibtisch liegen. Fast eine halbe Stunde vergeht so.

Gute zwanzig Minuten hat Rita geduldig gewartet. Jetzt fühlt sie sich verschaukelt. ‚So ein Affe, was der sich einbildet, mich hier einfach schmoren zu lassen’, schimpft sie innerlich. ‚Der denkt vielleicht, er kann mich weich kochen? Na der wird sich wundern! Mein Schaden ist es nicht, wenn ich hier herum sitze. Es geht schließlich von der Arbeitszeit ab. Aber ungezogen ist es schon!’, ärgert sie sich.

Als die Sekretärin sie endlich auffordert, zu Westermann ins Büro zu gehen, reagiert Rita so langsam, wie sie es grade noch für vertretbar hält. Ihr Chef kommt hinter seinem Schreibtisch hervor, begrüßt sie förmlich und weist ihr diesmal einen Stuhl am Beratungstisch zu. Dann geht er bedächtig zu seinem Sessel zurück, lässt sich betont langsam darauf nieder. ‚Hier bin ich der Boss!’, das will er damit ausdrücken.

Bei ihr kommt das anders an, als er es sich wünscht: ‚So ein Angeber, ein dämlicher!’, konstatiert sie und lacht innerlich über sein Gehabe.

»Was macht der Bau? Ziehen Sie denn bald ein?«, erkundigt sich Westermann. Die Antwort interessiert ihn nicht wirklich. Er möchte einfach ihre vielleicht schon zurecht gelegten Sätze stören.

»Danke, wir kommen ganz gut voran«, antwortet Rita ausweichend. »Mit dem Einzug warten wir aber noch.«

»Haben Sie sich meinen Vorschlag inzwischen überlegt?«, ergreift Westermann die Initiative.

»Haben wir, haben wir«, antwortet Rita, lässt aber das Ergebnis offen.
Westermann erkennt, dass seine Taktik keinen Erfolg hat. „Die reagieren hier ganz anders, als ich es gewohnt bin“, stellt er zum wiederholten Male fest. „Woher nehmen die bloß ihr Selbstvertrauen?.
Rita ist nicht im Geringsten beeindruckt. Im Gegenteil. Ihre Stimmung ist gelassen, vielleicht sogar ein wenig aggressiv.

Westermann ändert seine Taktik. Freundlich lächelnd beugt er sich vor. »Ist mir völlig klar«, sagt er,

»dass es für Sie keine einfache Entscheidung war. Trotzdem, ich hoffe, Sie haben Verständnis für meine Situation.«

»Natürlich, vollstes Verständnis!«, antwortet Rita ein wenig spöttisch, bringt ihn dadurch wieder aus dem Konzept.

Westermann stutzt, überlegt, wie er ihre Bemerkung werten soll, entschließt sich, sie zu ignorieren, einfach weiter zu reden. »Der Wettbewerb ist in den letzten beiden Jahren härter geworden. Sie wissen es ja selbst. Überall sind neue Märkte entstanden. Unser Umsatz stagniert, die Kosten steigen. Da können wir uns Ausgaben, die sich nicht rechnen, nicht mehr leisten.«

Aus halb geschlossenen Augen blickt er Rita lauernd an. Geschickt hat er sie so platziert, dass ihr das helle Tageslicht ins Gesicht scheint, sie blendet, so dass sie Schwierigkeiten hat, seine Mimik zu erkennen.

»Wir haben sogar schon daran gedacht, uns hier ganz vom Markt zurückzuziehen«, ergänzt er in vertraulichem Ton. »Aber, behalten Sie das bitte für sich«, fügt er rasch hinzu.

»Der will mich kirre machen«, überlegt Rita und bleibt wachsam. »Natürlich haben wir uns ihr Angebot durch den Kopf gehen lassen, Herr Westermann«, sagt sie, legt eine Pause ein, lässt das Ergebnis wieder offen. Der wartet drauf, dass sie weiter spricht.

»Und, zu welchem Entschluss sind sie gekommen?«, fragt er schließlich genervt.

»Na ja«, beginnt Rita zögernd. »Ich verliere eine ganze Menge. Da ist die Einbuße, weil doch das Arbeitslosengeld viel niedriger ist als mein Nettolohn. Das müsste die Abfindung wenigstens für ein Jahr ausgleichen. Denn, dass ich bald wieder eine Anstellung finden werde, ist doch zu bezweifeln.«
Westermann verzieht keine Mine.

»Oder können Sie mir eine Zusage geben?« Wieder unterbricht sie ihre Rede und blickt Westermann fragend an. Er bleibt ihr die Antwort schuldig.

‚Die will mich unter Druck setzen, hat mehr Geschick, als ich erwartet hätte’, muss der anerkennen.

»Dass wir ihnen eine Abfindung zahlen, das habe ich doch schon angeboten«, pariert er.

»Und wie hoch soll die sein?« Rita hat keine Skrupel, danach zu fragen!

»Wir gleichen die Differenz zwischen ihrem Nettolohn und dem Arbeitslosengeld bis zu einem halben Jahr nach der Geburt aus. Ihr Weihnachtsgeld bekommen Sie ebenfalls«, schlägt er vor, lässt Rita nicht zu Worte kommen und fügt hinzu: »Damit sind wir sehr großzügig. Sie könnten sich zu Hause in aller Ruhe auf ihr Kind vorbereiten, es pflegen, ohne dass Sie einen Pfennig einbüßen.«

Rita überlegt: ‚Ist gar nicht so schlecht, trotzdem, da verliere ich. Der denkt, ich merke das nicht.’

»Herr Westermann, das klingt zwar ganz gut, aber zustimmen kann ich trotzdem nicht!«, entgegnet sie.

»Und warum nicht?«, fragt der verwundert, ist verärgert, weil das Gespräch nicht so läuft, wie er es erwartet hatte.

»Na, sehen Sie mal: Mein künftiger Nettolohn im Lager liegt doch ein ganzes Stück niedriger als der, den ich jetzt an der Kasse bekomme. Sie sollten also den jetzigen zugrunde legen. Und bloß ein halbes Jahr, das ist nun wirklich zu wenig«, wendet sie ein. »Das sehen Sie doch bestimmt auch so, Herr Westermann.«

Rita versucht ein verbindliches Lächeln, das ihr aber misslingt, zu einem Grinsen wird, weil sie die Augen wegen des grellen Lichtes, das durchs Fenster fällt und sie blendet, zukneifen muss.
Westermann sieht nur das Grinsen. »Die macht sich lustig über mich!«, missversteht er, ist in seiner Ehre verletzt, setzt sich steif aufrecht in seinen Sessel.

»Frau Glaubig!« Er spricht jetzt ganz langsam und betont. »Verstehen Sie mich recht. Ich suche nach einem für beide Seiten akzeptablen Kompromiss, bin aber nicht bereit, jeder Ihrer Forderungen nachzukommen. Ich kann das auch gar nicht. Hören Sie genau zu. Es ist mein letztes Angebot, mein allerletztes, ein weiteres wird es nicht geben: Wir zahlen Ihnen den Ausgleich bis zu neun Monaten nach Ihrem Ausscheiden. Sie erhalten auch Weihnachtsgeld. Ihr früheres Nettogehalt können wir nicht zugrunde legen, das geht buchhalterisch nicht.«

Er legt eine Pause ein. Als Rita darauf etwas erwidern will, hebt er abwehrend seine Hand.
»Überlegen Sie sich mein Angebot. Eigentlich darf ich gar nicht so weit gehen, aber Sie haben gut gearbeitet und ich verstehe auch Ihre Situation. Reden Sie mit Ihrem Mann und geben Sie meiner Sekretärin bis Freitag Bescheid!«

Rita versteht, dass das Gespräch beendet ist. Ohne ein weiteres Wort erhebt sie sich. Die Verabschiedung fällt diesmal recht kühl aus.

Horst fühlt sich nach der Auseinandersetzung mit Holzig völlig ausgelaugt. Wieder spürt er diese verkrampfende Angst im Bauch. ‚Dass der einfach ein Drittel meines Lohnes einbehält, das ist doch eine Schweinerei’, schimpft er und ärgert sich maßlos ‚Aber ich konnte ja nichts dagegen tun, der sitzt am längeren Hebel!’ Dass er es sich so widerspruchslos gefallen lassen musste, wurmt ihn. Nun scheut er sich davor, mit Rita drüber zu reden, kommt erst sehr spät und völlig kaputt vom Bau heim. Lange Zeit sitzt er apathisch in seinem Sessel und trinkt drei, vier Flaschen Bier.

Mit Sorge hat Rita in den letzten Wochen beobachtet, dass er immer öfter zur Flasche greift. »Um abschalten zu können«, wie er behauptet. Sie stellt ihm keine Fragen, obwohl sie schon gern wüsste, was bei dem Gespräch mit dem Chef herausgekommen ist.

Horst geht die Auseinandersetzung mit Holzig nicht mehr aus dem Kopf. ‚Es ist falsch, Rita nichts davon zu sagen, dass der einen Teil meines Lohnes einbehalten will. Am Monatsende merkt sie es ja sowieso.’ Also beschließt er, sie einzuweihen.

Rita war schon den ganzen Tag über nervös und unausgeglichen. Noch am Abend ist sie innerlich gereizt und aufgewühlt, sucht nach einem Anlass, ihren Frust abzureagieren. Scheinbar ruhig hört sie zu, als Horst ihr schildert, wie Holzig ihn abgefertigt hat, doch ihre Gedanken sind von Bosheit bestimmt. ‚So ein Versager!’, denkt sie verächtlich. ‚Der hat das tatsächlich einfach so mit sich machen lassen, hat keinen Mumm.’

»Und du hast zugestimmt? Hast nicht aufgemuckt? Warst wohl zu feige dazu?«, giftet sie ihn an. Horst ist entsetzt, wird ganz rot. Ihre Worte haben ihn gekränkt.

»So kommen wir doch immer mehr in finanzielle Bedrängnis, das sagst du doch selbst«, fügt sie in schnippisch provozierendem Ton hinzu.

»Was hätte ich denn machen können? Kannst du mir das sagen? Hätte ich alles hin schmeißen und kündigen sollen? Denkst du etwa, ich finde eine andere Arbeit?«, verteidigt er sich. »Und, mein Chef, der hat ja sogar recht. Wir haben den ersten Stein geworfen, wir haben die Rechnung nicht bezahlt, obwohl es eigentlich gar keinen Grund dafür gab. Übermäßig teuer war der Bau ja wirklich nicht. Wir konnten nicht zahlen, und haben nach Gründen gesucht. Denkst du etwa, der hat das nicht gemerkt?«

»Quatsch!«, unterbricht sie ihn. »Der Bau ist teurer geworden, als vorgesehen, das hast du doch selbst ausgerechnet. Geschenkt hat der uns bestimmt nichts. Nun quetscht der dich aus wie einen nassen Sack und du lässt dir das gefallen.« Wieder hat sie ihn durch die gehässigen Worte verletzt.

»Ein nasser Sack bin ich in ihren Augen. Das hat mir noch keiner gesagt!« Er kann sich nur mühsam beherrschen, spürt, wie Zorn in ihm hoch steigt. »Jetzt reicht es! Überlege dir, was du sagst!«, fährt er sie an und haut mit seiner schweren Hand auf den Tisch. »In diese finanzielle Misere sind wir doch nur geraten, weil das Geld für anderes ausgegeben werden musste. Dreißigtausend, allein für die Küche, ein Wahnsinn! Das ist es, was uns nun zu schaffen macht. Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich da mitgemacht, dem nicht Einhalt geboten habe.«

Rita hat sich deshalb selbst schon Vorwürfe gemacht, doch das würde sie nie zugeben. Im Gegenteil, sie reagiert allergisch auf seinen Vorwurf. »Ach so, nun bin wieder ich schuld daran. Wie kann es denn auch anders sein? Ich habe es so satt, könnte alles hinschmeißen!« Heulend läuft sie aus dem Zimmer.
‚Soll sie heulen! Diesmal gebe ich nicht nach!’, nimmt sich Horst vor. Der Appetit ist ihm gründlich vergangen. Mit fahrigen Bewegungen räumt er den Abendbrottisch ab. Prompt rutscht ihm ein Glas aus der Hand und zersplittert auf dem harten Fliesen in tausend Scherben. ‚Verdammter Mist, verdammter! Nun habe ich aber die Schnauze voll!’, flucht er so laut, dass Rita es hören muss. Doch die reagiert nicht. Also nimmt er Besen und Kehrschaufel, fegt die Scherben zusammen. ‚Na, dann eben nicht’, sagt er sich und geht ins Wohnzimmer. Fast eine Stunde vergeht, bis sich beide soweit beruhigt haben, um einzusehen zu können, dass Streiten ihnen auch nicht weiter hilft.

‚Der kommt nicht. Diesmal gibt er nicht nach’, stellt Rita, die immer noch im Schlafzimmer sitzt und auf ihn wartet, enttäuscht fest. ‚Ich weiß ja auch, dass die Küche zu teuer war, aber mir das immer wieder unter die Nase zu reiben, das finde ich nicht richtig!’, verteidigt sie sich gegen ihr eigenes schlechtes Gewissen. Schließlich gibt sie nach und kommt mit vom Heulen geröteten Augen aus dem Schlafzimmer.

»So hat das doch auch keinen Sinn.«, sagt sie leise, während sie noch an der Wohnzimmertür lehnt.

»Wenn wir uns streiten, ändern wir doch auch nichts.«
Horst hat nur darauf gewartet, dass sie nachgibt. Diesmal hatte sein Stolz über das schlechte Gewissen gesiegt. Doch als er ihr verweintes Gesicht sieht, verfliegt sein Zorn. Er geht auf Rita zu und nimmt sie in seine Arme.

»Ich wollte ja auch keinen Streit!« sagt er leise zu ihr. »Wir müssen versuchen, vernünftig miteinander umzugehen.«

Sie hat sich abreagiert, fühlt sich jetzt besser, ist versöhnlich gestimmt. »Hast ja recht. Es bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig Vorwürfe machen.«
Horst geht in die Küche und kommt mit zwei gefüllten Weingläsern zurück. Ritas Lieblingswein funkelt goldgelb. Er reicht ihr ein Glas und sagt mit noch ein wenig frostigem Lächeln: »Vertragen wir uns wieder?« Sie greift nach dem Glas, stößt mit ihm an, trinkt einen Schluck und gibt ihm einen Kuss. Doch der Streit klingt in ihren Seelen nach. Noch lange sitzen sie stumm nebeneinander.

So früh, kurz nach Öffnung des Supermarktes, kommen nur wenige Kunden zum Einkauf. Rita ist aufgeregt, kann die Neuigkeit nicht mehr für sich behalten. Sie beugt sich zu Frau Vogel hinüber, die an der Nachbarkasse sitzt und flüstert ihr zu: »In zwei Wochen ist hier für mich Sense. Ich bleibe dann erst einmal ein Jahr zu Hause.« Die nickt verständnisvoll. Zwar bittet Rita darum, es vorerst nicht weiter zu erzählen, doch die Neuigkeit ist nun unterwegs. Sie springt von Mund zu Ohr und löst die unterschiedlichsten Reaktionen aus.

»Die bauen doch, das gibt bestimmt ein Desaster!«, zischelt die immer pessimistische Frau Stein.

»Vielleicht haben sie geerbt? Weiß man’s.«, rätselt eine andere.
„Die zerreißen sich jetzt bestimmt ihre Mäuler über mich“, vermutet Rita und vermeidet, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ihre letzten Arbeitstage an der Kasse vergehen rasch. Ihre Nachfolgerin kommt.
„Bestimmt eine Langzeitarbeitslose, für die das Arbeitsamt Lohnzuschlag bezahlt. Ein Schnäppchen für Westermann“, überlegt Rita, hütet sich aber, solch einen Gedanken laut werden zu lassen.

»Rufen sie mich Gabi!« Mit diesen Worten stellt sich die Neue vor. Auf Rita macht sie einen ganz guten Eindruck. ‚Ein bisschen jung ist sie ja noch’, das ist ihr einziger Vorbehalt.

»Nach der Lehre hatte ich bisher keine Chance, längere Zeit zu arbeiten. Mein Ausbildungsbetrieb hat mich nicht übernommen«, erzählt die Neue freimütig, als sie die fragenden Blicke der Frauen bemerkt.

»Nur manchmal war ich als Aushilfe für kurze Zeit beschäftigt. In einem Gemüsegeschäft, dann in einem Zeitungskiosk. Auch Werbematerial habe ich ausgetragen. Irgendwie muss man doch etwas verdienen. Nun hoffe ich, dass es endlich mal was für längere Zeit ist. Ich wäre total happy.«
An Rita gewandt fragt sie: »Sie bleiben zu Hause, bekommen ein Baby? OK, ich sehe es ja«, beantwortet sie ihre Frage gleich selbst. »Kann mir gut vorstellen, dass ihnen die Arbeit hier an der Kasse ziemlich schwer fällt.«

Am letzten Arbeitstag lädt Rita ihre Kolleginnen nach Schichtende zu einer Tasse Kaffee ein. Nicht alle kommen. Anfangs unterhalten sie sich zwanglos über Tagesprobleme und geben ihr Ratschläge, wie sie sich am besten auf die Geburt vorbereiten kann. Viele Fragen muss sie beantworten. Ob denn schon ein Name gefunden sei? Ob sie sich ein Mädchen oder einen Jungen wünscht.«

Fast ängstlich klammern sie anfangs die Themen Arbeit und Hausbau aus, bis Frau Vogel schließlich das Tabu bricht und fragt: »Weshalb gehen Sie eigentlich so kurz vor der Entbindung? Dadurch haben Sie doch nur Nachteile?«

 Gespannt blicken die anderen auf Rita.

»Na ja«, antwortet die zögernd. »Wir ziehen doch nun bald in unser Haus ein. Da gibt es viel Arbeit und nach der Geburt will ich mich wenigstens ein Jahr lang selbst um mein Kind kümmern.«

»Und später? Werden sie da wieder bei uns arbeiten?«, fragt eine der Frauen, von der Rita weiß, dass sie Mitglied des Betriebsrats ist.

»Ich glaube nicht, dass ich mit dem kleinen Kind eine Chance haben werde. Obwohl, ein bisschen hoffe ich schon darauf.«

»Darauf hätten sie aber ein Anrecht! Wenn sie allerdings vorher freiwillig ausscheiden, dann nicht mehr«, schränkt die Frau ein.

»Recht haben, das ist ja ganz gut und schön«, kommentiert Frau Stein. »Warum ist dann bisher von den jungen Frauen nach der Entbindung niemand wieder eingestellt worden? Oder kennen Sie eine?« Sie erhält keine Antwort. Alle wissen ja, dass es nicht so ist.

Die Neue meldet sich überraschend zu Wort: »Ich schaffe mir kein Kind an. Nein, das Risiko gehe ich gar nicht ein. Seit zwei Jahren sitze ich nun schon zu Hause. Das ist doch kein Leben. Jetzt hoffe ich, dass ich hier länger bleiben kann. Kinder passen heute nicht mehr in die Welt. Sie kosten Geld und man hat nur Nachteile. Den Staat interessieren sie nicht, es gibt schon genug Arbeitslose, er zahlt dir ein paar Mark, fertig. In der Firma sehen sie es auch nicht gern. Es könnte ja mal krank werden, dann fällst du aus. Dagegen müssen wir uns wehren. Und das können wir am besten, wenn wir uns keine Kinder mehr anschaffen. Ist es nicht so?«

Es entsteht eine peinliche Pause. Rita ist bei diesen Worten rot geworden. Sie spürt den Vorwurf: ‚Bist selber schuld, warum schaffst du dir ein Kind an’. Frau Vogel, die selbst zwei Kinder hat, jedoch schon erwachsen und selbständig, nimmt Rita in Schutz.

»Was Sie da sagen Gabi, das ist unpassend und egoistisch!«, weist sie die Neue zurecht. »Familien ohne Kinder sind wie unfruchtbare Pflanzen, nur noch um ihrer selbst Willen da. Na ja, Sie sind noch jung. Die Jugend ist sehr schnell mit ihrem Urteil«, mildert sie den Vorwurf. »So denkt sicher auch nur eine Minderheit. Ich bin sicher, auch Sie werden einmal eine glückliche Mutter sein.«
So reden sie noch eine Zeit lang. Dann verabschieden sie sich, jedoch nicht, ohne Rita alles Gute zu wünschen und sie einzuladen, ihnen ihr Baby zu zeigen. Ein bisschen komisch ist Rita schon zumute, jetzt, wo es endgültig ist. In der Verwaltung kann sie sich ihre Papiere abholen, auch eine Beurteilung liegt bereit. Herrn Westermann sieht sie nicht mehr.

5. Kapitel

Aufregung herrscht bei den Beschäftigten der Firma Holzig. In diesem Monat kann das erste Mal seit deren Bestehen kein Lohn gezahlt werden. Heute hat sich der Chef auf der Baustelle angesagt. Er will sie über die Lage unterrichten, haben sie gehört.

»Na, der soll nur kommen! Der kann sich auf was gefasst machen!«, brüstet sich Rolf.

»Warte doch erst einmal ab, was Holzig sagen wird«, versucht Werner dessen Erregung zu dämpfen.

»Bisher hat er sich doch immer ganz fair verhalten«. Horst bleibt stumm. Ihn plagt sein schlechtes Gewissen wegen der immer noch nicht voll bezahlten Rechnung. Gegen Mittag, seine Arbeiter machen gerade Pause, kommt Holzig auf die Baustelle. Er begrüßt sie knapp, zögert, scheint zu überlegen, wie er es ihnen sagen soll.

»Ich weiß, dass ihr euren Lohn haben wollt. Verdammt, ich möchte ja zahlen«, platzt er schließlich heraus. »Aber in diesem Monat sind die Außenstände so angestiegen, dass mir einfach nicht genügend Geld zur Verfügung steht. Meine Rechnungen werden gekürzt, oder gar nicht bezahlt.«
Bei diesen Worten blickt er zu Horst, der sofort puterrot anläuft. »Wenn es mir in diesem Monat nicht gelingt, die offenen Forderungen einzutreiben und neue Aufträge zu beschaffen, komme ich um Kurzarbeit und Entlassungen nicht herum. Wer von sich aus gehen will, den halte ich nicht!«

»Und? Wie stehen die Chancen?«, stellt Werner die alle interessierende Frage.

»Ich gehe davon aus, dass alles gut geht. Dann zahle ich euch den Lohn nach, klar!«, schließt Holzig in zweckoptimistischem Ton. Ohne sich auf weitere Diskussionen einzulassen, steigt er danach in seinen Rover und fährt weg.

Lange Zeit herrscht bedrückende Stille, der Schock sitzt tief. Schließlich steht der Polier auf, nickt und sagt: »Na gut, ich denke, einen Monat können wir das verkraften. Das Schlimmste wäre für uns, wenn die Firma ganz den Bach runter ginge.« Keiner widerspricht ihm. Auch Rolf, der anfangs so aggressiv war, bleibt still. Sie wissen nur zu gut, wie recht er hat. Eine andere Arbeit würden sie nicht so schnell finden.
‚Wie soll ich denn nun die Raten für die Bank und den Baumarkt aufbringen?’, sinniert Horst sorgenvoll. ‚Ja, wenn die Abfindung käme, die Rita versprochen wurde, da hätten wir eine Chance, da könnten wir es packen. Wenn nicht, weiß ich auch nicht, wie es weiter gehen soll.’

»So eine Scheiße!«, flucht er unbeherrscht, als er mit Rolf und Werner wieder allein ist. »Da schuften wir den ganzen Monat wie die Ochsen, und nun kucken wir in die Röhre; weil der Mist gebaut hat.«

»Ich glaube nicht, dass wir Holzig dafür allein verantwortlich machen können«, bemerkt Werner sachlich. »Es stimmt doch, dass Rechnungen ganz willkürlich gekürzt, oder auch gar nicht bezahlt werden. Im schlimmsten Fall, wenn Holzig tatsächlich Pleite gehen sollte, erhalten wir ja bis zu drei Monaten Konkursausfallgeld vom Arbeitsamt«, versucht er Optimismus zu verbreiten.

»Richtig!«, unterstützt ihn Rolf. »Solange sind wir abgesichert. Man hat ja auch noch ein paar Rücklagen.«

‚Die haben gut reden!’, sagt sich Horst. ‚Ich habe die nicht.’

Doch das Glück ist ihm wieder einmal hold. Als er am Abend nach Hause kommt, erwartet ihn Rita mit strahlendem Gesicht, fällt ihm um den Hals.

»Haben wir im Lotto gewonnen?«, fragt Horst verwundert, weil er sich ihre aufgekratzte Stimmung nicht erklären kann.

»Haben wir nicht«, antwortet sie. »Aber, als ich heute die Kontoauszüge geholt habe, sah ich, dass meine Abfindung eingegangen ist. Und die Bank, die hat uns geschrieben, dass die Zuteilung aus dem Bausparvertrag in Kürze erfolgt, wir dann sofort darüber verfügen können. Das ist doch auch fast wie ein Treffer im Lotto, oder?«

Horst setzt sich erst einmal. Nach all den negativen Erlebnissen kann er sich über diese positiven Nachrichten gar nicht richtig freuen. Erst allmählich entspannt er sich.

»Deine Abfindung ist da? Das Geld aus dem Bausparvertrag wird frei? Ja, da können wir doch einen großen Teil von dem teuren Überbrückungskredit ablösen. Gott sei Dank!« Horst atmet auf. »Das ist die Rettung.« Sie fallen sich in die Arme, Tränen kullern, Freudentränen diesmal. Eine schwere Last ist ihnen von den Schultern genommen.

»Ich habe mich gar nicht getraut, dir zu sagen, dass Holzig in diesem Monat keinen Lohn zahlen kann«, gesteht Horst. »Aber nun kommen wir ja darüber hinweg.« Besorgt beobachtet er, wie Rita die Nachricht aufnimmt. Doch die ist voller Zuversicht und bei bester Laune.

»Mensch Horst, das überstehen wir auch noch! Hauptsache im nächsten Monat zahlt er wieder.«

»Nachzahlen will er ja, das hat er uns versprochen - wenn er Geld hat.«

»Wie ernst die Situation in der Firma wirklich ist, das werde ich ihr nicht sagen’, nimmt er sich vor. »Das belastet sie unnötig; und ändern würde sich dadurch auch nichts.« So trägt er allein an dem bitteren Wissen.

Zeit ist ins Land gegangen. Der Einzug steht bevor. In dieser Nacht findet Rita keine Ruhe. Sie wälzt sich in ihrem Bett, wacht immer wieder auf. Schwere Träume plagen sie. Ständig sucht sie etwas, kann es nicht finden, gerät in Panik. Schweißgebadet erwacht sie, begreift erleichtert, dass alles nur ein Traum war, atmet auf.

Horst schläft noch ruhig und tief, schnarcht leise. Rita spürt jetzt immer deutlicher, wie das neue Leben in ihrem Leib strampelt und boxt. Sie liebt diese frühen Stunden, in denen sich die Natur auf den neuen Tag vorbereitet, und heute ist ja ein ganz besonderer Tag.

Endlich können wir unser Haus beziehen!’, freut sie sich. ‚So lange haben wir schon auf diesen Tag gewartet.’ Nun, da es soweit ist, scheint die Zeit rasch vergangen zu sein.

Horst räkelt sich, blinzelt verschlafen, richtet sich halb auf und beugt sich zu ihr herüber. Er rückt näher, fühlt unter der Bettdecke nach ihr, legt seine Hand auf ihren gewölbten Leib. »Das strampelt aber schon ganz schön«, stellt er fest. »Freust du dich darauf?«, fragt er lächelnd. Rita sagt kein Wort, doch in ihren strahlenden Augen kann er die Antwort lesen.

»Nu aber raus!«, kommandiert er und springt als erster aus dem Bett. Sie hört ihn unter der Dusche schnaufen und prusten. Kurz drauf poltert es. Fluchend und auf einem Bein hüpfend, die Zehen des anderen Fußes massierend, kommt Horst wieder ins Schlafzimmer. Er ist über einen der herumstehenden Körbe gestolpert, die schon für den Umzug bereit stehen.

Rita richtet sich mühsam auf, kann das Lachen kaum unterdrücken, wendet sich ab, damit er ihr Gesicht nicht sehen kann.

Später lässt sie es sich nicht nehmen, die kleineren Stücke des Hausrats selbst herbeizuholen und zu verstauen. Was dabei alles zum Vorschein kommt! Die täglich benutzten Sachen. Auch diejenigen, die sie schon kurz nach dem Kauf ganz hinten in eines der Schrankfächer verbannt hatte. Manches davon sortiert sie aus. Das meiste aber packt sie nach zögerlichem Überlegen doch ein. ‚Wir haben ja Platz in dem Haus’, tröstet sie sich jedes Mal, wenn sie sich wieder von einem Stück nicht trennen kann. Endlich ist alles zu ihrer Zufriedenheit verpackt.

»Hier ist es nun aber gar nicht mehr gemütlich«, meint Horst, als sie verloren inmitten der bereitgestellten Sachen sitzen und auf den Möbelwagen warten. »Den Keller; den muss ich auch noch ausräumen«, überlegt er laut.

»Das hat doch noch Zeit«, tröstet ihn Rita. »Hoffentlich geht nichts zu Bruch«, sorgt sie sich. Noch einmal sieht sie die Körbe und Kisten durch, polstert hier etwas mit einem Tuch ab, rückt dort etwas zurecht. Schließlich ist nichts mehr zu tun. Unruhig läuft sie im Wohnzimmer hin und her, blickt aus dem Fenster.

»Der müsste doch bald komm?«, fragt sie, mehr sich selbst, als Horst. Der hat bereits damit begonnen, Teile, die er allein bewältigen kann, nach unten zu bringen und vor die Tür zu stellen. Alle Ungeduld ist umsonst. Pünktlich zur verabredeten Zeit fährt ein riesiger, mit bunten Reklameschriften bedeckter, kastenförmiger Möbelwagen vor. Der Fahrer und zwei Packer, mit Figuren wie Schwerathleten, nehmen sich der Sachen an, lehnen Hilfe höflich ab. Es dauert nicht einmal eine volle Stunde, bis alles gewissenhaft in dem geräumigen Transporter verladen ist. Auch Rita ist beruhigt, nachdem sie sich davon überzeugt hat, dass alles fachgerecht verstaut wurde.

In dem neuen Haus sind zwar noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen, doch damit können sie leben. Die Küche und das Bad im Erdgeschoss sind die einzigen komplett eingerichteten Räume. Im Wohnzimmer fehlt die Auslegeware. Die Diele muss noch tapeziert, das Bad im Obergeschoss gefliest werden. Nackte Lampenfassungen hängen als Provisorien von der Decke.

Rita geht mit Horst von Zimmer zu Zimmer und gibt Anweisung, wo was abgestellt werden soll. Geduldig hört der zu. Endlich erklingt, erst in der Ferne, dann immer näher, das rasselnde Motorengeräusch des sich langsam den Berg herauf quälenden Möbelwagens. Fünfzig Meter vor der Einfahrt bleibt er mit einem Ächzer stehen. Der Fahrer klettert aus seiner Kabine und kommt zum Haus. Bedenklich wiegt er seinen Kopf.

»Ein Glück, dass es nicht geregnet hat, sonst wäre ich gar nicht bis hierher gekommen«, stellt er fest.
Horst versucht, sich zu rechtfertigen. »Eigentlich sollte die Zufahrt schon fertig sein, aber die von der Stadt, die haben wahrscheinlich geschlafen.«

Der Fahrer hat sich inzwischen auch mit dem Weg auf dem Grundstück vertraut gemacht. »Hier ist es aber auch nicht viel besser«, bemerkt er. »Also, bis zum Haus kann ich nicht fahren! Da sinke ich ein und komme nicht wieder raus. Wir werden die Sachen ein paar Meter tragen müssen.« Horst hatte ja auch schon so seine Bedenken, ist deshalb mit dem, was der Fahrer vorschlägt, zufrieden.

Rita, die sich am Hauseingang postiert hat, dirigiert die Männer, die die schweren Teile heran schleppen, greift manchmal selbst mit zu. Horst ist so beschäftigt, dass er ihr die Regie gern überlässt. Alles geht erstaunlich schnell und reibungslos. Nachdem die schweren Stücke im Haus sind, legen sie eine Pause ein, setzen sich an den Campingtisch, der draußen vor der Türe steht. Dankend nehmen die Männer den angebotenen Kaffee entgegen.

Horst hat sich zu ihnen gesetzt. Plötzlich beschleicht ihn ein merkwürdig ängstliches Gefühl, veranlasst ihn, sich umzudrehen, zum Hauseingang zu blicken. Er erschrickt! Rita sitzt zusammengekrümmt auf der Treppe, hält sich den Bauch, ihr Gesicht ist schmerzverzerrt.

»Um Gottes Willen, was ist mit dir?« Horst springt auf und eilt zu ihr. Rita hechelt nach Luft, kann kein Wort sagen, blickt ihn Hilfe suchend an. »Sie braucht einen Arzt!«, ruft er den Männern zu.

»Ich habe ein Handy!«, antwortet der Fahrer und wählt bereits die Nummer des Rettungsdienstes. Es vergehen nicht einmal zehn Minuten, bis der Wagen des Notarztes mit blinkendem Blaulicht eintrifft. Kurz darauf folgt ein Krankenwagen. Rita wird auf die Trage gelegt und nach einer ersten Untersuchung in den Krankenwagen geschoben. Horst will mit einsteigen, doch sie winkt ab.

»Bleib du hier beim Haus. Mir kannst du jetzt nicht helfen. Ich komme schon allein zurecht«, sagt sie noch, dann wird die Tür hinter ihr geschlossen.

‚Stimmt!’, muss Horst zugeben.

»Wohin bringt ihr sie?«, fragt er den Fahrer. Der gibt ihm Bescheid, dann heult der Motor auf und die Autos verschwinden. Ihm bleibt nichts anderes übrig, er muss nun selbst entscheiden, wohin die Sachen gebracht werden sollen. Die Drei von der Spedition bemühen sich sehr, doch die Zeit sitzt ihnen im Nacken. Bald sind auch die letzten Kisten im Haus. Horst setzt sich erschöpft auf eine davon, überlegt, was er jetzt tun soll...

‚Ich habe doch keine Ruhe, werde in die Klinik fahren und mich erkundigen, wie es Rita geht’, beschließt er.

Rita liegt in einem dieser hellen, modernen, aber unpersönlichen und nach Desinfektionsmittel riechenden, sterilen Zimmer. Sie lächelt schon wieder. Mit: »Halb so schlimm!«, empfängt sie ihn. »Der Arzt hat gesagt, ich hätte mir eine Zerrung zugezogen. Aber, es ist noch einmal gut gegangen. Sie wollen mich trotzdem für zwei Tage zur Beobachtung hier behalten.«

Horst atmet erleichtert auf. Er hatte sich Vorwürfe gemacht.

»Habt ihr denn auch alles untergebracht?«, erkundigt sich Rita.

»Na klar! Aber es sieht noch chaotisch aus. Ich werde heute erst einmal versuchen, wenigstens das Schlafzimmer soweit einzurichten, dass wir darin schlafen können - wenn du wieder nach Hause kommst. Du brauchst bestimmt Ruhe. Ich schaffe das schon. Die Hauptsache ist, dass du bald wieder gesund wirst.«

Rita gibt ihm noch einige Hinweise, die er beachten soll, wenn er die Sachen auspackt. Horst nickt, ist jedoch gar nicht in der Verfassung, sich das alles zu merken. Nach einer Stunde verabschiedet er sich, glücklich darüber, dass nichts Schlimmeres passiert ist.

Frau Holzig erschrickt, als sie ins Büro kommt und ihren Mann, ganz gegen seine Gewohnheit, mit in die Hände gestütztem Kopf, apathisch hinter seinem Schreibtisch sitzen sieht. Sie ahnt den Grund. Seitdem sie erfahren haben, dass das neue Projekt „Wohnpark“, an einen Konkurrenten vergeben wurde, quälen ihn schwere Sorgen. Für das Angebot hatten sie so viel Aufwand betrieben, darauf all ihre Hoffnung gesetzt. Nun ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt.

Holzig hat seine Frau gar nicht bemerkt, so tief ist er in Gedanken versunken. Verzweifelt sucht er nach einem Ausweg. ‚Ich muss noch einmal mit denen von der Bank verhandeln’, nimmt er sich vor. ‚Vielleicht erhöhen sie unseren Kredit doch noch.’ An diese Hoffnung klammert er sich.

Erst als Rita neben ihn tritt und ihre Hand auf seine Schulter legt, schreckt er hoch. »Ich halte das nicht mehr aus!«, stöhnt er. »Ich schmeiß den ganzen Bettel in die Ecke und nagle die Türe zu. Dann soll doch werden, was will!«, stöhnt er. Seine Stimme zittert. So verzweifelt hat sie ihn noch nie gesehen.

»Nun mache keine Panik! Wir finden schon einen Weg. Bisher ist uns das doch immer gelungen!« Damit versucht sie ihm Mut zuzusprechen. Holzig zwingt sich zu einem Lächeln, was ein wenig kläglich ausfällt. Immerhin hat sie ihn aus seiner Lethargie gerissen. Er nimmt den Hörer und wählt die Nummer der Bank.

Beim ersten Anruf fällt es ihm noch nicht auf. Als aber auch bei seinen weiteren Anrufen der Filialleiter nicht zu sprechen ist, beschleicht ihn eine unangenehme Ahnung. ‚Die wollen gar nicht mehr mit mir reden, na klar! Sie haben schon beim letzten Gespräch jede weitere Erhöhung des Kredites abgelehnt.

Nun fehlt nur noch, dass sie uns den ganz aufkündigen.’

Noch einmal überrechnen sie gemeinsam den Zahlungsplan für den laufenden Monat. Wie sie auch jonglieren, er geht nicht auf.

»Diesmal ist es aussichtslos«, stellt Holzig deprimiert fest.»Wir müssen sofort alle Zahlungen kürzen und für den Lohn langt es wieder nicht.«

»Das wird noch nicht reichen«, schätzt seine Frau ein. »Uns fehlen ja auch die Folgeaufträge.

»Du hast recht!«, stimmt ihr Holzig zu. »Die Einnahmen aus den laufenden Objekten decken die Kosten nicht mehr.« Noch einmal gehen sie Position für Position durch. Es bleibt ihnen nur eine einzige schnelle Lösung...

»Wir müssen wenigstens sechs der Arbeiter entlassen, oder siehst du einen andern Ausweg?«, fragt er seine Frau.

Die schüttelt den Kopf. »Es ist schlimm für die Leute. Sie sind alle von Anfang an dabei, haben großen Anteil daran, dass wir soweit gekommen sind.«

»Natürlich ist es schlimm! In mir sträubt sich auch alles dagegen. Aber wenn die Firma zusammenbricht, dann betrifft es nicht nur die sechs, es betrifft alle. Und was wird dann aus uns? Wir bekommen ja nicht einmal Geld vom Arbeitsamt.«

»Zum Glück haben wir ein paar Mark zurückgelegt. Damit können wir uns eine ganze Zeit über Wasser halten«, beruhigt ihn seine Frau.

Jeder hängt seinen Gedanken nach, dann rafft sich Holzig auf.

»Es bleibt mir gar nichts anderes übrig. Ich muss handeln, bevor alles aus dem Ruder läuft, habe schon zu lange gezögert. Diese verdammte Leutseligkeit, die uns von früher noch anhängt, die schadet heute nur. Wir leben jetzt in einer Wolfsgesellschaft, Marktwirtschaft nennen sie das. Das Prinzip ist einfach und brutal: Der Stärkere frisst den Schwächeren. Er wird selbst gefressen, sobald er Schwäche zeigt. Für Moral und Solidarität ist da kein Platz mehr!«

Sie einigen sich darauf, dass sie vorerst fünf Arbeitern kündigen.

»Du solltest auch mit den Gläubigern verhandeln«, schlägt seine Frau vor. »Denen machst du klar: Wenn die auf Zahlung bestehen, dann droht uns der Konkurs und sie verlieren alles! Das wird ihnen bestimmt einleuchten«.

»Gute Idee!«, lobt Holzig seine Frau. »Und denen, die zustimmen, zahlen wir wenigstens einen Teil des fälligen Rechnungsbetrages - wenn sie auf den Rest ihrer Forderungen verzichten.«

»Das ist der Weg aus der Patsche.« Damit versucht seine Frau ihm wieder Mut zu machen. Und tatsächlich, durch diesen Funken Zuversicht in Finsternis und Hoffnungslosigkeit kehrt sein Mut zurück.

»Die fünf Kündigungen kannst du schon schreiben, ich fahre morgen raus auf die Baustelle und rede mit den Leuten.«

»Und, wie geht es dir?«, fragt Horst besorgt, als seine Gattin, von einer Schwester begleitet, aus der Klinik kommt.

»Ist alles wieder gut«, verkündet Rita in optimistischem Ton und fällt ihm um den Hals.

»Es sollte Ihnen aber eine Warnung sein!«, mahnt die Schwester.

»Ich passe jetzt besser auf«, verspricht Rita und verabschiedet sich von ihr mit freundlichen Worten.
Nachdem Horst das Gepäck zu Hause im Flur abgestellt hat, nehmen beide erst einmal in der Küche Platz. Ein wenig vornüber gebeugt, die Hände über ihren vorgewölbten, runden Bauch gefaltet, sitzt Rita mit gespreizten Beinen auf einem Hocker.

»Hier ist es doch schon richtig gemütlich«, stellt sie anerkennend und zufrieden lächelnd fest. »Das hast du prima gemacht.«
Horst nimmt einen Brief, der bisher unbeachtet auf dem Küchentisch lag, und reicht ihn Rita. »Du, der ist vom Arbeitsamt. Ich habe ihn noch nicht geöffnet, weil er an dich adressiert ist.«

Rita nimmt das Kuvert. »Vom Arbeitsamt? Tatsächlich!«, bestätigt sie, betrachtet es misstrauisch. Ein unangenehmes Gefühl hat sie beschlichen. Sie legt den Brief unschlüssig auf den Tisch zurück. »Ist es eine gute Nachricht, so ist die auch später noch gut. Ist sie aber schlecht, so erfahre ich sie noch früh genug«, rechtfertigt sie ihr Zögern. »Den lassen wir noch eine Weile liegen.«

Horst wundert sich darüber, denn er kennt ihre Neugier.

»Ich sehe mir erst einmal die Zimmer an, bin neugierig, wie weit du gekommen bist.« Ohne seine Antwort abzuwarten schlurft sie aus der Küche. Das Schlafzimmer hat Horst mit den vorhandenen Möbeln eingerichtet. Die Betten sind bezogen, sogar die Stores hat er angebracht. Gespannt wartet er darauf, was Rita dazu sagen wird...

»Unser Schlafzimmer ist ja schon fast komplett«, stellt die erstaunt fest. »Aber, einiges werden wir noch kaufen müssen. Andere Lampen wären auch....« Mitten im Satz verstummt sie. »Machen wir, wenn wir dafür Geld haben.«

Sie gehen von Zimmer zu Zimmer, besprechen, was als nächstes zu tun ist. Die Auslegware für das Wohnzimmer muss sein, darüber sind sie sich einig. Im Kinderzimmer muss vorläufig das Babybettchen und ein Schrank genügen. Auf den Wickeltisch verzichtet Rita schweren Herzens. Schließlich ist alles begutachtet und sie sitzen wieder in der Küche.

»Nun sieh doch endlich nach, was in dem Brief steht!«, fordert Rolf. Er ist selbst neugierig und ungeduldig.
Also nimmt Rita den erneut zur Hand und öffnet das Kuvert, wie sie es immer macht, mit einem spitzen Küchenmesser. Horst beobachtet sie, während sie liest. Er sieht, dass sie blass wird. Auch an ihrer sich verändernden Mimik kann er ablesen, dass es sich um eine ungute Nachricht handeln muss.

»Weißt du, was die mir schreiben?«, fragt Rita aufgeregt, obwohl er das gar nicht wissen kann. Sie erwartet ja auch gar keine Antwort von ihm. »Die wollen meine Abfindung auf das Arbeitslosengeld anrechnen, so eine Gemeinheit. Das gibt es doch gar nicht! Das würde bedeuten...«, Rita zögert..., »dass ich monatelang überhaupt kein Geld vom Arbeitsamt erhalte, vielleicht sogar bereits empfangenes Geld zurück zahlen muss. Rita regt sich so auf, dass ihr Gesicht puterrot anläuft. Sie kann nicht mehr ruhig sitzen bleiben, geht unruhig in der Küche hin und her.

Horst sagt erschreckt: »Rege dich nicht so auf. Wir werden Widerspruch einlegen, klar. Was hat deine Abfindung mit deinem Arbeitslosengeld zu tun? Ich gehe gleich morgen hin und kläre das. Mache dir erst einmal keine Sorgen«, versucht er sie zu beruhigen. Rita nickt, setzt sich wieder.

»Hast ja recht, ich schade nur dem Kind, wenn ich mich so aufrege. Du gehst hin und klärst das?« Hoffnungsvoll blickt sie Horst an.

»Es ist bestimmt ein Irrtum!« Damit trösten sie sich.
Trotz aller Mahnungen kann Horst nicht erreichen, dass Rita sitzen bleibt. Sie ordnet hier etwas, wischt da ein Regal sauber, räumt einige Schieber anders ein, schlurft durch die Zimmer, betrachtet die herrliche Aussicht, ist dann längere Zeit im Bad verschwunden.
Horst quälen düstere Gedanken. »Wenn die das wahr machen und die Abfindung gegen das Arbeitslosengeld verrechnen, kommen wir nicht mehr zurecht. Es fehlt nur noch, dass Holzig Pleite macht und ich meinen Job verliere. Na dann gute Nacht.« Entsetzt über die Folgen, die sich daraus ergeben würden, versucht er diese Gedanken erst einmal zu verdrängen.
Seitdem Holzig bei seinem Besuch auf der Baustelle angedeutet hatte, dass er zu Entlassungen gezwungen sein könnte, geht Rolf diese Drohung nicht mehr aus dem Sinn.

»Ich muss darüber reden«, sagt er zu Werner und sie verabreden sich nach Feierabend in der Kneipe „Zum Zapfen“ auf ein Bier. Der Tisch, abseits in einer Ecke des Gastraums, ist ihnen gerade recht. Was sie bereden wollen, muss ja nicht jeder hören. Kaum haben sie Platz genommen, kommt die hübsche, adrett gekleidete Kellnerin freundlich lächelnd zu ihnen und reicht jedem eine der in Leder gebundenen braunen Speisenkarten. Sie erkundigt sich höflich nach ihren Wünschen.
Rolf kann es nicht lassen, mit ihr zu schäkern. »Ich bin enttäuscht, Fräulein. Das, was ich von ihnen gerne möchte, das steht doch gar nicht in der Karte.« Die Kellnerin, scheinbar an solche Bemerkungen gewöhnt, lächelt nur.

»Na, dann bringen sie uns erst einmal zwei große Blonde.«

»Recht gemütlich!«, lautet das Urteil von Werner, nachdem er sich umgesehen hat. Die Vitrine neben der Theke, in der der Wirt seine Pfeifensammlung ausstellt, erweckt sein Interesse. »Toll«, findet er. »Da sind ein paar ganz wertvolle Stücke darunter. Ich habe früher auch einmal Pfeife geraucht«, verrät er.

»Jugendsünden!«, fügt er entschuldigend hinzu.
Die Kellnerin kommt und stellt die schaumgekrönten Gläser auf den Tisch.

»Na dann prost!« Werner erhebt sein Glas und trinkt es in langen, gierigen Zügen leer. Rolf tut es im nach. Entspannt lehnen sie sich zurück. Auf diesen Moment hatten sie sich den ganzen Tag gefreut.

»Meinst du, Holzig hat es tatsächlich ernst gemeint - letztens? Wird der wirklich entlassen?«, damit nimmt Rolf das Thema auf, das ihm so am Herzen liegt.

»Er scheint in finanziellen Schwierigkeiten zu stecken. Ist ja nichts Ungewöhnliches - heute. Den meisten Baubetrieben geht es schlecht«, weicht Werner einer direkten Antwort aus.
Rolf blickt sorgenvoll. »Hier in der Umgebung wird es schwer sein, eine andere, einigermaßen gut bezahlte Arbeit zu finden. Ich habe mich schon einmal umgehört. Die Chancen sind gering. Wäre es für uns schon schlimm, arbeitslos zu werden; viel schlimmer würde es für Horst und seine Frau. Die mit ihrem Bau. Sie rechnen doch schon jetzt mit jedem Pfennig.« Werner nickt.

»Ich befürchte sogar, dass er, wenn Holzig wirklich entlassen muss, zu den ersten gehören wird. Er hat mal angedeutet, dass es wegen einer Rechnung mit dem Chef mächtig Zoff gegeben hat.«

»Dann tritt das ein, vor dem wir gewarnt haben. Das Geld geht ihnen aus.«, unkt Rolf.
Werner versucht seine Bedenken abzuschwächen. »Ich sehe das nicht so kritisch. Horst ist wendig, der findet sicher einen Weg.«

»In seiner Haut möchte ich trotzdem nicht stecken. Er verdient nur noch allein, seine Frau ist bereits arbeitslos. Ich überlege, wie ich ihm unter die Arme greifen könnte? Horst ist doch ein prima Kumpel, da kann ich nicht so einfach zusehen, wie der untergeht. Ihm verdanke ich schließlich, dass ich heute noch gesund bin und arbeiten kann. Nur weil Horst bei meinem Unfall damals so beherzt und ohne Rücksicht auf sich selbst gehandelt hat, bin ich noch mal glimpflich davon gekommen - bis auf die zwei Zehen. Ich glaube, sonst hätte ich beide Beine verloren.«

»Davon habe ich gehört. Willst du ihn mit Geld, ich meine mit einem Darlehn, unterstützen?«

»Genau! Daran habe ich gedacht. Jedenfalls brauche ich bei dem keine Angst zu haben, dass der es nicht zurückzahlt.«

»Das will trotzdem gut überlegt sein. Zumindest eine Sicherheit solltest du verlangen. An welchen Betrag hast du denn gedacht?«

»Na ja«, Rolf zögert... »Sehr viel habe ich auch nicht, und alles kann ich ihm nicht geben. Aber so an die zwanzigtausend könnte ich ihm borgen. Es ist das Geld, das wir für unser neues Auto gespart haben. Doch die Summe wird ihm vielleicht gar nicht sehr helfen? Was meinst du?«

Werner ist so beeindruckt, dass er Mühe hat zu verbergen, dass ihm Wasser in die Augen steigt.

»Richtig! Zwanzigtausend sind sicher nicht genug.« Er überlegt, ringt mit sich, möchte nicht zurückstehen. »Und wenn ich die gleiche Summe dazugebe? Das würde ihm bestimmt Luft verschaffen.«
Nun ist Rolf sprachlos, blickt ihn mit offen stehendem Mund an. »Das würdest du machen? Das hätte ich nie erwartet!« Rolf schüttelt immer noch fassungslos staunend seinen Kopf. »Das wäre dann bestimmt eine echte Hilfe - bestimmt!« Eine Zeitlang schweigen sie, denken über den Vorschlag nach.

»Wenn er die Zinsen zahlt, die wir jetzt für unser Geld bekommen, büßen wir ja nichts ein, und den beiden nimmt es die größten Sorgen«, meint Werner nach einiger Zeit. »Aber, warten wir erst einmal ab, wie sich die Sache entwickelt.

Wenn es ernst wird und sie in Not kommen, bieten wir ihm das Darlehn an. Aber nur dann! Einverstanden?«

»Natürlich bin ich einverstanden!« Rolf ist immer noch perplex. »Weißt du, dass du dich da beteiligen willst, das finde ich ganz toll. Bisher habe ich immer geglaubt, dass bei euch beim Geld die Freundschaft aufhört. Dass es Hilfsbereitschaft vor allem bei uns hier im Osten gibt, als eine positive Lebenserfahrung aus der Zeit vor der Wende. Ich muss meine Ansicht offenbar revidieren.«

»Das sind Vorbehalte, die du nie verallgemeinern solltest. Sie resultieren vor allem aus den negativen Berichten der Medien und natürlich aus dem Verhalten einiger Parasiten, die sich nach der Wende bei euch eingenistet hatten - als ihr noch zu gutgläubig wart.«

»Fräulein, lassen sie hier mal die Luft raus«, ruft Rolf der Kellnerin zu und schwenkt sein Glas. »Und bringen sie uns jedem einen Weißen«

»Wenn es hart auf hart kommen sollte, dann gehe ich nach Hessen zurück, obwohl es mir schwer fallen würde«, nimmt Werner das Thema wieder auf. »Ich habe mich hier gut eingelebt und mir gefällt eure Mentalität.«

»Nach dem Westen gehen? Nein, das kommt für mich nicht in Frage«, lehnt Horst diese Idee ab. »Bin ja auch vor neunzig nicht davongelaufen. Ich finde hier schon etwas«, spricht er sich selbst Mut zu. Horst nickt verständnisvoll. Das Wichtigste ist besprochen. Sie trinken noch ein Pils, schwatzen über die Fußballergebnisse und den nächsten Urlaub, schimpfen auf die unfähigen Politiker, dann zahlen sie und gehen nach Hause.

Als Holzig auf die Baustelle kommt und seine Leute zusammenruft, empfängt ihn betretenes Schweigen. Alle spüren, dass er keine guten Nachrichten bringt. Und tatsächlich ist das, was er ihnen zu sagen hat, alles andere als erfreulich. »Ich kann euch auch in diesem Monat keinen Lohn zahlen«, sagt er ohne Umschweife. »Die finanzielle Lage der Firma hat sich nicht gebessert. Uns fehlen Aufträge. Den Zuschlag für den Wohnpark haben wir nicht bekommen.«

»Und was wird mit dem Lohn vom letzten Monat?« Einer der Arbeiter hat erregt gefragt.

»Davon werde ich die Hälfte anweisen«, verspricht Holzig, obwohl er noch nicht weiß, woher er das Geld dafür hernehmen soll. »Mehr geht nicht.«. Die Leute murren, halten sich aber zurück. »Leider ist das nicht alles, was ich euch zu sagen habe. Ich komme nicht daran vorbei, fünf Mann zu entlassen - vorerst! Wenn sich die Lage verbessert, stelle ich sie sofort wieder ein«, versucht er abzuschwächen.

Dann kommt die schlimme Nachricht für Horst: »Glaubig, Sie sind dabei!«
Den trifft das wie ein Schlag. Kreidebleich stammelt er: »Sie wollen mich rausschmeißen? Einfach rausschmeißen? Ich bin von Anfang an dabei! War immer da, wenn es um die Firma ging! Meine persönlichen Belange, die habe ich zurück gestellt. Ist das der Dank dafür?«

»Ich kann es nicht ändern«, antwortet Holzig. Es soll abweisend klingen, doch seine Stimme zittert und in seinem Gesicht zuckt es. »Wenn ich das nicht mache, gefährde ich die Existenz der gesamten Firma.

Dann verlieren alle ihren Job.«

Horst denkt an die Folgen der Entlassung. Wut packt ihn und er faucht: »Sie haben gut gelernt, sind schon ein richtiger Kapitalist, der über Leichen geht, wenn es nur Nutzen bringt, die eigene Haut rettet!

Na, auf ihr Geld können sie da lange warten.«

»Gut, dass sie davon reden«, pariert Holzig, der nun selbst in Rage gerät. »Ihre Nachzahlung behalte ich ein, als Rate für den noch ausstehenden Betrag, und bis Monatsende sind sie beurlaubt.« Damit wendet er sich ab.

Das ist zuviel für Horst. Er ergreift eine der Schaufeln, die an der Wand lehnen und will sich auf Holzig stürzen, doch Werner tritt ihm in den Weg und entreißt ihm die Schaufel.

»Lass das!« Mit weit aufgerissenen, vor Wut verschleierten Augen starrt ihn Horst an. Dann besinnt er sich.

»Hast ja recht, es wird nur noch schlimmer«, sagt er und wendet sich resigniert ab. Stille!
Ein Geräusch veranlasst ihn, sich umzublicken. Holzig liegt am Boden. Seine rechte Hand hält er auf die Brust gepresst. Er ringt nach Luft, versucht mit verzerrtem, weit aufgerissenem Mund zu schreien...

Ohne zu zögern, eilt Horst zu dem sich am Boden Krümmenden. Auch Werner begreift schnell, kniet neben Holzig nieder und versucht ihn anzusprechen. Doch der reagiert schon nicht mehr, ist bewusstlos.

»Das könnte ein Herzinfarkt sein!«, vermutet Horst, der auf Grund seiner Ausbildung bei der Feuerwehr die Anzeichen deuten kann. »Wir brauchen schnell einen Arzt!«

Der Polier, der während der Auseinandersetzung etwas abseits gestanden hatte, greift zum Handy. Nachdem er mit der Rettungsleitstelle gesprochen hat, ruft er ihnen zu. »Wir sollen wir ihn beatmen und das Herz massieren!«

Horst kennt sich aus. Er legt Holzig auf den Rücken, biegt den Kopf des Bewusstlosen zurück, und bläst ihm seinen Atem in die Lunge. Fünfmal wiederholt er das, danach legt er ihm beide Hände auf den Brustkorb und stößt diesen rhythmisch nieder, so das Blut durch den Körper treibend.

‚Warum mache ich das überhaupt?’, fragt er sich, unterbricht aber seine Bemühungen nicht. Werner löst ihn ab. Gemeinsam überbrücken sie die Zeit, bis der Notarzt eintrifft und die weitere Behandlung übernimmt.

Der Polier hat inzwischen Frau Holzig verständigt.

»Ein Infarkt«, bestätigt der Notarzt und gibt Holzig eine Injektion. »Der Patient muss sofort ins Krankenhaus. Es besteht Lebensgefahr.«

»Wird er durchkommen?«, erkundigt sich Horst.

»Sie haben mit Ihrem beherzten Eingreifen das Schlimmste verhindert«, antwortet der Arzt anerkennend. »Jetzt werden wir unser Bestes tun.« In diesem Moment trifft der Rettungswagen auf der Baustelle ein.

Als Frau Holzig ankommt, ist bereits alles vorüber.

»Um Gottes Willen, was war denn?«, erkundigt sie sich aufgeregt. Tränen rinnen ihr übers Gesicht.

»Ihr Mann hatte wahrscheinlich einen Herzinfarkt, Frau Holzig«, antwortet der Polier. »Aber nun ist er ja in guten Händen«, versucht Werner sie zu beruhigen. »Hier, dem Glaubig hat ihr Mann zu verdanken, dass er überlebt hat«, fügt er hinzu und klopft Horst auf die Schulter.

Frau Holzig geht auf ihn zu, ergreift wortlos seine Hände, drückt sie kräftig. »Danke!« sagt sie tonlos.

»Vielen Dank für das, was Sie getan haben. Ich werde es Ihnen nicht vergessen.« Danach steigt sie in ihr Auto und verlässt die Baustelle.

Auch der Polier gibt ihm die Hand. »Mensch Horst, wie du dich verhalten hast, dass ist bewundernswert. Erst kündigt dir Holzig so brutal und trotzdem hast du ihm, als er in Not war, das Leben gerettet. Ich werde mit ihm reden, wenn er wieder gesund ist. Er wird ja nichts von alledem wissen. Der muss deine Entlassung zurück nehmen.« Auch die anderen zeigen ihm ihre Anerkennung.

»Warten wir es ab«, antwortet Horst skeptisch. »Jetzt bin ich erst einmal gefeuert. Da beißt die Maus keinen Faden ab.« Sie arbeiten weiter. Als der Feierabend kommt, verabschiedet sich Horst. Mit versteinertem Gesicht drückt er jedem noch einmal die Hand, dann fährt er nach Hause.

 

6. Kapitel

Rita ahnt, dass sich der Zeitpunkt der Geburt nähert. Ihr Leib hat sich gesenkt. Als Horst am Abend nach Hause kommt, spürt sie seine innere Anspannung deutlich, vermeidet aber jede Frage. Während sie in der Küche das Abendbrot zubereitet, bemerkt sie, dass er wieder die Flasche aus dem Schrank geholt hat und einige Glas von dem scharfen Hochprozentigen in sich hinein kippt.

‚Ich sage Rita nichts von meiner Entlassung’, hat er sich vorgenommen. ‚Weil, sie kann jetzt keine Aufregung brauchen’. Er greift zu einer Notlüge.

»Ich habe mir zwei Wochen Urlaub genommen. Bei dir wird es doch nun bald so weit sein. Da brauchst du doch jemanden, der sich um dich kümmert. Die Baustelle ist fertig und die neue wird erst in drei Wochen eingerichtet.«

Rita nickt, freut sich, doch sie ahnt, dass da noch etwas ist, was Horst ihr verschweigt. Das Wochenende nutzen sie, um die restlichen Kisten auszupacken. Sonntagmittag sitzt Rita in der Küche auf ihrem Hocker und schaut Horst zu, wie der sich als Koch betätigt, als sie ein erstes leichtes Ziehen spürt. Sie horcht in sich hinein. ‚Sind das die ersten Wehen?’ Das Ziehen lässt nach, beginnt nach einer Pause wieder, ist diesmal etwas stärker.

»Du, ich glaube, es ist soweit«, sagt sie zu Horst. »Ich bin mir aber noch nicht sicher.« Der reagiert ganz aufgeregt.

»Hast du schon Wehen? Soll ich den Krankenwagen rufen?«
Rita schüttelt ihren Kopf. »Nein, nein! Erst wenn die Wehen aller zwanzig Minuten kommen, dann fährst du mich in die Klinik.«

»Hast du auch alles eingepackt?«, vergewissert er sich besorgt. »Soll ich noch etwas besorgen? Ich werde vorsichtshalber unser Auto schon warm laufen lassen, damit dann auch alles klappt.« Er verlässt eilig die Küche, läuft aus dem Haus. Rita hört, wie er den Motor startet.
‚Nur gut, dass ich den Lehrgang besucht habe’, tröstet sie sich. ‚So weiß ich wenigstens, wie ich mich verhalten muss’.

Die Abstände der Wehen werden immer kürzer. »Nun ist es soweit«, sagt Rita schließlich. »Fährst du mich zur Klinik?«

»Soll ich nicht doch lieber ein Krankenauto rufen?« Rita bleibt ganz ruhig. »Nein, mach keine Panik. Es ist noch genügend Zeit.«

Vorsichtig geleitet er sie zum Auto. Den Sitz hat er schon ganz nach hinten geschoben, die Lehne zurückgestellt, so dass Rita ausreichenden Platz hat.

Es holpert auf der unebenen Zufahrt.  »...nicht so schnell«, bittet sie und hält sich ihren Bauch. Daraufhin schleicht Horst die Strecke bis zur asphaltierten Hauptstraße im Schritttempo, erst dann gibt er Gas.

Rita wird nach ihrer Anmeldung von einer Schwester, die ihr die Tasche abnimmt und beruhigend auf sie einredet, in Empfang genommen.

»Na dann... Wenn du wiederkommst, sind wir schon drei«, versucht Rita ihm den Abschied zu erleichtern.

»Ich drück dir die Daumen.« Horst nickt ihr aufmunternd zu.»Wird schon alles gut gehen. Soll ich hier warten?«

»Fahren Sie ruhig nach Hause«, antwortet an Ritas Stelle die Schwester. »Rufen Sie in zwei Stunden an; dann sind Sie vielleicht schon Vater!«

Horst nimmt Rita noch einmal in seine Arme und küsst sie zärtlich. »Alles Gute Rita, ich denk an dich!« Seine Augen werden feucht, er wendet sich verlegen ab, winkt ihr noch zu, als sie bereits durch die breite Flügeltür der Entbindungsstation geht. Mit einem ganz flauen Gefühl in der Magengegend bleibt Horst allein zurück.

Wieder zu Hause angekommen, findet er keine Ruhe. Er läuft durch die Zimmer, geht hinaus in den Garten, kommt wieder zurück, fängt etwas an und lässt es doch wieder sein. Er kocht sich einen Kaffee, trinkt einen Kognak. Es hilft nichts. Die Zeiger der Uhr scheinen angenagelt zu sein. Immer wieder malt er sich aus, wie es Rita jetzt grade ergehen mag. Endlich sind die zwei Stunden vergangen. Horst wählt die Nummer der Klinik, wird mit der Station verbunden.

»Nein, Herr Glaubig, es ist noch nicht soweit, leider!«, wird er enttäuscht. »Sie brauchen sich aber keine Sorgen zu machen. Es verläuft alles normal. Wir kümmern uns schon um Ihre Frau. Sie bekommt ja ihr erstes Kind, da dauert es meist etwas länger. Rufen Sie doch in einer Stunde noch einmal an, dann wird sie es wohl geschafft haben«, tröstet ihn die Schwester.

Obwohl sie schon aufgelegt hat, hält Horst den Hörer noch immer in der Hand, ist so aufgeregt, dass er das gar nicht bemerkt. Erst, als er weggeht und das Telefon fast vom Tisch herunterreißt, schrickt er auf.

»Trottel!«, beschimpft er sich und legt den Hörer auf.

‚Jeden Tag werden Kinder geboren. Rita ist in guten Händen. Ich kann sowieso nichts tun, als abzuwarten’, versucht er sich zu trösten. Er geht hinauf in das noch spartanisch eingerichtete Kinderzimmer.

‚Wie wird das sein, wenn unser Kind hier in dem kleinen Bettchen liegt?’ sinniert er. ‚Wird es ein Junge oder wird es ein Mädchen sein? Ach was, die Hauptsache ist doch, dass es gesund ist.’ Liebevoll berührt er die winzigen Jüppchen und Strampelhöschen, die Rita schon eingekauft hat, erst einmal in weiß. Eine Untersuchung, um das Geschlecht vorher zu bestimmen, hatte sie abgelehnt.

Noch bevor eine Stunde vergangen ist, greift er wieder zum Telefon und ruft in der Klinik an. Die Schwester erkennt seine Stimme sofort.

»Glückwunsch, Vater Glaubig!«, begrüßt sie ihn. »Gratuliere zu einem prächtigen Jungen.«

»Ist alles in Ordnung? Ich meine, sind beide gesund?«, fragt er mit banger Stimme.

»Kommen Sie doch einfach her und sehen Sie sich die beiden selber an, Herr Glaubig. Jetzt, wo alles zu einem glücklichen Ende gekommen ist, wird ihre Frau sicher auf Sie warten.«

»Gleich, ich komme gleich, hole nur noch ein paar Blumen, bin gleich da«, stammelt Horst und legt den Hörer ohne ein Dankeschön auf. Zu sehr ist er von der Nachricht berührt. Erst jetzt holt er den guten Anzug, den er ganz selten und dann nur zu feierlichen Anlässen trägt, aus dem Schrank. Obwohl er nicht abergläubisch ist, hatte er nicht gewagt das schon vorher zu tun. ‚Um das Schicksal nicht herauszufordern.’ Doch nun hat es Horst so eilig, dass er sich beim Anziehen verheddert. Nervös zerrt er am Hosengürtel, der irgendwie hängt, saust die Treppe hinunter, und knallt die Haustür hinter sich zu. Der Autoschlüssel klemmt wie zum Schur.  Endlich springt die Karre an. ‚Bleibe bloß ruhig, mein Junge, sonst baust du noch Mist!’, ruft er sich zur Ordnung. ‚Blumen gibt es vor der Klinik’, erinnert er sich. Es ist so. Vor dem Eingang steht eine freundlich lächelnde Verkäuferin, inmitten eines ganzen Blumenmeeres. ‚Was nimmt man zu so einem Anlass?’ Horst blickt ziemlich hilflos auf die bunte Pracht.

»Na, was gibt es denn für einen Anlass, junger Mann?«, fragt ihn die Blumenfrau, als sie seine Unentschlossenheit bemerkt.

»Ich bin Vater geworden, und nun besuche ich meine Frau.« Die Blumenfrau lächelt verständnisvoll, nimmt einen schönen, schon fertig gebundenen Strauß, hält den geschickt so, dass er ihn gut betrachten kann. »Na, wäre das nicht etwas für Sie?«

»Den nehme ich!«, antwortet der junge Vater kurz entschlossen. Rasch bezahlt er und eilt in die Klinik. Den Weg kennt er ja schon.

Am Eingang zur Entbindungsstation kommt ihm eine Schwester entgegen. »Zu wem wollen Sie denn, Herr...?«, wird er gefragt.

»Glaubig. Horst Glaubig! Meine Frau hat hier entbunden. Ich möchte die  beiden besuchen.«
Die Schwester bittet ihn, ihr zu folgen und dann vor einem großen Fenster zu warten. In dem dahinter liegenden Raum stehen Baby-Bettchen. Die Schwester kommt mit einem kleinen weißen Bündel zurück, in dem er nur ein winziges Gesicht und zwei noch winzigere Händchen erkennen kann.

»Sie dürfen Ihren Sohn heute wegen der Infektionsgefahr noch nicht anfassen, Herr Glaubig. Morgen ist das anders«, hört er die Schwester hinter der Scheibe sagen. Horst schwankt zwischen Glücksgefühl und Enttäuschung.

‚Der Kleine ist aber verhutzelt’, denkt er sich, sagt aber nichts. ‚Na ja, ist ja auch kaum eine Stunde alt. Sie sehen vielleicht alle so aus? Wenigstens in dem Alter.’

Die Schwester legt den kleinen Erik, für diesen Namen hatten sie sich entschieden, falls es ein Junge werden sollte, wieder in das Kinderbettchen zurück. Nun möchte Horst zu seiner Frau.

Rita liegt bleich, das Gesicht aufgeschwemmt, aber mit glücklich strahlendem Lächeln in ihrem Bett. Die Schwester nimmt Horst die Blumen ab, so kann er sich ans Bett setzen. In dieser Minute sind sie vollkommen glücklich und der Welt entrückt. Rita streckt ihre Arme aus und zieht Horst zu sich nieder. Er gibt ihr einen zärtlichen Kuss.

»War es schlimm?«, erkundigt sich Horst besorgt.

»Ja«, erwidert Rita. »Es war schon eine Tortur, aber nun ist es ja vorbei. Wir sind beide gesund. Gott sei Dank! Hast du den Kleinen schon gesehen? Ein ganz schöner Wonneproppen, nicht wahr?«

‚Ich kann ihr jetzt doch nicht sagen, dass ich bisschen was anderes erwartet hatte’, überlegt Horst. Rita bemerkt sein Zögern, ahnt seine Gedanken.

‚Die kleinen Kerle sehen anfangs alle noch ein bisschen schrumpelig aus. Das gibt sich in ein paar Tagen. Hast du gesehen, wie viel Haare Erik schon hat?’

Die Schwester hat inzwischen die Blumen in eine Vase gesetzt und stellt diese auf den Tisch, der an der Seite von Ritas Bett steht.

‚Sehen Sie doch, was für schöne Blumen Ihr Mann mitgebracht hat’, macht sie Rita aufmerksam. Die bemerkt den Strauß erst jetzt und wieder drückt sie ihn. Er bleibt noch eine halbe Stunde, in der sie über vieles, vor allem aber über ihren kleinen Sohn, reden. Als Horst bemerkt, dass es Rita anstrengt und sie müde wird, geht er wieder.

Zu Hause angekommen, greift er sich eine halbvolle Flasche Weinbrand und ein Glas. Viermal prostet er seinem Spiegelbild zu, das ihm aus der Glasscheibe der Schrankwand angrinst. Langsam spürt er, dass die Anspannung der letzten Stunden von ihm abfällt. ‚Nun sind wir endlich eine Familie’, denkt er zufrieden, bevor er in seinem bequemen Sessel in einen unruhigen Halbschlummer versinkt. Für den nächsten Tag hat er sich vorgenommen, das Versprechen, das er Rita gegeben hat, zu erfüllen und die Frage wegen ihrer Abfindung auf dem Arbeitsamt zu klären.

Sehr früh schon steht Horst vor dem Amt. Dessen Tür ist noch verschlossen, klar! Kopfschüttelnd betrachtet er den protzigen Glaspalast, der gleich nach der Wende entstanden ist. Die lassen sich die Arbeitslosen etwas kosten’, überlegt er. ‚Ich möchte mal wissen, wie viel von solchen Angst- und Notverwaltungsanstalten in ganz Deutschland existieren? Die müssen Milliarden gekostet haben. Steuermilliarden!’

Inzwischen sind noch weitere Leute eingetroffen. Horst hört interessiert drei Männern zu, die hinter ihm stehen und sich unterhalten. »Es hat fast keinen Sinn, noch hierher zu kommen, um nach Arbeit zu fragen, wenn du über fünfzig bist«, sagt der weiße Vollbart in der abgeschabten braunen Lederjacke zu seinem Nachbarn. »Da gehörst du als Arbeiter in der Gesellschaft schon zum alten Eisen.«

»Hast ja recht!«, antwortet der im Zimmermannsanzug und winkt missmutig ab. »Vor allem auf dem Bau sind die Chancen mies. Es kommen immer mehr Fremde aus dem Ausland. Die arbeiten hier für einen Lohn, der noch unter dem Sozialhilfesatz liegt.«

»Der Unterschied zu uns ist, dass die zu Hause mit dem Geld ganz gut leben können, wir hier nicht«, wendet der mit dem Vollbart ein.

An dieser Stelle bricht die Unterhaltung ab; denn die Tür des Arbeitsamtes wird geöffnet. Da er einer der ersten am Nummernautomat ist, muss er nicht sehr lange warten. Bald erscheint seine Zahl auf dem Monitor. Er schildert sein Anliegen ausführlich einem freundlichen Herrn mittleren Alters, der ihn durch seine dunkel eingefärbte Brille aufmerksam anschaut und sich hin und wieder Notizen macht. Als er das Amt wieder verlässt, ist er jedoch gar nicht mehr so sicher, dass er da wirklich etwas erreicht hat.

‚Also höflich war der Beamte schon’, gesteht er sich ein. ‚Der hat sich auch alles ganz geduldig angehört, hat mein Anliegen sogar als Widerspruch aufgenommen. Warum der nicht gleich entscheiden konnte? Wir bekämen Bescheid, hat er gesagt, sollen den abwarten. Na große Klasse! Das kann dauern. So einen Beamtenposten möchte ich auch haben. Da kann dir gar nichts mehr passieren. Du sitzt im Trocknen, hörst dir die Leute an. Entscheidungen treffen die anderen. Für das Ergebnis kannst du nichts, bist immer fein raus.’

Nein, zufrieden ist Horst mit dem, was er erreicht hat, wirklich nicht. ‚Auch Rita wird bestimmt nicht begeistert sein’, befürchtet er. ‚Aber gegen so eine Bürokratie kannst du nichts ausrichten, dagegen bist du machtlos Die sind nach allen Seiten abgesichert.’

Endlich! Es ist soweit. Horst fährt zur Klinik. Heute darf er Rita und seinen kleinen Sohn Erik abholen. Natürlich kommt er wieder zu früh und muss sich noch eine Zeitlang gedulden. Unruhig läuft er im Vorraum hin und her, bis Rita, das winzige Bündel in eine Decke eingeschlagen, durch die Tür der Entbindungsstation tritt. Ein wenig tollpatschig begrüßt er die beiden. Die Schwester, Horst kennt sie nun schon, begleitet Rita und trägt ihre Tasche.

»Das Auto steht gleich draußen vor der Tür. Ich bin bis ganz heran gefahren, damit du nicht so weit laufen musst«, sagt Horst fürsorglich. Während Rita sich noch von der Schwester verabschiedet, verstaut er ihre Sachen.

»Hältst du mal?«, fragt sie und drückt Horst, bevor der reagieren kann, das kleine Bündel in die Arme. Vorsichtig und ein bisschen widerstrebend fasst der zu. Er ist unsicher und deshalb froh, als er, nachdem Rita eingestiegen ist, ihr den Kleinen zurückgeben kann. »Daran muss ich mich erst noch gewöhnen!«, entschuldigt er sich verlegen.

Gleich, nachdem sie zu Hause angekommen sind, bringt Rita Erik ins Kinderzimmer und legt ihn in sein Bettchen.

»Kuck doch mal!«, fordert sie Horst auf näher zu kommen. »Sieht der nicht niedlich aus? Das wird nun einmal ein richtig großer Mensch. Ist das nicht wie ein Wunder?« Das Baby muss die Veränderung seiner Umgebung gespürt haben, denn es verzieht sein Gesicht, strampelt mit seinen Beinchen und zappelt mit seinen kleinen Ärmchen, dann fängt es an zu weinen. Erst mit kurzen abgehackten Lauten, schließlich aber anhaltend und kräftig. Horst steht hilflos daneben.

»Nun mach doch was!«, fordert er Rita auf. »Kannst den Kleinen doch nicht so schreien lassen!«

»Der ist satt. Trocken liegt er auch. Babys müssen mal schreien, hat meine Mutter gesagt. Gut ich werde ihm den Nuckel geben«, gibt sie nach und nimmt den rosa Schnuller, das einzige Anzeichen dafür, dass sie vielleicht doch auf ein Mädchen gehofft hatte, taucht seine Spitze fürsorglich in Honig und reibt mit ihm die Lippen des Babys. Sofort hört es auf zu weinen, saugt gierig. Dann öffnet Erik das erste Mal seine Augen und Horst hat das Gefühl, als blicke er ihn an.

»Du, der hat mich richtig angekuckt, und gelacht hat er.« Horst ist ganz aufgeregt. Eine Zeitlang beschäftigen sie sich noch mit ihrem Kind, das bald wieder einschläft. Dann lassen sie es allein. Horst sieht nach der Post und nimmt den Brief vom Arbeitsamt mit gemischten Gefühlen aus dem Kasten. Wieder zögert Rita, ihn zu öffnen. Sie befürchtet, darin abermals eine negative Nachricht zu finden.

»Nun mach schon auf!«, fordert er. »Wir können ja doch nichts daran ändern.« Sie schlitzt das Kuvert mit einem Küchenmesser auf, nimmt das Blatt heraus und liest. Horst blickt ihr dabei über die Schulter.

»Das habe ich befürchtet!« Rita lässt den Bescheid auf den Tisch fallen. »Die kennen kein Erbarmen. Wenn das so wird, wie die hier schreiben, dann rechnen sie die Hälfte der Abfindung auf mein Arbeitslosengeld an. Da würde ich ja fast ein halbes Jahr gar nichts bekommen.«

»So eine Sauerei! Verdammte Bürokratenseelen! Dagegen erheben wir wieder Einspruch!« Horst haut wieder mit seiner Faust auf den Tisch, dass Rita ganz erschrocken zusammenfährt.

»Um Gottes Willen! Du hast mich aber erschreckt«, protestiert sie.

»Sobald du kannst, gehen wir zusammen noch einmal auf das Arbeitsamt«, schlägt er vor. »Die haben mir doch gesagt, dass wir hin kommen können, wenn der Bescheid negativ ausfällt.«
Eine Woche später ist es soweit. Sie entschließen sich, ganz früh zu gehen, um die Ersten zu sein. »Erik wird schon so lange schlafen, wie wir unterwegs sind.«, hofft Rita. Sie hat zwar ein ungutes Gefühl, ihn so lange allein zu lassen, stimmt schließlich trotzdem zu. Sie sind tatsächlich die ersten, die am Morgen vor der Tür des Amtes stehen.

»Gut, dass wir so zeitig hier sind«, stellt Rita nach einer Weile fest. »Kuck mal, wie viele jetzt schon hinter uns stehen. Und es dauert immer noch, bis sie öffnen«, flüstert sie Horst zu. Punkt acht Uhr wird die Tür geöffnet, alle drängeln vorwärts. Horst eilt zu dem Automaten, der die Nummer ausgibt, nach der aufgerufen wird. Dann heißt es warten. Obwohl die Bürozeit schon begonnen hat, erfolgt kein Aufruf.

»Die nehmen sich aber Zeit!« Rita wird ungeduldig. Sie denkt an Erik, der ganz allein zu Hause liegt. Auch Horst rutscht ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her.

»Die wollen ja nichts von uns. Wir wollen was. Da müssen wir eben warten, bis sie soweit sind«, räsoniert Rita. »Die haben schließlich den ganzen Tag Zeit, trinken wahrscheinlich erst einmal ihren Kaffee.« Rita hat so laut gesprochen, dass es auch die neben ihr Wartenden verstehen.

»Sagen Sie das nicht so laut«, flüstert ihr eine Frau zu. Rita spürt, wie ihr das Blut ins Gesicht schießt und sie rot anläuft. Ein angenehmer Ton schwingt durch den Raum, und eine Zahl erscheint auf dem Bildschirm am Ende des Ganges.

»Das sind wir!«, stellt Horst nach einem Blick auf den kleinen Zettel fest, den der Automat ausgespuckt hatte. Sie werden von einer Frau freundlich begrüßt. Die bittet Platz zu nehmen. Rita überreicht ihr den Beleg, den Horst bei seinem Besuch erhalten hatte. Damit können die Unterlagen rasch gefunden werden, hatte man ihm erklärt. Nachdem Rita ihr Anliegen vorgebracht hat, werden sie in ein anderes Zimmer geschickt, in dem der für sie zuständige Berater sitzt.

»Ich war bereits vor zwei Wochen schon einmal bei ihnen, Herr Zobel.« Den Namen hatte Horst auf der Tischkarte gelesen. Herr Zobel nickt, als könnte er sich an ihn erinnern.

»Aha. Um was geht es denn heute?«, fragt er und ist ganz Aufmerksamkeit. Rita hat den Bescheid aus ihrer Tasche gezogen und reicht ihn über den Tisch. »Es ist wegen des Bescheides da! Die Hälfte meiner Abfindung soll gegen mein Arbeitslosengeld verrechnet werden. Da bekomme ich doch fast ein halbes Jahr überhaupt kein Geld.«

»Augenblick bitte!« Herr Zobel studiert erst einmal das Schreiben und dann die Akte von Rita.

»Wissen sie, ohne mein Arbeitslosengeld gibt es eine Katastrophe. Wir haben gebaut, sind grade eingezogen. Wir müssen den Kredit zurückzahlen, haben ein kleines Kind. Wie soll es denn nun weitergehen?« Sie fängt an zu weinen.

Herrn Zobel ist das offensichtlich unangenehm. »Liebe Frau Glaubig«, sagt er freundlich zu Rita.

»Beruhigen Sie sich erst einmal. Wir reden darüber, vielleicht finden wir gemeinsam eine Lösung.« Rita blickt ihn aus feuchten Augen hoffnungsvoll an.

»Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie gegen den Bescheid Widerspruch einlegen möchten?«, vergewissert sich Herr Zobel.

»Jawohl! Widerspruch, den wollen wir einlegen«, antwortet Horst an ihrer Stelle erregt.
Zobel blickt ihn missbilligend an. »Dann brauchen Sie aber gute Gründe«, belehrt er ihn.
Horst ist verunsichert. »Gründe?«, fragt er irritiert.

»Jawohl, gute Gründe!«, antwortet Zobel. »Sonst hat Ihr Einspruch überhaupt keine Chance.«

»Können Sie uns da nicht einen Rat geben?« Rita kämpft immer noch mit ihren Tränen und sieht ihn flehend an. »Wir kennen uns doch nicht aus.«

»Ich kann Ihnen nur sagen, in welchen Fällen keine Anrechnung erfolgt«, antwortet Zobel sehr zurückhaltend, doch dann erklärt er genauer, was er meint: »Wenn es sich zum Beispiel gar nicht um eine Abfindung, sondern um eine Nachzahlung handeln würde. Oder eine Prämie, oder so etwas ähnliches.«

Rita wischt sich die Tränen aus ihren Augen. Sie ist ihm dankbar für den Hinweis. »...verstehe!«

»Ich muss noch einmal mit dem Westermann reden«, überlegt sie. »Vielleicht kennt der einen Weg. Der ist doch mit allen Wassern gewaschen.«

»So könnte es sein, da haben Sie recht.« Rita hat den Hinweis wohl verstanden. »Wir verschieben das mit dem Widerspruch, müssen da erst noch etwas klären«, sagt sie, nimmt den Bescheid wieder zurück und bedankt sich. Danach stehen sie auf und machen sich wieder auf den Heimweg.

»Da wirst du noch einmal zu dem Westermann gehen müssen«, meint Horst.

»Das ist mir schon klar«, antwortet die. »Ob ich den aber dazu bringen kann, mir zu bestätigen, dass es gar keine Abfindung war, da bin ich mir nicht so sicher.«

Als sie vom Arbeitsamt nach Hause kommen, schläft Erik noch tief. Rita atmet auf. Sie hatte befürchtet, dass er inzwischen aufgewacht ist und schreit. Horst ist nach dem Gespräch deprimiert. Rita kann ihn nicht davon abhalten, wieder zur Flasche zu greifen. In letzter Zeit hat er immer öfter versucht, Probleme im Alkohol zu ertränken. Aus Erfahrung weiß sie, dass es wenig nützt, ihm in diesem Zustand Vorwürfe zu machen. Nach einiger Zeit, in der er mit vernebeltem Blick vor sich hin gestiert hat, schläft er in seinem Sessel ein.

»Ich werde ihn in Ruhe lassen. Soll er erst einmal seinen Rausch ausschlafen.« Den Kopf zurückgelehnt, schnarcht Horst fürchterlich.

‚Das halte ich im Kopf nicht aus’, stöhnt Rita nach einiger Zeit. Auch sie fühlt sich nicht wohl, hat Kopfschmerzen und erträgt das ununterbrochen schnarrende und kratzende Geräusch nicht länger. Grob rüttelt sie Horst wach, bugsiert ihn hinauf ins Schlafzimmer, wo er sich aufs Bett fallen lässt und weiter schläft. Rita ist ratlos, fühlt sich allein gelassen. In banger Not flüchtet sie zu ihrem kleinen Sohn, der oben im Kinderzimmer liegt, als könnte ihr von ihm Hilfe kommen. Das Baby erwacht, und ihr wird für einen Augenblick ganz leicht ums Herz.

Doch schon bald zerren sie die Sorgen in die Wirklichkeit zurück. ‚Wenn wir den Bau nur gar nicht angefangen hätten. Wir konnten doch auch in einer Wohnung leben. Dafür hätten wir die Miete immer aufgebracht’, klagt sie. Noch am späten Abend sitzt Rita im Wohnzimmer. Sie weiß, dass sie im Bett doch keine Ruhe finden würde. Es muss bereits nach Mitternacht sein, als sie hört, dass Horst in die Küche schlurft und dort hantiert. Danach kommt er ins Wohnzimmer. Rita tut so, als würde sie ihn gar nicht bemerken, beschäftigt sich, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, weiter mit einer Häkelarbeit. So bleibt Horst, der wieder einigermaßen klar denken kann und der ein saumäßig schlechtes Gewissen hat, gar nichts weiter übrig, als zu ihr zu kommen.

Vorsichtig setzt er sich neben Rita auf die Couch, tastet nach ihrer Hand. Als Rita sie ihm entzieht und nur spitz fragt: »Na, ausgenüchtert?«, bricht es aus Horst heraus. Seine Nerven, zerfasert wie überbeanspruchte Seile, versagen. Tränen verschleiern seinen Blick, seine Stimme klingt weinerlich.

»Ich ertrage das nicht mehr!«, schluchzt er, »weiß nicht mehr, wie es weiter gehen soll. Alles richtet sich gegen uns. Wir haben Schulden, die wir nicht mehr bezahlen können. Es wird noch soweit komm, dass wir unser Haus verlieren. Dann war alles umsonst. Das überlebe ich...«

»Nun reiß dich aber zusammen!«, unterbricht Rita resolut sein Klagen. »Noch ist es nicht soweit. Deine Jammerei, die macht es auch nicht besser. Solltest nicht so viel saufen, das führt zu nichts. Hast wohl völlig vergessen, dass du auch Verantwortung trägst?« Dieser Vorwurf ernüchtert Horst vollends.

»Nichts hab ich vergessen!«, wehrt er sich dagegen. »Aber es liegt doch gar nicht mehr in unserer Hand, was nun wird.«

»Ich hab gerne gearbeitet. Nun hat mich der Holzig entlassen. Du bekommst auch kein Geld mehr. Siehst du da noch einen Ausweg?« Er steigert sich gedanklich immer weiter in eine wilde Verzweiflung hinein: »Wenn die uns das Haus wegnehmen, dann liegen wir auf der Straße, dann ist es aus. Wir werden obdachlos.

‚Da mach ich Schluss! Aber die zwei, die lasse ich nicht alleine zurück, in dem Elend. Die nehme ich mit!’ Es dauert lange, ehe er sich wieder so weit beruhigt hat, dass sie zu Bett gehen können. Von dem fürchterlichen Vorsatz, den er in seiner seelischen Not gefasst hat, erfährt Rita nichts. Noch lange Zeit liegt sie wach und spürt, dass auch Horst nicht schlafen kann. Sein Atem geht ungleichmäßig, er wälzt sich ruhelos von einer Seite auf die andere. ‚Horst ist arbeitslos geworden’, das hatte sie aus seinen Worten entnommen. ‚Das ist es, was ihn so niedergedrückt hat. Deshalb ist er so verzweifelt.’ Sie versteht seine Not, aber helfen kann sie ihm nicht.

Später muss sie doch eingenickt sein. Plötzlich schreckt sie ein Geräusch auf. Sie ist ganz benommen. Draußen dämmert es schon, fahles Licht fällt durch das offene Fenster. ‚Was war das?’, fragt sie sich.

‚War das Erik?’’ Sie horcht... ‚Nein! Der schläft.’

Da bäumt sich Horst neben ihr auf, ringt nach Luft, krümmt sich zusammen und gibt schreckliche ächzende Laute von sich. Erschrocken beugt sie sich über ihn. Seine Augen sind verdreht. Sein Mund ist verzerrt und angstvoll aufgerissen. Schaumiger Speichel läuft ihm über die Wangen. Er versucht zu reden, doch er bringt nur unverständliche, gurgelnde Laute hervor.

‚Er braucht einen Arzt’, begreift Rita, eilt zum Telefon und wählt die Nummer des Rettungsdienstes. Im Schlafzimmer zurück, versucht sie ihn zu beruhigen, legt ihn ganz flach, spricht mit ihm und streicht ihm über das Gesicht. Er scheint es zu spüren, denn er ergreift ihre Hand und krallt sich fest.

»Einen Arzt, schnell einen Arzt!«, presst er zwischen den hechelnden Atemstößen hervor.

»Ich habe schon angerufen. Er kommt gleich«, versucht Rita ihn zu beruhigen. »Du darfst mir jetzt nicht ohnmächtig werden«, fleht sie ihn an. »Der Notarzt muss gleich kommen!«, sagt sie nochmals, läuft rasch ins Bad und holt ein nasses, kaltes Tuch, mit dem sie ihm immer wieder über die Stirn wischt. Endlich hört sie das Martinshorn. Sie eilt zur Haustür, öffnet, und führt den Arzt zu Horst. Der junge Mann strahlt Ruhe und Besonnenheit aus. Er untersucht den Kranken, gibt ihm danach eine Injektion. Zwei Sanitäter haben inzwischen die Trage ins Schlafzimmer gebracht, legen Horst vorsichtig darauf, bringen ihn zum Krankenwagen. Eine Diagnose erfährt Rita nicht, nur den Namen der Klinik, in die sie Horst einliefern werden.

»Sprechen Sie bitte morgen mit dem Stationsarzt der Klinik«, antwortet der Notarzt auf ihre bange Frage. Er ist in Eile, denn ein neuer Anruf der Zentrale hat ihn erreicht.

Rita bleibt allein zurück. Alles ist so plötzlich gekommen, dass ihr keine Zeit für Überlegungen blieb.

Doch nun werden ihr die Geschehnisse bewusst. Noch kommen sie ihr wie ein Traum vor, aber langsam begreift sie die Tragweite.

Sie geht nicht wieder zu Bett, sitzt apathisch im Wohnzimmer. Langsam zieht der Tag die dunklen Schleier der Nacht zurück. Mechanisch, wie abwesend, brüht sie sich ihren Kaffee und trinkt ihn wie gewohnt ohne Sahne und ohne Zucker. In Gedanken ist sie bei Horst. ‚Was mag das gewesen sein, heute Nacht?’, fragt sie sich immer wieder, ist voller Angst. ‚Hoffentlich wird er wieder gesund. Die werden bestimmt alles menschenmögliche unternehmen. Ich werde zur Klinik fahren, muss mit dem Arzt sprechen’, nimmt sie sich vor.

‚Erik! Was wird mit dem Kleinen? Ich darf ihn doch nicht so lange allein lassen. Mitnehmen kann ich ihn aber auch nicht.’ Rita überlegt, sucht nach einer Lösung.

‚Unsere Nachbarn! Ich frage unsere Nachbarn, ob sie auf ihn aufpassen. Na klar, sie werden bestimmt nicht ablehnen, wenn sie hören, was in der Nacht geschehen ist’, hofft sie. ‚Doch, ich muss wenigstens warten, bis sie wach sind.’ Immer wieder tritt sie ans Wohnzimmerfenster, von dem aus sie das Haus der Nachbarn sehen kann. Zwischendurch legt sie Erik trocken und stillt ihn, so dass er Ruhe gibt. Endlich, so gegen acht Uhr, sieht sie, dass nebenan die Rollos hochgezogen werden. Rasch läuft sie hinüber und klingelt an der Gartentür.

Es dauert nicht lange, bis Frau Schneider, eine mollige, freundlich lächelnde Mitsechzigerin, noch im Morgenmantel, aus dem Haus kommt.

»Frau Glaubig? Was gibt es denn so früh?«, erkundigt sie sich verwundert. Als Rita schildert, was in der Nacht passiert ist, erschrickt sie, fasst Rita bei der Hand. »Können wir Ihnen helfen?«, fragt sie spontan.

»Deshalb komme ich ja«, antwortet Rita. »Würden Sie den kleinen Erik für eine Weile behalten? Dann könnte ich in die Klinik fahren, mich nach meinem Mann erkundigen.«

Frau Schneider dreht sich zur Haustür um und ruft laut: »Arthur!« Als der sich nicht rührt, ruft sie nochmals, diesmal in gellender Lautstärke: »Arthur! Komm schnell her!«

»Der ist noch im Bad«, sagt sie entschuldigend. »Aber natürlich nehmen wir den Kleinen. Bringen Sie ihn nur rüber, wir kommen schon mit ihm zurecht, haben doch auch drei Enkel. Soll Sie mein Mann in die Klinik fahren?«.

Rita lehnt höflich ab. »Nein danke, ich kann selber fahren, bin schon froh darüber, dass Sie auf den Kleinen aufpassen.«

Auch Herr Schneider ist inzwischen erschienen und wird eingeweiht. »Komm, wir gehen gleich mit und holen den Kleinen, da kann Frau Glaubig zu ihrem Mann fahren«, fordert ihn seine Frau auf.
Obwohl noch unrasiert und im Morgenmantel, die bloßen Füße in braunen Lederpantoffeln steckend, ist Herr Schneider sofort bereit.

Rita bremst ihren Eifer: »Ich bringe Erik gleich zu Ihnen. Sie werden doch auch ein paar Sachen brauchen. Soviel Zeit ist schon noch.«

Frau Schneider nickt. »Ich mache für ihn erst einmal ein Lager zurecht.« Ihr Mann fügt hinzu: »Wenn Sie Hilfe brauchen, Frau Glaubig, da dürfen Sie sich nicht zieren. Kommen Sie rüber und sagen Sie ,wo’s brennt. Wir helfen Ihnen gern.«

Rita bedankt sich, dann läuft sie zurück, um alles vorzubereiten. Eine Stunde später, Erik hat sie bei den freundlichen Nachbarn untergebracht, sitzt Rita dem Stationsarzt gegenüber.

Der spricht sachlich, aber einfühlsam zu ihr: »Ihr Gatte hatte einen Kreislaufkollaps. Er ist noch völlig erschöpft, schläft jetzt. Es besteht keine Lebensgefahr. Wir behalten ihn ein paar Tage zur Beobachtung hier. Wenn nichts dazwischen kommt, kann er bald wieder nach Hause. Sie pflegen ihn dann gesund.«
Als er ihre Tränen sieht, tröstet er sie: »Na, nicht weinen, Frau Glaubig. Dafür gibt es keinen Grund. Freuen Sie sich, dass es nichts Schlimmes war. In zwei, drei Wochen ist er bestimmt wieder der alte.«
Sie darf Horst noch kurz besuchen. Da Horst noch auf der Intensivstation liegt, bekommt sie von der Schwester einen weißen Kittel und auch ihre Schuhe muss sie gegen sterile Gummigaloschen tauschen. Schläuche und Kabel führen von ihm zu den Apparaten. Er schläft tief. Trotzdem spricht Rita beruhigend auf ihn ein. Obwohl er nicht bei Bewusstsein ist, hat sie das Gefühl, dass er ihre Worte aufnimmt. Es kommt ihr vor, als wäre ein winziges Lächeln über sein blasses Gesicht gehuscht.

»Komme bald wieder nach Hause!«, bittet sie ihn inständig. »Ich brauche dich doch so. Alleine schaffe ich das nicht.«

Immer noch besorgt verlässt sie die Klinik. Als sie wieder allein zu Hause ist, versinkt sie in einem Meer brennender Angst und zäher dumpfer Verzweiflung, ihr ist übel. Es kostet sie schon erhebliche Anstrengung, in die Küche zu gehen und, trotz ihrer zittrigen Hände ein Glas kaltes, erfrischendes Mineralwasser zu trinken. Danach lässt ihre Übelkeit nach, doch die unbestimmte namenlose Angst, die aus dem Bauch kommt, die bleibt. Schon hat Rita die Brandyflasche in der Hand, da schreckt sie auf. Grell fährt der Gedanke: »Ich muss mich doch um Erik kümmern!«, in das breiig-zähe Grau ihrer Lethargie, holt sie in die Realität zurück. Flasche und Glas verschwinden unbenutzt im Schrank.

Frau Schneider erschrickt, als sie Ritas von Kummer und Leid gezeichnetes Gesicht sieht. Sie nimmt sich zusammen, lässt sich nichts anmerken, erkundigt sich auch nicht nach dem Befinden von Horst.

»Der Kleine spielt gerade so schön«, sagt sie, um Rita abzulenken und zurückzuhalten. Ganz vorsichtig öffnet sie die Tür zum Kinderzimmer einen Spalt. Erik liegt in einer blauen runden Krabbelbox von bunten Kissen umgeben. Der rote Klapperring, der über ihm hängt, beansprucht seine ganze Aufmerksamkeit. Es riecht nach Baby.

»Kommen Sie ,Frau Glaubig, wir gehen rüber ins Wohnzimmer.« Sie schiebt die Zögernde gefühlvoll, aber bestimmt zur offenen Tür. »Mein Mann ist einkaufen gegangen, da haben wir ein bisschen Zeit. Ich mache uns schnell einen Tee, oder möchten Sie lieber einen Kaffee? Nein? Doch lieber einen Tee«, sagt sie, als Rita den Kopf schüttelt.

Während Frau Schneider den Tee in der Küche zubereitet, hat Rita Gelegenheit, sich in dem Zimmer umzusehen. Bewundernd betrachtet sie die beiden weichen, wolligen Teppiche, die auf dem fein gemaserten, hellbraun glänzenden Parkett liegen. Leise Musik schwingt im Raum. Sie kommt aus einer modernen Stereoanlage. Es ist eine von denen, für die sich Horst so brennend interessiert. Die Tapeten, die Gardinen, ja sogar die Bezüge der Polstergarnitur sind auf den Farbton der Nussbaum-Möbel abgestimmt.

»Ob wir das auch einmal schaffen werden?«, überlegt sie und wird dadurch sofort wieder schmerzlich an ihre Geldprobleme erinnert.

Frau Schneider kommt grade rechtzeitig, um Rita vor erneutem Depressionsanfall zu bewahren. Sie trägt ein weißes Teeservice aus hauchdünnem Porzellan ins Zimmer und stellt es auf den Tisch. Der goldgelb schimmernde Tee riecht schwach nach Bergamotöl.

»Earl Gray!«, sagt sie bedeutungsvoll.

»Aha!«, antwortet Rita nur, weil sie mit dem Begriff nichts anfangen kann. Nachdem sie ein Schlückchen getrunken haben, wendet sich Frau Schneider an Rita: »Du hast Sorgen, Kindchen. Ich sehe es doch. Willst du nicht mal drüber reden? Mir hilft das immer.«

Mit dem vertraulichen du und dem unaufdringlich warmen, mütterlichen Ton schafft sie es, dass Rita Vertrauen fasst. »Natürlich nur, wenn du willst!«, schränkt Frau Schneider ein, da sie Ritas Hemmungen ahnt. Die ist verlegen, zögert, schwankt zwischen ja und nein, nippt noch einmal vom Tee und blickt Frau Schneider in die Augen. Und diese Augen sind es, die den Ausschlag geben. Sie erinnern sie an ihre Mutter. ‚Die hatte die gleichen warmen, braunen Augen, auch die gleichen kleinen Fältchen, wenn sie lächelte. Sogar die Stimme klingt vertraut.’

Die Erinnerung an ihre Mutter weicht den Damm ihrer Hemmungen auf, lässt ihn schließlich brechen. Rita beginnt zu reden. Erst ganz leise und stockend, in abgehackten Sätzen, dann immer schneller, bis es aus ihr heraussprudelt, wie das Wasser aus einer starken Quelle. Ohne Rita auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen, hört Frau Schneider zu. Dann nimmt sie Ritas kalte Hände in die ihren, wärmt sie und streichelt sie sanft.

»Du musst jetzt ganz stark sein, Kindchen«, sagt sie beschwörend. »Auf dir liegt eine große Verantwortung, für deinen Mann, der Pflege brauchen wird, für deinen Sohn, der noch hilflos ist, und auch für dich selbst.« Sie geht aus dem Zimmer und kommt mit Erik zurück, legt ihn Rita in die Arme und streichelt ihr zärtlich übers Haar. »Sieh nur. Schon um seinetwillen darfst du nicht aufgeben, musst um dein Glück kämpfen. Das ganze Leben ist Kampf. Nur die innerlich Starken gewinnen, wer aufgibt, verspielt seine Chance. Es wird nicht einfach sein, aber du schaffst es - wenn du nur wirklich willst.«
Rita hört in sich hinein.

Ein Wunder ist geschehen. Jetzt, nachdem sie einem anderen Menschen all ihre Sorgen und ihre Not erzählen konnte, fühlt sie sich erleichtert. Gerade so, als wäre ihr ein Teil der Last von den Schultern genommen worden. Sie fühlt sich nicht mehr so schwach, so niedergedrückt, so verlassen und einsam. Die Welt um sie herum ist heller geworden. Etwas von der Kraft der anderen ist auf sie übergegangen. Einer Kraft, die nur noch Menschen wie Frau Schneider besitzen. Menschen, deren Charakter die Unmoral der vereisten Welt des Geldes nichts anhaben konnte.

Für Rita wird es Zeit, nach Hause zu gehen. Ohne Worte, mit Tränen in den Augen, umarmt sie Frau Schneider, als sie sich verabschieden. In einer fast schlaflosen Nacht, in der das Grübeln nur durch kurze, wirre Träume unterbrochen wird, vollzieht sich der quälende Reife-Prozess Ritas von der liebenden Frau zur Mutter, die gewillt ist, und die auch die Kraft dafür in sich spürt, für das Glück ihrer Familie zu kämpfen. Gegen Morgen schreckt sie aus diesem Träumen hoch, die Visionen jedoch, die nimmt sie mit hinüber ins reale Leben.

‚Jawohl! Ich werde mir den Weg bahnen!’, schwört sie sich. Und sie spürt die Kraft dazu in sich. Es ist der seit Urzeiten angeborene Mutterinstinkt, aus dem sie diese Energie schöpft. Die unbestimmte Erwartungsangst, die ihr immer noch im Bauch sitz, verstärkt nur ihren Willen. ‚Ich muss etwas tun, sofort! Abwarten, das bringt nichts!’ nimmt sie sich vor.

Entschlossen wählt sie die Nummer der Baufirma und vereinbart mit Frau Holzig einen Termin für die kommende Woche. ‚Der erste Schritt ist getan.’ Rita atmet auf.

Das Befinden von Horst bessert sich nur langsam. Noch raten die Ärzte von einer zu schnellen Entlassung ab. Rita, die sich bemüht, ihn aus seiner Lethargie zu reißen, hat dem Stationsarzt um seine Zustimmung gebeten und auch erhalten, dass sie Erik ab und zu mitbringen darf. Sie hofft darauf, dass Horst dadurch wieder Lebensmut schöpft. An den anderen Tagen lässt sie Erik in der Obhut von Frau Schneider, zu der ein enges Vertrauensverhältnis entstanden ist.

Heute hat Rita besonders viel Zeit aufgewendet, um sich zurecht zu machen. Sie trägt das fesche grüne Kostüm, das ihre Figur so gut zur Geltung bringt und das Horst so mag. Sie hat sich fest vorgenommen, ihn mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, aufzumuntern und etwas von ihrem neu gewonnenen Optimismus auf ihn zu übertragen.

»Hallo, Horst! Siehst gut aus!« Mit dieser kleinen Notlüge begrüßt sie ihn am Nachmittag.

»Hallo, Rita«, kommt es leise und tonlos von seinen Lippen. Sie stellt den bunten Blumenstrauß in eine Vase und eine Flasche Bier, nachdem sie ihm die gezeigt hat, in den weißen Schrank, der neben seinem Bett steht. »Aber nicht erwischen lassen, sonst bekomme ich Hausverbot«, versucht sie zu scherzen.

»Brauchst du nicht mitzubringen, habe sowieso keinen Appetit auf Bier«, wehrt Horst ihr Bemühen ab. Doch so schnell lässt sich Rita nicht entmutigen.

»Na warte, dir mach ich Feuer unter deiner Bettdecke«, nimmt sie sich vor und setzt sich nicht auf den für Besucher bereit stehenden Stuhl, sondern direkt neben Horst auf sein Krankenbett. Kess schlägt sie ihre hübschen Beine übereinander. Dann nimmt sie seine Hand, tätschelt die und legt sie auf ihre festen, strammen Oberschenkel. Das zeigt Wirkung. Ein wenig Glanz kehrt in seine gleichgültigen Augen zurück. Rita hat erreicht, was sie erreichen wollte. Horst fasst fester zu, streicht zärtlich über ihre warme Haut. Sie kommt ihm entgegen, wagt sich weiter vor.

»Wann kommst du nach Hause?«, fragt sie provozierend mit verführerischem Unterton und schiebt ihre Hand vorsichtig unter die Bettdecke. Doch als sie ihn berührt, zuckt Horst zusammen.

»Nicht! Lass das!«, wehrt er ab, zieht seine Hand zurück und schiebt auch ihre von sich weg.

‚Affe!’, kommentiert Rita gedanklich seine Reaktion, steht auf und geht zum Fenster, um frische Luft herein zu lassen. Der Geruch nach Medizin und Krankheit ist ihr unangenehm. Danach setzt sie sich sittsam auf den Stuhl, der neben seinem Bette steht.

»Ich habe mich bei Frau Holzig angemeldet. « Damit gibt sie dem Gespräch eine ganz andere Richtung. »Wegen der noch nicht voll bezahlten Rechnung.«

»Bei Holzig? Du? Bei Holzig?« Horst blickt sie zweifelnd an. »Das hat doch sowieso keinen Sinn«, resigniert er wieder. »Denkst du etwa, der schenkt uns das Geld? Wo der doch selber fast pleite ist?«

»Du hast ihm damals das Leben gerettet«, verteidigt Rita ihren Entschluss. »Das können die doch nicht so einfach ignorieren? Denen rücke ich auf die Pelle! Sie müssen uns den offenen Betrag solange stunden, bis du wieder Arbeit hast. Wenigstens so lange!«

»Ach mache doch, was du willst!«, gibt Horst nach, als er spürt, dass er nicht die Kraft dazu aufbringt, ihren Entschluss zu ändern. Er zieht sich hinter seine Mauer aus Gleichgültigkeit und Abwehr zurück, die Rita diesmal zwar anzukratzen, aber noch nicht einzureißen vermochte.

 

7. Kapitel

Holzig hat das Krankenhaus auf eignen Wunsch verlassen, vorzeitig! Nun kommt er täglich für zwei Stunden ins Büro. Um nach dem Rechten zu sehen, wie er sagt.

Seine Gattin sitzt bereits seit dem frühen Morgen in dem schlecht gelüfteten, dumpf riechenden, mit Akten, Ordnern und Zeichnungen voll gestopften Büro vor dem Computer. Als er eintritt, überrascht sie ihn mit der Nachricht, dass sie mit Frau Glaubig einen Termin wegen des noch offenen Betrages vereinbart hat.

»Die will doch nicht etwa den Rest bezahlen?«, fragt Hornig skeptisch. »Sonst braucht sie gar nicht hierher zu kommen«, fügt er abweisend hinzu.

Frau Holzig versucht ihm zu erklären, warum sie so und nicht anders gehandelt hat. »Die sind in Not, Richard! Glaubig liegt im Krankenhaus und ich befürchte, wir haben dazu beigetragen.«

»Haben wir die etwa gezwungen, ein Haus zu bauen?«, wehrt sich ihr Mann gegen den Vorwurf. »Die hatten einfach nicht genug Kapital dafür. Das ist doch der wirkliche Grund für ihre Misere.«

»Du, der hat dir das Leben gerettet!«, unterbricht ihn seine Frau, die über diese Reaktion verärgert ist.

»Ich habe ihr das Gespräch zugesagt und dabei bleibe ich.«

»Und ich will die nicht sehen!« Holzig haut mit der Faust auf den Tisch, wie er es immer macht, wenn er seinen Willen nicht mit Worten durchsetzen kann.

»Ich bin für das Geschäft verantwortlich, und ich bestimme, was hier gemacht wird! Wir haben nichts zu verschenken!«, fährt er seine Frau an. Die bleibt ganz ruhig, denn sie kennt ihren Mann. Der braust schnell auf, hält aber nicht durch.

»Ich habe damals, als er dir das Leben gerettet hat, dem Glaubig versprochen, dass ich ihm das nicht vergessen werde. Zu meinem Wort stehe ich, ob dir das passt oder nicht.« Sie hat das in einem so ernsten Ton gesagt, dass Holzig stutzt. Sie blicken sich sekundenlang in die Augen... Er hält nicht stand, weiß, dass er den Streit nicht weiter treiben darf. »Na meinetwegen, rede mit der«, damit zieht er sich diplomatisch zurück.

»Den Betrag stunden wir ihm so lange, bis Glaubig wieder eine Arbeit gefunden hat, zinslos!«, legt Frau Holzig fest und stößt damit nur noch auf schwachen Widerstand. Holzig winkt ab, ein Zeichen, dass er nachgibt.

»Dann ist es besser, wenn ich den Glaubig wieder einstelle. Obwohl... Na, du weißt ja, wie es um uns steht«, kontert er vergebens. Seine Frau bleibt bei ihrer Meinung.

Brummend verlässt Holzig das Büro und geht hinaus auf den Bauhof. Als Frau Glaubig kommt, lässt er sich nicht blicken.

Das Gespräch der beiden Frauen verläuft sehr sachlich. Rita schildert ihre gegenwärtige Situation und bedauert, dass sie den Betrag zur Zeit nicht bezahlen können, bittet um Verständnis. Da die Entscheidung ja bereits getroffen ist, reicht Frau Holzig ihr ohne weitere Diskussion die vorbereitete Vereinbarung über den Zahlungsaufschub.

Rita liest, ist den Tränen nahe, Freudentränen diesmal.

‚Die wollen uns wirklich den Betrag zinslos stunden, bis unser Einkommen eine Rückzahlung gestattet’, begreift sie.

»Das wollen Sie für uns tun, Frau Holzig? Da nehmen Sie uns eine schwere Last von den Schultern. Wir wussten nicht mehr aus noch ein. Das wird meinem Mann helfen, wieder gesund zu werden.« Sie schüttelt Frau Holzig dankbar die Hände.

»Wissen Sie, Frau Glaubig«, sagt die daraufhin: »Als ihr Mann damals meinem Mann das Leben gerettet hat, da hat er mich vor einem schlimmen Schicksal bewahrt. Ich bin in seiner Schuld.«

Die zwei Frauen, die beide um ihre Familie bangen, sich deshalb so nahe sind, verabschieden sich mit einem kurzen, aber herzlichen Händedruck.

Wider Erwarten darf Horst doch erst nach neun Krankenhaustagen die Klinik verlassen. Er freut sich auf zu Hause, auf Rita und Erik. Die gute Nachricht über die Vereinbarung, die Rita mit Frau Holzig getroffen hat, leitete den Umschwung ein. Unmittelbar danach bessert sich sein Zustand, auch sein Lebensmut kehrt zurück.

Am ersten Tag, den er wieder zu Hause verbringt, genießt Horst die Obhut und Pflege, mit der Rita ihn umgibt. Über die finanziellen Probleme, die ja Auslöser seines Zusammenbruchs gewesen sind, sprechen sie nicht. Allerdings hat Rita Neuigkeiten, die sie nicht lange für sich behalten möchte.

Am nächsten Morgen beim Frühstück, Erik ist versorgt und spielt in seinem Wagen, beginnt Rita: »Es gibt noch ein paar Neuigkeiten, die ich dir erzählen muss - Horst.«

Der ist zwar nicht begeistert, befürchtet Unangenehmes, nickt dann doch, sagt scherzhaft: »Aber erst die schlechten und dann die guten!«

»Also!«, beginnt Rita und beachtet seinen Wunsch: »Du erinnerst dich doch noch an das Gespräch mit der privaten Kreditvermittlung?«

Horst überlegt.»Ja, das war ein Gespräch, ohne konkretes Ergebnis.«

»Denen habe ich abgesagt!«

»Warum das? Es klang doch ganz gut«, wundert sich Horst. Aber er vertraut darauf, dass Rita schon die richtige Entscheidung getroffen hat.

»Du, das waren Gauner! Die wollten uns abzocken. Aber doch nicht uns!« Sie ist stolz darauf, dass sie es rechtzeitig erkannt und Schaden abgewendet hat.

»Wir sollten sofort drei Prozent Bearbeitungsgebühren an die überweisen. Erst danach wollten sie uns den Kreditvertrag zuschicken. Merkst du was?«

»Gauner!«, bestätigt Horst ihre Ansicht. »Und die Zinsen? Wie hoch sollten die Zinsen sein?«

»Das war die nächste Unverschämtheit. Weil das Geschäft mit einem erheblichen Risiko belastet wäre, sollten wir siebzehn Prozent pro Jahr zahlen. Überlege einmal! Siebzehn Prozent. Die wollen ihr Geld im Schlaf verdienen. Was mich aber endgültig davon überzeugt hat, dass es Gauner sind, das war die Telefonrechnung.«

»Die Telefonrechnung? Wieso?«

»Du entsinnst dich bestimmt noch, dass wir uns schon damals gewundert haben, warum die das Gespräch so in die Länge zogen. Jetzt ist mir das klar. Du hast ganze fünfzehn Minuten gesprochen. Was glaubst du, was das gekostet hat?« Fragend blickt sie ihn an.

»Fünfzehn Minuten? Das kann doch nicht so teuer gewesen sein. Nun sag schon!«, drängelt er.
»Fast vierzig Mark stehen dafür auf der Abrechnung! Da war mir alles klar. Die sind unseriös, mit denen wollte ich nichts zu tun haben. Das hättest du doch auch so gemacht, oder?«, vergewissert sie sich.

Horst nickt zustimmend. »Das wäre teuer geworden. Vielleicht hätten wir nie Geld gesehen.«

»Nun aber die positiven Nachrichten, wenn es welche gibt.«

Rita lächelt. »Du wirst dich wundern!« Ein bisschen lässt sie ihn noch zappeln...

»Rede schon«, bettelt Horst.

Rita schmunzelt »Was ich mit der Firma Holzig vereinbart habe, dass kennst du ja schon.« Rita reicht ihm das Papier. Horst studiert es.

»Donnerwetter!«, mehr sagt er dazu nicht.

Rita ist stolz darauf. »Und deine beiden Kumpels, Rolf und Werner, die waren hier. Sie haben uns das Darlehn noch einmal angeboten.«

»Wie viel?«, erkundigt sich Horst gespannt.

»Vierzigtausend! Das ist doch was.«

Ihm bleibt der Mund offen stehen. »Vierzigtausend? Ist das wahr? Und die Zinsen?«

»Sie sagten, dass sie mit den gleichen Zinsen zufrieden sind, die sie auch von der Bank bekommen. Das ist fair, meinst du nicht auch?«

Horst kann noch gar nicht fassen, was Rita da erzählt. »Wann müssen wir zurückzahlen?«, fragt er, immer noch ein bisschen skeptisch.

»Mit drei Jahren wären sie einverstanden, haben sie gesagt. Wenn wir es nicht eher schaffen,.«

»Und? Wo ist der Pferdefuß?«, erkundigt er sich, weil er gar nicht glauben kann, dass es noch Menschen gibt, die so menschlich sind.

»Na ja, sie wollten eigentlich eine Sicherheit. Nur für alle Fälle.« Rita zuckt die Schultern. »Ich habe ihnen zwar meine Lebensversicherung angeboten, doch die wollten sie nicht.«

»Ach, und nun wird nichts mit dem Darlehn?« Rita spürt seine Enttäuschung.

»Nein, nein! Sie geben uns das Darlehn  auch ohne Sicherheit. Rolf hat betont: Als du ihm damals bei seinem Unfall geholfen hast, und das wäre nicht ungefährlich gewesen, da hättest du auch nicht erst nach Sicherheiten gefragt, und dabei ging es nicht nur um Geld. Sie überweisen uns den Betrag sofort, wenn du die Vereinbarung mit unterschreibst.«

Damit reicht sie ihm auch diesen Vertrag über den Tisch. Nun ist Horst sprachlos. Er ringt um Fassung. Endlich bringt er einen Satz heraus: »Das hast du alles geschafft, du ganz allein? Und ich, ich hatte uns schon aufgegeben.«

Er steht auf, kommt zu Rita, Freudentränen rollen ihm über die Wangen. Horst setzt sich neben sie auf den Fußboden, legt seinen Kopf in ihren Schoß. Endlich weicht die Spannung und ein wohliges Glücksgefühl, wie er es schon seit langem nicht mehr kannte, macht sich in ihm breit. Der furchtbare Druck, der bisher auf ihm gelastet hat, ist gewichen. Bald versiegen seine Tränen. Er strahlt sie an, wie ein kleines Kind.

»Wir können in dem Häuschen bleiben« sagt er ganz ehrfurchtsvoll. Dann jubelt er: »Nun schaffen wir es doch, wir zwei! Aber allein hätte ich aufgegeben«, gesteht er und ihm ist gar nicht wohl dabei. »Gleich nächste Woche mache ich mich auf den Weg und suche mir eine Arbeit.«

Doch das muss er nicht mehr. Am Tag drauf erreicht ihn ein Brief der Firma Holzig, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er, sobald er gesund ist, wieder in seinem alten Job anfangen kann.

 

 

 

 

 

 

II. Teil von: „Wir schaffen es...“

 

1. Kapitel

Wie oft schon in letzter Zeit, meldet sich Erik gegen drei Uhr morgens. Rita, die bereits beim ersten Geräusch erwacht ist, blinzelt verschlafen, streckt sich, bleibt aber noch liegen. Sie hofft, dass sich das Baby beruhigt und wieder einschläft und wird enttäuscht. Erik wälzt sich unruhig hin und her, strampelt heftig, dem folgt leises Weinen, schließlich das die Nerven strapazierende gellende Schreien.
Horst richtet sich in seinem Bett auf, kratzt sich das struppige Haupt, stöhnt und klopft schließlich mit der Hand auf Ritas Zudeckbett.

»Mach doch schon was!«, knurrt er und stößt sie an. »Kannst den Kleinen doch nicht so schreien lassen. Ich muss morgen früh beizeiten raus aus den Federn, brauche meinen Schlaf, sonst halte ich den Stress auf dem Bau nicht aus. Warum der überhaupt so schreien muss? Der hat doch alles«, fügt er vorwurfsvoll hinzu und lässt sich wieder zurückfallen.

Rita, müde und noch träge, wälzt sich schließlich seufzend aus ihrem Bett, sucht nach den Hauschuhen, schlurft zum Kinderbett, das seit einigen Tagen mit im Schlafzimmer steht und nimmt das Baby hoch. Sie redet beruhigend auf den Kleinen ein und schaukelt ihn in ihren Armen. Auf Horsts Vorwurf reagiert sie nicht. Sie kennt ihn, weiß, dass es nur zum Streit kommt, wenn sie jetzt etwas sagt.

»Wenn der nicht aufhört, schaffst du ihn ins Kinderzimmer. Da kann er sich austoben«, schimpft der gereizt und ist darüber verärgert, dass er wegen des Lärms nicht wieder einschlafen kann.

Also geht Rita mit Erik ins Kinderzimmer, steckt ihm den Nuckel in den quäkenden Mund. Erik spürt das sofort, lutscht gierig. Er wird ruhiger, schluchzt noch ein paar Mal, verstummt dann und scheint endlich wieder einzuschlafen. Rita legt ihn ganz behutsam in die Krabbelbox, darauf hoffend, dass er Ruhe gibt. Sie friert und zittert erbärmlich in ihrem kurzen, dünnen Nachthemd. Trotzdem bleibt sie noch eine Zeit lang bei ihm stehen.

Um Horst nicht noch einmal zu stören, legt sie sich im Kinderzimmer auf die Liege und kuschelt sich in die Wollecke, die sie bereits am Abend vorsorglich dort zurechtgelegt hatte. Am anderen Morgen steht sie zur üblichen Zeit als erste auf, macht sich für den Tag zurecht, deckt den Frühstückstisch, kocht Kaffee und bereitet die Schnitten für Horst. Der ist inzwischen im Bad verschwunden. Rita hört ihn rumoren. Sie kennt die Reihenfolge der Geräusche genau, kann abschätzen, was er tut, wann er fertig sein wird. Als er frisch rasiert, aber noch im Bademantel in die Küche kommt, in der sie ihre Mahlzeiten einnehmen, steht schon alles für das Frühstück bereit. An seinem mürrischen Gesicht erkennt sie, dass er unausgeschlafen und schlechter Laune ist.

‚Der gibt mir wieder die Schuld’, vermutet sie. Rita hat Spiegeleier mit Speck, seine Lieblingsspeise zum Frühstück, vorbereitet, hofft, damit seine Stimmung zu bessern, spürt bald, dass es vergebens war.
»Ich bin auch müde und abgespannt, nicht nur du. Wir müssen uns schon ein bisschen zusammenreißen, haben nun einmal ein Kind!«, hält sie ihm vor, als sie bemerkt, dass er ihre Mühe nicht würdigt.
»Du kannst dich ja wieder hinlegen, wenn du fertig bist. Ich kann das nicht, muss durchhalten bis zum Feierabend«, erwidert Horst patzig. Damit hat die Stimmung ihren Tiefpunkt erreicht. Rita ist beleidigt. Beide sitzen sich, ohne ein Wort zu verlieren, gegenüber.

‚Wenn er nur schon fort wäre’, wünscht sich Rita, ist verbittert, steht vom Tisch auf und beginnt das Geschirr abzuräumen.

Horst nimmt sein Schnittenpaket und will das Haus, ohne ihr ein Wort zu gönnen, verlassen.
Rita möchte nicht dass er so geht. ‚Wenn ihm was passieren sollte, nach so einem Streit, und wir haben uns nicht wieder vertragen, das könnte ich mir nicht verzeihen’, sagt sie sich, läuft ihm bis zur Haustür nach und hält Horst am Ärmel seiner Jacke fest.

»So kannst du doch nicht gehen, Horst! Wir sollten uns wieder vertragen, bevor du aus dem Haus gehst, meinst du nicht auch? Es kann jeden von uns etwas zustoßen. Dann ist es zu spät. Ich fänd keine ruhige Minute mehr.«

Horst bleibt nur unwillig stehen. Als Rita versucht, ihn an sich zu ziehen, um ihm einen Abschiedskuss zu geben, wendet er sich ab.

»... ist schon gut!«, sagt er in einem Ton, der ihr zeigt, dass er kein Einsehen hat. Ohne noch einmal zurück zu blicken, steigt Horst in sein Auto und fährt weg.

Rita lässt er mit ihrem Kummer allein. Von soviel Sturheit ist sie enttäuscht. Es ist ja auch nicht das erste Mal. Die nächsten Stunden füllt sie mit Arbeit aus, versucht sich damit abzulenken. Auch das Baby fordert sein Recht. Später versucht sie, sich durch Arbeit im Garten auf andere Gedanken zu bringen. Da sie niemanden hat, mit dem sie darüber reden kann, nimmt sie Erik auf den Arm und spricht mit ihm, als könne der sie verstehen.

‚Weißt du, mein Kleiner, wenn dein Papa wenigstens ein bisschen mithelfen würde, da ging es schon, aber der denkt ja, es wäre ein Zuckerschlecken hier zu Hause. Der ahnt gar nicht, was es heißt, dich zu versorgen und auch noch alles andere zu erledigen. Du weißt es ja, der kommt nach Hause, steckt seine Beine unter den Tisch, will sein Essen und ein paar Flaschen Bier. Dann stiert er in die Röhre, bis er müde wird und ins Bett geht. Ein scheiß Leben ist das. Ich hatte es mir anders vorgestellt. Am besten wäre es, wenn ich wieder arbeiten gehen könnte. Meinst du nicht auch? Ich käme unter Leute. Dich müsste ich allerdings in eine Kindertagesstätte geben. Nicht gern, aber...’

Rita blickt ein wenig sorgenvoll auf Erik, tröstet sich mit: ‚Da hättest du deine Ordnung und die Tanten, die sind bestimmt lieb. Brauchst keine Angst zu haben.’ Sie schaukelt Erik in ihren Armen, während sie weiter spinnt: ‚Ein bisschen mehr Geld hätten wir dann auch, weißt du. Jetzt kann ich mir nichts kaufen. Kein Kleid, keine neuen Schuhe, gar nichts. Alles frisst das Haus auf. Aber bevor wir die Schulden abgezahlt haben, bin ich alt. Dann brauche ich auch nichts mehr. Jetzt will ich leben, jetzt! Solange ich noch jung bin. Auch wieder einmal ausgehen, das möchte ich.’ Tränen steigen ihr in die Augen. Sie bringt Erik hinauf ins Schlafzimmer und legt ihn in sein Bettchen.

‚Ich muss mit Horst drüber reden, gleich heute!’, nimmt sie sich vor. ‚Der wird das schon einsehen. Und wenn er ein bisschen mit zupackt, dann geht es. Andere schaffen es doch auch.’

Im Laufe des Tages festigt sie ihre Meinung in langen Selbstgesprächen. Sie regt sich auf, wird wütend, wenn sie sich vorstellt, dass Horst ihre Idee ablehnen könnte.

‚Wenn Horst heute nach Hause kommt, rede ich mit ihm, unbedingt! Der wird zwar bestimmt nichts davon wissen wollen, wie ich ihn kenne; weil es für ihn dann nicht mehr so bequem ist wie jetzt. Trotzdem, so kann es nicht weiter gehen!’ Voll Ungeduld erwartet sie den Abend.

Es war ein verregneter Tag. Auf dem Bau gab es Ärger, weil der Radlader, den Horst jetzt fährt, ausfiel, ein anderer einspringen und Horst in Regen und Dreck den Fehler suchen und abstellen musste. Entsprechend ist seine Stimmung.

Rita spürt das, glaubt aber, es rühre noch von dem Streit am Morgen her. Seine Stimmung springt auf sie über. Kaum hat sich Horst geduscht und umgezogen, setzt er sich ins Wohnzimmer, schaltet den Fernsehapparat ein und öffnet die erste Bierflasche. Wieder trinkt er aus der Flasche, worüber sich Rita ärgert.

»Horst! Ich habe mir heute noch einmal alles durch den Kopf gehen lassen, wie das so läuft - bei uns«, beginnt sie.

Der blickt sie fragend an. Er hat den Streit vom Morgen längst vergessen, denkt nicht mehr daran. »Was hast du dir denn überlegt?«, fragt er deshalb verwundert.

»Du kommst nach Hause, setz dich in deinen Sessel, kuckst in die Röhre, trinkst dein Bier, das ist es dann. Mir überlässt du alle Arbeit hier im Haus. Das mach ich nicht mehr mit.« Rita hat das in einem sehr energischen Ton gesagt, schaltet den Fernseher ab, nimmt ihm die Bierflasche aus der Hand. Horst wird davon so überrascht, dass er sie erst einmal ungläubig ansieht, bevor er reagiert. Energisch greift er wieder nach der Flasche.

»Ich bringe schließlich das Geld heim, vergiss das nicht, muss dafür ganz schön schuften. Da bleibt nicht mehr viel Kraft für die Hauswirtschaft. Du hast doch den ganzen Tag Zeit. Wieso schaffst du das nicht? Musst du eben ein bisschen ranklotzen, weniger vor dem Fernseher sitzen!«

Rita schluckt, beißt sich auf die Zunge, schweigt erst einmal zu den Vorwürfen, will ihn nicht noch mehr reizen. Dann jedoch kann sie sich nicht mehr beherrschen, lässt ihren Frust ab.

»Mit dem, was du verdienst, kommen wir grade so zurecht, gut! Aber nach der Rate, die wir an die Bank zahlen müssen, und der Abzahlung an deine Freunde, da reicht es kaum noch zum Leben. Wir können uns keinen Urlaub leisten, wir gehen nicht aus. Ich würde mir gerne mal ein neues Kleid oder ein paar Schuhe kaufen - nichts ist. Und arbeiten muss ich wie ein Vieh. Du überlässt mir ja alles.«

Horst ist sprachlos. Er weiß gar nicht, was er dazu sagen soll.

»Das macht auf die Dauer keinen Spaß. Und wir müssen noch dreißig Jahre an die Bank abzahlen. Dann sind wir alt, das Leben ist schon fast vorüber. Da muss sich etwas ändern, meinst du nicht auch?«

Horst ist aufgestanden, blickt Rita ungläubig an. »Was sagst du da? Es ist nicht genug, was ich verdiene? Du kannst dir nichts kaufen?«

»Genau! Hast mich ganz gut verstanden«, fällt Rita ihm ins Wort.

»Sieh doch nur einmal in deinen Kleiderschrank. Der ist gerappelt voll von unnützem Zeug. Das hat alles viel Geld gekostet.«

»Stimmt doch gar nicht!«, widerspricht Rita und ist beleidigt, weil Horst ihr vorwirft, zu großzügig mit dem Geld umzugehen.

»Und Urlaub? Den können wir gut zu Hause verbringen. Wir leben hier doch wie in der Sommerfrische. Ich rackere mich ab, mach Überstunden, damit es etwas mehr wird am Monatsende. Deine paar Piepen, die du vom Arbeitsamt bekommst, das ist ja nun auch nicht gerade viel.«

»Genau! Und deshalb denke ich mir, wird es das Beste sein, wenn ich mir wieder eine Arbeit suche«, ergreift Rita die Gelegenheit. »Im Supermarkt habe ich nicht schlecht verdient. Ich muss ja nicht voll arbeiten, das geht schon wegen Erik nicht.«

»Kommt überhaupt nicht in Frage!«, sträubt sich Horst, lehnt ihren Vorschlag ab.

»Das bestimmst du nicht allein! Da habe ich auch ein Wörtchen mitzureden«, wehrt sich Rita gegen seine Bevormundung.

»Du bleibst zu Hause und kümmerst dich um dein Kind und um die Hauswirtschaft!« Damit versucht Horst jede weitere Diskussion über dieses Thema zu unterbinden. Doch so schnell gibt sich Rita nicht geschlagen.

»Wieso ist das bloß mein Kind? Es ist unser Kind! Du hast genau die selben Pflichten wie ich, könntest also auch zu Hause bleiben. Warum unbedingt ich?«

»Du bist nun einmal die Mutter. Und außerdem, dein Verdienst würde doch sowieso nicht ausreichen, um alles bezahlen zu können.«

»Gerade deshalb gibt es nur eine Lösung. Wir gehen beide auf Arbeit und Erik, den geben wir in eine Kindertagestätte.«
Horst ist aufgestanden, steht Rita gegenüber, versucht sie so einzuschüchtern.

»Und was kostet das? Hast du dir das überlegt? Da bleibt am Ende doch nicht viel mehr übrig als heute. Du aber bist den ganzen Tag unterwegs. Zu Hause, da bleibt die Arbeit liegen.«

»Jetzt höre aber auf!«, faucht ihn Rita an. »Du willst bloß nicht, suchst nach Gründen. Dann schaff mehr Geld ran!«

Sie weiß, dass sie ihn damit trifft. Horst ist verbittert. Er spürt den Vorwurf, weiß, dass es ihm kaum gelingen wird, bei Holzig, höhere Lohnforderungen durchzusetzen.

»Ich diskutier mit dir darüber nicht mehr!«, schreit er Rita aufgebracht an. »Du bleibst zu Hause und damit basta!« Horst steht auf, zieht seinen Mantel über und verlässt das Haus.

 

2. Kapitel

,Jetzt rennt er wieder in die Kneipe, lässt sich voll laufen. Dann ist mit ihm sowieso nichts mehr anzufangen’, sagt sie sich, ist enttäuscht, räumt das Abendbrot, auf das sie nun auch keinen Appetit mehr hat, wieder weg. Erik muss noch gefüttert, gebadet und ins Bett gebracht werden. Das lenkt sie ab. Später sucht sie nach einer Fernsehsendung, die sie auf andere Gedanken bringen soll. Doch soviel sie auch hin und her schaltet, sie findet nichts.

Rita ereifert sich. ‚Der denkt, er kann machen, was er will. Na, da hat er sich aber in den Finger geschnitten.’

Horst kommt schon nach einer Stunde wieder nach Hause. Er ist nicht betrunken, wie es in letzter Zeit oft vorkam, setzt sich zu ihr. ‚Ich habe mir das noch einmal durch den Kopf gehen lassen’, beginnt er versöhnlich. Rita reagiert nicht.

‚Also, wenn du wirklich arbeiten gehen willst, dann werde ich mich eben damit abfinden. Es gefällt mir zwar nicht, aber - na ja.’

‚Lassen wir das Thema erst einmal! Ich will mich darüber jetzt nicht mit dir streiten.’ Rita hat zwar bemerkt, dass Horst nun bereit ist nachzugeben, sie glaubt ihm aber nicht recht, geht in die Küche und nimmt den Kontoauszug der Bank zur Hand. Sie vergleicht die Abbuchungen mit den Belegen und muss schließlich feststellen, dass sie das Konto wieder überzogen haben.

‚Die Autoreparatur war teuer, ließ sich aber nicht vermeiden. Horst braucht es ja, um auf die Baustelle zu kommen. Ohne Auto wäre er seinen Job bald los’, resümiert sie. ‚Dadurch wird aber das Geld diesen Monat sehr knapp. Die Bank wird die Rate für den Kredit gleich am Monatsanfang abbuchen. Wenn wir dann noch etwas an Rolf und Werner überweisen, bleibt nicht genug zum Leben. Nein! An die beiden können wir in diesem Monat wieder nichts zahlen. Wir hatten uns zwar vorgenommen, das Darlehn regelmäßig mit einer bestimmten monatlichen Summe zurückzuzahlen, doch zum Glück sind sie nicht so pingelig’, tröstet sie sich. Deprimiert lässt sie den Kontoauszug auf den Tisch fallen und ihn da liegen.

‚Soll Horst sich den ruhig auch einmal ansehen’, sagt sie sich. ‚Sonst glaubt der wieder, dass ich mit dem Geld nicht umgehen kann.’ Am meisten ärgert sie sich ja darüber, dass er so viel Geld für Zigaretten und seine Kneipengänge ausgibt. ‚Bisher habe ich dazu nichts gesagt, doch jetzt muss ich ihn darauf hinweisen!’, nimmt sie sich vor.

Trotz allem ist es ihr ein paar Monate lang gelungen, fünfzig Mark in ihre Sparbüchse zu stecken. Eine Zeit lang hat sie gehofft, soviel zusammen zu bekommen, dass es wenigstens für eine Woche Urlaub reichen würde. Ihre Sparbüchse ist für sie der Zipfel Hoffnung, den sie braucht, an den sie sich klammert. Hin und wieder hat sie dafür sogar noch ein Geldstück zusätzlich geopfert; wenn sie es von dem wöchentlichen Kostgeld abknapsen konnte.

Doch das strenge Sparregime, das sie sich auferlegen muss, um auszukommen, zerrt an ihren Nerven.
Horst kümmert sich kaum noch um die finanziellen Belange, will auch von ihren Sorgen nichts wissen. Er verlangt sein Essen und sein Bier.

Rita fühlt sich allein gelassen, unverstanden, hilflos. Nur Erik gibt ihr Halt. Seinetwegen erduldet sie das alles. Schließlich beginnt sie, erst in großen Abständen, später immer öfter, sich dadurch positive Erlebnisse zu schaffen, dass sie Geld aus der Sparbüchse nimmt und sich etwas kauft. Dinge, die sie meist gar nicht braucht. Es geht ihr ja auch nicht darum, etwas Bestimmtes, etwas unbedingt Nötiges zu kaufen. Es geht ihr darum, überhaupt irgend etwas zu kaufen und dadurch das bisschen Freude zu erlangen, das ihr sonst versagt bleibt. Wenn sie verzweifelt ist, treibt es sie geradezu in den Supermarkt. Dort bummelt sie durch die Gänge, ringt mit sich, nimmt etwas in die Hand, legt es wieder zurück, verliert schließlich den Kampf gegen sich selbst, kauft.

Einmal, als sie absichtlich kein Geld einsteckt, auch ihre Kreditkarte vorsorglich zu Hause lässt, nimmt sie trotzdem etwas mit, mogelt sich an der Kasse vorbei. Zum Glück wird es nicht bemerkt. Zu Hause jedoch, als die Freude darüber verflogen ist, erschrickt sie über das, was sie getan hat. ‚Ein Glück, dass ich nicht ertappt wurde. Das mache ich nie wieder!’, nimmt sie sich fest vor.

Damit Horst nichts von ihrer Sucht merkt, verbirgt Rita die Sachen zu Hause im Schlafzimmerschrank. So bleibt ihr schon nach kurzer Zeit nur ihr schlechtes Gewissen, was sie jedoch nicht daran hindert, bald erneut diesem zwingenden Verlangen zu erliegen. Sie bringt nicht mehr die Kraft auf, sich dagegen zu wehren.

Horst ist wieder, wie jeden Sonntagvormittag, zum Stammtisch gegangen, kommt von da gegen Mittag leicht schwankend nach Hause.

Rita, die sich in der Küche mit der Vorbereitung des Essens abmüht, ist darüber so verärgert, dass sie lospoltert, sobald er im Haus ist: »Na, hast du wieder ordentlich eingefahren - Korn und Bier? Wir haben es ja!« Sie donnert ihm die Küchentür vor seiner Nase zu.

Horst, eben noch in lustiger Runde, ist wie vor den Kopf geschlagen.

»Gönnst du mir das etwa nicht?«, schreit er gereizt. »Die drei vier Bier werde ich mir wohl leisten können - und auch einen Schnaps! Du, das lasse ich mir von dir nicht verbieten!«

Rita kommt aus der Küche, wedelt ihm mit den Kontoauszug vor der Nase herum und fährt ihn an: »Da, sieh selber! Auf dem Konto, da ist fast nichts mehr. Und an Werner und Rolf können wir diesen Monat wieder nichts zahlen. Wir sind pleite. Aber dich interessiert das ja alles nicht. Du gehst in die Kneipe und haust das Geld auf den Kopf, als hätten wir es im Überfluss.«

Langsam lichtet sich der Nebel in seinem Kopf. Er begreift, dass Rita wohl guten Grund haben muss, so stinksauer zu sein.

»Nun mache doch nicht so einen Aufstand wegen der paar Mark. Ich brauche eben auch einmal ein bisschen Abwechslung, wenigstens am Wochenende«, versucht er sich zu rechtfertigen.

»Ach so! Du brauchst Abwechslung? Und ich? Ich möchte sehn, was du sagen würdest, wenn ich in die Kneipe ginge, besoffen nach Hause käme. Du aber müsstest das Essen kochen und den Kleinen versorgen!«

Horst hat sich an den Tisch gesetzt, betrachtet die Zahlen auf dem Kontoauszug.

»Wir haben unser Konto überzogen!«, stellt nun auch er verwundert fest. »Wo ist denn das ganze Geld hin? Kannst du nicht ein bisschen sparsamer wirtschaften?«

»Wenn du dich nie darum kümmerst, alles auf mich abwälzt, ist es kein Wunder, wenn du nichts weißt«, hält Rita ihm vor. »Die Rechnung für die Autoreparatur, die hast du wohl schon ganz vergessen?«

»Ohne Auto kann ich nicht auf Arbeit fahren, dass weißt du doch«, pariert er.

»Ich sage ja gar nichts dagegen, aber bezahlen mussten wir sie!« So zerren sie lange hin und her. Einer gibt dem anderen die Schuld für ihre erneut missliche finanzielle Lage.

Als Horst am Nachmittag etwas aus dem Schlafzimmerschrank holen will, stößt er zufällig auf die Sachen, die Rita dort verborgen hält. Er holt den ganzen Kram hervor. Was sich da alles findet: Kämme, Seife, billiges Parfüm, Lippenstifte, Tücher, Gürtel. Er ist fassungslos, breitet alles auf dem Bett aus.

‚Warum hat sie nur den ganzen Krempel gekauft?’, fragt er sich, findet aber keine Erklärung dafür. ‚Na hoffentlich ist das nicht geklaut? Nein, das macht sie nicht!’, beruhigt er sich und geht nach unten, wo er Rita mit Erik beschäftigt findet. Er nimmt ihr den Kleinen aus den Armen und setzt ihn in die Krabbelbox.

»Komm doch mal mit!«, fordert er sie in ziemlich barschem Ton auf. »Na komm schon!«, wiederholt er ungeduldig seine Aufforderung, als er merkt, dass Rita zögert. Die ahnt Schlimmes. Horst nimmt sie bei der Hand und zieht sie die Treppe hinauf. Nur widerwillig folgt ihm Rita.

»Sage mal, was soll denn der ganze Krempel da?« Horst schiebt die Widerstrebende ins Schlafzimmer, zeigt auf die auf dem Bett ausgebreiteten Sachen.

Als Rita begreift, dass Horst ihr Geheimnis entdeckt hat, schlägt sie die Hände vors Gesicht, fängt an zu weinen.

»Wieso kaufst du denn solchen Ramsch? Das ist doch alles unnützes Zeug, das brauchen wir doch gar nicht.« Er schüttelt verständnislos den Kopf.

»Ich weiß doch auch nicht, was mit mir los ist«, antwortet Rita schluchzend und ist ganz verzweifelt. »Immer wenn ich mit den Problemen nicht mehr fertig werde, wenn das Geld nicht reicht, oder wenn ich mich so allein gelassen fühle, da kommt es über mich, da muss ich mir etwas kaufen. Danach geht es mir besser.«

»Du bist kaufsüchtig!«, stellt Horst lakonisch fest. »Das ist es! Ich habe schon gehört, dass es so etwas gibt. Aber du? Das hätte ich nicht gedacht.«

Rita hat sich gesetzt und heult hemmungslos. Mit einer Handbewegung fegt sie die Sachen vom Bett herunter.

»Na, nun mach keine Panik«, versucht Horst sie zu beruhigen. »Das wird schon wieder. So teuer ist das Zeug ja nun auch nicht gewesen«, wiegelt er ab, möchte sie beruhigen. Rita tut ihm leid und er hat ein schlechtes Gewissen. Er ist sich darüber schon im klaren, dass er sich in letzter Zeit kaum noch um die häuslichen Dinge gekümmert - auch Rita vernachlässigt hat.

»Erinnere dich nur einmal daran, wie es war, als ich im Krankenhaus lag. Damals hattest du eine Energie, dass ich nur gestaunt habe. Ich erkenne dich gar nicht wieder. Wieso lässt du dich denn jetzt so gehen?«

Rita antwortet darauf nicht, erhebt sich langsam. Um die am Boden liegenden Sachen kümmert sie sich nicht, geht schlurfend ins Kinderzimmer. Wieder einmal flüchtet sie sich zu ihrem Söhnchen, nimmt Erik auf den Arm und verlässt das Haus.

Horst wartet eine Zeit lang darauf, dass Rita zurückkommt. Als sie jedoch auf sein Rufen nicht reagiert, wird ihm Angst. Er sucht nach ihr.

‚Die muss raus gegangen sein. Was mag sie vor haben?’, fragt er sich bang. ‚Wieso läuft sie weg? Ich habe ihr doch gar nichts getan. Und geschimpft habe ich doch auch nicht so sehr.’

Er tritt vor das Haus, sucht im Garten nach ihr. Rita ist nicht zu finden.

 

3. Kapitel

Rita ist in ihrer Verzweiflung zu den Nachbarn geflüchtet. Zum Glück sind die zu Hause. Frau Richter öffnet auf ihr Klingeln.

»Na, komm rein, Rita«, sagt sie zu ihr und schiebt sie ins Wohnzimmer, wo ihr Mann gerade dabei ist, Briefmarken in seine Sammlung einzufügen.

Er erkennt zwar an Ritas noch gerötetem Gesicht, dass sie geweint hat, doch er lässt es sich nicht anmerken.

»Frau Glaubig, trinken Sie einen Kaffee mit uns?«, fragt er und versucht ganz unbefangen zu erscheinen.

Seine Frau holt eine ihrer bunten Sammeltassen aus dem Schrank, stellt sie vor Rita auf den Tisch. Dann nimmt sie Erik ganz vorsichtig aus ihren Armen. Der kennt seine Ersatzoma schon und quietscht vergnügt.

Herr Glaubig schenkt Kaffee ein, schiebt Zuckerdose und Sahnekännchen näher zu ihr hin. Für kurze Zeit sitzen sie schweigend am Tisch, dann ergreift Frau Richter Ritas Hand und streichelt sie. »Hast Sorgen, nicht war? Können wir dir helfen?«, fragt sie ganz vorsichtig.

»Es gab wieder Streit.«

Frau Richter legt den kleinen Erik ihrem Mann in die Arme. »Geh doch mal mit dem Kleinen raus in den Garten. Es ist so schönes Wetter. Ein bisschen Luft tut ihm bestimmt gut.« Ihr Blick gibt ihm zu verstehen, dass sie allein mit Rita reden möchte, denn sie ahnt, dass die sich scheut, in seiner Anwesenheit über ihre Sorgen zu reden.

»Das ist eine gute Idee«, stimmt der zu, steht auf, nimmt Erik auf den Arm und verlässt das Wohnzimmer.

Rita hat das Theater natürlich durchschaut, aber ihr ist es recht so. Mit Frau Richter kann sie reden, vor Herrn Richter hat sie eine gewisse Scheu, wie damals, als sie noch klein war, vor ihrem Vater.

»Nun erzähl, Rita!«, fordert Frau Richter sie auf.

»Ich bin weggelaufen, halte das nicht mehr aus. Immer bin ich schuld.« Rita beginnt zu weinen, schluchzt. »Horst ist ganz anders geworden«, klagt sie. »Er kümmert sich um nichts mehr. Nicht um unsere Finanzen, nicht ums Haus, kaum noch um den Kleinen. Alles überlässt er mir. Er kommt heim, setzt sich hin und stiert in die Röhre. Reden kann ich kaum noch mit ihm. Nach dem Essen kippt er noch zwei, drei Flaschen Bier hinter, dann geht er ins Bett. Das macht mich alle!«

»Und, hast du mit deinem Mann schon einmal darüber gesprochen?«, erkundigt sich Frau Richter.

»Ich habe es versucht - ein paar Mal. Aber Horst will nichts davon hören. „Du machst das schon, hast ja Zeit“, dass ist alles, was er dazu sagt. Heute ist es passiert! Ich hatte mir vorgenommen, jeden Monat fünfzig Mark in mein Sparschwein zu stecken und wenn genug zusammen gekommen ist, einmal eine, nur eine Woche Urlaub zu buchen. Ich hätte es auch geschafft, aber...«

Frau Richter unterbricht sie. »Na das ist doch eine gute Idee, da kann dein Mann doch nichts dagegen haben.« Sie nimmt an, dass das Problem darin besteht.

»Davon weiß Horst doch gar nichts«, erklärt Rita. »In letzter Zeit habe ich immer dann, wenn ich wieder mal so richtig am Boden war, Geld aus dem Sparschwein genommen, bin in den Supermarkt gelaufen und habe mir etwas gekauft. Nichts teures, nichts wichtiges, einfach irgend etwas. Danach ging’s mir für eine Weile besser. So nach und nach ist ein großer Teil des gesparten Geldes drauf gegangen.«

»Aber, wenn Horst nichts davon weiß, von deinem Sparschwein, dann weiß er doch auch nicht, dass du etwas davon ausgegeben hast?«, wundert sich Frau Richter.

»Die Sachen, die ich mir gekauft habe, die hatte ich im Schlafzimmerschrank versteckt. Heute hat Horst alles gefunden. Ich weiß auch nicht, was er da gesucht hat - ist ja auch egal. Der hat mich vielleicht behandelt...« Wieder weint sie.

Frau Schmidt reicht ihr ein Taschentuch, zieht die Schluchzende an sich, legt die Arme schützend um sie, wie sie es bei ihrem Kind oft getan hat.

»Beruhige dich erst einmal, Rita. Ich glaube, das Beste wird sein, wenn du so tust, als wäre gar nichts gewesen. Dein Mann wird bestimmt nicht wieder davon anfangen - denke ich mir«, versucht sie ihr Mut zu machen.

Nach einiger Zeit gibt sie Rita wieder frei, steht auf. »Jetzt nimm dein Kind und gehe wieder rüber zu deinem Mann. Der macht sich bestimmt schon Sorgen. Das mit dem Kaufen, das wirst du aber sein lassen müssen, wenn es dir auch schwer fällt«, rät sie ihr und blickt Rita bedeutsam an.

Die sieht das auch so, nickt, geht ins Bad und macht sich frisch. Danach folgt sie Frau Richter in den Garten, wo ihr Mann mit Erik noch immer auf der Bank sitzt und wartet.

»Rita will wieder gehen«, sagt sie, nimmt ihm den kleinen strampelnden Kerl ab, drückt ihn Rita in die Arme.

»Na mach’s gut! Ich drücke dir die Daumen.« Mit bangem Gefühl geht Rita heim, öffnet vorsichtig die Haustür.

»Wo bist du denn gewesen? Ich habe dich überall gesucht, habe mir Sorgen gemacht. Läufst einfach weg«, empfängt Horst sie. Er hatte ungeduldig und von Gewissensbissen geplagt gewartet, ist nun erleichtert. Dass sie zu der Nachbarin gegangen sein könnte, hatte er zwar vermutet, sich aber nicht getraut, ihr zu folgen.

So wie von Frau Richter voraus gesehen, erwähnt er die Dinge oben im Schlafzimmerschrank nicht mehr. Er hat alles wieder in dem Korb verstaut und diesen weggestellt. Dabei war ihm klar geworden, dass sich etwas ändern muss.

‚Ich werde mich wieder mit ums Geld kümmern’, sagt er sich. ‚Wenn Rita kaufsüchtig ist, weiß man nicht, was passiert.’

»In Zukunft kümmere ich mich wieder um die Finanzen - wenn dich das so fertig macht«, sagt er in einem Ton, der Mitgefühl und Verständnis andeuten soll.

Rita durchschaut ihn natürlich. ‚Der meint es nicht ehrlich, will mich doch nur kontrollieren’, vermutet sie. ‚Vielleicht muss ich nun jede Woche vorrechnen, was ich ausgegeben habe’, überlegt sie, sagt jedoch nichts, nickt nur.

»Und, wenn du gerne möchtest, dann habe ich auch nichts dagegen, dass du ein paar Stunden arbeiten gehst. Du kämst unter Leute, bist nicht den ganzen Tag so allein. Vielleicht kümmern sich Richters in der Zeit um Erik, wenn wir etwas dafür bezahlen. Die beiden sind doch ganz närrisch auf ihn.«

Rita ist darüber so erfreut, dass sie ihm alles andere verzeiht. »Ich werde mich gleich morgen umhören, ob es im Supermarkt eine Möglichkeit gibt.« Sie ist ganz aufgeregt, fällt Horst um den Hals, würde am liebsten sofort etwas unternehmen.

So zieht wieder Frieden ein, es ist ein trügerischer, denn das eigentliche Problem, dass sie sich innerlich entfremdet haben, sich zunehmend voneinander abkapseln, schwelt weiter.

Manchmal treibt auch ein Zufall sonst langsam verlaufende Entwicklungen voran.

Seitdem die Kinder ausgezogen sind, stehen die Zimmer im Untergeschoss des Hauses der Familie Richter leer. Nun, da sie sich damit abgefunden haben, dass es endgültig ist, entschließen sie sich dazu, diese an einen Untermieter zu vergeben, erhoffen sich daraus eine finanzielle Aufbesserung ihrer Einkünfte.

Rita ist gerade im Garten beschäftigt, als der silbergraue Audi neben dem Grundstück anhält. Ein Fremder steigt aus, kommt zu ihr an den Zaun.

»Junge Frau! Können Sie mir sagen, wo Familie Richter wohnt?«, hört sie ihn fragen.

Rita richtet sich auf, wischt ihre Hände gewohnheitsgemäß an ihrer Gartenschürze ab. Interessiert betrachtet sie den Fremden. Der ist fast zwei Meter groß, sportlich, braun gebrannt. Sein dunkler Anzug steht ihm gut. Der schwarze, kurz gehaltene Bart gibt ihm einen romantischen Zug. Er lacht Rita freundlich an.

‚Ein schicker Mann - könnte mir gefallen’, stellt die fest. »Richters? Die wohnen gleich nebenan«, gibt sie bereitwillig Auskunft, zeigt auf das Nachbargrundstück.

Der Fremde bedankt sich, scheint es aber nicht sehr eilig zu haben, bleibt noch stehen, betrachtet die bunten Blumenbeete, sagt anerkennend zu ihr: »Sie besitzen Geschmack, das muss man sagen. Der Garten ist wunderschön. Haben Sie das alles selbst so arrangiert?«

Rita freut sich über die Anerkennung ihrer Arbeit. ‚Horst hat so etwas noch nie zu mir gesagt. Für den ist das alles selbstverständlich’, geht es ihr durch den Sinn.

»Ja, das haben wir uns allein so ausgedacht - mein Mann und ich«, antwortet sie stolz und spürt, wie sie durch sein Lob verlegen wird.

»Also nebenan, das sind Richters«, vergewissert sich der Fremde noch einmal. Rita nickt zur Bestätigung.
»Einen schönen Tag noch und vielen Dank für Ihre Hilfe!« Der Fremde steigt wieder in sein Auto und fährt die kurze Strecke bis zum Nachbargrundstück.

‚Ein schicker Mann war das«, sagt sich Rita wieder und blickt ihm versonnen nach. »Wie alt mag der gewesen sein? So um die dreißig? Älter ist der bestimmt noch nicht’, beantwortet sie ihre Frage selbst. ‚Wahrscheinlich ein Vertreter, der etwas zu verkaufen hat? Und ein tolles Auto fährt der.’

Erik, der unter dem Sonnenschirm in seiner Krabbelbox liegt und mit einer Klapper spielt, fängt an zu weinen, reißt Rita aus ihren Gedanken. Er ist nun schon über sieben Monate alt und will beschäftigt werden. Rita nimmt ihn hoch, wirbelt ihn im Kreis, das gefällt Erik. Er lacht und quietscht. Kontrollierend schnüffelt Rita. „Aha!“, das Problem ist riechbar. Sie klemmt ihn sich unter den Arm und geht ins Haus.

Immer wieder muss sie an den Fremden denken. ‚Wer mag das gewesen sein? Vor hier ist der nicht’, überlegt sie. Vom Fenster des Wohnzimmers aus beobachtet sie, dass der Audi noch vor Richters Grundstück steht. Da! Er kommt aus dem Haus, fährt den Wagen auf den Stellplatz. Gespannt beobachtet sie, was weiter geschieht. Er öffnet den Kofferraum, holt zwei große Taschen heraus, trägt sie weg. Leider versperren ihr Haselnusssträucher die Sicht so, dass sie nicht erspähen kann, ob er ins Haus geht. ‚Wieso bin ich denn so neugierig? Der hat mich doch gar nicht zu interessieren’, ruft sie sich zur Ordnung und wendet sich ab.

4. Kapitel

Einige Tage später ist Rita sicher, dass der Fremde drüben bei Richters eingezogen ist. Sie hatte beobachtet, wie er früh gegen acht Uhr weg fährt und erst am Nachmittag zurück kommt. Sie nimmt sich vor, Richters um diese Zeit zu besuchen.

Als sie am nächsten Tag die beiden vor ihrem Haus in der warmen Nachmittagssonne unter dem weißen Pavillon sitzen sieht, wo sie Kaffee trinken, stattet sie ihnen einen Besuch ab. Sie trägt ihr buntes, luftiges, die Figur betonendes Sommerkleid. Da die Gartentür nicht abgeschlossen ist, tritt sie ungehindert ein. »Hallo!«, ruft sie laut und geht auf dem mit hellen Kieseln ausgelegten Weg zum Haus.

Frau Richter hat ihren Ruf gehört, kommt ihr entgegen.
»Das ist aber schön, dass du uns wieder einmal besuchst«, begrüßt sie Rita, neckt Erik ein wenig.

»Gut sehen Sie aus!«, empfängt Herr Richter Rita mit einem Kompliment. Seine Frau hatte ihm alles erzählt und er versteht, dass die junge Frau sich nach Komplimenten sehnt.

»Ja, wirklich?«, reagiert Rita erfreut, streicht über ihr Kleid. »Das hab ich schon ein paar Jahre, aber es ist immer noch wie neu.« Ihr Ton ist heiter, sie freut sich, ist voller Erwartung.

»Ich möchte nur ein bisschen quatschen«, begründet sie ihren Besuch. »Bei mir drüben, da bin ich immer so allein.«

Die beiden nicken verständnisvoll. Erik strampelt, macht sich steif, knatscht, streckt seine Ärmchen nach Frau Richter aus, gibt so zu verstehen, dass er zu seiner "Oma" möchte. Bereitwillig lässt Rita ihm seinen Willen.

»Noch ein paar Monate und er kann zu laufen. Na, dann ist was los. Nichts ist sicher vor den kleinen Kerlchen. Alles wollen sie untersuchen«, bemerkt Herr Richter. »Als unser Sohn zwei Jahre alt war, hatte er es immer auf unser Radio abgesehen, wollte unbedingt an den Knöpfen drehen. Nichts half da, kein Schimpfen, kein Klaps auf die Finger, bis uns eine Idee kam...«

Frau Richter lacht und erzählt weiter: »Eines Tages haben wir den Sender ein ganz klein wenig verstellt, die Lautstärke aufgedreht. So war nichts zu hören, doch wenn er wieder an dem Knopf drehen sollte... Unser Kleiner, kaum war er wieder im Wohnzimmer, guckt er uns verschmitzt an, läuft prompt zum Radio und dreht an dem bewussten Knopf.«

»Können Sie sich vorstellen, was passiert ist, Rita?«, fragt Herr Richter.

Rita kann zwar, tut aber so, als käme sie nicht drauf.

»Der hatte mit dem kleinen Dreh den Sender richtig eingestellt. Das Radio brüllte los. Unser Frank erschrak darüber so, dass er sich auf den Hintern setzte und mit dem Radio um die Wette schrie. Aber das Problem war ein für alle Mal gelöst. Ans Radio ist er nicht mehr gegangen«, schließt Frau Richter die Geschichte ab.

»Das werde ich mir merken!« Rita lacht herzlich, als sie sich das bildlich vorstellt.

»Heute gibt es ja die Fernbedienung. Da kann das so nicht mehr passieren«, schränkt Herr Richter ein.

»Sie haben neuerdings einen Untermieter?«, bringt Rita das Gespräch auf den Punkt, der sie eigentlich interessiert.

»Ja«, bestätigt Frau Richter. »Die Zimmer standen leer - schon lange. Die Kinder haben sich selbständig gemacht, so ist das nun einmal. Wir haben uns gedacht, da wär’s doch nicht schlecht, wenn wir ein paar Mark einnehmen könnten.«

»Wer ist denn das, Ihr Untermieter?«, erkundigt sich Rita, wird ein wenig verlegen.

Frau Richter bemerkt das wohl, blickt Rita verwundert an.

»Kennst du Herrn Starke?«, erkundigt sie sich.

»Ich habe ihn kennen gelernt, als er ankam. Er hat mich damals nach eurem Haus gefragt.«

»Herr Starke arbeitet als Vertreter - für eine Unterwäschefirma. Das ist ja ein bisschen komisch für einen Mann. Na, von wegen der Dessous. Aber er wird sie den Mädles ja nicht anprobieren?«, bemerkt er und schmunzelt.

Auch Rita lacht darüber, aber ihr Lachen klingt ein wenig verklemmt.

Erik hat offensichtlich ein Problem. Er wird unruhig, quengelt, windet sich, knatscht...

»Da ist bestimmt ein Malheur passiert«, vermutet Frau Richter.

»Ich habe Windeln mit, werde ihn trockn legen. Dann ist für ihn die Welt wieder in Ordnung.« Rita nimmt Erik und geht mit ihm zur Gartenbank. Dann bekommt er sein Fläschchen. Auch daran hatte Rita vorsorglich gedacht.

Und tatsächlich, das kleine, runde Babygesicht strahlt danach wieder. Als Frau Richter ihn nimmt und mit hoppe – hoppe - Reiter aufmuntert, quietscht Erik lauthals.

Rita hat bereits eine Stunde vergeblich gewartet, will schon gehen, ist enttäuscht, doch dann hört sie den Audi.

Auch Herr Richter merkt auf. »Da kommt unser Untermieter!«, macht er seine Frau aufmerksam, die, durch Erik abgelenkt, das Geräusch überhört hat. »Er kann doch auch einen Kaffee mit uns trinken, hat den nach so einem Tag bestimmt nötig«, schlägt er vor.

Herr Starke, der die nach der Hangseite zu ebenerdig liegenden Zimmer des Hauses bewohnt, benutzt den rückwärtigen Eingang, kommt zwangsläufig am Pavillon vorüber. Als er Rita sieht, stutzt er einen Augenblick, überlegt, woher er sie kennt. Sein auf Namen und Personen trainiertes Gedächtnis vermittelt ihm schnell, dass es die junge Frau von nebenan ist, bei der er sich nach den Richters erkundigt hatte. Freundlich begrüßt er die Runde, kommt näher und streichelt Erik übers Haar.

»Wie heißt du denn?«, fragt er, natürlich wissend, dass er von dem Kleinen keine Antwort bekommen kann, aber auf die Antwort der Mutter hoffend.

»Das ist Erik«, antwortet Rita tatsächlich auf die Stellvertreterfrage. »Sie haben wohl kleine Kinder gern?«

Herr Starke nickt und blickt sie lächelnd an.

Die Einladung zu einer Tasse Kaffee kommt ihm nun ganz recht. »Das war heute wieder ein Tag«, sagt er und zeigt seine Erschöpfung.

»Und, wie gehen die Geschäfte?«, erkundigt sich Herr Richter.

»Die Kunden werden immer schwieriger; seit der Umsatz geringer wird. Heute ist das besonders in der Textilbranche der Fall. Die Leute geben einfach weniger Geld dafür aus, oder sie haben weniger.«

»Kein Wunder, bei den vielen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern. Die müssen jeden Pfennig umdrehen«, kommentiert Rita bissig.

»Und Rentner, die feste Bezüge haben, die kaufen sich solche Sachen, mit denen Sie handeln, wahrscheinlich nicht mehr«, ergänzt Frau Richter.

»Verkaufen Sie eigentlich nur an Händler?«, fragt Rita.

»Nur an Geschäfte - im Prinzip. Aber ich habe immer Muster zur Verfügung. Wenn Sie Interesse haben, dann findet sich schon eine Möglichkeit.«

Daran ist auch Frau Richter interessiert, doch Herr Starke lenkt rasch von dem Thema ab. »Wirklich, Sie wohnen hier in einer idealen Lage. So etwas würde ich mir auch wünschen; wenn ich es einmal geschafft haben werde.«

»Na, da wird aber noch eine ganze Weile vergehen. Sie sind doch noch nicht in einem Alter, in dem man an die Rente denkt. Oder?« Ritas Neugier ist deutlich herauszuhören.

Doch auf diese Frage antwortet Herr Starke nicht. »Ich muss noch die Abrechnung für den heutigen Tag erledigen und die Bestellungen an meine Firma durchgeben«, sagt er entschuldigend, stellt die Tasse aufs Tablett zurück, bedankt sich für den Kaffee, geht ins Haus.

»Es muss eben alles seine Ordnung haben«, pflichtet ihm Herr Richter bei.

Auch Rita blickt ihm nach. Sympathiefunken sind übergesprungen; das hatte Frau Richter bemerkt. Die nächste Zeit wird zeigen, ob sie verglimmen, oder sich daran ein Feuer entfacht.

 

5. Kapitel

Noch ganz verwirrt, wacht Rita am Sonntagmorgen aus einem heftigen Traum auf. Sie spürt ihr Herz aufgeregt pulsen, atmet hechelnd; lag sie doch eben noch in der erregenden Umarmung des jungen Mannes von nebenan.

Vorsichtig richtet sie sich auf, blickt zu Horst hinüber, vergewissert sich, dass der noch schläft. Er schnarcht leise, kann nichts bemerkt haben. Eigentlich schämt sie sich ihres unmoralischen Traumes, doch das Prickelnde einer solchen Affäre, das reizt sie schon.

‚Na, solange ich so etwas nur im Traum erlebe, ist es nicht schlimm, ist ja noch kein Ehebruch’, rechtfertigt sie sich. ‚Ob er in Wirklichkeit auch so ist, wie er es in meinem Traum war?’, überlegt sie versonnen. ‚Quatsch!’ Energisch verdrängt sie die verführerischen Gedanken.

‚Morgen werde ich wieder zum Arbeitsamt gehen’, nimmt sie sich vor. ‚Mit dem Supermarkt, das wird doch nichts.’ Ihre Anfrage war ohne Erfolg geblieben. ‚Weil ich ein Kind habe’, vermutet sie. ‚Es muss ja auch nicht unbedingt der Supermarkt sein’, tröstet sie sich. ‚Ich könnte auch in einem anderen Geschäft arbeiten, würde mich schon zurecht finden.’

Ganz vorsichtig schleicht sie sich aus ihrem Bett und verlässt auf Zehenspitzen das Schlafzimmer. Sie weiß, dass Horst, wenn er am Sonntagmorgen aufwacht, zu ihr ins Bett will. In letzter Zeit findet sie daran keinen Spaß mehr - fühlt sich benutzt, mag diese Art Pflichtübung nicht.

Es vergeht noch eine gute Stunde, bis Horst, noch verschlafen, nach unten kommt.

Rita hat Erik inzwischen aus seinem Bettchen geholt, das Frühstück vorbereitet.

Mürrisch setzt sich Horst an den Tisch. Rita tut so, als bemerke sie seine Verstimmung gar nicht, setzt Erik auf seinen Schoß, gibt ihm einen Gutenmorgenkuss. Ihre Frage, ob er gut geschlafen habe, bleibt ohne Antwort. Also schenkt sie wortlos Kaffee ein, legt ein Stück von dem Sonntagskuchen auf seinen Teller.

‚Der ist knurrig, weil er heute sein Vergnügen nicht bekommen hat. Na, der wird schon wieder’, sagt sie sich und macht ein ganz unbekümmertes Gesicht. Sie hat recht.

Erik muntert seinen Vati auf. Er probiert jetzt bereits ein wenig von dem, was seine Eltern essen, ist ja nun auch schon fast ein dreiviertel Jahr alt.

Horst nimmt ein Stückchen von dem Kuchen, taucht es in warme Milch und stopft es Erik in sein weit aufgerissenes Mündchen. Der verzieht sein Gesicht, doch dann schluckt er tapfer. Lange hält er es jedoch bei seinem Vati nicht aus. Bald schon beginnt er zu nörgeln, räkelt sich, quengelt, möchte runter. Horst lässt ihm schließlich seinen Willen.

Das birgt jedoch so seine Tücken. Kaum auf dem Fußboden, kriecht Erik auf allen Vieren quer durch die Stube, auf die Grünpflanzen zu.

»Er wird bestimmt wieder versuchen, sich an dem, was er gerade greifen kann, hoch zu ziehen«, vermutet Rita. Schon einmal hatte er dabei eine Grünpflanze umgeworfen - Schmutz und Scherben verursacht. Diesmal gibt sie acht.

Als Erik versucht, sich beidhändig an die Zweige der Zimmerlinde klammernd aufzurichten, eilt sie zu ihm, nimmt ihn hoch, vermeidet damit ein erneutes Malheur.

Wie üblich geht Horst auch an diesem Tag gegen zehn Uhr zum Stammtisch. In der Gartenkneipe, weiter unten am Berg, wird er ein paar Runden Skat spielen, ein, zwei Glas Bier, vielleicht auch einen Schnaps trinken und über Fußball reden.

Rita, der das nicht passt, hat erkannt, dass es sinnlos ist, dagegen zu opponieren, es deshalb aufgegeben.

»Um zwölf ist das Essen fertig!«, ruft sie ihm nach, in der Hoffnung, dass sie ihn dadurch bewegen kann, zu Mittag nach Hause zu kommen.

»Ich bleib nicht lange!«, antwortet Horst.

‚Das erklärt er jedes Mal, doch es besagt gar nichts.’ Diese Erfahrung hat Rita schon oft machen müssen. Nachdem sie ihre Hausarbeit erledigt hat, bleibt noch Zeit, bevor sie das Essen aufsetzen muss. Sie geht in den Garten, hofft darauf, den jungen Mann von nebenan zu sehen. Vergeblich wehrt sie sich dagegen, dass sie die Erlebnisse ihres Traum bedrängen, sie aufwühlen, nicht zur Ruhe kommen lassen.

‚Vielleicht ist der am Wochenende gar nicht hier’, überlegt sie. Immer wieder blickt sie zu den Nachbarn hinüber. Richters sitzen unter ihrem Pavillon beim Frühstück. Freundlich grüßen sie Rita, winken ihr zu.

Wider Erwarten kommt Horst doch rechtzeitig zum Mittagessen nach Hause. Nach dem Essen bleiben sie noch ein Weilchen sitzen, Horst bereitet Espresso zu.

»Was ist denn nun mit deiner Arbeit?«, erkundigt er sich. »Erzähle doch mal. Warst du schon im Supermarkt? Klappt es dort?«

»Mit einem Kind habe ich da keine Chance«, antwortet Rita. »Ich werde zum Arbeitsamt gehen. Es muss ja auch nicht der Supermarkt sein.«

»Solltest du nicht erst einmal Richters fragen, ob sie auf Erik aufpassen? Sonst sagst du vielleicht zu und kannst es dann nicht halten. Sie könnten ja auch ablehnen«, gibt er zu bedenken.

»Da hast du recht«, bestätigt Rita seine Überlegungen. »Morgen Nachmittag gehe ich mal zu ihnen rüber und frage sie. Was kann ich ihnen denn anbieten? Ganz umsonst werden sie es wohl nicht machen.«

»Das Ganze lohnt sich für uns nur, wenn du mehr verdienst, als wir an sie zahlen müssen. Sonst ist es besser, du bleibst zu Hause«, gibt Horst zu bedenken. »Kannst es ja versuchen.«

Am späten Nachmittag des darauf folgenden Tages geht Rita, so wie sie es sich vorgenommen hatte, zu den Nachbarn. Natürlich hofft sie darauf, bei dieser Gelegenheit auch den hübschen jungen Mann zu treffen. Sie hat sich schick gemacht, die Augenlider mit einem Hauch grün betont, die Wimpern getuscht und die Brauen nachgezogen, ihren Teint mit Creme und Puder geglättet und die Wangen mit einer Winzigkeit Rouge belebt. Ein kesses, buntes Tuch ziert ihren schlanken Hals.

Erik hat sie zu Hause gelassen. Er schläft oben im Kinderzimmer. Seitdem sie das Babyphon gekauft haben, geht das.

Die Richters hören sich ihre Bitte an, sind von ihrem Anliegen überrascht.

‚Na, die sind nicht begeistert’, stellt Rita fest, ist besorgt, dass sie es ablehnen könnten.

»Sie sollen das auch nicht umsonst machen. Nein, das verlangen wir nicht. Wir zahlen Ihnen eine Aufwandsentschädigung. Und wir kaufen alles, was Sie für Erik brauchen«, erklärt sie rasch, um die Entscheidung zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

»Darüber müssen wir uns erst einmal in Ruhe beraten«, sagt Herr Richter und blickt seine Frau warnend an. »Es ist eine große Verantwortung, die wir da übernehmen würden. Man hofft es ja nicht, aber wenn dem Kleinen etwas zustößt, sind wir verantwortlich; ganz abgesehen von den finanziellen Folgen.«

Das hatte sich Rita nicht überlegt. Der Gedanke verunsichert sie. »Sie haben ja Recht, so einfach ist das gar nicht«, stimmt sie Herrn Richter zu. »Ich muss das noch einmal mit Horst bereden. Für Sie dürfen aus so einer Hilfe selbstverständlich keine Nachteile entstehen.«

»Wir finden da schon eine Lösung«, gibt sich Frau Richter optimistisch. Sie würde sich schon darüber freuen, wenn etwas Leben ins Haus käme. Endlich hätte sie wieder etwas zum bemuttern. Deshalb sagt sie: »Wir werden das schon machen. Hast du denn schon eine Stelle, wo du anfangen kannst, Rita?« Sie ist ein wenig enttäuscht, als Rita ihr sagt, dass es noch nicht der Fall ist.

»Ich kann doch nicht so einfach irgendwo zusagen, ohne dass ich sicher bin, dass der Kleine in der Zeit auch gut versorgt wird.«

Das sieht Frau Richter ein. »Weißt du, Rita, wir überlegen uns, wie wir das klären können. Vielleicht gibt es eine Versicherung? Vielleicht genügt auch unsere Haftpflicht?«

Eigentlich ist alles besprochen und Rita könnte wieder nach Hause gehen, doch sie hofft noch immer darauf, dass Herr Starke kommt, zögert deshalb.

Herr Richter bemerkt es. »Trinken Sie auch noch einen Schluck Wein mit uns«, schlägt er ihr vor. »Gestern ist eine neue Lieferung von unsrem Weinbauern eingetroffen.« Ohne Ritas Zustimmung abzuwarten geht er ins Haus, um Flasche und Gläser zu holen.

»Wir waren vor zwei Jahren an der Mosel im Urlaub. Seitdem bestellen wir bei dem jedes Jahr, was wir so brauchen«, erläutert Frau Richter. »Der Wein ist schon besser, als der aus dem Supermarkt.«

Es dauert nicht lange und Herr Richter erscheint mit einem Tablett, auf dem die bereits geöffnete Flasche und vier, nicht drei, Gläser stehen. Rita sieht das wohl, fragt aber nicht, für wen das vierte Glas sein soll, deutet es als ein Zeichen dafür, dass Herr Starke in Kürze erwartet wird.

Herr Richter zeigt ihr das Etikett auf der Flasche. »Ein Kerner, der ist nicht ganz so trocken, lässt sich gut trinken«, preist er den Wein an.

»Ich mag trocknen Wein nicht, wenn es auch modern ist, den zu trinken«, unterstützt ihn Rita in seiner Meinung. Nachdem eingeschenkt wurde, testen sie die Qualität nach dem Ritus, den sie aus dem Fernsehen kennen. Erst Glas schwenken, Farbe prüfen, schnüffeln, einen kleinen Schluck nehmen, kauen und mit Kennermine runter schlucken.

»Na, wie schmeckt der denn?«, erkundigt sich Herr Richter und ist auf Ritas Antwort gespannt.

»Wirklich, das ist ein feiner Tropfen«, bestätigt die höflich, obwohl sie nicht viel davon versteht. ‚Na, einen großen Unterschied zu dem aus dem Supermarkt kann ich da nicht rausschmecken’, denkt sie.

»Der ist doch bestimmt nicht billig«, vermutet sie und betrachtet das Etikett noch einmal eingehend.

»Aber es ist eben was Besonderes, da muss man schon ein paar Mark ausgeben«, antwortet Herr Richter stolz, ohne ihr den Preis zu verraten.

In diesem Moment kommt Herr Starke.

»Hallo!«, grüßt er, gibt ihnen reihum die Hand und setzt sich, ohne erst lange um Erlaubnis zu bitten, zu ihnen an den Tisch.

»Ich hab Sie gar nicht kommen hören«, sagt Frau Richter verwundert.

»Mein Auto ist in der Werkstatt. Habe mich von einem Taxi bis unten an den Abzweig fahren lassen, wollte noch ein paar Schritte zu Fuß gehen«, erklärt Herr Starke.

»Ihnen ist doch nichts passiert! Hatten Sie einen Unfall?«, fragt Rita erschrocken und ihre Wangen werden rot, als sie bemerkt, dass die anderen sie verwundert anblicken.

Herr Starke beruhigt sie. »Nein, mein Wagen muss durchgesehen werden. Morgen brauche ich ihn wieder, habe ihn deshalb in der Werkstatt gelassen.«

»Und wie laufen die Geschäfte?«, erkundigt sich Herr Richter wieder.

»Heute hatte ich Glück, habe zwei neue Kunden gewonnen und die ersten Probebestellungen erhalten.« Er ist sichtlich froh darüber, lehnt sich zufrieden zurück.

Herr Richter hat inzwischen das vierte Glas eingeschenkt und schiebt es zu ihm hin.

»Da, probieren sie mal, Herr Starke, Es ist einer von der Mosel, direkt vom Weinbauern.«

»Ja, der ist gut«, lobt der den Wein, nachdem er ihn genüsslich gekostet hat.

»Was ich Sie fragen wollte, Herr Starke. Könnten Sie mir nicht einmal ein paar Muster von Ihrer Kollektion zeigen«, wendet sich Rita an ihn und gibt der Unterhaltung damit eine pikante Richtung.

Herr Starke ist zwar überrascht, fängt sich aber sofort. Er spürt ihr Interesse und erkennt an ihrem Blick, dass es nicht nur die Dessous sind, für die sich Rita interessiert.

»Ja, selbstverständlich kann ich das«, antwortet er.« Bei Gelegenheit komme ich mal rüber und bringe eine Auswahl mit. Wenn Ihnen davon etwas gefällt, finden wir schon einen Weg«, sagt er und zwinkert ihr zu.

In diesem Moment tönt aus dem Gerät, das Rita wie ein Handy am Gürtel trägt, ein klägliches Weinen. »Mein Kleiner ist aufgewacht. Ich muss nach Hause.« An ihrem Tonfall ist deutlich zu erkennen, dass sie es bedauert. Als sie sich verabschiedet, hält sie die Hand von Herrn Starke einen Augenblick fest, drückt sie bedeutungsvoll und sagt zu ihm: »Nicht vergessen, das mit den Dessous!« Sie spürt, dass er ihren Druck erwidert.

 

6. Kapitel

Verlegenheit steht wie eine unsichtbare Wand zwischen ihnen. Geschehen ist, wonach Rita sich gesehnt und Jahn, so nennt sie ihn jetzt, ihr nach anfänglichem Zögern leidenschaftlich gegeben hat. Nach ihrer letzten Begegnung war es für ihn zwar nicht ganz überraschend gekommen, doch eigentlich hatte er, als er zu ihr ins Haus kam, nur sein Versprechen einlösen und Rita einige seiner Musterstücke zeigen wollen. Als sie dann aber aus dem Bad kommend, eine der raffinierten Kreationen tragend, in der Tür stehen bleibt, ihn verführerisch anschaut, da konnte er nicht anders, war wie hypnotisiert auf sie zu gegangen. Rita, die wohl nur darauf gewartet hatte, schlang ihre Arme um seinen Nacken, presste sich erregt an ihn, drängte den anfangs noch Widerstrebenden zur Couch hin, wo die Leidenschaft in hechelndem Rhythmus über ihnen zusammenschlägt. Nun, da die aufgepeitschten Sinne befriedigt sind, sitzen sie sich wortlos gegenüber, schauen verlegen aneinander vorbei, wohl wissend, dass es Unrecht ist, was sie getan haben.

Nach einiger Zeit sagt Jahn, um das verlegene Warten zu beenden: »Rita, ich muss jetzt wieder, habe noch Termine bei meinen Kunden.«

Die fällt ihm noch einmal um den Hals, will ihn mit einem Kuss aufhalten, doch sie spürt, dass er in seinen Gedanken schon nicht mehr bei ihr ist, gibt auf.

»Sehen wir uns bald wieder - Jahn?«, fragt sie bang.

»Natürlich! Sobald sich die Gelegenheit dazu bietet«, stimmt der zu. »Doch hier bei euch zu Hause sollten wir uns nicht mehr treffen, das könnte auffallen.«

»Wenn Erik nach Mittag schläft, dann hätte ich für eine Stunde Zeit«, kommt Rita ihm bereitwillig entgegen. »Ich komme so gegen eins ein Stück die Straße runter, dort könnten wir uns treffen. In deinem Auto haben wir doch Platz.« Ihr Zwinkern verrät ihre Gedanken. Die kurze Zweisamkeit hat ihr Begehren nicht stillen können.

Die Dessous, in denen sie ihn verführt hatte, schenkt er ihr. »Zur Erinnerung«, wie er lächelnd sagt.

Als Horst am Abend von seiner Arbeit nach Hause kommt, spürt er, dass Rita irgendwie anders ist als sonst. Sie trällert in der Küche ein Liedchen, spaßt mit Erik und lacht Horst verschmitzt an. All ihre Traurigkeit und ihr Pessimismus sind verschwunden. Als er sich ihr aber nähern, sie auf seinen Schoß ziehen will, weicht sie ihm aus. »Nicht! Lass das«, wehrt sie sich dagegen. »Ich muss noch das Abendbrot machen.« Sie wendet sich ab und beginnt mit den Vorbereitungen.

»Warum bist du heute so aufgekratzt? Hast du etwa eine Stelle gefunden?«, fragt Horst.

Rita reagiert nicht, ist in ihren Gedanken immer noch bei dem Erlebnis vom Vormittag.

»Hee - du! Ich rede mit dir. Du bist ja ganz abwesend. Was ist denn mit dir los?«, wundert sich Horst.

»Nichts«, gibt Rita zur Antwort, setzt sich zu ihm an den Tisch, nimmt sich jetzt zusammen. Der Abend verläuft ruhig und ausgeglichen. Sie beschäftigen sich noch eine Stunde mit ihrem Kind, bevor sie Erik in sein Bettchen bringen. Wie üblich, geht Rita vor dem Zubettgehen als erste ins Bad, um sich für die Nacht fertig zu machen. Ihre neue Unterwäsche hat sie den ganzen Tag anbehalten und betrachtet sich, bevor sie die auszieht, noch einmal wollüstig im Spiegel.

Der Zufall will, dass Horst ins Bad kommt, um sich eine Kopfschmerztablette aus dem Medizinschrank zu holen. Erstaunt betrachtet er sie.

»Donnerwetter!«, entfährt es ihm. »Wo hast du denn das feine Stück her?« Ihm ist sofort klar, dass diese Unterwäsche nicht zu der Billigware gehört.

»Hast du etwa wieder...?« Den Rest der Frage lässt er unausgesprochen. Rita ist darüber so erschrocken, dass sie sich nicht die Zeit nimmt, um eine intelligente Ausrede zu überlegen.

»Das habe ich geschenkt bekommen«, antwortet sie wahrheitsgetreu, ist sich in dem Moment, als sie es ausspricht schon im klaren, dass das ein großer Fehler war; sie nun mehr zugeben muss.

Prompt reagiert Horst: »Geschenkt? Von wem?«
»Du weißt, dass bei Richters neuerdings ein Vertreter wohnt. Der hat Musterstücke, die er nicht mehr verkaufen kann. Von dem habe ich es.«

»So, nicht mehr verkaufen. Und der schenkt dir das, eben mal so?« Horst kommt die ganze Sache ziemlich merkwürdig vor. »Wie viel ist denn so ein Teil wert?«, erkundigt er sich.

»Ich könnte mir selber so etwas ja nie kaufen, aber wenn er es mir schenkt. Es ist ja nicht mehr ganz neu, ist eben nur ein Muster. Es sieht aber noch ganz gut aus. Gefällt es dir auch?«, schwatzt sie und kokettiert mit ihm, um Horst abzulenken. Doch der wird nur noch skeptischer.

»Wie kommt der denn dazu, dir so was zu schenken? Wir kennen den doch gar nicht.«

»Den Herrn Starke, den hab ich drüben bei den Richters kennen gelernt, als ich dort war und gefragt habe, ob sie den Erik behalten würden. Da hat er von seiner Arbeit erzählt und dass er manchmal Muster hat, die er aussortiert. Na, da haben wir ihm gesagt, dass wir Interesse hätten, Frau Richter und ich. Heute kam er und hat mir so ein Stück gebracht.«

»Und der muss grade dann kommen, wenn ich nicht im Haus bin.« Horst fragt nicht weiter, er malt sich die Dinge mit eigenen Bildern aus. ‚Rita sagt mir doch sowieso nicht die Wahrheit, wenn was war, zwischen den beiden, überlegt er und verlässt das Bad. Er hat sich in letzter Zeit schon oft darüber Gedanken gemacht, warum Rita ihm gegenüber so verändert ist. Immer wieder findet sie Ausreden, weist ihn ab, wenn er sich ihr nähern will. Kommt es doch einmal zu der von ihm ersehnten Vereinigung, so spürte er, dass sie nur widerwillig nachgibt, ihn einfach gewähren lässt. Bisher hatte Horst darin noch keinen Anlass gesehen, eifersüchtig zu sein, doch nun hat sich die Situation schlagartig geändert. Als er aus dem Bad kommt, versucht er wieder einmal zärtlich zu sein, erhält erneut eine Abfuhr, bemüht sich nicht weiter; weil er es ja erwartet hatte, sich nur noch einmal vergewissern wollte.

In dieser Nacht liegt er lange Zeit wach, grübelt. ‚Wenn sich da etwas abspielt, dann kann das nur in der Zeit sein, wenn der Kleine schläft’, überlegt er. ‚Gleich nach dem Mittag legt sie ihn nieder. In der nächsten Zeit werde ich einmal um die Zeit heim kommen’, nimmt er sich vor. Er wird von Alpträumen gepeinigt, in denen Rita sich dem anderen hingibt, ihn aber auslacht, schließlich verlässt. Morgens erwacht Horst schweißgebadet.

An einem der nächsten Tage fährt er, wie er es sich vorgenommen hatte, während der Mittagspause nach Hause. Gut zweihundert Meter vor dem Haus lässt er das Auto stehen und geht den Rest des Weges zu Fuß. ‚Wenn der bei Rita sein sollte, da müsste ich doch seinen Audi sehen’, überlegt er. Doch weder vor dem Haus, noch nebenan bei Richters kann er ihn entdecken. ‚Ins Haus werde ich nicht gehen’, sagt er sich und bleibt unschlüssig stehen. Er fährt unverrichteter Dinge zur Baustelle zurück. Rita hat Glück gehabt, dass gerade an diesem Tag Jahn nicht zu ihrem Rendezvous kommen konnte.

»Wo warst du denn?«, erkundigt sich Rolf, als er wieder auf der Baustelle eintrifft. »Hattest wohl was vergessen, zu Hause? Oder konntest du nicht mehr bis heute Abend warten?«

Horst antwortet auf diese provozierende Frage nicht. Werner ist aufgefallen, dass Horst mit seinen Gedanken oft abwesend ist. Er redet kaum, interessiert sich nicht mehr für Fußball und Fernsehen.
»Rolf, ich glaube Horst hat Probleme«, meint Werner. »Hat er mit dir schon gesprochen?« fragt er. Rolf verneint.

»Wir können ja mal fragen. Vielleicht traut er sich nur nicht«, schlägt er vor. Nach Feierabend nehmen sie Horst beiseite und fragen ihn direkt. Erst wehrt der ab, doch auf ihr Drängen hin öffnet er sich, erzählt von seinem Verdacht, dass Rita mit dem Vertreter angebändelt haben könnte.

»Aber einen Beweis hast du nicht«, fasst Falk zusammen. »Es kann doch auch wirklich so sein, wie Rita gesagt hat. Da musst du schon fair bleiben.«

»Wenn da aber etwas daran ist, dann kenne ich nichts. Ich lasse mich scheiden!«, regt Horst sich auf.
»Zu solchen Überlegungen hast du doch gar keinen Grund. Du bist eifersüchtig, das ist alles, siehst schon Gespenster«, bremst ihn Rolf.

»Das sehe ich auch so«, pflichtet Werner bei. »Solange du keine Beweise hast, ist das alles Unsinn. Und Rita deine Eifersucht spüren lassen, das wäre nicht korrekt. Rede noch einmal mit ihr, ganz in Ruhe.«

»Ich denke nicht daran! Die sagt mir das doch sowieso nicht, wenn sie eine Affäre hatte. Aber ich bekomme das schon noch heraus. Dem Kerl dreh ich den Hals um, wenn an der Sache etwas dran ist, das könnt ihr mir glauben.«

»Du musst selber wissen, was du machst, aber mit Gewalt wirst du nichts erreichen. Rita würde sich in dem Fall bestimmt spontan gegen dich entscheiden und das wahrscheinlich endgültig«, gibt Werner zu bedenken. Sie lassen das Thema fallen, verabschieden sich bis zum nächsten Tag.

Das kann doch nicht sein, habe die Pille doch immer genommen!’ Rita will es einfach nicht wahrhaben, obwohl seit dem Tag, an dem ihre Regel hätte einsetzen müssen, schon über zwei Wochen vergangen sind. Noch wehrt sie sich vehement gegen den Gedanken schwanger zu sein. Trotzdem hat sie vorsorglich einen Teststreifen aus der Apotheke besorgt und benutzt den am nächsten Morgen. Das Ergebnis ist positiv.

Der Schock, den diese Erkenntnis in ihr auslöst, sitzt tief. ‚Das kann nicht sein! Das darf nicht sein!’, wiederholt sie. Von panischer Unruhe getrieben, kann sie keinen klaren Gedanken fassen. ‚Ich weiß ja nicht einmal sicher, von wem das Kind ist’, gesteht sie sich ein. ‚Ein Glück, dass ich Horst nicht völlig abgewiesen habe. So wird er mir glauben, dass es seins ist.’ Aufgeregt läuft sie in der Stube hin und her, schüttelt immer wieder verzweifelt ihren Kopf. ‚Vielleicht ist der Test ja auch gar nicht so sicher?’ Rita klammert sich an diesen Funken Hoffnung, versucht sich damit zu beruhigen. ‚Auf jeden Fall werde ich zu meiner Ärztin gehen’, nimmt sie sich vor. ‚Und, wenn das Kind doch nicht von Horst sein sollte? Ob das eines Tages heraus kommt? Es ist vielleicht tatsächlich das Beste, wenn ich es mir wegmachen lasse. Was wird Jahn dazu sagen, ob der zu mir hält?’ Diese Gedanken quälen Rita ohne dass sie zu einem Ergebnis kommt.

Als sie Jahn das nächste Mal trifft, bemüht sie sich besonders lieb zu ihm zu sein, ihm alle Wünsche zu erfüllen. Danach bleiben sie noch eine Weile zusammen und Rita, eng an ihn geschmiegt, beginnt ganz vorsichtig: »Du Jahn, ich muss dir noch etwas sagen. Es fällt mir nicht leicht aber du musst es wissen.«

Der ist guter Dinge und macht ihr Mut. »Du brauchst dich doch nicht zu genieren, sage einfach was du möchtest. Ich finde schon einen Weg.« Er nimmt an, dass Rita ihn um etwas bitten wird. Doch als sie ihm ihr Geheimnis leise ins Ohr flüstert, schiebt er sie abrupt von sich weg.

»Schwanger? Du bist schwanger?«, fragt er erschrocken. »Aber nicht von mir!«, behauptet er sofort, sitzt ganz steif neben ihr. »Du hast doch gesagt, dass du die Pille nimmst, dass nichts passieren kann.«

»Die habe ich doch auch genommen, aber es ist trotzdem passiert. Jahn ich bin sicher, das Kind ist von dir!«

»Du hast doch bestimmt auch mit deinem Mann geschlafen?«, fragt der. Rita schweigt, was er als Zustimmung deutet.

»Dann ist das Kind von ihm! Etwas anderes darfst du gar nicht erst denken; schließlich bist du verheiratet! Stell dir mal vor, was dein Mann sagen würde, wenn er erfährt, dass es nicht sein Kind ist.«

»Der rastet aus. Das verzeiht der mir nie«, antwortet Rita erschrocken.

»Also bleibt dir gar nichts anderes übrig. Du sagst, dass es sein Kind ist!«

Als Rita ihn verzweifelt ansieht, zu weinen beginnt, sich an ihn klammern will, wieder sagt, dass es bestimmt sein Kind sei, fährt er sie barsch an: »Für mich spielt das überhaupt keine Rolle. Wenn du schwanger geworden bist, dann ist das schließlich deine Schuld. Du hast die Pille vergessen, nicht ich. Rede du mit deinem Mann, der freut sich vielleicht sogar über die Neuigkeit«, sagt er zynisch.

»Wie kannst du nur so herzlos sein, nach allem, was zwischen uns gewesen ist? Und ich habe gedacht, du liebst mich. Ich wollte mich sogar von meinem Mann scheiden lassen, um mit dir zusammen zu leben.« Rita schluchzt und verlässt heulend das Auto, in dem sie gemeinsam so viele schöne und aufregende Erlebnisse hatten.

»Du kannst es doch wegmachen lassen. Das wäre überhaupt die beste Lösung!«, ruft er ihr nach, dann gibt er Gas und fährt weg.

Es tut ihr weh, begreifen zu müssen, dass Jahn nur seinen Spaß gesucht hat, will nicht wahrhaben, dass es so ist. Hatte sie doch fest daran geglaubt, dass auch er sie liebt, tatsächlich mit dem Gedenken gespielt, sich von Horst zu trennen, um mit Jahn ein neues Leben zu beginnen.

Doch nun ist plötzlich alles anders. ‚Der hat mich nur benutzt, der Lump’, sagt sie sich und ist voller Abscheu und Wut über seinen Vertrauensbruch. ‚Für ihn war es billiger und bequemer, als in einen Puff zu gehen.’ Rita hasst ihn jetzt, gleichzeitig sehnt sie sich nach seinen Liebkosungen, wird von ihren Gefühlen hin und her gerissen.

Langsam geht sie zum Haus zurück. Sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, versucht ihrer Gefühle Herr zu werden. Ein klein wenig Hoffnung hat sie noch. ‚Der wird es sich bestimmt noch einmal überlegen, hat das sicher nicht ernst gemeint. Er war von der Nachricht so überrascht, als er das gesagt hat’, tröstet sie sich.

Zwei Wochen sind seit dem letzten Treff mit Jahn vergangen. Rita fällt es nicht leicht, ihren Zustand vor Horst zu verbergen. Ihre Stimmungen wechseln, ab und zu wird ihr schlecht, ihr Appetit schlägt Purzelbäume. Doch ihre Angst davor, dass Horst, der wie sie spürt schon misstrauisch geworden ist, nachforschen könnte, hält Rita davon ab, ihm von ihrer Schwangerschaft zu erzählen.

‚Das Kind muss weg - Jahn hat schon recht’, versucht sie einen Entschluss zu fassen, zweifelt aber sofort wieder. ‚Wenn ich mir das Kind wegmachen lasse, dann muss ich für ein paar Tage ins Krankenhaus. Wie soll ich Horst das erklären?’, überlegt sie, findet keinen Ausweg aus ihrer verzweifelten Lage.

Rita zögert und schiebt die Entscheidung, es Horst zu sagen, vor sich her; obwohl klar ist, dass ihr die Zeit wegläuft, dass jeder Tag den sie wartet, die Frage, „Warum erst jetzt?", immer berechtigter werden lässt. Von Jahn erwartet Rita, seit er sie skrupellos im Stich gelassen hat, keine Hilfe mehr. Zwei Tage, nachdem sie ihm gesagt hatte, dass sie schwanger ist, war er bei Richters ausgezogen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Keine Telefonnummer, keine Adresse, keinen Gruß - nichts. Nachdem sie sich einige Tage vergeblich damit abgequält hatte, allein mit dem Problem fertig zu werden, ihr das aber nicht gelang, nimmt sie all ihren Mut zusammen und beichtet Frau Richter ihre Not. Doch diesmal findet sie bei ihr kein Verständnis. Rita spürt, dass die sich während ihrer Beichte innerlich von ihr zurückzieht.

»Was du da gemacht hast Rita, das ist ein derartiger Vertrauensbruch, den kannst du vielleicht gar nicht wieder gut machen. Du musst mit deinem Mann reden, egal was dann wird. Viel Zeit hast du nicht mehr. Wenn du deinem Mann jetzt nichts sagst, dann wird der bald selbst merken, dass du schwanger bist. Was sagst du ihm dann?«

Auch als Rita die Tränen über die Wangen rinnen, sie Frau Richter aus ihren rot geweinten Augen flehend anblickt, Hilfe suchend ihre Hand nehmen will, ändert die ihre Meinung nicht. Im Gegenteil, sie entzieht sich ihr, steht auf und setzt sich an die gegenüber liegende Seite des Tisches. Schweigen herrscht zwischen den beiden Frauen.

»Ich soll wohl gehen?«, fragt Rita, über die Reaktion von Frau Richter erschrocken, erhält keine Antwort, versteht auch so.

Weitere vier Wochen sind vergangen. Rita hat sich erst jetzt dazu durchgerungen, Horst ihre Schwangerschaft zu beichten. Sie hat ihn deshalb an diesem Sonntagmorgen nicht abgewiesen, ihn gewähren lassen. Ja, sie ist sogar, ihm leidenschaftliche Gefühle vorspielend, aufgeritten, was für sie seit langem tabu war.

So beginnt der Tag friedvoll. Die Sonne scheint bereits hell ins Zimmer, als sie das zerwühlte Bett verlassen. Rita deckt, nach kalter Dusche, den Frühstückstisch draußen im Garten, wie sie es schon oft bei schönem Wetter getan hat. Auch Erik ist bisher ruhig geblieben.

»Ist das nicht ein herrlicher Tag heute? Wie im Urlaub«, stellt Horst zufrieden fest, als er sich an den gedeckten Tisch setzt und in die Sonne blinzelt. Sie nehmen sich Zeit, essen genussvoll, beschäftigen sich mit Erik, planen das vor ihnen liegende Wochenende. Als sie mit allem fertig sind, wird Rita nervös. Sie steht auf, stellt das Geschirr zusammen, setzt sich wieder, nimmt Erik hoch, blickt Horst verstohlen an, gibt ihm den Kleinen auf den Schoß.

Horst strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus, was ihr Mut macht. Eigentlich war es ihre Absicht, die Geste zu wiederholen, mit der sie ihn damals, als sie mit Erik schwanger ging, darauf aufmerksam gemacht hatte. Doch als sie vor ihm steht, verlässt sie der Mut.

Verwundert blickt Horst sie an. »Ist etwas?«, fragt er, weil er fühlt, dass Rita etwas sagen möchte, sich jedoch nicht traut. Rita nimmt ihm Erik ab, setzt ihn in sein Stühlchen und sich an seiner Stelle selbst bei Horst auf den Schoß. Sie schlingt ihm ihre Arme um den Hals, bringt ihren Mund ganz nahe zu seinem Ohr und flüstert ihm leise ihr Geheimnis zu.

Horst rührt sich eine Zeit lang nicht, dann streift er ihre Arme ab, fasst Rita bei den Schultern und blickt sie zweifelnd und überrascht an. »Schwanger? Du bist wieder schwanger? Aber du nimmst doch die Pille - hast du gesagt.« Die Nachricht hat ihn aus der Fassung gebracht.

»Ich habe sie doch auch immer eingenommen«, behauptet Rita. »Die sind wahrscheinlich doch nicht so sicher, wie immer behauptet wird«, versucht sie sich zu rechtfertigen.

»Wie lange weißt du das schon?«, erkundigt sich Horst.

»Ich habe gehofft, dass es falscher Alarm ist, deshalb gezögert, es dir zu sagen. Aber nun ist es klar«, weicht sie einer konkreten Antwort aus. Anstatt sich darüber zu freuen, weist Horst auf die Konsequenzen hin. »Da kannst du das mit dem Arbeiten gehen aber voll vergessen.«

»Ich weiß, es kommt nicht grade zu einem günstigen Zeitpunkt, das habe ich mir doch schon gedacht. Bei Erik, da war es was anderes, da haben wir uns gefreut. Weißt du es noch?« Eine Zeit lang schweigen beide, überlegen...

»Nun ist es einmal passiert«, sagt Horst. »Wir schaffen das schon. Aber eigentlich wollten wir ja kein Kind mehr. Das weißt du.«

»Ich habe auch schon dran gedacht, es wegmachen zu lassen. Das wäre vielleicht die beste Lösung«, antwortet Rita, um zu prüfen, was er dazu sagt.

»Kommt nicht in Frage!«, widersetzt sich Horst.

Rita ist das gar nicht recht. Sie befürchtet, es könne eines Tages herauskommen, dass das Kind nicht von Horst ist. Nach ihrer Erinnerung war sie in der Zeit, in der es passiert sein muss, mit Horst gar nicht zusammen. Doch so ganz genau weiß sie es nicht mehr.

Horst hat nachgerechnet. ‚Es ist schon ein bisschen merkwürdig dass es gerade in der Zeit passiert sein soll, als bei uns so lange Funkstille geherrscht hat’, grübelt er. ‚Vielleicht war doch mehr dran mit dem Kerl von nebenan? Aber nachweisen kann ich ihr es nicht.’ Er behält seine Zweifel erst einmal für sich.

»Wir können uns ja noch in Ruhe überlegen, was mir machen. Noch haben wir Zeit.« Damit versucht Rita erst einmal von dem heiklen Thema abzulenken. Sie hat ja erreicht, was sie wollte. Beide räumen Geschirr und Kuchen weg. Jeder ist mit seinen Überlegungen beschäftigt, so dass kein Gespräch zustande kommt. Doch Horst geht der Gedanke, dass Rita nicht von ihm schwanger sein könnte, nicht mehr aus dem Sinn. Immer wieder versucht er sich zu erinnern, wie das damals vor acht Wochen war, denn so weit muss der Zeitpunkt zurückliegen. ‚Das war doch in der Zeit, als der Kerl nebenan gewohnt hat’, grübelt er.

‚Damals war Rita so merkwürdig, ließ nicht mit sich reden, wollte von mir nichts mehr wissen. Aber an einmal erinnere ich mich. Da hatten wir während einer Geburtstagsfeier ein bisschen tüchtig zugelangt. Ich glaube in der Nacht ist etwas passiert. Es wäre also doch möglich, dass ich der Vater bin. Vielleicht lasse ich später doch mal einen Vaterschaftstest machen.’

 

7. Kapitel

Die Tage vergehen. Horst spricht mit seinen Kollegen Werner und Rolf über seine Probleme, erhofft sich Rat. Doch die halten sich raus. Aus ihren Worten kann er entnehmen, dass sie es für besser halten, wenn er die ganze Angelegenheit auf sich beruhen lässt.

Sein Misstrauen ist wohl auch der Grund dafür, dass Horst, als sie wieder einmal heftig darüber diskutieren, ob Rita das Kind austragen soll oder nicht, in der Erregung seine Zweifel ausspricht.

Rita erschrickt heftig. Nicht so sehr darüber, dass Horst ihrer eigenen Vermutung nahe kommt, sondern vor allem darüber, dass nun die Gefahr besteht, er könnte eines Tages auf Klärung dringen. Mit energischem Protest geht sie deshalb dagegen an. Sie stellt sich, die Arme in die Seiten gestützt, vor ihn hin und faucht: »Willst du mich beleidigen? Denkst wohl, du kannst dir alles erlauben, kannst dich um deine Verantwortung drücken? Es ist dein Kind! Doch nun ist mir klar, ich muss es wegmachen lassen, sonst werde ich nicht mehr froh. Du wirst es mir immer wieder vorwerfen.«

»Wenn es wirklich von mir ist, dann bekommst du es - basta!«

Damit beendet Horst die Debatte. Das Thema ist für ihn abgeschlossen. In der Folgezeit unterbricht er jeden Versuch Ritas, mit ihm noch einmal über darüber zu reden.

Die wiederum traut sich nun nicht mehr zur Beratungsstelle zu gehen, um den für die Abtreibung nötigen Schein zu holen. Die Zeit vergeht und schließlich ist es zu spät dafür. Obwohl noch Misstrauen schwelt, bemühen sich beide, ihre Beziehung langsam wieder zu verbessern.

Rita verdrängt ihre Angst, dass ihr Kind nicht von Horst sein könnte und der wiederum redet sich ein, dass er der Vater ist. Bei der Geburt dabei zu sein, lehnt Horts allerdings ab.

Als er zur Klinik fährt, um Rita und das Neugeborene zu besuchen, ist er nicht mehr so aufgeregt, wie er es damals bei Erik war. Er hat Blumen besorgt, doch er vermisst die freudige innere Spannung.

Rita wartet bereits mit bangem Gefühl. Ahnt sie doch, dass er die Zweifel an seiner Vaterschaft noch immer nicht vergessen hat. Stolz präsentiert sie ihm das Baby. In eine weiße Decke gehüllt, ist von dem jedoch nicht viel zu sehen. Winzig klein ist das faltige, noch rot angelaufene Gesichtchen. Die Augen hält es fest geschlossen.

»Ist sie nicht lieb?«, fragt Rita, atmet auf, als Horst das nickend bestätigt. »Sie hat deine Augen. Ihre sind genauso blau«, betont sie und legt ihm das kleine Bündel in die Arme.

»Lassen wir es bei dem Namen?«, fragt er. Bereits vor der Geburt hatten sie sich darüber geeignet, dass sie das Baby, sollte es ein Mädchen werden, Freni nennen.

»Wir können da nichts mehr ändern? Ich musste den Namen vor der Geburt aufschreiben. Es ist doch ein schöner Name - oder?« Rita ist wegen seiner Frage irritiert, nimmt an, dass Horst seine Meinung geändert hat.

»Nein, nein! Ich bin einverstanden, habe nur so gefragt«, wiegelt der ab. Er hat sich zu Rita ans Bett gesetzt, ihr Freni zurück gegeben und hält nun wortlos ihre Hand.

»Wie kommst du denn mit Erik zurecht?«, erkundigt sich Rita, um das Schweigen zu beenden.
»Gut! Er ist bei Richters. Da fühlt er sich wohl.«

Rita ist erstaunt; denn nach der abrupten Verabschiedung durch Frau Richter hatte sich die Beziehung zu den Nachbarn merklich abgekühlt.

»Ich konnte ihn doch nicht die ganze Zeit allein lassen. Und mitbringen darf ich ihn nicht. Die nächsten Tage bleibe ich erst einmal zu Hause, habe mir eine Woche Urlaub genommen. Du kannst ja auch nicht gleich herum wirtschaften, wenn du wieder zu Hause bist.«

»Richte Grüße von mir aus - an Richters«, bittet sie und hofft, mit seiner Hilfe das Verhältnis zu ihnen wieder verbessern zu können.

»Kann ich machen. Die werden sowieso neugierig fragen, wie es euch geht.« Sie unterhalten sich noch einige Zeit lang, dann meint Horst: »Ich werde wieder gehen. Länger kann ich Erik nicht bei Richters lassen. Das wird denen bestimmt zuviel.« Er erhebt sich, beugt sich über Rita und gibt ihr einen Kuss, streichelt das Baby ganz vorsichtig, fragt, ob sie einen Wunsch hat, den er erfüllen kann, wenn er das nächste Mal zu Besuch kommt. Als sie verneint, nickt er, geht zur Tür, winkt noch einmal zurück.

Zu Hause angekommen, beeilt er sich, Erik abzuholen. Richters sitzen im Garten und versuchen Erik gerade dazu zu bringen, dass er von einem zum anderen tappst. Obwohl der sich alle Mühe gibt, setzt er sich auf seinen Hintern, sobald sie ihm die stützende Hand entziehen. Frau Richter amüsiert sich darüber, während Herr Richter ganz ernst bei der Sache ist. Als sie Horst kommen sehen, schildern beide aufgeregt, sich gegenseitig ins Wort fallend, dass Erik heute die ersten Schritte vollbracht hat.

»Er ist zwar noch ein bisschen wacklig auf seinen kleinen Beinen, aber in zwei bis drei Wochen läuft er richtig«, behauptet Frau Richter. »Sie müssen ihm nur noch ein bisschen helfen. Er gibt sich große Mühe.«

Horst nimmt Erik hoch, herzt und drückt den Kleinen.

»Wie geht es Rita?«, erkundigt sich Herr Richter und vergewissert sich mit einem Blick zu seiner Frau, dass es auch in ihrem Sinne ist.

»Ich soll Grüße an Sie ausrichten«, entledigt sich Horst seines Versprechens. »Den beiden geht es gut. Dass es ein Mädchen ist, das hatte ich doch schon gesagt.«

»Wie habt ihr sie denn genannt?«, möchte Frau Richter wissen.

»Freni! Der Name hat uns gefallen. Er ist auch nicht so häufig.«

»Freni? Ein schöner Name«, bestätigen die Beiden unisono.

»Wenn Sie wieder in die Klinik fahren, dann schicken wir ihr einen schönen Strauß Blumen aus unserem Garten mit«, sagt Frau Richter. »Und wenn dann das Baby zu Hause ist, kann Rita Erik ruhig mal zu uns bringen.«

Horst bedankt sich für die angebotene Hilfe und geht, mit Erik auf dem Arm, nach Hause.
An den Tagen, die es noch dauert, bis er Rita aus der Klinik abholen darf, begreift er, wie viel Mühe und Arbeit dazugehört, Garten und Haus in Ordnung zu halten und auch Erik zu versorgen. Für sich zu kochen, dazu kommt er gar nicht, gibt sich mit Fertiggerichten aus der Büchse zufrieden. Erik, der nun immer öfter versucht, seinen Willen durchzusetzen, hat schnell begriffen, dass ihm das bei seinem Vati immer dann am besten gelingt, wenn er kräftig schreit, strampelt, sich auf den Boden wirft und steif macht. Sobald er damit Erfolg hatte, lacht und strahlt er, brabbelt vor sich hin, bis er etwas neues entdeckt, das Spiel wiederholt.

Horst geht das auf die Nerven. Er bringt nicht die Kraft auf, das zu ignorieren, rauft sich die Haare und wartet sehnsüchtig darauf, dass Rita wieder das Zepter in die Hand nimmt.

Mit »Gott sei Dank!«, empfängt er sie vor der Klinik, nimmt ihr das Baby ab und lässt sie einsteigen. Erik, der im Kindersitz, im Fond des Autos festgegurtet ist, streckt seine Händchen nach ihr aus, windet sich und ruft immer wieder: »Ma... Ma...« Davon gerührt, setzt sich Rita neben ihn, streichelt ihn liebkosend.

Mit der kleinen Freni zieht Unruhe ins Haus ein. Der Tagesablauf muss umgestellt werden. Doch diesmal gelingt es ihnen besser. Das Bettchen von Erik haben sie ins Schlafzimmer gebracht und Rita schläft mit Freni im Kinderzimmer. So hat Horst seine Ruhe, ist am Morgen ausgeschlafen.

Rita nimmt die nächtlichen Unterbrechungen ihres Schlafes geduldig hin. Nach einigen Wochen hat sich Freni schon gut entwickelt. Sie schläft schon fast bis zum Morgen. Wenn sie gefüttert ist und trocken liegt, strahlt sie, sobald jemand in das Kinderbettchen blickt.

Erik steht oft davor, zeigt auf sie und sagt mühsam »...ni, ...ni«. Die großen runden Augen des Babys leuchten, wenn man sich mit ihm beschäftigt.

Horst erkannte schon bald, dass sie nicht blau sind, wie Rita gesagt hatte, sondern grau-grün. Eine Augenfarbe, die weder seiner, noch der von Rita entspricht. Wieder grübelt er. Erneut quälen ihn Zweifel und, obwohl er sich dagegen zu wehren versucht, schwelt in ihm Antipathie gegen das Baby.

Wenn Rita ihm Freni in die Arme legen will, wehrt er es ab.

»Du, das ist noch nichts für mich. Mit meinen schweren Händen tue ich ihr weh. Wenn sie ein Stück gewachsen ist, dann nehme ich sie schon.« Mit diesem Argument entzieht er sich ihrem Versuch.

Eines Tages stehen Richters mit einem Blumenstrauß und einem Päckchen vor der Tür. »Wir wollten euch zu dem Nachwuchs gratulieren«, sagt Frau Richter und drückt Rita, ein wenig verlegen, Blumen und Päckchen in die Hand. Dann folgt das Ritual des Bestaunens und der Bewunderung.

»Darf ich sie mal raus nehmen?«, erkundigt sich Frau Richter und nachdem Rita ihr Einverständnis gegeben hat, hebt sie das Baby ganz vorsichtig aus seinem Bettchen. Für Freni kommt das wohl etwas überraschend, sie kennt ja die fremde Frau noch nicht. Also zieht sie erst einmal einen Flunsch. Sie schwankt zwischen Lachen und Weinen; entscheidet sich aber unter viel gutem Zureden für das Lachen, akzeptiert das fremde Gesicht.

Rita hat den Blumenstrauß in eine Vase gesetzt und stellt diese so auf den Tisch, dass er gut zur Geltung kommt. Während Frau Richter das Baby in den Armen schaukelt, erzählt Rita von der Zeit im Krankenhaus.

Horst hat inzwischen eine Flasche Sekt aus der Küche geholt, stellt Gläser auf den Tisch.

»Na, da wollen wir sie mal pinkeln lassen«, sagt er, schenkt ein und erhebt sein Glas.

»Auf ihre Gesundheit und auf ein langes, glückliches Leben!«, erwidert Herr Richter und stößt mit allen an. Sie sitzen noch fast eine Stunde zusammen, bereden dies und das; wobei ihnen die Themen gar nicht wichtig sind.

Rita ist heilfroh, dass sich die Beziehung wieder normalisiert.

 

8. Kapitel

An diesem Sonnabend geht aber auch alles schief. Schon am Morgen verstopft beim Kaffeekochen der Filter der Maschine. Die braune Brühe läuft auf den Küchentisch und bildet dort eine dampfende Lache, die langsam auf den Rand der Arbeitsplatte zu kriecht. Nachdem sie ihn erreicht hat, tropft sie in drei dünnen Fäden auf den Fußboden, um dort zu hässlichen Flecken zu verspritzen . »So ein Mist!«, schimpft Rita, als sie aus dem Bad kommend die Bescherung sieht. Rasch zieht sie den Stecker der Kaffeemaschine und stellt diese auf einen Teller, der den noch immer überlaufenden Kaffee auffangen soll. Dann greift sie nach einem Tuch und versucht den Schaden zu beheben.

Horst betritt gähnend die Küche, sieht ihre hektischen Bemühungen und muss darüber lachen. »Was hast du jetzt schon wieder angestellt?«, fragt er kopfschüttelnd.

»Das siehst du doch! Der Kaffee ist übergelaufen. Ich habe dir schon ein paar Mal gesagt, dass wir eine neue Maschine brauchen«, reagiert Rita verärgert. »Brauchst gar nicht so zu lachen; hilf mir lieber!«, knurrt sie verärgert und wirft ihm ein Tuch zu.

»So was passiert auch nur dir«, mokiert sich Horst und beginnt auf dem Fußboden herumzuwischen.

»So etwas Ungeschicktes!«, kommentiert Rita seine halbherzigen Bemühungen und nimmt ihm das Tuch aus der Hand. »Lass das, ich mache es schon!«

»Na dann eben nicht!« Horst setzt sich auf die Eckbank und sieht Rita bei ihren Bemühungen mit spöttischem Lächeln zu. Aus dem Kinderzimmer klingt Frenis Weinen. Kurze Zeit darauf meldet sich auch Erik, der wahrscheinlich dadurch wach geworden ist.

»Kannst du nicht mal nachsehen? Ich kann hier nicht weg, das siehst du doch!« Ritas Tonfall klingt gereizt.

Horst steht auf und geht ohne ein Wort der Erwiderung nach oben ins Schlafzimmer. Weinend steht Erik im Kinderbett und streckt ihm seine Händchen entgegen. »Na komm, mein Kleiner, ich nehme dich raus«, sagt Horst tröstend und liebkost ihn. »Das Geschrei von deiner Schwester hat dich wohl aufgeweckt?« Er hebt Erik aus dem Bettchen und schaukelt ihn in seinen Armen, bis er sich beruhigt hat. Inzwischen schreit das Baby nebenan ganz erbärmlich, doch Horst tut nicht dergleichen.

»Kümmere dich doch auch mal um die Kleine!«, ruft Rita zu ihm hinauf. »Hörst du nicht, wie sie schreit?«

Horst gibt der Kinderzimmertür einen Tritt, dass diese mit lautem Knall ins Schloss fällt. Das Baby erschrickt darüber so, dass es für einen Augenblick verstummt, um danach nur um so lauter zu weinen.

Rita kommt nach oben gehastet, geht ins Kinderzimmer und nimmt das Baby hoch. Es dauert geraume Zeit, bis es sich beruhigt hat. Der Blick, mit dem Rita Horst bedenkt, als er ins Kinderzimmer kommt, spricht Bände. Am Frühstückstisch ist die Stimmung nicht die Beste.

Da der Supermarkt zu weit entfernt ist, als dass Rita die Einkäufe ohne Auto erledigen könnte, müssen sie noch dort hin fahren. In der Woche braucht Horst den Wagen, um zu den oft entfernt liegenden Baustellen zu kommen. Den Einkaufzettel hat Rita bereits geschrieben. Ohne ihn geht sie nicht mehr in den Supermarkt, hält sich auch strikt daran und unterdrückt tapfer alle anderen Wünsche.

»Aber die Heulboje nehmen wir nicht mit«, protestiert Horst und zeigt auf Freni. »Die ist satt. Trocken gelegt hast du sie. Wenn sie trotzdem schreit, dann soll sie von mir aus.« Um Horst nicht noch mehr zu reizen, bringt Rita das Baby wieder hinauf ins Kinderzimmer, legt es in das Kinderbettchen und deckt es fürsorglich mit einer Decke zu. Dann schaltet sie das Babyphon ein. Es benachrichtigt sie über ihr Handy, wenn Freni schreien sollte.

Horst ist mit Erik bereits zum Auto gegangen. Als Rita kommt, sitzt er bereits stolz in seinem Kindersitz.

Im Supermarkt herrscht reger Betrieb. Langsam schlendern sie durch die Gänge zwischen den Regalen und arbeiten Ritas Einkaufzettel ab. Sie haben es fast geschafft, als sich der Babyruf meldet. Rita presst das Handy ans Ohr, lauscht.

»Das klingt aber komisch«, kommentiert sie das Geräusch, das aus dem Handy klingt.

»Das liegt bestimmt an dem Gerät«, wiegelt Horst ab. Rita lauscht nochmals.

»Nein Horst, da stimmt etwas nicht, lasse uns schnell heim fahren! Wenn dem Kind nun etwas passiert ist?« Rita reicht ihm das Handy. »Höre doch selber einmal!«

Auch Horst kommt merkwürdig vor, was er da hört. Er stellt den vollen Einkaufswagen neben der Kasse ab.

»Wir lassen das Zeug stehen, das nimmt uns keiner weg, holen es später! Ich sage an der Information Bescheid, dann fahren mir.«

Rita zerrt Erik, der sich heftig dagegen sträubt, von seinem beliebten Sitz auf dem Einkaufswagen. Doch darauf kann sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Bevor sie das Haus erreichen, vergehen zehn Minuten. Voll unguter Ahnung eilt Rita die Treppe hinauf. Alles ist ruhig. Horst folgt ihr dicht auf den Fersen. Beide drängen fast gleichzeitig in das Kinderzimmer. Stille! Das Baby ist nicht zu sehen. Fast völlig unter der Decke verborgen rührt es sich nicht. Nur ein strampelhosenbekleidetes Beinchen ragt auf einer Seite des Bettchens zwischen den Gitterstäben heraus.

Rita zieht schnell die Decke weg und merkt, dass sich das Baby darin verheddert hat. Seine Augen sind geschlossen, als schlafe es. Als Rita ihr Töchterchen hoch nimmt, spürt sie, dass der kleine Körper schlaff ist.

»Um Gottes Willen, Horst! Die Kleine ist tot!«, schreit Rita ihren Schreck und ihre Angst heraus. Der sagt nichts, nimmt Freni vorsichtig aus ihren Armen, legt sie auf die Liege und tastet an ihrem Hals nach dem Puls.

»Schnell, rufe den Notarzt! Sie ist ohnmächtig«, sagt er und schiebt Rita weg. Während die zum Telefon eilt, massiert Horst ganz vorsichtig die Brust des Babys. Es vergehen bange Sekunden, dann spürt er, dass es atmet und fühlt nun auch den Puls wieder.

»Sie lebt! Rita, sie lebt!«, ruft Horst ihr zu. Tränen rinnen ihm über die Wangen.

Rita kommt zurück, fällt vor der Liege auf die Knie und tastet ganz vorsichtig nach dem Baby.

»Der Notarzt ist bereits unterwegs.« Sie wendet Horst ihr tränenüberströmtes Gesicht zu. »Sie lebt, wirklich, sie lebt«, es klingt wie eine Erlösung aus tiefster Not. »Wir hätten sie fast umgebracht, wir Egoisten!«  Der Wagen des Notarztes fährt vor, dann geht alles sehr schnell.

Horst führt den Mann im weißen Kittel zu der kleinen Patientin. Ihr scheint es etwas besser zu gehen. Erst ist es ein Hüsteln, dann ein herzzerreißendes Wimmern. Der Arzt bemüht sich um sie, blickt die Eltern fragend an. Bevor die den Hergang erklären können, trifft der Krankenwagen ein. Rita will mit zur Klinik fahren, ist nicht davon abzubringen. Um keine Zeit zu verlieren, stimmt der Arzt zu.

Horst bleibt allein zurück. Er muss sich nun erst einmal um Erik kümmern, der ganz verstört im Kinderzimmer zurückgeblieben ist. Er hat wohl gefühlt, dass etwas Ungewöhnliches passiert ist.

Nach zwei Stunden kommt Rita mit einem Taxi zurück. Still und in sich gekehrt setzt sie sich ins Wohnzimmer. Immer noch rinnen ihr Tränen über die Wangen, tropfen auf ihre Bluse und hinterlassen da feuchte Flecken.

Horst kommt mit Erik auf dem Arm ins Zimmer. Der macht sich steif, will runter, bekommt seinen Willen. Sofort tapst er zu seiner Mutti hin, wird hoch genommen. Er streichelt ihr über die tränennassen Wangen, schmiegt sich an sie. Es ist so, als spüre er, dass sie Trost braucht.
Horst hat sich neben Rita gesetzt und legt seinen Arm um sie. Die wehrt ihn nicht ab. »Was hat der Arzt gesagt?«, fragt er kleinlaut, ist sich seiner Schuld wohl bewusst.

»Wir haben Glück gehabt. noch ein paar Minuten und sie wäre...« Rita kann nicht weiter sprechen. Das Bewusstsein, wie nahe die Katastrophe war, schnürt ihr die Kehle zu.
Nachdem er die Folgen seiner Sturheit begriffen hat, schämt Horst sich vor sich selbst. Auch er kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Schluchzend liegen sich beide in den Armen. Ein banges Wochenende liegt vor ihnen. Rita und Horst, durch die gemeinsame Sorge um Freni verbunden, kommen sich wieder näher. Endlich dürfen sie Freni nach Hause holen.

Horst ist wie ausgewechselt. Er kümmert sich rührend um die Kleine, schaukelt sie in seinen Armen, badet sie sogar; was er bisher immer strikt abgelehnt hatte.

Rita ist glücklich, sieht sie darin doch ein Zeichen, dass Horst die Zweifel an seiner Vaterschaft begraben hat.

 

9. Kapitel

Jahre sind vergangen, die Kinder in ein Alter gekommen, in dem sie zwar auf ihre Rechte pochen, ihre Pflichten jedoch noch nicht so ernst nehmen.

Erik besucht die zweite Klasse und für Freni beginnt in diesem Jahr die Schulzeit . Horst ist noch bei der Holzig-Bau GmbH beschäftigt. Auch Rita arbeitet wieder - als Putzfrau. ‚Besser als zu Hause sitzen und Däumchen drehen’, hatte sie sich gesagt und alte Vorbehalte überwunden. Ihre Arbeitszeit beginnt sehr früh. Sie wurde so gelegt, damit Rita bereits wieder zu Hause ist, wenn Erik zur Schule geht. Der Job ist stressig. Innerlich hofft sie, eines Tages wieder in ihrem Beruf arbeiten zu können. Das Geld ist knapp. Zinsen und Tilgungsraten belasten das Budget, deshalb muss Rita mit jeder Mark rechnen.

In letzter Zeit kam es ihr wiederholt so vor, als fehle Geld in der Haushaltskasse. Die bewahrt sie, wie einst ihre Mutti, in einer Kaffeedose in der Küche auf. Sie will nicht glauben, dass jemand etwas herausgenommen hat, ist sich auch nicht sicher, da sie nie genau nachzählt hat. ‚Ich habe mich bestimmt geirrt´, tröstet sie sich.
Eines Tages kommt Erik früher nach Hause, in der Schule fiel wieder einmal eine Unterrichtsstunde aus.
Rita, die im Garten arbeitet, beobachtet durch das geöffnete Küchenfenster, wie er sich an dem Regal, in dem die Haushaltskasse steht, zu schaffen macht.

Erik ist so auf sein Tun fixiert, dass er es nicht bemerkt.

‚Also doch!‘ Der Verdacht, den sie bisher immer wieder verdrängt hatte, bestätigt sich. ‚Erik vergreift sich an der Haushaltskasse. Dabei geben wir ihm jede Woche Taschengeld und nicht zu knapp.‘ Schon ist sie auf dem Weg zum Fenster, um ihn auf frischer Tat zu stellen, da überlegt sie es sich, bleibt stehen, zögert... ‚Ich werde erst einmal mit Horst darüber reden’, nimmt sie sich vor, wendet sich ab und hustet so laut, dass Erik es hören muss.

Der wird aufmerksam, erschrickt so, dass er beinah vom Stuhl fällt, stellt hastig die Büchse mit dem Geld in das Regal zurück und verschwindet aus der Küche.

’Ob Mutti was gemerkt hat?’ Ihm ist bei dem Gedanken ziemlich beklommen zumute. ‚Sie hat nicht hergesehen, hätte bestimmt geschimpft’, tröstet er sich und ist erst einmal beruhigt.

Als Rita später ins Zimmer kommt, kann er seine Verlegenheit jedoch nur schwer verbergen. Er weicht ihrem Blick aus, ist schweigsam, beschäftigt sich mit seinen Schulbüchern, was für diese Zeit ganz ungewöhnlich ist.

»Hast du etwas?«, fragt Rita beiläufig, um zu sehen, wie Erik reagiert. Innerlich hofft sie schon, dass er sich überwindet und ihr sein Vergehen beichtet. Doch sie ist auch nicht sehr enttäuscht, als das nicht geschieht. ‚Er glaubt bestimmt, ich hätte nichts bemerkt. In seinem Alter tröstet man sich gerne mit solch falschen Hoffnungen.’ Später entschließt sie sich dazu, die ganze Angelegenheit doch erst einmal für sich zu behalten. ‚Wenn ich Horst davon erzähle, gibt es bestimmt einen Heidenkrach. Der kennt kein Pardon! Vielleicht reicht ja der Schreck und die Unsicherheit, dass ich etwas bemerkt haben könnte, schon aus, um Erik in Zukunft vom Mausen abzuhalten.’ Vorsorglich zählt Rita jetzt jeden Tag den Inhalt der Kasse nach, schreibt den Betrag auf einen kleinen Zettel und legt diesen zu dem Geld in die Büchse.

Für Erik, der sich schon daran gewöhnt hatte, sein Taschengeld hin und wieder durch einen Griff in die Kasse aufzubessern, wird das zu einem großen Problem. Als er das nächste Mal die Büchse aus dem Regal nimmt und darin den Zettel mit dem Betrag findet, begreift er, dass der nicht zufällig da liegt. Doch er will nicht wahrhaben, dass seine Mutti es seinetwegen getan haben könnte. Immerhin ist er so verunsichert, dass er es diesmal tatsächlich nicht wagt, etwas aus der Büchse zu nehmen. Zwei Wochen lang stellt Rita keine Differenz, fest. Schon freut sie sich darüber, dass der kleine Trick so positive Wirkung zeigt und ist nun bereit, das Geschehen zu vergessen. Da tritt doch ein, was sie trotz allem immer noch befürchtet hatte.

Erik ist in Bedrängnis geraten. Für den nächsten Tag planen seine Freunde, nach der Schule zu Mac Donalds zu gehen. Soll er zugeben, dass er kein Geld hat, wo doch seine heimlich Verehrte, ein Mädchen aus der Parallelklasse, mitkommen wird? ‚Kommt nicht in Frage!’ nimmt er sich vor. ‚Wenn ich Mutti frage, ob sie mir das Taschengeld aufbessert, dann sagt sie bestimmt nein’, ahnt er. ‚Aus der Büchse kann ich aber auch nichts mehr nehmen. Mutti würde das bestimmt auffallen, wenn sie nachzählt.‘ Erik sucht nach einem Ausweg. ‚Vielleicht prüft sie ja auch gar nicht nach, ob der Betrag stimmt’, überlegt er - hofft er. An diese Hoffnung klammert er sich, redet sich ein, dass es so ist. Kinder verwechseln ihre Wunschträume oft mit der Realität. Nachdem er so seine Hemmungen, die ihn bisher davon abhielten, wieder in die Büchse zu greifen, abgebaut hat, wartet er nur noch auf einen günstigen Zeitpunkt. Der kommt, als Rita zu Richters geht, um sich etwas auszuborgen. Erik erkennt seine Chance, blickt ihr durch das Wohnzimmerfenster nach, bis er sicher ist, dass sie ihn nicht überraschen wird. Er flitzt in die Küche und nimmt hastig die Büchse aus dem Regal. Auf dem Zettel steht der Betrag von 120,75 DM. Erik zögert noch einen Augenblick, nimmt dann doch ein Fünfmarkstück heraus. Schon will er die Büchse zurückstellen, zögert, langt noch einmal hinein und angelt ein weiteres heraus. Dabei ist er ist so aufgeregt, dass ihm die Büchse, als er sie zurückstellen will, aus der Hand und zu Boden fällt. Ihr Deckel springt auf. Münzen rollen durch die Küche. Erik erschrickt, gerät in Panik, sucht rasch zusammen, was er finden kann und legt die Münzen in die Büchse zurück. Da er befürchtet, dass seine Mutti bald zurück kommt, überzeugt er sich nicht mehr davon, dass er auch alle Münzen gefunden hat.

Die Büchse hat bei dem Sturz eine Delle abbekommen. Damit seine Mutti das nicht sofort bemerkt, kann er die nicht mehr genau so ins Regal stellen, wie sie vorher gestanden hatte. Er muss sie so drehen, dass die Delle nicht sofort sichtbar ist. ‚Trotzdem wird Mutti das bestimmt bald merken.’ Erik bekommt Angst, nimmt die Büchse noch einmal vom Regal und legt auch die zwei Fünfmarkstücke, die er entwenden wollte, wieder hinein. ‚Dann fehlt wenigstens kein Geld und wegen der Delle wird sich schon eine Ausrede finden lassen. Ich war es jedenfalls nicht.

Die zwei Groschen jedoch, die in den Winkel zwischen Kühlschrank und Küchentür gerollt sind, hat er übersehen. Eilig verlässt er die Küche, geht ins Kinderzimmer und schaltet den Computer an.
Am darauf folgenden Tag findet Rita, als sie die Küche ausfegt, eben diese beiden Münzen. Verwundert hebt sie die auf, ahnt den Grund. Mit vor Aufregung zitternder Hand nimmt sie die Büchse aus dem Regal und bemerkt jetzt auch die Delle.

’Der ist doch wieder...’, geht es ihr durch den Kopf. Rasch nimmt sie ihren Kontrollzettel heraus und zählt den Betrag nach. Es fehlen zwanzig Pfennig. ‚Und die habe ich in der Ecke hinter der Tür gefunden’, schlussfolgert sie. ‚Also hat Erik doch wieder vorsucht, Geld zu entwenden!’ Rita ist enttäuscht. ‚Er hat bestimmt den Zettel gefunden und sich dann nicht mehr getraut, etwas zu stehlen. Aus irgend einem Grund ist ihm die Büchse aus der Hand gerutscht und runter gefallen’, vermutet sie. ‚Dabei sind die zwei Groschen heraus gerollt und die Büchse hat die Delle abbekommen.’ Sie lässt die Büchse auf dem Küchentisch stehen, ist nun fest entschlossen, Erik damit zu konfrontieren.

»Erik, komm doch mal runter!«, ruft sie nach oben. Der rührt sich nicht, tut so, als habe er es nicht gehört. Ihm schwant schon, dass ihm da Unangenehmes bevorsteht. Doch es hilft ihm nichts. Im Gegenteil, Rita wird nur noch ärgerlicher und schreit laut und hysterisch, dass er es nicht mehr überhören kann: »Erik! Hast du nicht gehört? Du kommst sofort runter!«

Die Lautstärke und der harsche Ton sagen ihm, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Doch er versucht wenigstens zu verzögern. »Ich schalte nur noch den Computer aus!«, ruft er zurück. Danach kommt er langsam die Treppe herunter.

Rita sitzt in der Küche. Eriks Gehabe und sein trotziger Blick lassen ihre Wut überkochen. Sie springt auf, geht auf ihn zu und haut ihm, der darauf überhaupt nicht vorbereitet ist, eine schallende Ohrfeige.
»Mausedieb du!«, faucht sie ihn an. »Was denkst du dir dabei, Geld aus meiner Wirtschaftskasse zu klauen? Wenn ich das Vati erzähle, da kannst du was erleben.«

Erik steht ganz verdattert da, hält sich die schmerzende Wange, Tränen glitzern in seinen Augen.

Mit der Ohrfeige und ihrem Wutausbruch hat sich Rita abreagiert. Sie ärgert jetzt sich sogar, dass sie so unbeherrscht gewesen ist, hat ein schlechtes Gewissen.

Erik versucht gar nicht erst die Sache abzuleugnen oder sich zu verteidigen. Die Ohrfeige hat ihn geschockt. Das ist ihm schon seit Jahren nicht mehr passiert. Seine erste Reaktion ist Trotz, doch dann rinnen ihm die Tränen über die Wangen, er schämt sich.

Rita zieht ihn auf ihren Schoß, er tut ihr jetzt leid. Sie nimmt ihn in die Arme, sagt leise: »Das machst du nicht wieder! Versprichst du mir das?«

Erik sagt kein Wort. Die Tränen und sein Schuldbewusstsein hindern ihn daran. Er schluchzt, nickt nur heftig und schmiegt sich an seine Mutti.

Freni, die gerade in die Küche gekommen ist, als Erik die Ohrfeige bekam, blickt ganz verstört auf die beiden. Sie geht zu Rita und drängt sich an sie.

Der ist es gar nicht recht, dass Freni die Szene miterlebt hat. »Geh mal raus in den Garten«, fordert Rita sie auf. `Ich muss mit Erik reden!` Energisch schiebt sie Freni in Richtung Tür. Die gehorcht, doch ihre großen, runden, fragenden Augen hält sie auf Rita gerichtet, bis sie über die Türschwelle stolpert. Rita wendet sich wieder Erik zu. »Warum hast du das gemacht?«

Erik zögert... »Ich weiß nicht...«, versucht er einer konkreten Antwort auszuweichen.

»Ach, du weißt gar nicht, warum du Geld gestohlen hast?« Rita hat Erik bei den Schultern gefasst, hält ihn mit gestreckten Armen von sich weg.

Er blickt zu Boden.

»Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!«, fordert sie den Jungen auf. Erik hebt den Kopf, seine Augen sind tränennass, doch er gibt auch jetzt auf ihre Frage keine Antwort.

»Wir geben dir doch Taschengeld - jede Woche.«

»Ich mach’s nie wieder!«, stammelt er und versucht sich los zu winden. Doch damit hat er kein Glück.

Rita fasst so fest zu, dass er es unterlässt.  »Was hast du mit dem Geld gemacht?«

»Manchmal habe ich etwas zu essen gekauft. Solche Milchschnitten - die schmecken...« Erschrocken hält er inne.

»Ach! Deshalb bringst du die Schnitten so oft wieder mit. Ich muss die dann essen, damit Vati nichts bemerkt.«

»Ihr habt doch gesagt, dass ich mit meinem Taschengeld machen kann, was ich will!«, begehrt Erik jetzt vorsichtig auf.

»Und wenn es alle ist, dann greifst du in die Haushaltskasse, so einfach ist das.«
»Ich habe doch schon gesagt, dass ich das nicht wieder mache. Aber sage bitte Vati nichts davon.« Das ist jetzt seine größte Sorge, denn seine Mutti wird ihm verzeihen, das spürt er, aber Vati?

»Wie viel hast du aus der Kasse genommen?«

»Ich weiß das nicht so genau, aber viel ist es bestimmt nicht gewesen, ich hatte ja immer solche Angst, dass du was merken könntest.«

Rita überlegt: `Ganz ohne Konsequenz kann das nicht abgehen`, sagt sie sich.

»Also! Die nächsten vier Wochen wird dein Taschengeld um ein Drittel gekürzt!«, legt sie fest.

»Nein, bitte nicht!« Erik ist über diese Konsequenz erschrocken.

»Mir fehlt das Geld zum Einkaufen. Du willst doch essen; und Freni und Vati auch. Hast du dir das nicht überlegt?«

Das hat Erik tatsächlich nicht bedacht. Geld ist für ihn noch ein Ding mit sieben Siegeln. Es ist doch immer da, wenn es gebraucht wird. Von den Sorgen, die seine Eltern deshalb oft plagen, haben sie den Kindern nichts erzählt.

’Es war wohl nicht richtig, ihm eine Ohrfeige zu hauen’, überlegt Rita... Ihre Gedanken werden durch Freni abgelenkt, die ganz vorsichtig die Küchentür öffnet und herein luncht.

»Na kommt, wir gehen Vati ein Stück entgegen«, schlägt Rita jetzt vor und gibt Erik einen aufmunternden Schubs.

Freni ist bei dem Gedanken, dass sie ja dann mit Vatis Auto zurückfahren können, begeistert. Doch Erik zögert.

»Was hast du denn gemacht? Deine linke Wange ist ja ganz rot?«, fragt Horst erstaunt, als Erik ins Auto und auf den Platz neben ihm klettert. Deutlich sind die Spuren der Finger zu erkennen.

»Nichts!«, sagt der rasch und blickt sich verstohlen zu seiner Mutti um, die inzwischen mit Freni im Fond sitzt. Rita ist das jetzt unangenehm. Schweigen!

Wieder blickt Horst fragend zu Erik hinüber. »Sieht fast so aus, als hättest du eine Ohrfeige bekommen«, bemerkt er. »Habt ihr euch in der Schule wieder geprügelt?« Eriks Gesicht läuft puterrot an.

»Ich hab ihm eine gehauen«, antwortet Rita für Erik und erspart ihm damit die Antwort. »Ich erzähle dir später, warum.« Sie möchte Erik nicht im Beisein von Freni bloßstellen. Bis sie zu Hause ankommen, herrscht Schweigen. Auch während des Abendessens wird nicht darüber gesprochen. Erst nachdem sie die beiden Kinder zu Bett gebracht haben, kommt Horst auf seine Bemerkung wegen der roten, geschwollenen Wange von Erik zurück.

»Du hast Erik eine runter gehauen? Warum?« Rita kann nun nicht anders, als ihm zu sagen, dass Erik in die Haushaltskasse gegriffen hat. Horst reagiert nicht sofort, blickt sie ungläubig an. Dann sitzt er lange schweigsam in seinem Sessel und trinkt sein Bier.

‚Der überlegt bestimmt, welche Strafe das nach sich ziehen muss.’ Sie möchte seiner Entscheidung zuvorkommen, denn sie kennt ihn. Wenn er einmal etwas gesagt hat, nimmt er es nicht wieder zurück.

»Ich habe ihn schon bestraft«, beugt sie deshalb vor. »Habe ihm für die nächsten Wochen sein Taschengeld gekürzt. Er hat mir in die Hand versprochen, so etwas nie wieder zu machen.«

»Das ist nun das Ergebnis deiner laschen Erziehung! Wie oft habe ich schon gesagt, dass wir die Kinder konsequenter erziehen müssen. Aber immer wenn ich etwas sage, stellst du dich vor sie. Jetzt hast du es...«

Mit einem solchen Vorwurf hatte Rita am allerwenigsten gerechnet, obwohl sie doch zugeben muss, dass, was die Erziehung betrifft, zwischen ihnen oft unterschiedliche Auffassungen herrschen. »Jetzt mach’s mal halblang! Du bist ja kaum zu Hause. Glaubst wohl, in den paar Stunden, die du die Kinder siehst, durch Strenge alles richten zu können. Ich verbringe mit ihnen den größten Teil des Tages. Da kann ich nicht immer nur schimpfen«, verteidigt sich Rita.

»Sollst du doch auch gar nicht. Aber konsequent müsstest du wenigstens sein. Nicht erst etwas von ihnen verlangen und wenn sie sich dagegen sträuben, später doch wieder nachgeben.«

»Höre auf damit!« Rita wird ärgerlich. »Wenn du es besser kannst, dann bleib zu Hause und erzieh sie!« Sie weiß natürlich, dass das gar nicht möglich ist, Horst arbeiten muss, damit die Familie ernährt und ihre Schulden abgezahlt werden können. Doch gerade deshalb sagt sie es ja.

»Lassen wir das! Du siehst ja doch nichts ein.«, resigniert Horst. »Deshalb wird sich aber eben auch nichts ändern und wir müssen mit solchen unschönen Konsequenzen leben.«
Rita schweigt zu seinen Vorwürfen.

»Dich stört ja nicht einmal, dass Erik so unordentlich ist. In seinem Zimmer sieht es schlimm aus. Hast du schon einmal in seinen Schrank gesehen?«, fragt Horst in vorwurfsvollem Ton.

»Da ist Erik keine Ausnahme«, wendet Rita dagegen ein. »Ich habe mit den Eltern anderer Kinder gesprochen. Bei denen gibt es die gleichen Probleme. Die Jugend ist heute nun einmal so.«

»Na wunderbar! Da haben wir ja die Lösung. Die Jugend ist eben so! Also lohnen sich die Anstrengungen gar nicht. Aber warum das so ist, danach fragt niemand. Alle scheuen die Unbequemlichkeiten, die mit einer konsequenten Erziehung verbunden sind.« Horst ist aufgestanden und geht, mit hinter dem Rücken verschränkten Händen, im Zimmer auf und ab.

»Wie meinst du das?«, fragt ihn Rita irritiert.

»Wie ich es schon gesagt habe. Viele Eltern sind heute tolerant, geben immer wieder nach, um ihre Ruhe zu haben. Das hat bittere Konsequenzen für die Kinder. Für die sind Pflichten im elterlichen Haus lebensnotwendiges Training für ihr späteres Leben. Denn dann kommen Pflichten auf sie zu, denen sie sich nicht entziehen können. Wenn ihnen aber das Training fehlt, dann sind sie nicht darauf vorbereitet. Erst schmerzhafte Erfahrungen zwingen sie dann zu der Erkenntnis, dass das nicht mehr so funktioniert, wie früher bei ihren Eltern, dass das Leben keine Rücksicht kennt. Ein unnötiger und schmerzhafter Prozess.«

»Aha! Ich bin zu tolerant, das meinst du doch. Aber ich habe einfach nicht die Nerven dazu, mich immer wieder mit den Kindern zu streiten. Wie oft habe ich schon die Zimmer der Kinder aufgeräumt, ihnen erklärt, wie es zu sein hat. Sinnlos!«

»Was schlägst du vor?«, versucht Horst ihr entgegen zu kommen.

»Vielleicht sollten wir sie mehr mit unseren Problemen vertraut machen. Wenn Erik gewusst hätte, wie sparsam mir mit dem Geld umgehen müssen, um alle Verpflichtungen erfüllen zu können, wäre er sicher gar nicht auf die Idee gekommen, in die Haushaltskasse zu greifen.«

»Meinst du, dass das viel ändert? Für die Kinder ist der Wert des Geldes doch noch gar nicht fassbar. Sie kennen die Mühe noch nicht, die wir dafür aufwenden müssen. Aber es ist ja nicht allein, dass er zu Hause unehrlich und liederlich ist. Auch in der Schule werden seine Zensuren schlechter. Immer öfter muss ich Noten unterschreiben, die mir gar nicht gefallen. Meine Ermahnungen haben da bisher nichts geholfen. Weil du ihn dann immer in Schutz nimmst!«

»Jetzt reicht es mir aber!«, begehrt Rita gegen die erneuten Vorwürfe auf. »Wer sorgt denn dafür, dass er die Schularbeiten macht? Wer übt mit ihm? Du etwa? Der Lehrstoff ist wirklich nicht einfach, da muss man schon Verständnis haben, wenn mal eine Arbeit daneben geht.«

»Siehst du! Schon wieder hast du Argumente, die sein Verhalten rechtfertigen. Genau das ist es, was ich für falsch halte! «, sagt Horst erregt.

Rita zuckt mit den Schultern, möchte nicht weiter diskutieren. Sie sieht keine Chance für eine Einigung.
Als Erik von der Schule nach Hause kommt, erwartet ihn eine unangenehme Überraschung:

»Heute räumst du dein Zimmer auf!«, empfängt ihn Rita. »Ich war drin, da liegt ja alles wie Kraut und Rüben durcheinander.« Erik ist davon gar nicht begeistert, sieht er doch die Notwendigkeit überhaupt nicht ein, überhört die Aufforderung deshalb erst einmal, hofft damit durchzukommen. Irrtum!

»Hast du nicht gehört? Du sollst dein Zimmer aufräumen!«, wiederholt Rita ihre Forderung nun in energischem Ton. »Oder muss ich es erst deinem Vater sagen?«, droht sie. »Du weißt, dass der da keinen Spaß versteht und alles, was nicht ordentlich drin liegt, aus deinem Schrank raus wirft.«
Damit hatte Erik bereits zweimal unangenehm Erfahrung gemacht.

»Ich geh ja schon«, antwortet er deshalb in mürrischem Ton. Aus Protest hangelt er sich auf eine Art an dem Treppengeländer zum ersten Stock hinauf, von der er genau weiß, dass sich seine Mutti darüber ärgert. Doch die durchschaut sein Gebaren, übersieht es diesmal, verschafft ihm keine Genugtuung. Unwillig und bockig rafft Erik die im Zimmer verstreuten Kleidungsstücke zusammen und verstaut diese im Schrank, indem er sie wahllos in die Fächer stopft. Von dem seit Tagen nicht gemachten Bett zerrt er Deckbett, Kopfkissen und Laken und rammelt alles fluchend in den Bettkasten. Wütend tritt er dagegen, als der sich, so unsachgemäß gefüllt, dem unter das Bett schieben widersetzt. Nun bleibt noch der Schreibtisch, auf dem ungeordnet Hefte, Spielzeug, Stifte und allerhand Kram liegen. Nur die Schulhefte, die kontrolliert werden, bei denen ihm von umgeknickten Ecken Ärger droht, behandelt er mit einer gewissen Vorsicht, verstaut sie in seiner Schultasche. Das andere verschwindet, so, wie er es greifen kann, in den beiden Schubladen, die zum Glück noch alles fassen. Erik weiß, dass seine Mutti ihn kontrollieren kommt. Bis dahin muss zumindest der äußere Anblick Ordnung vortäuschen. Danach schaltet er den Computer ein und lädt eines seiner Videospiele.

Tatsächlich vergeht kaum eine halbe Stunde, bis Rita das Kinderzimmer betritt, um sich davon zu überzeugen, dass Erik ihrer Aufforderung nachgekommen ist. Die Veränderungen im Zimmer nimmt sie mit Genugtuung zur Kenntnis.

»Hattest du nicht gesagt, dass du noch Schularbeiten erledigen musst?«, fragt sie verwundert, als sie ihn am Computer sitzen sieht.

»Mach ich doch noch. Hab doch morgen erst in der dritten Stunde Unterricht. Unser Mathelehrer ist krank, da fallen die zwei ersten Stunden aus.«
Während Rita mit ihm spricht, hat Erik sein Spiel nicht unterbrochen, ballert munter weiter. Darüber ärgert die sich und öffnet, als unwillige Reaktion darauf, den Kleiderschrank, was sie sonst vermieden hätte. »Das soll aufgeräumt sein?« Die Schärfe in ihrem Tonfall schreckt Erik auf.

»Ich find schon, was ich brauche.«, verteidigt er sich unwillig.

»Komm, mir schaffen zusammen Ordnung«, schlägt Rita versöhnlich vor, doch Erik hat keine Lust und murrt. Als Reaktion nimmt sie die Sachen aus dem obersten Fach des Kleiderschrankes. Pullis, Hemden, Socken, Unterwäsche, die Trainingshose, alles liegt dort wirr durcheinander.

»Na, sieh dir das mal an! So eine Liederlichkeit! Alles verknittert! Nein, so können wir das nicht lassen!«
Als Erik immer noch nicht dergleichen tut und unverdrossen weiter spielt, geht sie zu ihm und schaltet den Computer mitten im Spiel aus.

»Du, das darf man nicht machen! Da geht der kaputt!«, protestiert Erik erschrocken.

»Dann höre, wenn ich dir etwas sage!«, schneidet Rita jeden weiteren Protest ab, fasst Erik hart am Arm und zieht ihn zum Tisch, auf dem sie die Sachen ausgebreitet hat.

»Ich lege sie zusammen und du räumst sie ordentlich in deinen Schrank ein.« Widerwillig muss Erik sich fügen.

»Hoffentlich guckt sie nicht doch noch in meine Schreibtischfächer«, überlegt er besorgt. Um das zu vermeiden, holt er, als alles im Kleiderschrank verstaut ist, rasch seine Schulsachen aus der Tasche. »Ich mach jetzt meine Schularbeiten.«, sagt er und setzt sich an seinen Schreibtisch, tut ganz beschäftigt.

Rita, die keine Lust auf weitere Auseinandersetzungen hat, geht wieder hinunter in die Küche, wo die Zubereitung des Abendbrotes auf sie wartet.

10. Kapitel

Als Horst nach Hause kommt, spürt er nichts mehr von der Auseinandersetzung die es am Morgen gegeben hatte.

Auch Rita vermeidet jedes Wort darüber, denn seit einiger Zeit hat sich das Verhältnis zwischen Horst und seinem Sohn ohnehin sehr abgekühlt. Der spürt das und wendet sich mit Fragen lieber an seine Mutti, was wiederum Horst beleidigt und recht ruppige Reaktionen verursacht. Jetzt am Abendbrottisch geschieht das wieder.

Erik stochert lustlos in seinem Essen, worauf Horst ihn anfährt: »Wenn du keinen Hunger hast, dann lass es stehen, aber stochere nicht so darin herum, das regt mich auf!«

Freni hingegen, die sich damit bei ihrem Vati einschmeicheln möchte, isst ordentlich. Prompt wird sie gelobt.

»Nimm dir ein Vorbild an Freni. Du mäkelst immer nur rum. Kein Gemüse, keine Milch, keinen Käse. Da kannst du ja nicht groß und kräftig werden.«

Doch diese Vorhaltungen führen nur dazu, dass Erik gar nichts mehr isst. Horst nimmt ihm, dadurch provoziert, kurz entschlossen den Teller weg, geht in die Küche und kippt das Essen in den Mülleimer.
»Du weißt ja gar nicht, was Hunger ist! Für heute gibt es nichts mehr!«, fährt er Erik an. »Und nun verschwinde ins Kinderzimmer. Ich will mich am Abend nicht noch aufregen müssen.« Er fasst Erik grob am Arm und schiebt ihn zur Tür hinaus.

Rita, der Erik leid tut, will ihm nachgehen, doch das bringt Horst noch mehr in Rage. »Bleib gefälligst hier!« fährt er sie an, als er ihre Absicht erkennt.

 »Was ist denn mit dir los? Kannst den Kleinen doch nicht so behandeln. Damit erziehst du ihn nicht, im Gegenteil, der wird immer bockiger«, sagt sie und geht trotz seines Protestes zu Erik ins Kinderzimmer. Zu ihrer Verwunderung ist der durch den Rüffel von seinem Vater nicht sehr betroffen. Er sitzt bereits wieder am Computer und spielt. Rita versucht ihm ins Gewissen zu reden, denn die immer stärker werdende Abneigung von Horst bereitet ihr Sorgen.

 »Erik, du darfst deinen Vati nicht immer so ärgern«, versucht sie ihm ins Gewissen zu reden. »Hast du ihn denn gar nicht ein bisschen lieb. Guck mal; der arbeitet den ganzen Tag schwer, damit wir das Haus bezahlen können und immer genug zu essen und anzuziehen haben. Und das Geld für dein Fahrrad, das wir dir zu deinem Geburtstag geschenkt haben, auch das musste dein Vati erst verdienen.«

Diese Ermahnung scheint Wirkung zu zeigen, denn Erik fragt: »Mein Fahrrad? Das hat Vati bezahlt?« Darüber, wo eigentlich das Geld für die Geschenke herkommt, hatte er sich noch nie Gedanken gemacht.
Rita dringt weiter in ihn: »Komm, gehe und hab deinen Vati lieb. Der ist bestimmt ganz traurig drüber, dass er sich immer so über dich ärgern muss.« Dazu ist Erik allerdings nicht bereit. Zu sehr hat es ihn geärgert, dass sein Vater ihm das Essen entzogen hat. Außerdem bekommt er nun Hunger, wagt das aber nicht zu sagen. Er wendet sich wieder seinem Computerspiel zu. Rita lässt ihn allein, denn sie begreift, dass es jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, Erik von seinem Fehlverhalten zu überzeugen.

 Horst hat inzwischen den Abendbrottisch abgeräumt und spielt mit Freni. »Na, was macht unser Herr Sohn?«, fragt er bissig. »Wenn der Hunger bekommt, dann meldet der sich schon!« Damit ist für ihn die Angelegenheit erledigt.

»Es macht mir Sorgen, wie ihr zwei miteinander umgeht«, greift Rita das Thema nochmals auf. »Auch, dass er kein Gemüse isst und keine Milch trinkt, an Butter und Käse nicht ran will. Am liebsten würde er von Spaghetti und Tomatensoße leben, oder von solchem Schokoladenzeug. Ob wir mal mit ihm zum Arzt gehen?«

»Quatsch! Der ist stur, will seinen Kopf durchsetzen«, hält Horst dagegen. »Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, und wem das nicht schmeckt, der lässt es bleiben. Verhungern wird der nicht, da musst du dir keine Sorgen machen.«

»Aber du isst doch auch nicht alles!«, erinnert ihn Rita an seine eigenen Schwächen »Wenn ich Grießbrei kochen würde, na, da möchte ich dich mal hören, was du sagst.«

»Das kannst du doch nicht vergleichen«, wehrt sich Horst. »Ich brauche etwas Festes zwischen die Zähne, muss ja den ganzen Tag hart arbeiten, das kostet Kraft. Die hab ich nicht, wenn ich mir solche Pampe rein würge.«

»Und Rotkraut? Das isst du doch auch nicht«, bohrt Rita weiter. Horst reagiert darauf nicht, steht auf, holt sich eine Flasche Bier und schaltet das Fernsehgerät ein. Damit ist das Gespräch zu Ende, das weiß Rita aus Erfahrung.

Wieder sind Jahre vergangen...

Erik wird im Herbst die Schule verlassen. Eigentlich hatten seine Eltern ja gehofft, dass er mit Abitur abschließt. Diesen Wunsch mussten sie aufgegeben, als sich seine Zensuren so verschlechterten, dass dafür keine Chance mehr bestand. Nun müsste er sich wenigstens intensiv um eine Lehrstelle bemühen. Doch nachdem die ersten Versuche, in seinem Wunschberuf Automechaniker unter zu kommen, fehlgeschlagen sind, zeigt er daran kein Interesse mehr. Wiederholt haben Rita und Horst sich mit ihm unterhalten, welche Berufe für ihn noch in Frage kämen. Immer wieder fordern sie ihn auf, sich wenigstens einmal über andere Berufe zu informieren.

»Was soll bloß aus dem Jungen werden, wenn der sich für nichts interessiert?«, klagt Rita und blickt Horst Hilfe suchend an. »Wir können ihm doch nicht immer alles abnehmen, der muss doch endlich begreifen, dass er sich um seine Zukunft selber kümmern muss.«

Horst nickt zustimmend.

»Er fühlt sich für nichts verantwortlich, glaubt, dass er weiter so bequem zu Hause und auf unsre Kosten leben kann. Wir sollten ihm klar machen, dass er auch Pflichten hat und sein Geld bald selbst verdienen muss, wenn er welches haben möchte«, schlägt Rita vor.

»Wenn er nach Hause kommt, reden wir mit ihm«, stimmt Horst zu.
Als sie das Thema dann aufgreifen, wird deutlich, dass Erik das ganz anders sieht: »Warum soll ich denn noch mehr Bewerbungen schreiben? Das hat doch sowieso keinen Sinn. Es gibt nicht genug Lehrstellen!«, wehrt der ab, schiebt die Schuld für seine Gleichgültigkeit von sich weg.

Horst legt seine Hand auf Eriks Schulter und blickt ihm in die Augen. »Damit kannst du dich zwar jetzt trösten, Erik, aber deine Zukunft sieht dann trübe aus. Du möchtest wahrscheinlich am liebsten weiterhin so leben, wie du es bisher gewohnt bist. Steckst deine Beine unter unseren Tisch, doch das klappt nicht auf Dauer! Auch du hast Pflichten!«

»Ach, lasst mich doch in Ruhe!«, antwortet Erik patzig und entzieht sich weiteren Auseinandersetzungen dadurch, dass er das Zimmer verlässt und murrend nach oben geht.

Schon seit einiger Zeit spüren Rita und Horst, dass er sich ihrem Einfluss immer mehr entzieht, ihren Rat nicht mehr schätzt. Noch scheuen sie vor der Wahrheit zurück, erkennen es nicht als Folge ihrer widersprüchlichen Erziehung an. Sie führen es vielmehr darauf zurück, dass er sich einer Clique von Jungen und Mädchen angeschlossen hat. Aus Mangel an sinnvoller Beschäftigung und eines anderen Aufenthaltplatzes lümmeln die zum Ärger der Fahrgäste an der Bushaltestelle herum. Nicht ganz zu unrecht. Für Erik besteht der Reiz, der von seiner Clique ausgeht, darin, dass er dort als Gleicher unter Gleichen anerkannt ist. Niemand macht ihm da Vorschriften, wie er sich verhalten soll oder fordert etwas von ihm.

»Wir wollen heute leben, morgen ist morgen!« Das ist die Illusion, der sie sich hingeben. Es gelingt ihnen damit zwar, ihre Pflichten zu negieren und ihre Zukunftsangst zu unterdrücken; doch sie bringen sich dadurch in große Gefahr. Diese Illusion entschuldigt ihr Nichtstun, verneint die heutige Verantwortung für das Morgen. Der Einfluss des Fernsehens und der Videospiele, die oft falsche Ideale propagieren, zeigt darin seine Wirkung.

Nachdem Erik aus dem Zimmer gegangen ist, überlegen Horst und Rita wieder sorgenvoll, was sie noch dagegen tun können, dass er sich immer mehr von ihnen lossagt.

»Der lässt uns nicht mehr an sich ran. Wenn Zureden aber nicht mehr hilft, dann sollten mir uns etwas anderes einfallen lassen«, resümiert Horst, ohne jedoch etwas konkretes vorzuschlagen. »Was meinst du mit: „einfallen lassen“?«, hakt Rita nach.

»Vielleicht sollten wir für jede Bewerbung, die er abschickt, eine Art Prämie aussetzen. Für Geld ist er doch immer noch empfänglich.«

Rita schüttelt ihren Kopf.

»Nein, damit ändern wir seine Einstellung nicht wirklich. Wir belohnen Erik für eine Selbstverständlichkeit. Der denkt dann, dass das immer so weiter geht.«

Horst nickt. »Hast recht, das würde nichts an seiner Einstellung ändern. Er würde zwar Bewerbungen schreiben, doch nicht, weil er eingesehen hat, dass die für seine Zukunft wichtig sind, sondern nur, weil er aufs Geld scharf ist. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, was ihm unter die Haut geht, ihn zum Nachdenken zwingt.«

»Was ihm unter die Haut geht, das ist richtig«, stimmt Rita ihm zu. »Vor allem aber müssen wir ihn von der Clique wegbringen, wenn nötig mit Druck.«

»Druck hilft da nicht«, bemerkt Horst. »Er muss sich aus freien Stücken von den Chaoten trennen.«

»Er muss wenigstens denken, er das aus freien Stücken tut«, präzisiert Rita. »Ich hoffe ja immer noch, dass er selbst begreift, dass die Clique nicht der richtige Umgang für ihn ist. Hauptsache, er kommt dort nicht auch noch mit Drogen in Kontakt«, fügt sie hinzu.

»Das kann heute auch in der Schule passieren«, hält Horst dagegen. »Bis jetzt raucht er ja auch noch nicht. Wahrscheinlich ist er gar nicht so leicht zu beeinflussen und mir machen uns mehr Sorgen als nötig.«

Rita sieht es Horst an, dass der sich seiner Worte nicht sicher ist. »Ich denke, wir sollten erst einmal so tun, als wollten wir seine Aufforderung, ihn in Ruhe zu lassen, ernst nehmen. Wir lassen ihn wirklich eine Weile in Ruhe, kümmern uns nicht mehr als unbedingt nötig um ihn«, sagt Horst und Rita widerspricht nicht.

Da Erik hungrig ist und niemand etwas bringt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als nach einiger Zeit doch wieder in die Küche zu gehen, wo seine Eltern noch beim Abendbrot sitzen.

»Die essen alleine?«, stellt er verwundert fest und ist noch mehr überrascht, dass seine Mutti auch gar keine Anstalten macht, für ihn zu decken, wie sie es doch sonst immer getan hat. Horst verhält sich ihm gegenüber völlig gleichgültig, nimmt ihn gar nicht zur Kenntnis.

»Kann ich auch etwas essen?«, fragt Erik irritiert.

»Wenn du etwas essen möchtest, dann musst du dir schon selbst etwas zurecht machen«, antwortet Rita prompt. »Wir sollen dich in Ruhe lassen, hast du gesagt - schon vergessen? Das kannst du haben! Wir lassen dich in Zukunft in Ruhe, und du lässt uns in Ruhe. Hast ja deine Clique«, setzt sie bissig hinzu.
Eine solche Reaktion hatte Erik von seinen Eltern nicht erwartet. ‚Was die jetzt abziehen, das ist doch unfair’, denkt er sich.

»So habe ich das doch nicht gemeint«, versucht er die unangenehmen Folgen abzuwenden.

»Es kommt überhaupt nicht darauf an, wie du es meinst, Erik! Es kommt lediglich darauf an, wie mir es verstehen«, macht Horst ihm die Lage klar. »Und mir haben verstanden, dass wir dich in Ruhe lassen sollen. Also lassen wir dich auch in Ruhe, werden uns nur noch um das Nötigste kümmern. Dass etwas zu Essen da ist, zum Beispiel. Ob du dir etwas nimmst oder nicht, das ist deine Sache, da reden wir dir nicht mehr rein; zufrieden?«

Seine Mutti räumt den Tisch ab, stellt das Geschirr in die Spülmaschine, dann verlassen sie demonstrativ die Küche.

Erik bleibt, von der Konsequenz, mit der seine Eltern reagiert haben, schockiert, noch eine ganze Zeit sitzen.

‚Das können die doch mit mir nicht machen, die müssen sich um mich kümmern!’, empört er sich. Er will einfach nicht glauben, dass sie es ernst meinen. Dann bleibt ihm jedoch, da er Hunger hat und etwas essen möchte, nichts anderes übrig, als sich  selbst zu bedienen. Wütend holt er  Brot aus dem Schrank, doch bereits bei dem Versuch, einen Kanten abzuschneiden, beginnen die Schwierigkeiten. Ungeschickt versucht er es mit dem Messer, rutscht ab... Glück gehabt, die Haut hat nur einen Kratzer abbekommen, der kaum blutet.

‚Verdammter Mist verdammter!’, kommentiert Erik seine Ungeschicktheit. Auf einen Teller verzichtet er demonstrativ, legt die Schnitte einfach auf den Tisch, bestreicht sie mit Margarine. Er nimmt gleich mit den Fingern einige Scheiben Wurst aus der Dose, legt sie darauf, beginnt widerwillig zu kauen. Die Cola trinkt er aus der Büchse. Doch so ganz zufrieden ist er nicht. Er ist es ja anders gewöhnt. Als Erik fertig ist, lässt er absichtlich alles liegen, wischt auch den Tisch nicht ab, will so seinen Protest demonstrieren. Es zieht ihn zu seiner Clique. Dort erzählt er, was ihm zu Hause passiert ist, doch er erntet nicht den erwarteten Trost, im Gegenteil sie lachen über ihn.

 »Mann, du hast keinen Mumm, lässt das einfach mit dir machen. Meine Alte traut sich so was schon lange nicht mehr!«, prahlt der „Lange“, der zwar nicht besonders intelligent ist, jedoch auf Grund seiner destruktiven Energie zum, wenn auch negativen, Vorbild in der Clique geworden ist.

Gegen ihn kommt Erik nicht an, das weiß er. Das verstärkt noch die Wut, die in ihm kocht, er muss sich abreagieren, egal wie. Die Bank, auf die sich die Fahrgäste setzen, wenn sie auf den Bus warten, sucht er sich als Opfer aus, springt auf die Sitzfläche, wippt so lange, bis die Leisten nachgeben und brechen, reißt auch noch die Bruchstücke aus ihrer Befestigung. Die anderen schauen seinem Tun zu, treiben in dabei noch an. Erst als die Sitzfläche der Bank total zerstört ist, lässt Erik von ihr ab.

 

11. Kapitel

Einer der Anwohner musste beobachtet haben, was Erik da treibt.

Völlig überraschend stehen plötzlich zwei Polizisten vor ihm. ...keine Möglichkeit, zu entkommen und auch keine, die Tat abzustreiten.

Als Erik später, nachdem auf dem Revier ein Protokoll aufgenommen wurde, nach Hause kommt, schleicht er mit schlechtem Gewissen in sein Zimmer. ‚So ein Scheiß! Mussten die mich erwischen. Ich hatte überhaupt keine Chance, wegzulaufen. Die hat bestimmt einer von den Grufties angerufen. Wenn ich wüsste, wer das war, der könnte etwas erleben’, schimpft er vor sich hin, versucht die Schuld für seine missliche Lage auf den Anrufer abzuwälzen. ‚Wenn meine Eltern davon Wind bekommen, da kann ich mir vielleicht was anhören. Ich werde den Schaden ersetzen müssen. Das kostet bestimmt allerhand. Von meinem bisschen Taschengeld kann ich das nie bezahlen. Ich muss mir etwas einfallen lassen, wie ich zu Geld komme’. Erik ist unschlüssig, ob er seinen Eltern alles beichten soll, oder ob es besser ist, erst einmal abzuwarten. ‚Heute nicht mehr!’, entschließt er sich. ‚Die auf der Polizei haben gesagt, dass ich mit einer Anzeige rechnen muss. Bevor die eintrifft, werde ich es ihnen aber sagen, sonst wird es noch schlimmer. Aber vorher muss ich eine Idee haben, wie ich den Schaden wieder gut machen kann.’
Diese Nacht schläft Erik unruhig. Immer wieder wacht er auf, grübelt darüber nach, wie er das Geld beschaffen könnte. Ein Zufall bringt Erik der Lösung seines Problems näher.

Auf dem Schulweg trifft er Steffen aus dem Nachbarhaus, der gerade dabei ist, Werbematerial zu verteilen. »Lohnt sich das?«, fragt Erik interessiert und zeigt auf den Packen bunter Zettel auf Steffens Gepäckträger, erhält ein kurzes: »Na klar!«, als Antwort. Das ermöglicht ihm die Interpretation, die er sich wünscht. Erik erkundigt sich, wohin er sich wenden muss, um an so einen Job zu kommen.

»Wenn du willst, kannst du den in den nächsten Wochen für mich machen. Ich will mal eine Zeit aussetzen.«, schlägt Steffen vor.

»Das mach ich.«, antwortet Erik und sie verabreden sich gleich für den nächsten Tag bei der Werbefirma.

Ganz so viel wie er gehofft hatte wird er doch nicht verdienen, obwohl das Gebiet, in dem er das Werbematerial austragen soll, ziemlich groß ist. Und er muss noch die Zustimmungserklärung seiner Eltern vorlegen.

Am Abend spricht er mit seinen Eltern darüber, dass er den Job annehmen will, um selbst Geld zu verdienen. Den eigentlichen Grund verschweigt er noch, hofft auf ein Wunder. ‚Bisher ist die Anzeige noch nicht eingetroffen’, tröstet er sich. ‚Vielleicht kommt die ja auch gar nicht.’ Erik hofft immer noch, dass die ganze Angelegenheit im Sande verläuft.

Sein Vater ist schon ein wenig verwundert, als Erik ihm das Formular für die Zustimmungserklärung vorlegt. Nach seiner Ansicht passt das so gar nicht zu Eriks derzeitigem Gebaren, doch innerlich freut er sich darüber.

Rita blickt ihn an, als wolle sie sagen: ‚Na siehst du, er ist doch kein schlechter Kerl!’ Sie erkundigen sich noch, wo Erik die Werbung austragen soll und wie viel Zeit das in Anspruch nehmen wird.
»Klaus hat gesagt, dass es etwa zwei Stunden dauert, dreimal in der Woche. Einmal davon am Wochenende. Das kann ich in meiner Freizeit schaffen.«, spielt Erik den Zeitaufwand herunter, weil er befürchtet, dass seine Eltern sonst Bedenken wegen der Schularbeiten haben könnten. »Kann ich eben nicht mehr so viel Zeit an der Bushaltestelle herum hängen.«, fügt er hinzu, da er genau weiß, dass es seinen Eltern gefallen wird.

Daraufhin nimmt Horst das Formular und unterzeichnet es. Er reicht es Erik und sagt anerkennend: »Hätte gar nicht gedacht, dass du so etwas aus eigenem Antrieb machst.«

Erik hat Gewissensbisse. Schon will er seinen Eltern alles beichten, doch dann verlässt ihn der Mut wieder. Er klammert sich immer noch an die Hoffnung, dass es gar nicht zu einer Anzeige kommt.
Zwei Wochen vergehen, dann tritt das Unglück doch ein. Am Abend, als Erik von dem Austragen des Werbematerials nach Hause kommt, liegt der Bescheid geöffnet auf dem Tisch.

Gegen Erik ist ein Verfahren wegen Sachbeschädigung eröffnet worden. »Kannst du uns mal erklären, was das bedeuten soll?«, fragt ihn sein Vati in einem Ton, der nichts Gutes verheißt. Nun kommt Erik nicht mehr umhin, seinen Eltern alles zu erzählen. Sie hören mit finsteren Gesichtern zu. Überraschend für Erik reagieren sie nicht so, wie er befürchtet hatte, toben nicht, bleiben ganz ruhig. Er meint sogar ein gewisses Verständnis aus ihren Mienen lesen zu können.

»Ich mache den Schaden auch selber wieder gut. «, beeilt er sich zu versichern.

»Das ist ja wohl das Mindeste, dass du den Schaden selbst wieder gut machst. Du hast die Sache doch auch selber verbockt. Dabei werden wir dir nicht helfen.«

»Deshalb gehe ich doch schon Werbematerial austragen.«, versucht er sie zu beschwichtigen. Er ist froh, dass er so glimpflich davonzukommen scheint.

Die Strafe, die nach der Verhandlung gegen ihn ausgesprochen wird, fällt glimpflich aus. Der angerichtete Schaden wird auf vierhundert Mark geschätzt. Zweihundert muss er bar zahlen, den Rest durch freiwillige Stunden in einer sozialen Einrichtung abarbeiten. Bald schon merkt er, dass ein enormer Unterschied darin besteht, ob man sich etwas vornimmt, oder es realisieren muss. Wenn er jetzt am Sonntag, an dem er doch so gern bis Mittag im Bett bleibt, morgens aufstehen muss, verwünscht er seinen Entschluss, Werbematerial auszutragen. Doch es bleibt ihm nichts anderes übrig. Den vom Gericht festgesetzten Schadenersatz haben seine Eltern zwar erst einmal überwiesen, doch nun muss er diesen abstottern.

»Da gibt es kein Pardon«, hatten sie gesagt. Dass es bei dem relativ geringen Verdienst lange dauern wird, weiß Erik. Auch die zehn freiwilligen Stunden fallen ihm schwer. Er soll sie im Seniorenheim der Diakonie leisten, dort dem Hausmeister helfen. Mit ungutem Gefühl geht Erik zu ihm.

»Feche erscht’ä’mal den Hof, dann seh’mor weitor«, fordert der Hausmeister und zeigt auf Schubkarre, Besen und Schaufel. Er selbst macht diese Arbeit nicht so gern. »Da kann’or’ni viel falsch machn«, sagt er sich.

Erik zögert. ‚Wenn die von der Clique mich sehen, wie ich hier den Dreck der anderen zusammen kratze, da kann ich mir was anhören’, überlegt er, findet das gar nicht lustig.

»Hof fegen ist doof! Kann ich nicht etwas anderes machen?«, mault er und versucht sich vor dieser Arbeit zu drücken.

»Du kannst och Wäsche sortiern. Sä muss für dä Lieforung an dä Wäschorei fertch gemacht wärn. Immor scheen trenn in Bettbezieche, Bettlakn, Koppkissn, das is ni schwer«, schlägt ihm der Hausmeister vor.

Doch als Horst auch das mit: »Drecksche Wäsche sortieren? Wo die nein gepinkelt haben? Auf keinen Fall!«, ablehnt, wird es dem Hausmeister zu viel.

»Du feechst den Hof - basta! Sonst kannst’dä glei wiedor gehn. Än Drickeberchor brauch’ch hier ni!«, weist er Erik zurecht. »Ich komm hier ooch  ohne deine Hilfe zurecht!« Das war deutlich.

Widerstrebend nimmt Erik die Schubkarre, greift zu Besen und Schaufel, macht sich an die Arbeit. Nach zwei Stunden, er hat sich nicht sonderlich beeilt, ist er fertig. Der Hausmeister kontrolliert seine Arbeit. Bis auf einige Kleinigkeiten, die Erik nacharbeiten muss, ist er zufrieden, lädt Erik zu einer Tasse Kaffee ein.

»Wenn kommst’d’n wiedor?«, erkundigt er sich. »’ch hätt da noch änne annore Arbeit.«
»Aber nicht wieder Hof fegen oder Wäsche sortieren.«, protestiert Erik. Der Hausmeister lächelt verständnisvoll.

»Nee, klar! Dor Zaun misste geschtrichn wärn.«, antwortet er(Punkt) »Wie’ch gesehn hab, machst du deine Arbeit recht ordntlich, da kannst’dä doch ä’ Schtick von dem Zaun schtreichn. In sechs Schtundn schaffst du gudd dä Hälfte. Dän Rest mach’ch dann selwor.« Für Lob ist Erik immer empfänglich, deshalb sagt er gerne zu.
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Eines Tages taucht ein Neuer am Treffpunkt der Clique auf. Er hält sich abseits. Es scheint, als sei er ein Fahrgast, der auf den Bus wartet. Die Mädchen werden zuerst auf ihn aufmerksam. Seine untersetzte, sportliche Figur, sein schwarzer lockiger Haarschopf, der dunkle kurz geschorene Bart und seine lässige Kleidung machen ihn zu einem für sie interessanten Objekt. Als er deren interessierte Blicke wahrnimmt, kommt er näher.

Sofort tritt ihm der Lange, der immer um seine Vormachtstellung besorgt ist und deshalb keine Konkurrenz duldet, entgegen. Misstrauisch fragt er: »Was willst du hier?« Abweisend fügt er hinzu: » Wir brauchen keine Spanner!«

Der Neue winkt lässig ab und antwortet: »Quatsch! Von wegen Spanner. Ich hänge doch auch nur so rum, wollte mal sehn, was ihr so macht.«

Dem folgt gegenseitiges Taxieren.

»Habe auch einen Einstand mitgebracht.«, lockt er, schwenkt einen Beutel, greift hinein, bietet jedem eine Büchse Bier an. Die Mädchen zögern, doch die Jungs langen zu. Sogar der Lange lehnt nicht ab.

»Was machst du so?«, erkundigt er sich und stößt mit dem Fremden an.

»Ich arbeite manchmal auf dem Bau.», gibt der zur Antwort. »Aber jetzt gibt es da nichts zu tun, da mache ich blau und hoffe auf bessere Zeiten.«

»Wohnst du noch zu Hause?«, fragt jetzt Erik, dem dieses Thema schon lange durch den Kopf geht. Er trägt sich mit der Absicht, so bald als möglich zu Hause auszuziehen.

»Nein! Da bin ich beizeiten ausgerückt; lasse mir doch nicht ständig Vorschriften machen(Punkt)«, sagt der Neue und winkt verächtlich ab.

Erik nickt verständnisvoll. »Genau wie bei mir.«, überlegt er. Der Fremde ist ihm jetzt sympathisch geworden.

»Und? Wo wohnst du?«, fragt ihn Susi. Eines der Mädchen, die zur Gruppe gehören.

»Ihr könnt mich "Fränki" nennen«, bietet er ihnen an, spricht aber, ohne auf eine Reaktion zu warten, weiter: »Ich lebe mit drei anderen in einer kleinen Wohnung, in der Platte. Da ist es nicht so teuer. Und wenn ich Arbeit habe, da verdiene ich ganz gut, bekomme ja auch noch Stütze.«

»Ach, du bist gar nicht fest angestellt?«, fragt der Lange, der ist stolz darauf, dass er das als einziger aus der Clique ist.

»Ich denke gar nicht daran, Steuern zu zahlen. Die Reichen machen das doch auch nicht. Warum sollen wir als einzige in dem Staat die ganze Scheiße bezahlen? Das sehe ich überhaupt nicht ein(Punkt)«, erklärt er seine Philosophie. Er langt noch einmal in den Beutel und holt wieder für jeden eine Büchse heraus.

»Na dann Prost!«, fordert er auf, öffnet seine, trinkt die auf einen Zug aus. Niemand will nachstehen. Alle versuchen es ihm gleich zu tun.

Die Mädchen, die nun doch zugelangt haben, verschlucken sich, prusten und kichern. Nach der dritten Büchse zeigt der rasche Alkoholgenuss seine Wirkung. Selbst der Lange lässt seine Vorbehalte gegen den Neuen fallen.

Fränki hat auf die Wirkung des Freibiers gehofft und weiß jetzt, dass die Hemmschwelle bei den jungen Leuten herabgesetzt ist. Er nutzt die Gelegenheit, streckt ihnen seine Hand entgegen, auf der einige kleine bunte Dragees liegen und fragt: »Habt ihr das schon einmal probiert?«

»Was ist denn das für Zeug? Komm uns bloß nicht mit Koks oder solchen Mist.«, protestiert eines der Mädchen, sieht sich die bunten Dragees trotzdem, neugierig geworden, genauer an.

»Quatsch! Das ist kein Koks. Die Dinger sind ganz harmlos. Es sind "Vitas", die machen Laune. Wenn du mal Probleme hast, so richtig durch hängst, da fühlst du dich, wenn du eine davon einnimmst, gleich viel besser.«, preist Fränki seine Ware an.

»Vitas?«, fragt sich der Lange, der eins von den Dragees genommen hat.

»Das sind ganz harmlose Vitaminbonbons!«, beruhigt ihn Fränki. »Ich habe eine Quelle, da bekomme ich die ganz günstig.«

»Aha! Schenkst du mir die?«, fragt der Lange, blickt sich, Zustimmung und Anerkennung heischend, in der Runde um.

Fränki nickt nur.

»Mach keinen Stuss, das kann dich umhauen!«, warnen ihn die anderen.
Doch er kann, nach der etwas voreiligen Ankündigung, nicht mehr zurück. Das würde für Feigheit gehalten, seiner Autorität schaden.

»Du musst sie nicht schlucken, wenn du damit ein Problem hast.« Fränki tut so, als wolle er ihm das Dragee wieder abnehmen. Er ist sich jedoch der Wirkung seiner Worte bewusst, zögert deshalb.
Prompt fordert der Lange: »Lass mich!«, und steckt sich das Dragee in den Mund. Fränki hat sein Ziel erreicht. Der Lange hat die Pille geschluckt, obwohl ihm nicht ganz wohl dabei ist. Nun horcht er in sich hinein, spürt nichts...

»Merkst du schon etwas?«, fragt ihn Susi neugierig, himmelt ihn an. Für sie ist er ein Held. Nach zehn Minuten ändert sich das Gehabe des Langen. Sein Gesichtsausdruck wird seltsam verklärt, er beginnt sich in den Hüften zu wiegen, zieht Susi zu sich heran, umarmt sie, beginnt mit ihr zu tanzen. Das wäre ihm sonst nie eingefallen, denn ihr gegenüber war er bisher immer irgendwie gehemmt.

»Eee, lass mich los!«, protestiert die, unternimmt aber nur wenig, um sich ihm zu entziehen. Der Lange hält sie fest umschlungen, will sie küssen.

»Nicht! Lasse mich los!«, protestiert Susi nun energischer, sträubt sich dagegen.
Erik mischt sich ein, will Susi aus der Umklammerung befreien.
Der Lange stiert Erik an und gibt ihm einen Stoß vor die Brust, dass der zurück taumelt.

»Hau ab, du Scheißer!«, faucht er Erik an. Doch der hat sich rasch von dem überraschenden Schlag erholt, will den Langen angehen.

Da tritt Fränki, dem eine Schlägerei überhaupt nicht ins Konzept passt, zwischen die beiden. Seine bullige Figur und sein drohender Blick flößen den beiden Respekt ein.

»Hört auf! Sofort!«, befiehlt er, packt Erik bei der Schulter und zieht ihn aus der Reichweite des Langen.
Der gibt jetzt Susi frei. Er ist noch ein wenig verwirrt, doch das verschwindet rasch. Die Testdragees sind nur sehr schwach in ihrer Wirkung, sollen ja auch nur erstes Interesse erwecken.

»Das Zeug ist geil!«, keucht der Lange und blickt triumphierend um sich. Ihm scheint gar nicht bewusst zu sein, dass er eben noch bereit war, sich mit Erik zu prügeln.

»Da ist plötzlich alles ganz anders. Man fühlt sich, als könnte man Bäume ausreißen. Das müsst ihr doch einmal probieren!«, fordert er auf. Die haben alles mit Interesse beobachtet. Jetzt möchten sie die Dragees versuchen - sofort. Sie bitten Fränki, auch ihnen eines der bunten Vitas zu geben.

»Ich hab nicht mehr viel von den Dingern. Die sind auch nicht ganz billig.«, sagt er zurückhaltend, denn hat erst einmal sein Ziel erreicht. Als sie jedoch weiter in ihn dringen, gibt er scheinbar nach: »Gut.«, sagt er. »Ich gebe euch noch ein paar. Ihr müsst selber klären, wer die bekommt. Für alle reichen sie nicht.« Sagt es und drückt dem Langen noch vier der bunten Dinger in die Hand. »Mehr kann ich euch nicht schenken.«, bremst er ihre Erwartungen. Dann verabschiedet er sich. ‚Ich glaube, die haben angebissen’, sagt er sich und lacht. ‚Das ging ja leichter, als ich gedacht hab.’ Er reibt sich vergnügt die Hände. Diesmal hat er seinen Auftrag erfüllt.

Um die vier Vitas gibt es fast Streit in der Clique. Sie einigen sich schließlich darauf, das Los entscheiden zu lassen. Der Lange soll das machen, denn er bekommt sowieso kein zweites. Der ist damit einverstanden, sucht auf dem Rasen neben der Bushaltestelle ein paar trockene Grashalme und schneidet sie erst einmal auf gleiche Länge. Danach kürzt er alle, bis auf vier, um zwei Zentimeter. Alle beobachten ihn gespannt. Er zeigt ihnen die präparierten Halme, danach nimmt er sie in die rechte Hand.
»Derjenige, der einen langen Halm zieht, erhält ein Dragee.«, sagt er.

Erik verzichtet. Schon beim Freibier hatte er nur eine Büchse angenommen. Die Veränderung, die mit dem Langen nach Einnahme der Pille vor sich ging, gibt ihm zu denken. Er erinnert sich an die Mahnungen seiner Eltern und die Warnungen seines Klassenlehrers.

‚Das ist eine Droge! Der will uns anfüttern!’ Das steht für ihn fest. Erik wartet nicht ab, wie die Verlosung ausgeht, wendet sich ab und geht nach Hause. Keinem aus der Clique fällt das auf, die sind beschäftigt.