Wir
schaffen es...
Fellmuthow
1999
- 2002
1.
Kapitel
»Nur Routine!«, beruhigt Rita ihren Ehemann Horst, der besorgt
aufblickt, als sie sich eines Morgens telefonisch bei ihrer Frauenärztin zur
Konsultation anmeldet.
»Nur Routine? Wirklich?«, fragt der besorgt, erhält keine Antwort,
gibt sich damit schließlich zufrieden.
Rita hat schon einen besonderen Grund. Doch, da sie sich dessen noch
nicht ganz sicher ist, schweigt sie. Ein paar Tage später jedoch überrascht
sie ihn mit der Frage: »Merkst du was?«
»Was soll ich merken?« Verwundert schüttelt Horst seinen Kopf und
blickt sie fragend an.
Rita lächelt geheimnisvoll, steht auf und dreht sich mit zur Decke
gestreckten Armen langsam um die eigene Achse, so dass er sie von allen Seiten
betrachten kann. Als sie seinen immer noch fragenden Blick sieht, hilft sie ihm.
»Na ja. Es ist ja auch noch ein bisschen früh. Aber in drei - vier Monaten,
dann ist es nicht mehr zu übersehen.«
Jetzt begreift Horst. Er kommt gar nicht so schnell wie er
gern möchte aus seinem bequemen Sessel hoch. »Also hattest du doch einen Grund
zur Frauenärztin zu gehen? Nun sag schon. Bekommen wir ein Kind? Ist es
wirklich wahr?« Er umfasst Rita, schwenkt sie durch die Stube, dass ihre langen
blonden Haare aufwirbeln, drückt und küsst sie; hält sie dann, mit
ausgestreckten Armen, ein Stück von sich weg. »Ja, jetzt sehe ich es auch!«,
flunkert er. »Du, das wird bestimmt ein Junge«, behauptet er spontan und läuft
aus dem Zimmer.
Die hört ihn in der Küche rumoren. An dem
saugend-schmatzenden Geräusch erkennt sie, dass die Kühlschranktür geöffnet
wird. Dann verrät ihr ein zischendes Blubb, dass er die Sektflasche geöffnet
hat, die dort immer für besondere Anlässe bereit liegt.
Tatsächlich kommt er mit zwei randvoll gefüllten Gläsern
zurück, reicht Rita eines davon. »Stoßen wir darauf an! Ich habe es mir schon
so lange gewünscht«, gesteht er. Seine Augen strahlen und die Gläser fallen
mit ihrem hellen Klang in seinen Jubel ein. Nachdem sie von dem perlenden Sekt
gekostet haben, zieht er Rita neben sich auf die Couch, nimmt sie in seine Arme.
»Jetzt hör mir mal zu!«, beginnt er.
Rita ist gespannt und kuschelt sich an ihn.
»Unser Kind soll doch nicht in einer so kleinen Wohnung
aufwachsen. Die ist viel zu eng. Es braucht Platz, braucht ein eignes Zimmer,
einen Garten.«, schwärmt er.
Rita blickt ihn fragend an, lächelt verstehend, nickt
zustimmend.
»Gut! Das siehst du also auch so.«, freut sich Horst. Meinst
du nicht auch dass es jetzt, wo wir doch bald eine richtige Familie sein werden,
an der Zeit ist uns ein eigenes Heim zu schaffen?«
»Du willst - wir wollen bauen? Ein eignes Haus? Du bist verrückt!«,
ist ihre erste Reaktion.
»Jawohl, wir werden bauen! Wir bauen ein Häuschen, das habe ich mir
schon lange vorgenommen. Nur die Zeit, die war bisher noch nicht reif dafür.
Jetzt ist es so weit!« Er blickt Rita triumphierend an.
Die hat aufmerksam zugehört, erfasst die Inbrunst seiner Worte.
»Es wäre schon schön. Ein eigenes Haus - ein kleiner Garten. Es wäre
unser Paradies«, schwärmt sie. »Aber, können wir uns das auch leisten? Müssen
wir uns da nicht zu sehr verschulden?« Ihr Gesicht spiegelt Besorgnis wieder.
Horst versucht ihre Bedenken zu zerstreuen. »In den
letzten Jahren haben wir eine schöne Summe zurückgelegt. Die reicht für
unseren Eigenanteil. Und, der Bausparvertrag ist doch auch bald reif. Und, es
gibt Fördermittel vom Land! Wir werden aber alles erst noch einmal mit den
Spezialisten von der Bank beraten. Es muss einfach gehen!«, bekundet er seinen
festen Willen. »Auch, wenn wir uns eine Zeitlang etwas einschränken müssen.«
Die „Leute vom Fach“, mit denen sie über ihren Plan sprechen, die
sagen natürlich: »Es geht!«
‚Ein Ausbauhaus, ohne Keller, ohne Terrasse, wäre zu schaffen.’,
rechnen sie vor. Schließlich müsste ja auch die Miete für eine größere
Wohnung bezahlt werden. »Die jetzige wird, wenn Nachwuchs kommt, doch sicher zu
klein«, argumentieren sie geschickt. »Und,
eines Tages sind die Kredite getilgt, dann fallen auch diese Ausgaben weg. Es
ist auch eine Vorsorge fürs Alter!«
Das leuchtet ihnen ein. Nur zu gern glauben sie ihren Worten.
Auch Rita ist jetzt davon überzeugt, dass der Weg zu einem
eigenen Haus zwar schwierig und voller Mühsal sein wird, sie es aber schaffen können.
Nun hält die beiden nichts mehr davon ab. Was sie damit wirklich auf sich
nehmen, welche Krisen sie werden bestehen müssen, das können und wollen sie
jetzt gar nicht wissen.
---
Mit laut schepperndem Knall schlägt Horst die Tür
der Fahrerkabine des Kippers hinter sich zu. Bei schlechtem Wetter verbringt er
dort, zusammen mit seinen beiden Kollegen Werner und Rolf, die Mittagspause.
Draußen ist es unangenehm, nasskalt und stürmisch. Schneeregen peitscht gegen
die Scheiben. Aprilwetter! Er lässt den Motor laufen.
Sie reden über die Fußballergebnisse vom Wochenende
und das Fernsehprogramm der letzten Tage. Schließlich erzählt er begeistert
von ihren Entschluss, sich ein Häuschen zu bauen. Überrascht und enttäuscht
bemerkt er, dass die beiden seinen Enthusiasmus nicht teilen, Vorbehalte haben.
‚Dass die das nicht begreifen, das verstehe ich
nicht’, wundert er sich. ‚Die Vorteile, die liegen doch ganz klar auf der
Hand.’ »Gestern habe ich die Finanzierung total günstig geklärt. Super
Konditionen, sage ich euch«, bringt er als wichtiges Argument in die Debatte
ein.
»Und wie wollt ihr den Bau finanzieren?«, fragt
Werner interessiert. Auch er hatte sich vor einiger Zeit mit diesem Thema
befasst. Doch bald musste er erkennen, dass sich so ein Bau finanziell nur für
den lohnt, der in der Lage ist, die Bausumme zum einem großen Teil durch Eigen-
und Fördermittel zu finanzieren. Der nicht so sehr auf Kredite angewiesen ist.
»Da ist viel Eigenkapital erforderlich, wenn du nicht die Banken reich machen
willst«, gibt er deshalb zu bedenken. »Heute sind die Zinsen zwar niedrig, gut
und schön. Weißt du, wie hoch die in zehn Jahren sein werden?« Er zieht seine
Stirn in Falten, schüttelt besorgt den Kopf ‚Sehr viel Geld haben sie doch
bestimmt nicht’, überlegt er. ‚Zinsen und Tilgung werden da schnell zu
einer hohen Belastung. Der Job im Baugewerbe ist unsicher. Wenn etwas schief läuft,
ist die Katastrophe schon so gut wie vorprogrammiert. Na ja, jeder kann machen,
was er für richtig hält. Für mich war das Risiko jedenfalls zu groß.’ Doch
das behält er für sich. ‚Horst würde sowieso nicht auf mich hören’,
vermutet er.
Prompt erhält er die Bestätigung: »Mensch Werner! Heute nimmt dazu
doch jeder einen Kredit. Die Zinsen sind niedrig, da hast du völlig recht. Und
die Banken, die sind ganz scharf drauf, Verträge abzuschließen.« Nein! Von
Bedenken möchte Horst jetzt nichts hören. »Ich habe schon seit Jahren einen
Bausparvertrag laufen. Die Zuteilung müsste bald erfolgen - haben die von der
Bank gesagt. Fördermittel werden wir auch beantragen. Außerdem!« Er hebt
bedeutungsvoll die rechte Hand und spießt seinen Zeigefinger belehrend in die
Luft: »Es ist ein Ausbauhaus! Da können wir sehr viel selber machen, können
jede Menge Geld sparen. Die von der Bank, die haben alles ausgerechnet, das könnt
ihr glauben!«, ereifert er sich. Es ärgert ihn schon, als er bemerkt, dass
seine Argumente die Skepsis der beiden nicht beseitigen.
Werner fragt weiter und strapaziert damit seine schon gereizten Nerven:
»Habt ihr euch das auch reiflich überlegt? Um so etwas auf Dauer finanzieren
zu können, müsst ihr beide immer gut verdienen. Da darf die nächsten dreißig
Jahre nichts dazwischen kommen.« Sein Gesichtsausdruck spiegelt deutlich
Bedenken wieder. »Nur dann könntet ihr so ein Unternehmen bewältigen.«, ergänzt
er. »Meine Frau sitzt nun schon zwei Jahre zu Hause, arbeitslos. Lehrerinnen
werden nicht mehr gebraucht. Die Leute schaffen sich Autos an, keine Kinder.
Ihre Umschulung hat auch nichts gebracht. Nein! Mir ist das Risiko zu groß.
Arbeitslosigkeit droht immer. Alles wird teurer. Die Löhne halten nicht mit.
Millionen Familien in Deutschland sind schon überschuldet. Wie oft liest man,
dass Häuser, gerade erst gebaut, zwangsversteigert werden.«
Rolf, der befürchtet, dass die zwei ernsthaft aneinander geraten könnten,
bremst ihn. Mit: »Lass mal gut sein! Er wird schon wissen, was er macht.«, bläst
er den Zunder von der Pfanne und blickt Werner warnend an.
»Wie viel wird euch das Haus denn jeden Monat kosten, wenn es fertig
ist?«, fragt er, um abzulenken.
»Ganze tausenddreihundert Mark für Zinsen und Tilgung.«, gibt Horst
bereitwillig Auskunft, ist froh darüber, dass ihr Gespräch eine Wendung nimmt.
»Das müssten wir bestimmt auch für eine Wohnung mit hundertvierzig
Quadratmetern zahlen; soviel haben wir nämlich in dem Haus. Und, wenn die
Kredite abgezahlt sind, wohnen wir darin faktisch umsonst, haben so fürs Alter
vorgesorgt«, erklärt er stolz seine Philosophie. Die hat ihnen Argumente
geliefert, die sie brauchen, um vor sich selbst rechtfertigen zu können, dass
sie dieses riskante Unternehmen überhaupt wagen.
»Das ist günstig«, bestätigt Rolf. »Wir haben vor nicht allzu
langer Zeit eine moderne Wohnung bezogen und zahlen da auch fünfzehn Mark Miete
für den Quadratmeter.«
»Würdest du denn eine Wohnung mit hundertvierzig Quadratmetern mieten?«,
fragt ihn Werner. »Außerdem! Rate und Tilgung sind doch noch nicht alles. Du
musst auch für Energie, Wasser, Müll und Heizung zahlen, musst Rücklagen für
die Instandsetzung bilden.«
Jetzt wird es Horst zuviel. Er winkt ab. »Haben wir alles bedacht! Ist
alles bedacht!« Damit wehrt er ihre Bedenken ab. Er möchte einfach keine
weiteren Einwände hören.
‚Der lässt sich doch nicht belehren’, begreift Werner und gibt
seine Bemühungen auf.
»Wann wollt ihr eigentlich mit dem Bau beginnen?«, fragt Rolf und
lenkt damit der Diskussion erneut in eine andere Richtung.
»Und wenn wollt ihr einziehen?«, ergänzt Werner seine Frage.
»Das Grundstück kaufen wir in der nächsten Woche. Günstig, sage ich
euch. Unser Chef übernimmt den Auftrag für den Bau - zu ganz fairen
Konditionen. Einziehen wollen wir noch vor Weihnachten. Länger als sieben
Monate darf der Bau nicht mehr dauern. Das lässt unser Baby nicht zu.«
»Wau! Ein Baby? Gratuliere!« Rolf haut ihm so kräftig auf die
Schulter, dass Horst vor Schmerz sein Gesicht verzieht, schüttelt ihm die Hand,
bevor er sie an Werner weiterreicht.
»Da müssen wir einen drauf trinken!«, fordert der ihn auf. Schnell
sind sie sich einig, dass das ein triftiger Grund dafür ist.
Rolf wird nachdenklich. »Deine Frau kann dich dann aber nicht mehr sehr
unterstützen.« ‚Allein schafft er das nie’, überlegt er. »Wenn du möchtest,
bin ich gerne bereit hin und wieder beim Bau zu helfen«, bietet er deshalb an.
»Ein paar Jahre habe ich als Elektriker gearbeitet und vom Fliesenlegen
verstehe ich auch etwas.«
»Na klar«, pflichtet Werner ihm bei. »Auch mit mir kannst du rechnen«
Die Mittagspause geht zu Ende und damit auch die Diskussion um das Haus.
---
Bis 1990 hatte Holzig im Bauhof einer Traktorenstation als Brigadier
gearbeitet. Er wurde entlassen, kurz nachdem der Betrieb vertreuhandet war. Als
der Bauboom im Osten begann, nutzte er die Gelegenheit; sich selbständig zu
machen. Die Holzig-Bau GmbH, bei der Horst seit deren Gründung als
Baumaschinist arbeitet, ist ein kleiner Betrieb mit zwanzig Beschäftigten. Frau
Holzig sitzt im Büro, ist Sekretärin, führt die Bücher, löst die
Bestellungen aus und versucht auch sonst, wo immer es ihr er möglich ist, ihrem
Mann zu helfen. Einige Jahre ging alles gut. Aufträge kamen, Leute wurden
eingestellt, sie machten mit ihrer Firma richtig Geld. Maschinen und Autos
konnten sie anschaffen, sogar ein eigenes Haus bauen. Die neue Welt war für sie
in Ordnung.
»Wir schaffen es! Wenn jemand, dann wir!«, war lange Zeit einer der
optimistischen Sätze von Holzig, wenn er sich in der knappen Freizeit einmal
mit seiner Frau über ihre Zukunft unterhielt.
In letzter Zeit jedoch ist er merklich stiller geworden, verschlossener,
weniger optimistisch. Kunden verzögern die Bezahlung seiner Rechnungen,
schieben als Begründung Mängel vor, halten die Zahlung sogar dann noch zurück,
wenn die Mängel behoben sind. Die liquiden Mittel der Firma werden knapp und
die Hausbank lehnt es ab, den Kredit zu erhöhen.
Auch in den Kommunen ist das Geld rarer geworden. Die Auftragsvergabe
ist rückläufig. Neu ist vor allem, dass Ausschreibungen immer öfter von
anderen ums Überleben kämpfenden Firmen gewonnen werden. Da helfen auch seine
guten Beziehungen nicht mehr. Er ist gezwungen, mit Geld nachzuhelfen, um Erfolg
zu haben. Heute blickt er sorgenvoll in die Zukunft.
---
‚Ich muss mit Horst noch einmal über die Ausstattung reden’, nimmt
Rita sich vor, als sie am Sonntagmorgen den Frühstückstisch deckt. Sie gibt
sich große Mühe, schmückt den Tisch liebevoll mit einem Blumenstrauß,
vergisst auch die Kerze nicht. Der Kuchen ist ihr gelungen, leise Musik klingt
aus dem Radio, es duftet nach frisch gebrühtem Kaffee.
Gut gelaunt kommt Horst aus dem Bad und setzt sich
erwartungsvoll an den Tisch. Rita schenkt Kaffee ein, legt auch ein Stück von
dem Kuchen auf seinen Teller. Er nimmt einen Schluck vom Kaffe, kostet den
Kuchen, lobt sie dafür.
‚Jetzt ist die Gelegenheit günstig’, schätzt sie ein. »Horst, ich
denke, wir sollten für die Ausstattung nicht das Billigste nehmen. Das meinst
du doch auch?«, beginnt sie diplomatisch. Der ahnt, was jetzt kommt, verzieht
zwar sein Gesicht ein wenig, sagt aber nichts, um den Frieden der Morgenstunde
nicht zu stören.
Rita sprudelt die nächsten Sätze ganz schnell heraus, hofft, dass
Horst sie nicht unterbricht. »Also, für die Küche habe ich eine ganz konkrete
Vorstellung. Modern muss sie sein - klar! Eine aus Kunststoff, das ist nichts für
uns. So eine aus Echtholz, wie drüben im Küchenstudio, die könnte mir
gefallen? Und so einen Tresen, an dem wir gleich essen können, den sollten wir
auch...« Als sie Horsts skeptischen Blick bemerkt, stoppt sie ihren
Wortschwall, blickt ihn fragend an, versucht seine Gedanken zu erraten, wundert
sich, dass er nichts sagt, kommt dann schnell zum Nächsten. »Und dann das
Wohnzimmer! Auslegeware kommt nicht in Frage. Parkett gehört da rein, solches
vom Feinsten. Habe mich schon mal erkundigt. Das kannst du selbst verlegen.
Damit sparen wir eine Menge Geld.«
Bisher hat Horst geduldig zugehört. »Lass es gut sein. Wir werden
sehen«, bremst er sie. »Ich kenne deine Wünsche.« ‚Dafür reicht unser
Geld nie’, überlegt er besorgt. ‚Doch wenn ich jetzt Bedenken vorbringe, führt
das zu nichts. Sie wird so lange auf mich einreden, bis ich schließlich
nachgebe oder laut werde. In jedem Fall ist dann ist die Stimmung hin. Es ist ja
schließlich noch Zeit, um endgültig zu entscheiden, was wir wirklich
kaufen’, tröstet er sich, lässt Rita im Glauben, dass alles, was sie sich wünscht,
auch realisierbar ist.
»Die ist zufrieden und davon überzeugt, dass Horst nichts einzuwenden
hat. Die Stimmung ist gerettet.
---
An einem schönen sonnigen Tag im Mai erfolgt der erste Spatenstich. Die
Sonne strahlt vom azurblauen, fast wolkenlosen Himmel. Sanfter warmer Wind
streicht übers Land. Es riecht nach Frühling und die Vögel geben ihr
Hochzeitskonzert. Die Formalitäten haben viel Zeit in Anspruch genommen, doch
nun stehen Rita und Horst glücklich und erwartungsvoll auf ihrem Grundstück,
beobachten den Beginn der Arbeiten. Der Vermesser steckt die Baugrube ab, dann rückt
der Bagger vor.
‚Dass die ja keinen Pfusch machen!’, sorgen sie sich. Doch alles
verläuft zu ihrer Zufriedenheit. Die schwere Baggerschaufel wühlt sich
knirschend in die weiche, braune, dampfende Erde, wird hoch gerissen, herum
geschwenkt und entlässt ihren Inhalt mit lautem Poltern auf den bereit
stehenden Kipper.
»Geschafft!«
Hub um Hub erweitert sich die Grube. Lange können sie nicht bleiben,
haben sich nur kurz frei genommen, um wenigstens beim Anfang dabei zu sein. Als
die Baggerschaufel kreischend auf Fels trifft, sind sie schon nicht mehr vor
Ort.
»So ein Mist!«, schimpft der Baggerführer und fährt das schwere Gerät
zurück.
---
Für das Wochenende hat Horst seine beiden Kollegen zu einem Bier auf
die Baustelle eingeladen. Als sie kommen, begrüßt er sie mit lautem
„Hallo!“, schüttelt ihnen die Hände und führt sie auf sein Grundstück,
das, am Südhang des Tales, hoch über dem Ort liegt.
»Ein herrlicher Ausblick!« Werner ist begeistert, auch Rolf nickt
zustimmend. Sie blicken hinunter in das weite, lang gestreckte, an den Hängen
bewaldete Tal, in dem sich ein Bächlein, von Korbweiden gesäumt, durch Wiesen
und Felder schlängelt. Zwei Dörfer ruhen behäbig inmitten dieser Idylle.
»Wir hatten Glück, diesen Fleck zu finden. Ich habe die Anzeige ganz
zufällig in der Zeitung gesehen. Obwohl das Land ein ganzes Stück vom Ort
entfernt liegt, ist es erschlossen. Gas, Wasser, Abwasser, Strom, alles liegt
bis an die Grundstücksgrenze. Nur die Straße, die müssen sie noch fertig
stellen.« Horst ist stolz auf ihren Bau, das ist ihm anzusehen.
»Ihr habt keinen Keller vorgesehen?«, erkundigt sich Werner.
»Später, wenn wir eine Terrasse anbauen, kann ich den darunter
einrichten.«
Auf die Unterkellerung des Hauses mussten sie schweren Herzens
verzichten, da das Projekt für sie sonst nicht finanzierbar war.
»An der Zufahrt ist auch noch allerhand zu tun.«, stellen sie während
des Rundgangs sachlich fest. »Im Winter, oder bei schlechtem Wetter, habt ihr
bestimmt Probleme, hier hoch zu kommen.«
»Nur was innerhalb des Grundstückes nötig ist, geht uns etwas an. Für
alles außerhalb ist die Gemeinde zuständig.«, klärt Horst sie auf.
‚Ist ja alles gut und schön, aber du musst doch hierher fahren, nicht
die Stadtverwaltung’, denkt sich Rolf. »Auch eine Umzäunung wird nötig
sein. Ihr habt noch für lange Zeit Arbeit«, fasst er zusammen.
»Wenn wir erst einmal drin wohnen, wird es einfacher. Dann fällt die
lange Anfahrt weg. Es muss ja nicht alles auf einmal fertig werden.« Horst ist
immer noch von unverwüstlichem Optimismus beseelt. Er angelt für jeden eine
Bierflasche aus dem Korb, stellt sie auf den Campingtisch, den sie bei schönem
Wetter neben dem Bauwagen aufstellen. Nachdem sie einen kräftigen Schluck auf
gutes Gelingen getrunken haben, bringt Rolf das Gespräch auf ihr Angebot, ihm
beim Bau zu helfen. Rasch werden sie sich einig.
»An den Wochentagen wird es schlecht klappen. Du weißt doch, die Überstunden«,
schränkt Werner ein. »Am Sonntag geht es auch nicht; wegen der Kinder und dem
Fußball. Doch an den Sonnabenden, da kannst du mit mir rechnen.«
So sieht es auch Rolf. »Wir könnten dir beim Verlegen der Elektrik
helfen und dem Einbau der Heizung«, schlägt er vor.
»Auch beim Fliesen und Tapezieren«, ergänzt Werner.
»Wie machen wir es mit der Bezahlerei?«, erkundigt sich Horst, ist ein
wenig besorgt. Er wird angenehm überrascht.
»Wegen der brauchst du dir überhaupt keine Sorgen zu machen. Wenn du für
Essen und Trinken sorgst, dann ist schon alles OK. Mehr verlangen wir nicht.«
Rolf blickt fragend zu Werner, der nickt zustimmend.
Horst atmet erleichtert auf, bietet ihnen noch ein Bier an, doch sie
lehnen ab.
»Wir sind doch mit dem Auto hier«, geben sie zu bedenken.
Eine Weile genießen alle die Ruhe und den herrlichen Ausblick, dann
bedanken sie sich und fahren zurück.
---
Vierzehn Tage später. Die Grundplatte ist gegossen, die Maurerarbeiten
am Erdgeschoss sind im vollen Gang, trifft die erste Rechnung ein. Gewissenhaft
vergleicht Horst die Zahlen mit denen in der Kalkulation. »Die Schachtarbeiten
sind teurer geworden, als veranschlagt«, stellt er besorgt fest. Beim Ausheben
der Baugrube sind sie auf Fels gestoßen. Er weiß es, hatte ja selbst gesehen,
wie sie den mühsam abspitzen mussten. Zum ersten Mal spürt er ein ungutes Gefühl
in der Magengegend. »Da kommen bestimmt noch mehr solcher Probleme auf uns zu«,
vermutet er, ist beunruhigt. Die Prüfung des Ausmaßes, das der Rechnung beigefügt
ist, bereitet ihm Schwierigkeiten. Er überlegt, vergleicht, fährt raus zur
Baustelle und misst nach. ‚Stimmt das alles, oder haut der mich übers Ohr?’
Diese Frage kann er sich nicht eindeutig beantworten. Er arbeitet zwar auf dem
Bau, doch so genau kennt er sich mit dem Papierkram nicht aus.
Rita, die dazu gekommen ist, blickt ihm über die Schultor. Sie spürt
seine Unsicherheit. »War es richtig, ohne Bauträger?«, fragt sie zweifelnd.
»Klar! Wir haben eine Menge Geld gespart. Umsonst hätte so eine Firma
auch nicht gearbeitet«, begründet Horst die einmal getroffene Entscheidung.
»Aber alles der Baufirma zu überlassen, im guten Glauben, dass die es
schon richten wird, das war vielleicht doch nicht ganz klug.
»Heute darüber zu spekulieren, hat doch keinen Sinn«, wehrt sich
Horst. »Daran ist nun doch nichts mehr zu ändern.«
Rita nimmt es leicht, zuckt nur mit den Schultern.
Mit: ‚Ach was!’, verdrängt er schließlich seine Bedenken.
‚Holzig wird schon alles richtig berechnet haben’, sagt er sich und zeichnet
gegen. Sarkastisch stellt er fest: »Wenn dir nichts weiter übrig bleibt, dann
- kannst du auch Vertrauen haben.« Das hatte sein Vater in solchen Situationen
immer gesagt. »Ist es nicht so?«
Rita erwidert nichts.
Die Bezahlung der ersten Rechnung bereitet unerwartet Schwierigkeiten.
Nachdem er diese an die Bank eingereicht hat, rufen sie von dort zurück und
erklären Rita wortreich, dass sie den Betrag vorerst leider nicht anweisen könnten.
Sie sollten doch noch einmal in die Filiale kommen.
Rita hatte den Bauvertrag zwar mit unterschrieben, sich aber nicht um
die Einzelheiten gekümmert. Sie betrachtet deshalb auch den Anruf der Bank
nicht als großes Problem.
»Das wirst du schon klären können«, ist später ihr ganzer
Kommentar, nachdem sie Horst von dem Anruf unterrichtet hatte. Horst muss sich
dafür einen Urlaubstag nehmen, den er eigentlich dringend für den Bau braucht.
Der Berater, mit dem sie vor der Vertragsunterschrift die Finanzierung
durchgesprochen hatten, gibt sich verständnisvoll. »Ich verstehe auch nicht,
wieso die Bestätigung ihres Kredites noch nicht erfolgt ist«, versucht er
Mitgefühl zu zeigen. »Doch darüber entscheiden eben nicht wir - leider«,
entschuldigt er sich. »Wir sind auf die Zentrale angewiesen. Es tut mir sehr
leid, dass Sie jetzt in Schwierigkeiten...«
»Hör auf mit dem Schmus!«, fällt Horst ihm grob ins Wort, vergisst
die höfliche Anrede, gestikuliert wütend. »Das hätte ich wissen müssen,
bevor ich den Vertrag unterschrieben habe. Wie soll es jetzt weiter gehen? Können
Sie mir das sagen? Soll ich den Bau stoppen? Tragt ihr die Kosten? Lass dir gefälligst
etwas einfallen!« Er zittert vor Wut und wäre dem »Bankheini«, so nennt er
den Berater in Gedanken, am liebsten an den Kragen gegangen.
Großzügig bietet der Horst einen Überbrückungskredit an. »Um den
Bauablauf nicht zu verzögern«, wie er sagt. »Sie könnten ja auch erst einmal
ihre Eigenmittel einsetzen«, schlägt er vor.
Doch darauf geht Horst nicht ein. »Und wer bezahlt uns die
zusätzlichen Zinsen?« Der Berater hebt bedauernd die Schultern, was wohl
soviel bedeuten soll wie: »Wir nicht!«
Horst begreift, dass sie darauf sitzen bleiben werden. »Bearbeitungsgebühren
sind doch auch noch fällig, oder?«, fragt er. Die Gegenseite nickt nur. Horst
spürt, dass er in der Falle sitzt. Nur mit einem Überbrückungskredit bekommt
er kurzfristig Geld von der Bank. Ohne den kann er die Rechnung nicht bezahlen.
Dann kommt der Bau ins Stocken. Die eigenen Mittel haben sie doch schon für
anderes ausgegeben.
‚Verdammt! Die sitzen am längeren Hebel’, begreift er. ‚Mir
bleibt gar keine andere Wahl, als darauf einzugehen.’ Zähneknirschend willigt
er ein. Wieder entstehen Kosten, mit denen sie nicht gerechnet haben. Wütend
verlässt er die Bank.
»So eine elende Scheiße!«, flucht er unflätig, als er von der
Besprechung nach Hause kommt.
»Um Gottes Willen, warum bist du so aufgeregt?«, fragt Rita
erschrocken. Sie spürt, dass das Gespräch in der Bank nicht günstig verlaufen
ist.
»Stell dir vor, unser Kredit ist noch gar nicht genehmigt. Auch der
Bausparvertrag ist noch nicht zugeteilt!«, schildert er die unangenehme
Situation. »So eine verdammte Sauerei! Allen Ankündigungen und Zusicherungen
zum Trotz. Die müssen einen Knall haben. Erst lauter Versprechungen und
Zusagen, damit wir den Vertrag unterschreiben. Und nun, wo es ernst wird, lassen
sie uns hängen. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als einen Überbrückungskredit
in Anspruch zu nehmen«, klärt er Rita auf. »Aber für den sind die Zinsen
viel höher und Bearbeitungsgebühren kostet der auch noch.« Seine Rede stockt.
Als sie ihn beruhigen will, weist er sie schroff zurück.
»Die haben uns ins Messer laufen lassen, nun machen sie ihren Schnitt.
Wir können nur hoffen, dass sie diesmal ihre Zusage einhalten, wir den teuren
Kredit bald wieder ablösen können.«
---
Rita kann ihren Zustand nicht länger vor den Kolleginnen verbergen. Ab
und zu wird ihr schlecht, dann läuft sie zur Toilette. An der Kasse stört das
den Ablauf, Kunden murren. Die neugierigen, abschätzigen Blicke der anderen
werden immer aufdringlicher. Rita spürt auch das Tuscheln hinter ihrem Rücken.
‚Ich glaube, die haben gemerkt, dass ich in anderen Umständen bin’,
sagt sie sich. Zwischen den Beschäftigten im Supermarkt gibt es kaum
freundschaftliche Beziehungen. Der Dauerstress, die ständige Sorge um den Job,
das strenge, kalte und arrogante Gehabe des Chefs, unterbinden es. Jeder ist
hier auf den eigenen Vorteil bedacht und beobachtet misstrauisch seinen
Nachbarn. Zuträgerei ist an der Tagesordnung. So muss auch ihr Chef von der
Vermutung der anderen erfahren haben. Er kommt zu Rita an die Kasse, was ungewöhnlich
ist, und erkundigt sich nach ihrem Befinden.
Besorgt erzählt sie zu Hause davon.»Es wäre besser, du sagst es
deinem Chef«, meint Horst. »Erkläre ihm unsere Situation«, rät er ihr. »Vielleicht
hat er Verständnis. An der Kasse kannst du sowieso nicht mehr lange bleiben.«
Rita scheut sich vor diesem Gespräch. »Ich warte damit noch eine Weile«,
entscheidet sie schließlich. »Dafür ist immer noch Zeit.«
Seitdem Horst ahnt, dass sie in finanzielle Bedrängnis geraten werden,
kauft er alles, was er von dort bekommen kann, möglichst billig im Baumarkt.
Trotzdem, die Materialkosten sind höher als geplant. Schon bereut er es, dass
sie die Küche bereits bestellt, und, um den Bahrzahlerrabatt zu nutzen, im
Voraus bezahlt haben. Dafür mussten sie einen Teil des Geldes verwenden, das
eigentlich für den Hausbau vorgesehen war.
‚Hätte ich mich bloß durchgesetzt!’, wirft Horst sich vor. ‚Ich
habe schon geahnt, dass es mit dem Geld knapp wird. Wenn die nächste größere
Rechnung kommt, muss ich nochmals zur Bank gehen und betteln. Das wird teuer.
Wenn wenigstens die Fördermittel bald genehmigt würden. Damit könnten wir ein
Loch stopfen. Aber das dauert und dauert. Man kann nichts weiter tun, als höflich
nachfragen und warten.’ Er spricht zwar zu sich selbst, aber so laut, dass
Rita es hören muss.
Doch die nimmt es leicht. »Frage doch deinen Chef wegen eines Vorschusses...«
Davon will er nichts wissen. »Mach du das doch!«, hält er verärgert
dagegen. ‚Die will gar nicht verstehen, dass wir Mist gebaut haben, mit der
Einkauferei. Nun sitzen wir ganz schön in der Bredouille.’ Er steht auf und
geht erst einmal hinaus, um sich abzureagieren.
‚Der soll doch nicht so tun, als wäre ich allein Schuld an dem
Schlamassel’, wehrt sich Rita gedanklich gegen den Vorwurf, den Horst zwar
nicht ausspricht, den sie aber spürt. ‚Er hat schließlich zugestimmt, als
wir die Küche gekauft und gleich bar bezahlt haben’, versucht sie sich zu
rechtfertigen. Na ja, vielleicht wäre es ja tatsächlich nicht nötig
gewesen...’, gesteht sie sich ein. ‚Aber wir haben doch gedacht, da sparen
wir etwas.’
Endlich sind Elektrik und Heizung installiert. Durch einen
Meisterbetrieb wurde alles abgenommen. Nur hier und da gab es kleine
Beanstandungen und Nacharbeiten. Als die Rechnung dafür eintrifft, ist Horst
entsetzt. »Der Stundenlohn, den die berechnen, der ist unverschämt«, empört
er sich. ‚Na die können warten, bis ich bezahle’, nimmt er sich vor und
heftet die Rechnung erst einmal in den Ordner mit den noch Unerledigten.
Er werkelt jetzt fast jeden Tag nach seiner Arbeit noch auf der
Baustelle. Auch am Sonnabend und am Sonntagvormittag ist er dort. ‚Das Haus
muss bis Oktober wenigstens soweit fertig werden, dass wir darin wohnen können’,
haben sie sich vorgenommen. Die Miete zusätzlich zu den Ausgaben für das Haus
zu zahlen, das können sie sich nicht länger leisten. Obwohl sie sich darum bemühen,
den Druck, der durch die angespannte finanzielle Situation auf ihnen lastet,
nicht in unsinnige Streitereien münden zu lassen, ist die Stimmung oft gereizt.
Dazu kommt die Sorge um Ritas Arbeit. »Du musst das klären, unbedingt!«,
fordert Horst immer wieder. »Wir brauchen Klarheit, mit was wir künftig
rechnen können.«
Nach langem Zögern meldet sich Rita bei Herrn Westermann an. Schon am
Nachmittag des gleichen Tags erhält sie einen Termin. Pünktlich auf die Minute
betritt sie sein Büro, von dessen Nüchternheit sie überrascht ist. Nur einige
Bilder unterbrechen die sonst kahlen Wände. Sie gehören zu den verzweifelt
modernen, deren Aussage, wenn es überhaupt eine gibt, niemand versteht. Nur der
mächtige Schreibtisch, der schwarze Chefsessel und die beiden Ledersessel neben
dem kleinen runden Tisch geben dem Ganzen eine gewisse Eleganz.
Westermann erhebt sich, ein wenig ächzend. Nach kurzer Begrüßung
fragt er Rita nach dem Grund des Gespräches. Die setzt sich, nachdem er sie mit
einer jovialen Geste dazu aufgefordert hat.
Ohne Umschweife sagt sie ihm, dass sie bereits im vierten Monat schwanger sei
und ihr die Arbeit an der Kasse deshalb zunehmend Probleme bereite. Die
einseitige Belastung sei es, die sie nicht mehr verträgt.
Westermann hat ihr mit hochgezogenen Augenbrauen zugehört. Dann erklärt
er gestenreich, wie schwierig es für ihn sein wird, ihr eine andere Tätigkeit
zuzuweisen. »Sie wissen doch selbst, dass ich nur wenig Personal zur Verfügung
habe. Die Kosten, Frau Glaubig, die Kosten! Wenn Sie die Kasse verlassen, muss
ich eine andere Kraft einstellen. Das verursacht Kosten«, wiederholt er sich.
»Na gut!«, sagt er zum Schluss. »Sobald ich Ersatz gefunden habe, werde ich
Sie im Lagerbüro beschäftigen. Aber ganz ohne körperliche Arbeit geht es auch
da nicht ab. Die Kassenzuschläge fallen natürlich weg«, stellt er klar.
Obwohl sie dann etwas weniger verdient, ist Rita damit einverstanden.
Einige Tage später bittet Westermann Rita noch einmal in sein Büro.
Die ist verunsichert. ‚Was will der von mir?’, fragt sie sich. ‚Ich habe
mir doch nichts zu Schulden kommen lassen. Klappt das etwa nicht, im Lager?’
Es kommt ganz anders, als sie erwartet hat. »Und wenn Sie nun mit einer
Abfindung ausscheiden, Frau Glaubig?«, fragt Westerland, ohne große
Einleitung.
‚Der will mich los werden!’, schießt es Rita durch den Sinn. Sie äußert
sich nicht, wartet...
Westermann erkennt ihre Verwirrung und seine Chance. Geschickt schiebt er
Argumente nach: »Sie bauen doch, können die Abfindung bestimmt gut brauchen -
bekommen ja auch noch Geld vom Arbeitsamt!«
Rita überlegt, sagt schließlich, dass sie darüber erst mit ihrem Mann
reden müsse. »Das mit der Arbeit im Lagerbüro, das bleibt doch?«, erkundigt
sie sich, ist skeptisch.
Doch ihr Chef nickt. »War so abgesprochen. Trotzdem, überlegen Sie sich meinen
Vorschlag.
« Damit ist das Gespräch beendet. Rita geht an ihre Kasse
zurück.
‚Ein schlauer Fuchs, dieser Westermann, das muss man ihm lassen’, überlegt
Rita. ‚Der will mich los sein. Wenn ich zustimme, braucht er mich später
nicht wieder einzustellen. Aber wir sind auch nicht aus Dummsdorf’! Sie lächelt
verschmitzt. Noch am gleichen Abend spricht sie mit Horst über den neuen
Vorschlag. Lange diskutieren sie die Vor- und Nachteile.
»Natürlich könnten wir die Abfindung gut brauchen, gerade
jetzt. Die würde uns schon helfen.« Horst möchte, dass sie zu einem
Entschluss kommen, ist eigentlich dafür, dass Rita aufhört.
»Aber dann bin ich arbeitslos. Wer weiß wie lange?«
»Nach der Geburt wolltest du ja sowieso, wenigstens für ein
Jahr, zu Hause bleiben...«
Zu einem Ergebnis kommen sie an diesem Abend nicht.
Der Ausbau macht Fortschritte. Es wird höchste Zeit, dass Horst das restliche
Material einkauft. Bisher hat er das immer hinausgezögert. Obwohl er dabei sehr
auf die Preise achtet, ergibt sich ein so erheblicher Betrag, dass er diesen
nicht mehr bezahlen kann. Eine Krediterhöhung, die er bei der Bank beantragt
hatte, ist nur zu einem Teil genehmigt worden, und das auch erst, nachdem er
sich bereit erklärt hatte, dafür seine Lebensversicherung zu verpfänden.
Was bleibt ihm weiter übrig? Der Bau muss weiter gehen. Im Baumarkt kennen sie
die Sorgen der Häuselbauer, geben sich kulant und räumen ihm einen Ratenkredit
für zwölf Monate ein. Das löst das Zahlungsproblem zumindest für den
Augenblick. Trotzdem kommt Horst in sehr gedrückter Stimmung nach Hause.
»Ich war heute noch einmal in der Bank, sie haben uns die
Krediterhöhung nicht so genehmigt, wie wir sie brauchen würden«, sagt er, ist
deprimiert. »Im Baumarkt musste ich deshalb Ratenzahlungen vereinbaren und von
den offenen Rechnungen können wir auch nur einen Teil bezahlen. Meine
Lebensversicherung habe ich verpfändet. Wenn mir jetzt etwas zustößt,
kassiert die Bank. Ihr steht dann ziemlich mittellos da. Das macht mir Angst.«
Rita versucht ihn von den schwermütigen Gedanken abzubringen.
»Quatsch! Dir stößt schon nichts zu, wenn du vorsichtig bist. An so etwas
darfst du gar nicht denken. Wir haben es doch bald geschafft. In vier Monaten
ziehen wir ein. Du wirst sehen, dann wird es leichter«, versucht sie ihn zu trösten.
»Aber die Schulden, Rita, die Schulden, die bleiben. Wir müssen sparen,
sparen, sparen; wo es nur geht«, bremst er ihren Optimismus. »An der Küche können
wir ja nichts mehr ändern, die haben wir nun einmal gekauft, doch mit dem
Parkett im Wohnzimmer, das lassen wir sein. Das verschieben wir auf später.
Erst einmal tut es einfache Auslegeware. Die Gardinen, die hast du ja auch schon
fast alle gekauft, aber für die Einrichtung, da ist wirklich nicht mehr viel übrig.
Da müssen es erst einmal die alten Möbel tun.
Rita verzieht ihr Gesicht, wie sie es immer tut, wenn etwas
nicht nach ihrem Willen geht. »Dass du immer wieder davon anfängst«, schmollt
sie. »So habe ich mir das nicht vorgestellt, so nicht!«, sagt sie mit Tränen
in den Augen.
Als Horst sie trösten will, wendet sie sich ab. ‚Wenn sie doch endlich
begreifen würde, dass ich kein Geld her hexen kann, und noch mehr Schulden können
wir uns auch nicht leisten.’ Horst ist ratlos.
»Du hättest doch wissen müssen, dass unser Geld für den
Bau nicht reicht. Da wäre es besser gewesen, wir hätten gar nicht erst
angefangen«, wirft sie ihm vor, obwohl sie genau weiß, dass sie ihm damit weh
tut.
»Rede nicht solchen Unsinn! Wieso sagst du so etwas? Das ist
doch unfair. Es war von Anfang an klar, dass es eine schwierige Zeit wird«,
verteidigt er sich. »Du hast das nur nicht ernst genommen, wolltest immer nur
das Beste haben.« Beleidigt wendet er sich ab und schweigt.
»Jammern und gegenseitig Vorwürfe machen, hilft auch nicht
weiter.« Rita lenkt ein, als sie erkennt, wie sehr ihn ihre Worte getroffen
haben. »Wir müssen eben irgendwie damit fertig werden.«
»Irgendwie fertig werden? Na prima! So reagierst du immer, nur eine Lösung ist
das nicht, das muss dir doch endlich klar werden.«
Ihr Streit hält den ganzen Abend an und vergiftet die Stimmung. Das
erste Mal schlafen sie ohne den gewohnten Gutenachtkuss ein.
3.
Kapitel
Die Schlussrechnung der Firma Holzig ist eingetroffen. Wieder kommen sie
in Schwierigkeiten, wissen nicht mehr, wie sie den Betrag aufbringen sollen.
»Wir brauchen doch auch noch etwas für ein paar Möbel, wenigstens fürs
Kinderzimmer«, sagt sie und ist ganz verzweifelt. Von der unbequemen Rechnung möchte
sie am liebsten gar nichts hören. »Der muss eben eine Weile warten! Du
arbeitest doch auch den ganzen Monat, und deinen Lohn, den zahlt er nicht vor
Ultimo.« Beide grübeln und suchen nach einem Ausweg.
»Kannst du nicht Mängel geltend machen?«, schlägt Rita vor. »Es gab eine
Sendung im Fernsehen, da haben sie es auch so gemacht. Das Podest vor der Haustür
fehlt. Das Dach ist nicht ganz dicht - glaube ich. Es gibt bestimmt noch mehr
auszusetzen. Das ziehen wir ihm erst einmal von der Rechnung ab, bis alles in
Ordnung ist. Kommt Zeit, kommt Rat, hat meine Mutter immer gesagt - wenn es
schwierig war.«
Obwohl Horst nicht wohl ist, wenn er an die Auseinandersetzung denkt, die es
dann mit seinem Chef geben wird, sieht er auch keine bessere Lösung, willigt
schließlich ein.
Das ganze Wochenende verbringen sie damit, den Bau auf Mängel zu untersuchen.
Sie finden einiges und entscheiden, dass sie ein Drittel des Rechnungsbetrages
zurück behalten. Die übrigen zwei Drittel kann Horst noch anweisen.
»Aber davon ziehen wir drei Prozent Skonto ab, denn wir bezahlenden ja
innerhalb der vereinbarten Frist«, entscheidet er. Die nächsten Tage versucht
er Holzig aus dem Weg zu gehen. Dann jedoch kommt der auf die Baustelle und
direkt auf ihn zu.
»Ich glaube, wir müssen miteinander reden!«, sagt er und sein Ton
verrät nichts Gutes. »Kommen Sie morgen früh in mein Büro, Glaubig!« Die
ungewohnte Anrede, Holzig spricht seine Arbeiter sonst mit du und ihrem Vornamen
an, lässt ihn ahnen, dass ihm dort die schon befürchtete unangenehme
Auseinandersetzung bevorsteht.
‚Verdammt! Mussten wir auch so viel Geld für die Einrichtung
ausgeben. Ohne dies hätten wir die Rechnung voll bezahlen können. Doch nun
hilft mir das auch nicht weiter.’
Nach Feierabend geht er, von Ängsten und Sorgen geplagt, nicht wie gewohnt auf
die Baustelle, sondern gleich nach Hause. Er möchte die Situation noch einmal
mit Rita besprechen. Aber sie finden keine Lösung dafür, wie sie das fehlende
Geld aufbringen könnten. Den einbehaltenen Betrag zu zahlen ist ihnen nicht möglich.
»Dann muss ich eben durch!« Horst hat das in entschlossenem Ton gesagt
und es klingt dabei so etwas wie „Optimismus aus Verzweiflung“ an. Er ist
sich aber klar darüber, dass der ihm morgen nicht helfen wird.
Die Firma „Holzig-Bau GmbH“ befindet sich in einer fast
hoffnungslosen finanziellen Situation. Die Außenstände nehmen ständig zu und
die finanziellen Reserven sind erschöpft. Holzig müsste eigentlich aus seinem
privaten Besitz Kapital nachschießen, doch davor scheut er sich. ‚Dann ist
das Geld wahrscheinlich auch verloren’, befürchtet er.
»Sogar der Glaubig zahlt seine Schlussrechnung nicht ordentlich«, empört
er sich, als seine Frau ins Büro kommt. »Jetzt behält sogar der mit einer an
den Haaren herbei gezogenen Begründung ein Drittel des Rechnungsbetrages zurück.
Und der arbeitet bei uns, verdient erst durch uns sein Geld. Von dem gezahlten
Betrag hat er auch noch drei Prozent Skonto abgezogen, eine Unverschämtheit!«
Er ist wütend, seine Stimme immer lauter geworden. »Na, der kann was erleben!
Seinen Lohn behalte ich so lange ein, bis die Schulden beglichen sind. Mal
sehen, was er dazu sagt. Schließlich haben wir an dem Objekt kaum etwas
verdient.« Holzig hat sich in Rage geredet. »Und wenn ich wirklich Leute
entlassen muss, dann ist der Erste, der...«
Seine Frau unterbricht ihn, versucht ihn zu beruhigen: »Du, ich glaube,
die haben sich finanziell übernommen, brauchen einfach etwas Zeit, um sich
wieder zu erholen. Die zahlen schon. Du kennst doch den Glaubig, der ist
ehrlich. Seine Frau erwartet ein Baby. Den kannst du nicht so einfach auf die
Straße setzen. Wovon sollen sie dann leben?«
»Wieso soll ich Rücksicht nehmen? Uns hilft doch auch niemand. Der
Glaubig fliegt raus, wenn er nicht zahlt und damit basta!«
»Damit sicherst du unser Geld aber auch nicht«, gibt sie zu bedenken.
»Du mit deiner Sozialdusselei«, fährt er sie an. »Wer stundet uns die fälligen
Rechnungen? Du kennst doch die Summe, die wir jeden Monat für die
Betriebskosten brauchen. Denke an die Mahnbescheide. Du, das ist kein Spaß
mehr!« Holzig schreit jetzt unbeherrscht: »Ist dir eigentlich klar, dass wir
vor dem Konkurs stehen, wenn das so weitergeht?« Er stützt sich mit der linken
Hand auf den Schreibtisch, ringt mit hochrotem Kopf nach Luft, presst seine
rechte Hand auf die Brust. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. In letzter Zeit häuften
sich solche Anfälle. Der ständige Druck, der auf ihm lastet, fordert seinen
Tribut.
Seine Frau ist aufgesprungen, fasst den vor Aufregung Zitternden fest bei den
Schultern und zwingt ihn, sich zu setzen. Dann holt sie ein Glas Wasser und löst
zwei von den Tabletten auf, die sein
Arzt ihm vorsorglich verschrieben hatte. Sie hilft ihm beim Trinken und streicht
zärtlich über das grau gewordene Haar. Er tut ihr leid. Nachdem er die Medizin
getrunken hat, wird er ruhiger. »Danke, Elvira!« Holzig ist erschöpft, blickt
sie aus müden Augen an, versucht ein Lächeln. »Wir dürfen uns nicht
aufreiben«, sagt er mit leiser Stimme, geht nach nebenan und legt sich nieder.
Am nächsten Morgen fährt Horst noch vor Arbeitsbeginn, mit einem flauem Gefühl
im Bauch, zum Büro seines Chefs. ‚Wenn ich das bloß schon hinter mir hätte,’
wünscht er sich. ‚Aber mir bleibt ja nichts anderes übrig, als es
durchzustehen. Bezahlen können wir nicht, und wenn er mich zerreißt.’
Als er eintritt, sitzt Holzig bereits hinter seinem mit Bergen von Papier
bedeckten Schreibtisch. Er telefoniert lautstark, blickt nicht einmal auf,
bietet ihm keinen Platz an, wie es sonst seine Art war. »Na, der ist ganz schön
sauer«, erkennt Horst, bleibt stehen, wartet erst einmal ab...
Endlich! Holzig knallt den Hörer auf und wendet sich ihm zu.
»Was denkst du dir eigentlich dabei, die Rechnung nicht ordentlich zu bezahlen?«,
fährt er ihn ohne jede Begrüßung an. »Die scheiß paar Mängel, die du da
aufzählst, das sind doch Lappalien. Die werden abgestellt, klar. Hättest doch
bloß was sagen brauchen. Aber nein, da wird einfach meine Rechnung gekürzt,
vom Rest auch noch Skonto abgezogen, eine Unverschämtheit. An dem Objekt habe
ich sowieso kaum etwas verdient, dachte, das wäre fair. Ist das nun der Dank
dafür?«
Durch den Vorwurf seines wütenden Chefs ist Horst ganz verstört. Außerdem quält
ihn sein schlechtes Gewissen.
»Mensch, ich würde doch zahlen, wenn ich könnte!«, antwortet er
spontan und unüberlegt auf die grimmigen Vorwürfe.
»Ach so, das ist der Grund? Es sind also gar nicht die Mängel? Die hast du nur
vorgeschoben?«, schnaubt Holzig. »Das ist ja unerhört«, schreit er los. »Da
hältst du es nicht für nötig, herzukommen und mit mir zu reden? Da werden
einfach Mängel vorgeschoben. Sollen die doch sehen, wie sie zurecht kommen!
Aber deinen Lohn, den forderst du am Monatsende. Du wirst dich wundern, den
behalte ich ein, bis deine Schulden bezahlt sind, basta!« Holzig atmet schwer.
Wieder fühlt er diese Beklemmungen in seiner Brust.
Horst ist erschrocken und ratlos. Das hatte er nicht erwartet. »Der
macht ernst, der zahlt mir wirklich keinen Lohn.« Er fühlt, wie ihm der Hals
eng wird, ist versucht zu schreien, doch er beherrscht sich. Am meisten ärgert
ihn, dass er sich verquatscht hat. Um das Schlimmste abzuwenden, versucht er
seine Situation zu erklären: »Meine Frau ist schwanger und wird ihren Job
wahrscheinlich verlieren. Wir sind auf meinen Verdienst angewiesen.«
Doch Holzig zeigt kein Verständnis. »Das hast du doch vorher gewusst!«,
tut er den Einwand ab.
»Dann hat es doch gar keinen Sinn, dass ich weiter arbeite«, sagt
Horst jetzt trotzig. »Ohne Lohn können wir nicht existieren, den brauchen wir
zum Leben. Da kann ich mir gleich den Strick...« Seine Stimme versagt.
Holzig erkennt, dass er auch mit noch mehr Druck nicht weiter kommt.
»Der ist am Ende«, sagt er sich. »Der dreht durch, tut sich noch
etwas an. Davon habe ich gar nichts! Er zwingt sich zur Ruhe. »Quatsch!«,
knurrt er. »Das ist auch keine Lösung. Ihr habt euch finanziell übernommen;
habt euer Geld wahrscheinlich großzügig ausgegeben, solange ihr noch etwas auf
dem Konto hattet. Jetzt wisst ihr nicht mehr weiter. Aber so, wie du es jetzt
versuchst, geht es auch nicht, das bringt nur Ärger.«
Da Horst nichts dazu sagt, nur stumm und verlegen vor ihm steht,
schimpft er weiter: »Verdammt! Ich brauche das Geld! Was glaubst du denn, wie
viel Außenstände ich habe. Nicht zu zahlen ist eine Seuche, die uns noch alle
ruiniert. Also, gut! Nicht alles, aber einen Teil vom deinem Lohn muss ich
einbehalten, da beißt die Maus keinen Faden ab. Will es aber vorerst auch bei
einem Drittel belassen. Und nun geh an die Arbeit.« Damit ist das Gespräch
beendet. Horst traut sich nicht, noch etwas zu erwidern.
4.
Kapitel
Rita wird das Angebot von Westermann annehmen und gegen
Zahlung einer Abfindung ausscheiden.
»Wir hätten eben sofort ein paar Mark.« Diese Bemerkung von
Horst hat für ihre Entscheidung den Ausschlag gegeben.
Gleich am darauf folgenden Tag meldet sie sich bei Westermanns
Sekretärin und bittet um einen neuen Gesprächstermin. Am Nachmittag hat er
Zeit für sie. Pünktlich betritt sie das Vorzimmer und wird von der Sekretärin
gebeten, einen Augenblick Platz zu nehmen. »Herr Westermann führt noch ein
wichtiges Telefongespräch«, entschuldigt sie die Verzögerung.
Rita überlegt noch einmal, was sie besprochen haben.
‚Keinesfalls darf ich sagen, dass mir die Arbeit im Lager zu schwer sein wird.
Kündigen wollen die, nicht ich. Und sie brauchen dafür meine Zustimmung. Ich
lasse ihn kommen, höre mir erst einmal an, was er vorschlägt’, nimmt sie
sich vor. Ihr gehen die Worte von Horst noch einmal durch den Sinn: ‚Erkläre
ihm ruhig, dass wir auf dein Einkommen angewiesen sind, und dass du deshalb
einer Aufhebung des Arbeitsverhältnisses nur zustimmen kannst, wenn uns dadurch
keine finanziellen Nachteile entstehen.’
‚Die lasse ich eine Weile schmoren.’ Westermann weiß aus
Erfahrung, dass es seine Gesprächspartner nervös macht, wenn er sie warten lässt,
dass es Minderwertigkeitskomplexe verstärkt. Er kann das ausnutzen, um seine
Vorstellungen durchzusetzen. In aller Ruhe blättert er deshalb noch in den
Papieren, die vor ihm auf dem Schreibtisch liegen. Fast eine halbe Stunde
vergeht so.
Gute zwanzig Minuten hat Rita geduldig gewartet. Jetzt fühlt
sie sich verschaukelt. ‚So ein Affe, was der sich einbildet, mich hier einfach
schmoren zu lassen’, schimpft sie innerlich. ‚Der denkt vielleicht, er kann
mich weich kochen? Na der wird sich wundern! Mein Schaden ist es nicht, wenn ich
hier herum sitze. Es geht schließlich von der Arbeitszeit ab. Aber ungezogen
ist es schon!’, ärgert sie sich.
Als die Sekretärin sie endlich auffordert, zu Westermann ins
Büro zu gehen, reagiert Rita so langsam, wie sie es grade noch für vertretbar
hält. Ihr Chef kommt hinter seinem Schreibtisch hervor, begrüßt sie förmlich
und weist ihr diesmal einen Stuhl am Beratungstisch zu. Dann geht er bedächtig
zu seinem Sessel zurück, lässt sich betont langsam darauf nieder. ‚Hier bin
ich der Boss!’, das will er damit ausdrücken.
Bei ihr kommt das anders an, als er es sich wünscht: ‚So
ein Angeber, ein dämlicher!’, konstatiert sie und lacht innerlich über sein
Gehabe.
»Was macht der Bau? Ziehen Sie denn bald ein?«, erkundigt
sich Westermann. Die Antwort interessiert ihn nicht wirklich. Er möchte einfach
ihre vielleicht schon zurecht gelegten Sätze stören.
»Danke, wir kommen ganz gut voran«, antwortet Rita
ausweichend. »Mit dem Einzug warten wir aber noch.«
»Haben Sie sich meinen Vorschlag inzwischen überlegt?«,
ergreift Westermann die Initiative.
»Haben wir, haben wir«, antwortet Rita, lässt aber das
Ergebnis offen.
Westermann erkennt, dass seine Taktik keinen Erfolg hat. „Die reagieren hier
ganz anders, als ich es gewohnt bin“, stellt er zum wiederholten Male fest.
„Woher nehmen die bloß ihr Selbstvertrauen?.
Rita ist nicht im Geringsten beeindruckt. Im Gegenteil. Ihre Stimmung ist
gelassen, vielleicht sogar ein wenig aggressiv.
Westermann ändert seine Taktik. Freundlich lächelnd beugt er
sich vor. »Ist mir völlig klar«, sagt er,
»dass es für Sie keine einfache Entscheidung war. Trotzdem,
ich hoffe, Sie haben Verständnis für meine Situation.«
»Natürlich, vollstes Verständnis!«, antwortet Rita ein
wenig spöttisch, bringt ihn dadurch wieder aus dem Konzept.
Westermann stutzt, überlegt, wie er ihre Bemerkung werten
soll, entschließt sich, sie zu ignorieren, einfach weiter zu reden. »Der
Wettbewerb ist in den letzten beiden Jahren härter geworden. Sie wissen es ja
selbst. Überall sind neue Märkte entstanden. Unser Umsatz stagniert, die
Kosten steigen. Da können wir uns Ausgaben, die sich nicht rechnen, nicht mehr
leisten.«
Aus halb geschlossenen Augen blickt er Rita lauernd an.
Geschickt hat er sie so platziert, dass ihr das helle Tageslicht ins Gesicht
scheint, sie blendet, so dass sie Schwierigkeiten hat, seine Mimik zu erkennen.
»Wir haben sogar schon daran gedacht, uns hier ganz vom Markt
zurückzuziehen«, ergänzt er in vertraulichem Ton. »Aber, behalten Sie das
bitte für sich«, fügt er rasch hinzu.
»Der will mich kirre machen«, überlegt Rita und bleibt
wachsam. »Natürlich haben wir uns ihr Angebot durch den Kopf gehen lassen,
Herr Westermann«, sagt sie, legt eine Pause ein, lässt das Ergebnis wieder
offen. Der wartet drauf, dass sie weiter spricht.
»Und, zu welchem Entschluss sind sie gekommen?«, fragt er
schließlich genervt.
»Na ja«, beginnt Rita zögernd. »Ich verliere eine ganze
Menge. Da ist die Einbuße, weil doch das Arbeitslosengeld viel niedriger ist
als mein Nettolohn. Das müsste die Abfindung wenigstens für ein Jahr
ausgleichen. Denn, dass ich bald wieder eine Anstellung finden werde, ist doch
zu bezweifeln.«
Westermann verzieht keine Mine.
»Oder können Sie mir eine Zusage geben?« Wieder unterbricht
sie ihre Rede und blickt Westermann fragend an. Er bleibt ihr die Antwort
schuldig.
‚Die will mich unter Druck setzen, hat mehr Geschick, als
ich erwartet hätte’, muss der anerkennen.
»Dass wir ihnen eine Abfindung zahlen, das habe ich doch
schon angeboten«, pariert er.
»Und wie hoch soll die sein?« Rita hat keine Skrupel, danach
zu fragen!
»Wir gleichen die Differenz zwischen ihrem Nettolohn und dem
Arbeitslosengeld bis zu einem halben Jahr nach der Geburt aus. Ihr
Weihnachtsgeld bekommen Sie ebenfalls«, schlägt er vor, lässt Rita nicht zu
Worte kommen und fügt hinzu: »Damit sind wir sehr großzügig. Sie könnten
sich zu Hause in aller Ruhe auf ihr Kind vorbereiten, es pflegen, ohne dass Sie
einen Pfennig einbüßen.«
Rita überlegt: ‚Ist gar nicht so schlecht, trotzdem, da
verliere ich. Der denkt, ich merke das nicht.’
»Herr Westermann, das klingt zwar ganz gut, aber zustimmen
kann ich trotzdem nicht!«, entgegnet sie.
»Und warum nicht?«, fragt der verwundert, ist verärgert,
weil das Gespräch nicht so läuft, wie er es erwartet hatte.
»Na, sehen Sie mal: Mein künftiger Nettolohn im Lager liegt
doch ein ganzes Stück niedriger als der, den ich jetzt an der Kasse bekomme.
Sie sollten also den jetzigen zugrunde legen. Und bloß ein halbes Jahr, das ist
nun wirklich zu wenig«, wendet sie ein. »Das sehen Sie doch bestimmt auch so,
Herr Westermann.«
Rita versucht ein verbindliches Lächeln, das ihr aber
misslingt, zu einem Grinsen wird, weil sie die Augen wegen des grellen Lichtes,
das durchs Fenster fällt und sie blendet, zukneifen muss.
Westermann sieht nur das Grinsen. »Die macht sich lustig über mich!«,
missversteht er, ist in seiner Ehre verletzt, setzt sich steif aufrecht in
seinen Sessel.
»Frau Glaubig!« Er spricht jetzt ganz langsam und betont. »Verstehen
Sie mich recht. Ich suche nach einem für beide Seiten akzeptablen Kompromiss,
bin aber nicht bereit, jeder Ihrer Forderungen nachzukommen. Ich kann das auch
gar nicht. Hören Sie genau zu. Es ist mein letztes Angebot, mein allerletztes,
ein weiteres wird es nicht geben: Wir zahlen Ihnen den Ausgleich bis zu neun
Monaten nach Ihrem Ausscheiden. Sie erhalten auch Weihnachtsgeld. Ihr früheres
Nettogehalt können wir nicht zugrunde legen, das geht buchhalterisch nicht.«
Er legt eine Pause ein. Als Rita darauf etwas erwidern will,
hebt er abwehrend seine Hand.
Ȇberlegen Sie sich mein Angebot. Eigentlich darf ich gar nicht so weit gehen,
aber Sie haben gut gearbeitet und ich verstehe auch Ihre Situation. Reden Sie
mit Ihrem Mann und geben Sie meiner Sekretärin bis Freitag Bescheid!«
Rita versteht, dass das Gespräch beendet ist. Ohne ein
weiteres Wort erhebt sie sich. Die Verabschiedung fällt diesmal recht kühl
aus.
Horst fühlt sich nach der Auseinandersetzung mit Holzig völlig
ausgelaugt. Wieder spürt er diese verkrampfende Angst im Bauch. ‚Dass der
einfach ein Drittel meines Lohnes einbehält, das ist doch eine Schweinerei’,
schimpft er und ärgert sich maßlos ‚Aber ich konnte ja nichts dagegen tun,
der sitzt am längeren Hebel!’ Dass er es sich so widerspruchslos gefallen
lassen musste, wurmt ihn. Nun scheut er sich davor, mit Rita drüber zu reden,
kommt erst sehr spät und völlig kaputt vom Bau heim. Lange Zeit sitzt er
apathisch in seinem Sessel und trinkt drei, vier Flaschen Bier.
Mit Sorge hat Rita in den letzten Wochen beobachtet, dass er immer öfter
zur Flasche greift. »Um abschalten zu können«, wie er behauptet. Sie stellt
ihm keine Fragen, obwohl sie schon gern wüsste, was bei dem Gespräch mit dem
Chef herausgekommen ist.
Horst geht die Auseinandersetzung mit Holzig nicht mehr aus dem Kopf.
‚Es ist falsch, Rita nichts davon zu sagen, dass der einen Teil meines Lohnes
einbehalten will. Am Monatsende merkt sie es ja sowieso.’ Also beschließt er,
sie einzuweihen.
Rita war schon den ganzen Tag über nervös und unausgeglichen. Noch am
Abend ist sie innerlich gereizt und aufgewühlt, sucht nach einem Anlass, ihren
Frust abzureagieren. Scheinbar ruhig hört sie zu, als Horst ihr schildert, wie
Holzig ihn abgefertigt hat, doch ihre Gedanken sind von Bosheit bestimmt. ‚So
ein Versager!’, denkt sie verächtlich. ‚Der hat das tatsächlich einfach so
mit sich machen lassen, hat keinen Mumm.’
»Und du hast zugestimmt? Hast nicht aufgemuckt? Warst wohl zu feige
dazu?«, giftet sie ihn an. Horst ist entsetzt, wird ganz rot. Ihre Worte haben
ihn gekränkt.
»So kommen wir doch immer mehr in finanzielle Bedrängnis, das sagst du
doch selbst«, fügt sie in schnippisch provozierendem Ton hinzu.
»Was hätte ich denn machen können? Kannst du mir das sagen? Hätte
ich alles hin schmeißen und kündigen sollen? Denkst du etwa, ich finde eine
andere Arbeit?«, verteidigt er sich. »Und, mein Chef, der hat ja sogar recht.
Wir haben den ersten Stein geworfen, wir haben die Rechnung nicht bezahlt,
obwohl es eigentlich gar keinen Grund dafür gab. Übermäßig teuer war der Bau
ja wirklich nicht. Wir konnten nicht zahlen, und haben nach Gründen gesucht.
Denkst du etwa, der hat das nicht gemerkt?«
»Quatsch!«, unterbricht sie ihn. »Der Bau ist teurer geworden, als
vorgesehen, das hast du doch selbst ausgerechnet. Geschenkt hat der uns bestimmt
nichts. Nun quetscht der dich aus wie einen nassen Sack und du lässt dir das
gefallen.« Wieder hat sie ihn durch die gehässigen Worte verletzt.
»Ein nasser Sack bin ich in ihren Augen. Das hat mir noch keiner
gesagt!« Er kann sich nur mühsam beherrschen, spürt, wie Zorn in ihm hoch
steigt. »Jetzt reicht es! Überlege dir, was du sagst!«, fährt er sie an und
haut mit seiner schweren Hand auf den Tisch. »In diese finanzielle Misere sind
wir doch nur geraten, weil das Geld für anderes ausgegeben werden musste. Dreißigtausend,
allein für die Küche, ein Wahnsinn! Das ist es, was uns nun zu schaffen macht.
Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich da mitgemacht, dem nicht Einhalt geboten
habe.«
Rita hat sich deshalb selbst schon Vorwürfe gemacht, doch das würde
sie nie zugeben. Im Gegenteil, sie reagiert allergisch auf seinen Vorwurf. »Ach
so, nun bin wieder ich schuld daran. Wie kann es denn auch anders sein? Ich habe
es so satt, könnte alles hinschmeißen!« Heulend läuft sie aus dem Zimmer.
‚Soll sie heulen! Diesmal gebe ich nicht nach!’, nimmt sich Horst vor. Der
Appetit ist ihm gründlich vergangen. Mit fahrigen Bewegungen räumt er den
Abendbrottisch ab. Prompt rutscht ihm ein Glas aus der Hand und zersplittert auf
dem harten Fliesen in tausend Scherben. ‚Verdammter Mist, verdammter! Nun habe
ich aber die Schnauze voll!’, flucht er so laut, dass Rita es hören muss.
Doch die reagiert nicht. Also nimmt er Besen und Kehrschaufel, fegt die Scherben
zusammen. ‚Na, dann eben nicht’, sagt er sich und geht ins Wohnzimmer. Fast
eine Stunde vergeht, bis sich beide soweit beruhigt haben, um einzusehen zu können,
dass Streiten ihnen auch nicht weiter hilft.
‚Der kommt nicht. Diesmal gibt er nicht nach’, stellt Rita, die
immer noch im Schlafzimmer sitzt und auf ihn wartet, enttäuscht fest. ‚Ich
weiß ja auch, dass die Küche zu teuer war, aber mir das immer wieder unter die
Nase zu reiben, das finde ich nicht richtig!’, verteidigt sie sich gegen ihr
eigenes schlechtes Gewissen. Schließlich gibt sie nach und kommt mit vom Heulen
geröteten Augen aus dem Schlafzimmer.
»So hat das doch auch keinen Sinn.«, sagt sie leise, während sie noch
an der Wohnzimmertür lehnt.
»Wenn wir uns streiten, ändern wir doch auch nichts.«
Horst hat nur darauf gewartet, dass sie nachgibt. Diesmal hatte sein Stolz über
das schlechte Gewissen gesiegt. Doch als er ihr verweintes Gesicht sieht,
verfliegt sein Zorn. Er geht auf Rita zu und nimmt sie in seine Arme.
»Ich wollte ja auch keinen Streit!« sagt er leise zu ihr. »Wir müssen
versuchen, vernünftig miteinander umzugehen.«
Sie hat sich abreagiert, fühlt sich jetzt besser, ist versöhnlich
gestimmt. »Hast ja recht. Es bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig Vorwürfe
machen.«
Horst geht in die Küche und kommt mit zwei gefüllten Weingläsern zurück.
Ritas Lieblingswein funkelt goldgelb. Er reicht ihr ein Glas und sagt mit noch
ein wenig frostigem Lächeln: »Vertragen wir uns wieder?« Sie greift nach dem
Glas, stößt mit ihm an, trinkt einen Schluck und gibt ihm einen Kuss. Doch der
Streit klingt in ihren Seelen nach. Noch lange sitzen sie stumm nebeneinander.
So früh, kurz nach Öffnung des Supermarktes, kommen nur wenige Kunden
zum Einkauf. Rita ist aufgeregt, kann die Neuigkeit nicht mehr für sich
behalten. Sie beugt sich zu Frau Vogel hinüber, die an der Nachbarkasse sitzt
und flüstert ihr zu: »In zwei Wochen ist hier für mich Sense. Ich bleibe dann
erst einmal ein Jahr zu Hause.« Die nickt verständnisvoll. Zwar bittet Rita
darum, es vorerst nicht weiter zu erzählen, doch die Neuigkeit ist nun
unterwegs. Sie springt von Mund zu Ohr und löst die unterschiedlichsten
Reaktionen aus.
»Die bauen doch, das gibt bestimmt ein Desaster!«, zischelt die immer
pessimistische Frau Stein.
»Vielleicht haben sie geerbt? Weiß man’s.«, rätselt eine andere.
„Die zerreißen sich jetzt bestimmt ihre Mäuler über mich“, vermutet Rita
und vermeidet, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ihre letzten Arbeitstage an
der Kasse vergehen rasch. Ihre Nachfolgerin kommt.
„Bestimmt eine Langzeitarbeitslose, für die das Arbeitsamt Lohnzuschlag
bezahlt. Ein Schnäppchen für Westermann“, überlegt Rita, hütet sich aber,
solch einen Gedanken laut werden zu lassen.
»Rufen sie mich Gabi!« Mit diesen Worten stellt sich die Neue vor. Auf
Rita macht sie einen ganz guten Eindruck. ‚Ein bisschen jung ist sie ja
noch’, das ist ihr einziger Vorbehalt.
»Nach der Lehre hatte ich bisher keine Chance, längere Zeit zu
arbeiten. Mein Ausbildungsbetrieb hat mich nicht übernommen«, erzählt die
Neue freimütig, als sie die fragenden Blicke der Frauen bemerkt.
»Nur manchmal war ich als Aushilfe für kurze Zeit beschäftigt. In
einem Gemüsegeschäft, dann in einem Zeitungskiosk. Auch Werbematerial habe ich
ausgetragen. Irgendwie muss man doch etwas verdienen. Nun hoffe ich, dass es
endlich mal was für längere Zeit ist. Ich wäre total happy.«
An Rita gewandt fragt sie: »Sie bleiben zu Hause, bekommen ein Baby? OK, ich
sehe es ja«, beantwortet sie ihre Frage gleich selbst. »Kann mir gut
vorstellen, dass ihnen die Arbeit hier an der Kasse ziemlich schwer fällt.«
Am letzten Arbeitstag lädt Rita ihre Kolleginnen nach Schichtende zu
einer Tasse Kaffee ein. Nicht alle kommen. Anfangs unterhalten sie sich zwanglos
über Tagesprobleme und geben ihr Ratschläge, wie sie sich am besten auf die
Geburt vorbereiten kann. Viele Fragen muss sie beantworten. Ob denn schon ein
Name gefunden sei? Ob sie sich ein Mädchen oder einen Jungen wünscht.«
Fast ängstlich klammern sie anfangs die Themen Arbeit und
Hausbau aus, bis Frau Vogel schließlich das Tabu bricht und fragt: »Weshalb
gehen Sie eigentlich so kurz vor der Entbindung? Dadurch haben Sie doch nur
Nachteile?«
Gespannt blicken die
anderen auf Rita.
»Na ja«, antwortet die zögernd. »Wir ziehen doch nun bald in unser
Haus ein. Da gibt es viel Arbeit und nach der Geburt will ich mich wenigstens
ein Jahr lang selbst um mein Kind kümmern.«
»Und später? Werden sie da wieder bei uns arbeiten?«, fragt eine der
Frauen, von der Rita weiß, dass sie Mitglied des Betriebsrats ist.
»Ich glaube nicht, dass ich mit dem kleinen Kind eine Chance haben
werde. Obwohl, ein bisschen hoffe ich schon darauf.«
»Darauf hätten sie aber ein Anrecht! Wenn sie allerdings vorher
freiwillig ausscheiden, dann nicht mehr«, schränkt die Frau ein.
»Recht haben, das ist ja ganz gut und schön«, kommentiert Frau Stein.
»Warum ist dann bisher von den jungen Frauen nach der Entbindung niemand wieder
eingestellt worden? Oder kennen Sie eine?« Sie erhält keine Antwort. Alle
wissen ja, dass es nicht so ist.
Die Neue meldet sich überraschend zu Wort: »Ich schaffe mir kein Kind
an. Nein, das Risiko gehe ich gar nicht ein. Seit zwei Jahren sitze ich nun
schon zu Hause. Das ist doch kein Leben. Jetzt hoffe ich, dass ich hier länger
bleiben kann. Kinder passen heute nicht mehr in die Welt. Sie kosten Geld und
man hat nur Nachteile. Den Staat interessieren sie nicht, es gibt schon genug
Arbeitslose, er zahlt dir ein paar Mark, fertig. In der Firma sehen sie es auch
nicht gern. Es könnte ja mal krank werden, dann fällst du aus. Dagegen müssen
wir uns wehren. Und das können wir am besten, wenn wir uns keine Kinder mehr
anschaffen. Ist es nicht so?«
Es entsteht eine peinliche Pause. Rita ist bei diesen Worten rot
geworden. Sie spürt den Vorwurf: ‚Bist selber schuld, warum schaffst du dir
ein Kind an’. Frau Vogel, die selbst zwei Kinder hat, jedoch schon erwachsen
und selbständig, nimmt Rita in Schutz.
»Was Sie da sagen Gabi, das ist unpassend und egoistisch!«, weist sie
die Neue zurecht. »Familien ohne Kinder sind wie unfruchtbare Pflanzen, nur
noch um ihrer selbst Willen da. Na ja, Sie sind noch jung. Die Jugend ist sehr
schnell mit ihrem Urteil«, mildert sie den Vorwurf. »So denkt sicher auch nur
eine Minderheit. Ich bin sicher, auch Sie werden einmal eine glückliche Mutter
sein.«
So reden sie noch eine Zeit lang. Dann verabschieden sie sich, jedoch nicht,
ohne Rita alles Gute zu wünschen und sie einzuladen, ihnen ihr Baby zu zeigen.
Ein bisschen komisch ist Rita schon zumute, jetzt, wo es endgültig ist. In der
Verwaltung kann sie sich ihre Papiere abholen, auch eine Beurteilung liegt
bereit. Herrn Westermann sieht sie nicht mehr.
5.
Kapitel
Aufregung herrscht bei den Beschäftigten der Firma
Holzig. In diesem Monat kann das erste Mal seit deren Bestehen kein Lohn gezahlt
werden. Heute hat sich der Chef auf der Baustelle angesagt. Er will sie über
die Lage unterrichten, haben sie gehört.
»Na, der soll nur kommen! Der kann sich auf was
gefasst machen!«, brüstet sich Rolf.
»Warte doch erst einmal ab, was Holzig sagen wird«,
versucht Werner dessen Erregung zu dämpfen.
»Bisher hat er sich doch immer ganz fair verhalten«.
Horst bleibt stumm. Ihn plagt sein schlechtes Gewissen wegen der immer noch
nicht voll bezahlten Rechnung. Gegen Mittag, seine Arbeiter machen gerade Pause,
kommt Holzig auf die Baustelle. Er begrüßt sie knapp, zögert, scheint zu überlegen,
wie er es ihnen sagen soll.
»Ich weiß, dass ihr euren Lohn haben wollt.
Verdammt, ich möchte ja zahlen«, platzt er schließlich heraus. »Aber in
diesem Monat sind die Außenstände so angestiegen, dass mir einfach nicht genügend
Geld zur Verfügung steht. Meine Rechnungen werden gekürzt, oder gar nicht
bezahlt.«
Bei diesen Worten blickt er zu Horst, der sofort puterrot anläuft. »Wenn es
mir in diesem Monat nicht gelingt, die offenen Forderungen einzutreiben und neue
Aufträge zu beschaffen, komme ich um Kurzarbeit und Entlassungen nicht herum.
Wer von sich aus gehen will, den halte ich nicht!«
»Und? Wie stehen die Chancen?«, stellt Werner die
alle interessierende Frage.
»Ich gehe davon aus, dass alles gut geht. Dann zahle
ich euch den Lohn nach, klar!«, schließt Holzig in zweckoptimistischem Ton.
Ohne sich auf weitere Diskussionen einzulassen, steigt er danach in seinen Rover
und fährt weg.
Lange Zeit herrscht bedrückende Stille, der Schock
sitzt tief. Schließlich steht der Polier auf, nickt und sagt: »Na gut, ich
denke, einen Monat können wir das verkraften. Das Schlimmste wäre für uns,
wenn die Firma ganz den Bach runter ginge.« Keiner widerspricht ihm. Auch Rolf,
der anfangs so aggressiv war, bleibt still. Sie wissen nur zu gut, wie recht er
hat. Eine andere Arbeit würden sie nicht so schnell finden.
‚Wie soll ich denn nun die Raten für die Bank und den Baumarkt
aufbringen?’, sinniert Horst sorgenvoll. ‚Ja, wenn die Abfindung käme, die
Rita versprochen wurde, da hätten wir eine Chance, da könnten wir es packen.
Wenn nicht, weiß ich auch nicht, wie es weiter gehen soll.’
»So eine Scheiße!«, flucht er unbeherrscht, als er
mit Rolf und Werner wieder allein ist. »Da schuften wir den ganzen Monat wie
die Ochsen, und nun kucken wir in die Röhre; weil der Mist gebaut hat.«
»Ich glaube nicht, dass wir Holzig dafür allein
verantwortlich machen können«, bemerkt Werner sachlich. »Es stimmt doch, dass
Rechnungen ganz willkürlich gekürzt, oder auch gar nicht bezahlt werden. Im
schlimmsten Fall, wenn Holzig tatsächlich Pleite gehen sollte, erhalten wir ja
bis zu drei Monaten Konkursausfallgeld vom Arbeitsamt«, versucht er Optimismus
zu verbreiten.
»Richtig!«, unterstützt ihn Rolf. »Solange sind
wir abgesichert. Man hat ja auch noch ein paar Rücklagen.«
‚Die haben gut reden!’, sagt sich Horst. ‚Ich
habe die nicht.’
Doch das Glück ist ihm wieder einmal hold. Als er am
Abend nach Hause kommt, erwartet ihn Rita mit strahlendem Gesicht, fällt ihm um
den Hals.
»Haben wir im Lotto gewonnen?«, fragt Horst
verwundert, weil er sich ihre aufgekratzte Stimmung nicht erklären kann.
»Haben wir nicht«, antwortet sie. »Aber, als ich
heute die Kontoauszüge geholt habe, sah ich, dass meine Abfindung eingegangen
ist. Und die Bank, die hat uns geschrieben, dass die Zuteilung aus dem
Bausparvertrag in Kürze erfolgt, wir dann sofort darüber verfügen können.
Das ist doch auch fast wie ein Treffer im Lotto, oder?«
Horst setzt sich erst einmal. Nach all den negativen
Erlebnissen kann er sich über diese positiven Nachrichten gar nicht richtig
freuen. Erst allmählich entspannt er sich.
»Deine Abfindung ist da? Das Geld aus dem
Bausparvertrag wird frei? Ja, da können wir doch einen großen Teil von dem
teuren Überbrückungskredit ablösen. Gott sei Dank!« Horst atmet auf. »Das
ist die Rettung.« Sie fallen sich in die Arme, Tränen kullern, Freudentränen
diesmal. Eine schwere Last ist ihnen von den Schultern genommen.
»Ich habe mich gar nicht getraut, dir zu sagen, dass
Holzig in diesem Monat keinen Lohn zahlen kann«, gesteht Horst. »Aber nun
kommen wir ja darüber hinweg.« Besorgt beobachtet er, wie Rita die Nachricht
aufnimmt. Doch die ist voller Zuversicht und bei bester Laune.
»Mensch Horst, das überstehen wir auch noch!
Hauptsache im nächsten Monat zahlt er wieder.«
»Nachzahlen will er ja, das hat er uns versprochen -
wenn er Geld hat.«
»Wie ernst die Situation in der Firma wirklich ist,
das werde ich ihr nicht sagen’, nimmt er sich vor. »Das belastet sie unnötig;
und ändern würde sich dadurch auch nichts.« So trägt er allein an dem
bitteren Wissen.
Zeit ist ins Land gegangen. Der Einzug steht bevor.
In dieser Nacht findet Rita keine Ruhe. Sie wälzt sich in ihrem Bett, wacht
immer wieder auf. Schwere Träume plagen sie. Ständig sucht sie etwas, kann es
nicht finden, gerät in Panik. Schweißgebadet erwacht sie, begreift
erleichtert, dass alles nur ein Traum war, atmet auf.
Horst schläft noch ruhig und tief, schnarcht leise.
Rita spürt jetzt immer deutlicher, wie das neue Leben in ihrem Leib strampelt
und boxt. Sie liebt diese frühen Stunden, in denen sich die Natur auf den neuen
Tag vorbereitet, und heute ist ja ein ganz besonderer Tag.
Endlich können wir unser Haus beziehen!’, freut
sie sich. ‚So lange haben wir schon auf diesen Tag gewartet.’ Nun, da es
soweit ist, scheint die Zeit rasch vergangen zu sein.
Horst räkelt sich, blinzelt verschlafen, richtet
sich halb auf und beugt sich zu ihr herüber. Er rückt näher, fühlt unter der
Bettdecke nach ihr, legt seine Hand auf ihren gewölbten Leib. »Das strampelt
aber schon ganz schön«, stellt er fest. »Freust du dich darauf?«, fragt er lächelnd.
Rita sagt kein Wort, doch in ihren strahlenden Augen kann er die Antwort lesen.
»Nu aber raus!«, kommandiert er und springt als
erster aus dem Bett. Sie hört ihn unter der Dusche schnaufen und prusten. Kurz
drauf poltert es. Fluchend und auf einem Bein hüpfend, die Zehen des anderen Fußes
massierend, kommt Horst wieder ins Schlafzimmer. Er ist über einen der
herumstehenden Körbe gestolpert, die schon für den Umzug bereit stehen.
Rita richtet sich mühsam auf, kann das Lachen kaum
unterdrücken, wendet sich ab, damit er ihr Gesicht nicht sehen kann.
Später lässt sie es sich nicht nehmen, die
kleineren Stücke des Hausrats selbst herbeizuholen und zu verstauen. Was dabei
alles zum Vorschein kommt! Die täglich benutzten Sachen. Auch diejenigen, die
sie schon kurz nach dem Kauf ganz hinten in eines der Schrankfächer verbannt
hatte. Manches davon sortiert sie aus. Das meiste aber packt sie nach zögerlichem
Überlegen doch ein. ‚Wir haben ja Platz in dem Haus’, tröstet sie sich
jedes Mal, wenn sie sich wieder von einem Stück nicht trennen kann. Endlich ist
alles zu ihrer Zufriedenheit verpackt.
»Hier ist es nun aber gar nicht mehr gemütlich«,
meint Horst, als sie verloren inmitten der bereitgestellten Sachen sitzen und
auf den Möbelwagen warten. »Den Keller; den muss ich auch noch ausräumen«,
überlegt er laut.
»Das hat doch noch Zeit«, tröstet ihn Rita. »Hoffentlich
geht nichts zu Bruch«, sorgt sie sich. Noch einmal sieht sie die Körbe und
Kisten durch, polstert hier etwas mit einem Tuch ab, rückt dort etwas zurecht.
Schließlich ist nichts mehr zu tun. Unruhig läuft sie im Wohnzimmer hin und
her, blickt aus dem Fenster.
»Der müsste doch bald komm?«, fragt sie, mehr sich
selbst, als Horst. Der hat bereits damit begonnen, Teile, die er allein bewältigen
kann, nach unten zu bringen und vor die Tür zu stellen. Alle Ungeduld ist
umsonst. Pünktlich zur verabredeten Zeit fährt ein riesiger, mit bunten
Reklameschriften bedeckter, kastenförmiger Möbelwagen vor. Der Fahrer und zwei
Packer, mit Figuren wie Schwerathleten, nehmen sich der Sachen an, lehnen Hilfe
höflich ab. Es dauert nicht einmal eine volle Stunde, bis alles gewissenhaft in
dem geräumigen Transporter verladen ist. Auch Rita ist beruhigt, nachdem sie
sich davon überzeugt hat, dass alles fachgerecht verstaut wurde.
In dem neuen Haus sind zwar noch nicht alle Arbeiten
abgeschlossen, doch damit können sie leben. Die Küche und das Bad im
Erdgeschoss sind die einzigen komplett eingerichteten Räume. Im Wohnzimmer
fehlt die Auslegeware. Die Diele muss noch tapeziert, das Bad im Obergeschoss
gefliest werden. Nackte Lampenfassungen hängen als Provisorien von der Decke.
Rita geht mit Horst von Zimmer zu Zimmer und gibt
Anweisung, wo was abgestellt werden soll. Geduldig hört der zu. Endlich
erklingt, erst in der Ferne, dann immer näher, das rasselnde Motorengeräusch
des sich langsam den Berg herauf quälenden Möbelwagens. Fünfzig Meter vor der
Einfahrt bleibt er mit einem Ächzer stehen. Der Fahrer klettert aus seiner
Kabine und kommt zum Haus. Bedenklich wiegt er seinen Kopf.
»Ein Glück, dass es nicht geregnet hat, sonst wäre
ich gar nicht bis hierher gekommen«, stellt er fest.
Horst versucht, sich zu rechtfertigen. »Eigentlich sollte die Zufahrt schon
fertig sein, aber die von der Stadt, die haben wahrscheinlich geschlafen.«
Der Fahrer hat sich inzwischen auch mit dem Weg auf
dem Grundstück vertraut gemacht. »Hier ist es aber auch nicht viel besser«,
bemerkt er. »Also, bis zum Haus kann ich nicht fahren! Da sinke ich ein und
komme nicht wieder raus. Wir werden die Sachen ein paar Meter tragen müssen.«
Horst hatte ja auch schon so seine Bedenken, ist deshalb mit dem, was der Fahrer
vorschlägt, zufrieden.
Rita, die sich am Hauseingang postiert hat, dirigiert
die Männer, die die schweren Teile heran schleppen, greift manchmal selbst mit
zu. Horst ist so beschäftigt, dass er ihr die Regie gern überlässt. Alles
geht erstaunlich schnell und reibungslos. Nachdem die schweren Stücke im Haus
sind, legen sie eine Pause ein, setzen sich an den Campingtisch, der draußen
vor der Türe steht. Dankend nehmen die Männer den angebotenen Kaffee entgegen.
Horst hat sich zu ihnen gesetzt. Plötzlich
beschleicht ihn ein merkwürdig ängstliches Gefühl, veranlasst ihn, sich
umzudrehen, zum Hauseingang zu blicken. Er erschrickt! Rita sitzt zusammengekrümmt
auf der Treppe, hält sich den Bauch, ihr Gesicht ist schmerzverzerrt.
»Um Gottes Willen, was ist mit dir?« Horst springt
auf und eilt zu ihr. Rita hechelt nach Luft, kann kein Wort sagen, blickt ihn
Hilfe suchend an. »Sie braucht einen Arzt!«, ruft er den Männern zu.
»Ich habe ein Handy!«, antwortet der Fahrer und wählt
bereits die Nummer des Rettungsdienstes. Es vergehen nicht einmal zehn Minuten,
bis der Wagen des Notarztes mit blinkendem Blaulicht eintrifft. Kurz darauf
folgt ein Krankenwagen. Rita wird auf die Trage gelegt und nach einer ersten
Untersuchung in den Krankenwagen geschoben. Horst will mit einsteigen, doch sie
winkt ab.
»Bleib du hier beim Haus. Mir kannst du jetzt nicht
helfen. Ich komme schon allein zurecht«, sagt sie noch, dann wird die Tür
hinter ihr geschlossen.
‚Stimmt!’, muss Horst zugeben.
»Wohin bringt ihr sie?«, fragt er den Fahrer. Der
gibt ihm Bescheid, dann heult der Motor auf und die Autos verschwinden. Ihm
bleibt nichts anderes übrig, er muss nun selbst entscheiden, wohin die Sachen
gebracht werden sollen. Die Drei von der Spedition bemühen sich sehr, doch die
Zeit sitzt ihnen im Nacken. Bald sind auch die letzten Kisten im Haus. Horst
setzt sich erschöpft auf eine davon, überlegt, was er jetzt tun soll...
‚Ich habe doch keine Ruhe, werde in die Klinik
fahren und mich erkundigen, wie es Rita geht’, beschließt er.
Rita liegt in einem dieser hellen, modernen, aber
unpersönlichen und nach Desinfektionsmittel riechenden, sterilen Zimmer. Sie lächelt
schon wieder. Mit: »Halb so schlimm!«, empfängt sie ihn. »Der Arzt hat
gesagt, ich hätte mir eine Zerrung zugezogen. Aber, es ist noch einmal gut
gegangen. Sie wollen mich trotzdem für zwei Tage zur Beobachtung hier behalten.«
Horst atmet erleichtert auf. Er hatte sich Vorwürfe
gemacht.
»Habt ihr denn auch alles untergebracht?«,
erkundigt sich Rita.
»Na klar! Aber es sieht noch chaotisch aus. Ich
werde heute erst einmal versuchen, wenigstens das Schlafzimmer soweit
einzurichten, dass wir darin schlafen können - wenn du wieder nach Hause
kommst. Du brauchst bestimmt Ruhe. Ich schaffe das schon. Die Hauptsache ist,
dass du bald wieder gesund wirst.«
Rita gibt ihm noch einige Hinweise, die er beachten
soll, wenn er die Sachen auspackt. Horst nickt, ist jedoch gar nicht in der
Verfassung, sich das alles zu merken. Nach einer Stunde verabschiedet er sich,
glücklich darüber, dass nichts Schlimmeres passiert ist.
Frau
Holzig erschrickt, als sie ins Büro kommt und ihren Mann, ganz gegen seine
Gewohnheit, mit in die Hände gestütztem Kopf, apathisch hinter seinem
Schreibtisch sitzen sieht. Sie ahnt den Grund. Seitdem sie erfahren haben, dass
das neue Projekt „Wohnpark“, an einen Konkurrenten vergeben wurde, quälen
ihn schwere Sorgen. Für das Angebot hatten sie so viel Aufwand betrieben,
darauf all ihre Hoffnung gesetzt. Nun ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt.
Holzig hat seine Frau gar nicht bemerkt, so tief ist
er in Gedanken versunken. Verzweifelt sucht er nach einem Ausweg. ‚Ich muss
noch einmal mit denen von der Bank verhandeln’, nimmt er sich vor.
‚Vielleicht erhöhen sie unseren Kredit doch noch.’ An diese Hoffnung
klammert er sich.
Erst als Rita neben ihn tritt und ihre Hand auf seine
Schulter legt, schreckt er hoch. »Ich halte das nicht mehr aus!«, stöhnt er.
»Ich schmeiß den ganzen Bettel in die Ecke und nagle die Türe zu. Dann soll
doch werden, was will!«, stöhnt er. Seine Stimme zittert. So verzweifelt hat
sie ihn noch nie gesehen.
»Nun mache keine Panik! Wir finden schon einen Weg.
Bisher ist uns das doch immer gelungen!« Damit versucht sie ihm Mut
zuzusprechen. Holzig zwingt sich zu einem Lächeln, was ein wenig kläglich ausfällt.
Immerhin hat sie ihn aus seiner Lethargie gerissen. Er nimmt den Hörer und wählt
die Nummer der Bank.
Beim ersten Anruf fällt es ihm noch nicht auf. Als
aber auch bei seinen weiteren Anrufen der Filialleiter nicht zu sprechen ist,
beschleicht ihn eine unangenehme Ahnung. ‚Die wollen gar nicht mehr mit mir
reden, na klar! Sie haben schon beim letzten Gespräch jede weitere Erhöhung
des Kredites abgelehnt.
Nun fehlt nur noch, dass sie uns den ganz aufkündigen.’
Noch einmal überrechnen sie gemeinsam den
Zahlungsplan für den laufenden Monat. Wie sie auch jonglieren, er geht nicht
auf.
»Diesmal ist es aussichtslos«, stellt Holzig
deprimiert fest.»Wir müssen sofort alle Zahlungen kürzen und für den Lohn
langt es wieder nicht.«
»Das wird noch nicht reichen«, schätzt seine Frau
ein. »Uns fehlen ja auch die Folgeaufträge.
»Du hast recht!«, stimmt ihr Holzig zu. »Die
Einnahmen aus den laufenden Objekten decken die Kosten nicht mehr.« Noch einmal
gehen sie Position für Position durch. Es bleibt ihnen nur eine einzige
schnelle Lösung...
»Wir müssen wenigstens sechs der Arbeiter
entlassen, oder siehst du einen andern Ausweg?«, fragt er seine Frau.
Die schüttelt den Kopf. »Es ist schlimm für die
Leute. Sie sind alle von Anfang an dabei, haben großen Anteil daran, dass wir
soweit gekommen sind.«
»Natürlich ist es schlimm! In mir sträubt sich
auch alles dagegen. Aber wenn die Firma zusammenbricht, dann betrifft es nicht
nur die sechs, es betrifft alle. Und was wird dann aus uns? Wir bekommen ja
nicht einmal Geld vom Arbeitsamt.«
»Zum Glück haben wir ein paar Mark zurückgelegt.
Damit können wir uns eine ganze Zeit über Wasser halten«, beruhigt ihn seine
Frau.
Jeder hängt seinen Gedanken nach, dann rafft sich
Holzig auf.
»Es bleibt mir gar nichts anderes übrig. Ich muss
handeln, bevor alles aus dem Ruder läuft, habe schon zu lange gezögert. Diese
verdammte Leutseligkeit, die uns von früher noch anhängt, die schadet heute
nur. Wir leben jetzt in einer Wolfsgesellschaft, Marktwirtschaft nennen sie das.
Das Prinzip ist einfach und brutal: Der Stärkere frisst den Schwächeren. Er
wird selbst gefressen, sobald er Schwäche zeigt. Für Moral und Solidarität
ist da kein Platz mehr!«
Sie einigen sich darauf, dass sie vorerst fünf
Arbeitern kündigen.
»Du solltest auch mit den Gläubigern verhandeln«,
schlägt seine Frau vor. »Denen machst du klar: Wenn die auf Zahlung bestehen,
dann droht uns der Konkurs und sie verlieren alles! Das wird ihnen bestimmt
einleuchten«.
»Gute Idee!«, lobt Holzig seine Frau. »Und denen,
die zustimmen, zahlen wir wenigstens einen Teil des fälligen Rechnungsbetrages
- wenn sie auf den Rest ihrer Forderungen verzichten.«
»Das ist der Weg aus der Patsche.« Damit versucht
seine Frau ihm wieder Mut zu machen. Und tatsächlich, durch diesen Funken
Zuversicht in Finsternis und Hoffnungslosigkeit kehrt sein Mut zurück.
»Die fünf Kündigungen kannst du schon schreiben,
ich fahre morgen raus auf die Baustelle und rede mit den Leuten.«
»Und, wie geht es dir?«, fragt Horst besorgt, als
seine Gattin, von einer Schwester begleitet, aus der Klinik kommt.
»Ist alles wieder gut«, verkündet Rita in
optimistischem Ton und fällt ihm um den Hals.
»Es sollte Ihnen aber eine Warnung sein!«, mahnt
die Schwester.
»Ich passe jetzt besser auf«, verspricht Rita und
verabschiedet sich von ihr mit freundlichen Worten.
Nachdem Horst das Gepäck zu Hause im Flur abgestellt hat, nehmen beide erst
einmal in der Küche Platz. Ein wenig vornüber gebeugt, die Hände über ihren
vorgewölbten, runden Bauch gefaltet, sitzt Rita mit gespreizten Beinen auf
einem Hocker.
»Hier ist es doch schon richtig gemütlich«, stellt
sie anerkennend und zufrieden lächelnd fest. »Das hast du prima gemacht.«
Horst nimmt einen Brief, der bisher unbeachtet auf dem Küchentisch lag, und
reicht ihn Rita. »Du, der ist vom Arbeitsamt. Ich habe ihn noch nicht geöffnet,
weil er an dich adressiert ist.«
Rita nimmt das Kuvert. »Vom Arbeitsamt? Tatsächlich!«,
bestätigt sie, betrachtet es misstrauisch. Ein unangenehmes Gefühl hat sie
beschlichen. Sie legt den Brief unschlüssig auf den Tisch zurück. »Ist es
eine gute Nachricht, so ist die auch später noch gut. Ist sie aber schlecht, so
erfahre ich sie noch früh genug«, rechtfertigt sie ihr Zögern. »Den lassen
wir noch eine Weile liegen.«
Horst wundert sich darüber, denn er kennt ihre
Neugier.
»Ich sehe mir erst einmal die Zimmer an, bin
neugierig, wie weit du gekommen bist.« Ohne seine Antwort abzuwarten schlurft
sie aus der Küche. Das Schlafzimmer hat Horst mit den vorhandenen Möbeln
eingerichtet. Die Betten sind bezogen, sogar die Stores hat er angebracht.
Gespannt wartet er darauf, was Rita dazu sagen wird...
»Unser
Schlafzimmer ist ja schon fast komplett«, stellt die erstaunt fest. »Aber,
einiges werden wir noch kaufen müssen. Andere Lampen wären auch....« Mitten
im Satz verstummt sie. »Machen wir, wenn wir dafür Geld haben.«
Sie gehen von Zimmer zu Zimmer, besprechen, was als nächstes
zu tun ist. Die Auslegware für das Wohnzimmer muss sein, darüber sind sie sich
einig. Im Kinderzimmer muss vorläufig das Babybettchen und ein Schrank genügen.
Auf den Wickeltisch verzichtet Rita schweren Herzens. Schließlich ist alles
begutachtet und sie sitzen wieder in der Küche.
»Nun sieh doch endlich nach, was in dem Brief steht!«,
fordert Rolf. Er ist selbst neugierig und ungeduldig.
Also nimmt Rita den erneut zur Hand und öffnet das Kuvert, wie sie es immer
macht, mit einem spitzen Küchenmesser. Horst beobachtet sie, während sie
liest. Er sieht, dass sie blass wird. Auch an ihrer sich verändernden Mimik
kann er ablesen, dass es sich um eine ungute Nachricht handeln muss.
»Weißt
du, was die mir schreiben?«, fragt Rita aufgeregt, obwohl er das gar nicht
wissen kann. Sie erwartet ja auch gar keine Antwort von ihm. »Die wollen meine
Abfindung auf das Arbeitslosengeld anrechnen, so eine Gemeinheit. Das gibt es
doch gar nicht! Das würde bedeuten...«, Rita zögert..., »dass ich monatelang
überhaupt kein Geld vom Arbeitsamt erhalte, vielleicht sogar bereits
empfangenes Geld zurück zahlen muss. Rita regt sich so auf, dass ihr Gesicht
puterrot anläuft. Sie kann nicht mehr ruhig sitzen bleiben, geht unruhig in der
Küche hin und her.
Horst sagt erschreckt: »Rege dich nicht so auf. Wir
werden Widerspruch einlegen, klar. Was hat deine Abfindung mit deinem
Arbeitslosengeld zu tun? Ich gehe gleich morgen hin und kläre das. Mache dir
erst einmal keine Sorgen«, versucht er sie zu beruhigen. Rita nickt, setzt sich
wieder.
»Hast ja recht, ich schade nur dem Kind, wenn ich
mich so aufrege. Du gehst hin und klärst das?« Hoffnungsvoll blickt sie Horst
an.
»Es ist bestimmt ein Irrtum!« Damit trösten sie
sich.
Trotz aller Mahnungen kann Horst nicht erreichen, dass Rita sitzen bleibt. Sie
ordnet hier etwas, wischt da ein Regal sauber, räumt einige Schieber anders
ein, schlurft durch die Zimmer, betrachtet die herrliche Aussicht, ist dann längere
Zeit im Bad verschwunden.
Horst quälen düstere Gedanken. »Wenn die das wahr machen und die Abfindung
gegen das Arbeitslosengeld verrechnen, kommen wir nicht mehr zurecht. Es fehlt
nur noch, dass Holzig Pleite macht und ich meinen Job verliere. Na dann gute
Nacht.« Entsetzt über die Folgen, die sich daraus ergeben würden, versucht er
diese Gedanken erst einmal zu verdrängen.
Seitdem Holzig bei seinem Besuch auf der Baustelle angedeutet hatte, dass er zu
Entlassungen gezwungen sein könnte, geht Rolf diese Drohung nicht mehr aus dem
Sinn.
»Ich muss darüber reden«, sagt er zu Werner und
sie verabreden sich nach Feierabend in der Kneipe „Zum Zapfen“ auf ein Bier.
Der Tisch, abseits in einer Ecke des Gastraums, ist ihnen gerade recht. Was sie
bereden wollen, muss ja nicht jeder hören. Kaum haben sie Platz genommen, kommt
die hübsche, adrett gekleidete Kellnerin freundlich lächelnd zu ihnen und
reicht jedem eine der in Leder gebundenen braunen Speisenkarten. Sie erkundigt
sich höflich nach ihren Wünschen.
Rolf kann es nicht lassen, mit ihr zu schäkern. »Ich bin enttäuscht, Fräulein.
Das, was ich von ihnen gerne möchte, das steht doch gar nicht in der Karte.«
Die Kellnerin, scheinbar an solche Bemerkungen gewöhnt, lächelt nur.
»Na, dann bringen sie uns erst einmal zwei große
Blonde.«
»Recht gemütlich!«, lautet das Urteil von Werner,
nachdem er sich umgesehen hat. Die Vitrine neben der Theke, in der der Wirt
seine Pfeifensammlung ausstellt, erweckt sein Interesse. »Toll«, findet er. »Da
sind ein paar ganz wertvolle Stücke darunter. Ich habe früher auch einmal
Pfeife geraucht«, verrät er.
»Jugendsünden!«, fügt er entschuldigend hinzu.
Die Kellnerin kommt und stellt die schaumgekrönten Gläser auf den Tisch.
»Na dann prost!« Werner erhebt sein Glas und trinkt
es in langen, gierigen Zügen leer. Rolf tut es im nach. Entspannt lehnen sie
sich zurück. Auf diesen Moment hatten sie sich den ganzen Tag gefreut.
»Meinst du, Holzig hat es tatsächlich ernst gemeint
- letztens? Wird der wirklich entlassen?«, damit nimmt Rolf das Thema auf, das
ihm so am Herzen liegt.
»Er scheint in finanziellen Schwierigkeiten zu
stecken. Ist ja nichts Ungewöhnliches - heute. Den meisten Baubetrieben geht es
schlecht«, weicht Werner einer direkten Antwort aus.
Rolf blickt sorgenvoll. »Hier in der Umgebung wird es schwer sein, eine andere,
einigermaßen gut bezahlte Arbeit zu finden. Ich habe mich schon einmal umgehört.
Die Chancen sind gering. Wäre es für uns schon schlimm, arbeitslos zu werden;
viel schlimmer würde es für Horst und seine Frau. Die mit ihrem Bau. Sie
rechnen doch schon jetzt mit jedem Pfennig.« Werner nickt.
»Ich befürchte sogar, dass er, wenn Holzig wirklich
entlassen muss, zu den ersten gehören wird. Er hat mal angedeutet, dass es
wegen einer Rechnung mit dem Chef mächtig Zoff gegeben hat.«
»Dann tritt das ein, vor dem wir gewarnt haben. Das
Geld geht ihnen aus.«, unkt Rolf.
Werner versucht seine Bedenken abzuschwächen. »Ich sehe das nicht so kritisch.
Horst ist wendig, der findet sicher einen Weg.«
»In seiner Haut möchte ich trotzdem nicht stecken.
Er verdient nur noch allein, seine Frau ist bereits arbeitslos. Ich überlege,
wie ich ihm unter die Arme greifen könnte? Horst ist doch ein prima Kumpel, da
kann ich nicht so einfach zusehen, wie der untergeht. Ihm verdanke ich schließlich,
dass ich heute noch gesund bin und arbeiten kann. Nur weil Horst bei meinem
Unfall damals so beherzt und ohne Rücksicht auf sich selbst gehandelt hat, bin
ich noch mal glimpflich davon gekommen - bis auf die zwei Zehen. Ich glaube,
sonst hätte ich beide Beine verloren.«
»Davon habe ich gehört. Willst du ihn mit Geld, ich
meine mit einem Darlehn, unterstützen?«
»Genau! Daran habe ich gedacht. Jedenfalls brauche
ich bei dem keine Angst zu haben, dass der es nicht zurückzahlt.«
»Das will trotzdem gut überlegt sein. Zumindest
eine Sicherheit solltest du verlangen. An welchen Betrag hast du denn gedacht?«
»Na ja«, Rolf zögert... »Sehr viel habe ich auch
nicht, und alles kann ich ihm nicht geben. Aber so an die zwanzigtausend könnte
ich ihm borgen. Es ist das Geld, das wir für unser neues Auto gespart haben.
Doch die Summe wird ihm vielleicht gar nicht sehr helfen? Was meinst du?«
Werner ist so beeindruckt, dass er Mühe hat zu
verbergen, dass ihm Wasser in die Augen steigt.
»Richtig! Zwanzigtausend sind sicher nicht genug.«
Er überlegt, ringt mit sich, möchte nicht zurückstehen. »Und wenn ich die
gleiche Summe dazugebe? Das würde ihm bestimmt Luft verschaffen.«
Nun ist Rolf sprachlos, blickt ihn mit offen stehendem Mund an. »Das würdest
du machen? Das hätte ich nie erwartet!« Rolf schüttelt immer noch fassungslos
staunend seinen Kopf. »Das wäre dann bestimmt eine echte Hilfe - bestimmt!«
Eine Zeitlang schweigen sie, denken über den Vorschlag nach.
»Wenn er die Zinsen zahlt, die wir jetzt für unser
Geld bekommen, büßen wir ja nichts ein, und den beiden nimmt es die größten
Sorgen«, meint Werner nach einiger Zeit. »Aber, warten wir erst einmal ab, wie
sich die Sache entwickelt.
Wenn es ernst wird und sie in Not kommen, bieten wir
ihm das Darlehn an. Aber nur dann! Einverstanden?«
»Natürlich bin ich einverstanden!« Rolf ist immer
noch perplex. »Weißt du, dass du dich da beteiligen willst, das finde ich ganz
toll. Bisher habe ich immer geglaubt, dass bei euch beim Geld die Freundschaft
aufhört. Dass es Hilfsbereitschaft vor allem bei uns hier im Osten gibt, als
eine positive Lebenserfahrung aus der Zeit vor der Wende. Ich muss meine Ansicht
offenbar revidieren.«
»Das sind Vorbehalte, die du nie verallgemeinern
solltest. Sie resultieren vor allem aus den negativen Berichten der Medien und
natürlich aus dem Verhalten einiger Parasiten, die sich nach der Wende bei euch
eingenistet hatten - als ihr noch zu gutgläubig wart.«
»Fräulein, lassen sie hier mal die Luft raus«,
ruft Rolf der Kellnerin zu und schwenkt sein Glas. »Und bringen sie uns jedem
einen Weißen«
»Wenn es hart auf hart kommen sollte, dann gehe ich
nach Hessen zurück, obwohl es mir schwer fallen würde«, nimmt Werner das
Thema wieder auf. »Ich habe mich hier gut eingelebt und mir gefällt eure
Mentalität.«
»Nach dem Westen gehen? Nein, das kommt für mich
nicht in Frage«, lehnt Horst diese Idee ab. »Bin ja auch vor neunzig nicht
davongelaufen. Ich finde hier schon etwas«, spricht er sich selbst Mut zu.
Horst nickt verständnisvoll. Das Wichtigste ist besprochen. Sie trinken noch
ein Pils, schwatzen über die Fußballergebnisse und den nächsten Urlaub,
schimpfen auf die unfähigen Politiker, dann zahlen sie und gehen nach Hause.
Als Holzig auf die Baustelle kommt und seine Leute
zusammenruft, empfängt ihn betretenes Schweigen. Alle spüren, dass er keine
guten Nachrichten bringt. Und tatsächlich ist das, was er ihnen zu sagen hat,
alles andere als erfreulich. »Ich kann euch auch in diesem Monat keinen Lohn
zahlen«, sagt er ohne Umschweife. »Die finanzielle Lage der Firma hat sich
nicht gebessert. Uns fehlen Aufträge. Den Zuschlag für den Wohnpark haben wir
nicht bekommen.«
»Und was wird mit dem Lohn vom letzten Monat?«
Einer der Arbeiter hat erregt gefragt.
»Davon werde ich die Hälfte anweisen«, verspricht
Holzig, obwohl er noch nicht weiß, woher er das Geld dafür hernehmen soll. »Mehr
geht nicht.«. Die Leute murren, halten sich aber zurück. »Leider ist das
nicht alles, was ich euch zu sagen habe. Ich komme nicht daran vorbei, fünf
Mann zu entlassen - vorerst! Wenn sich die Lage verbessert, stelle ich sie
sofort wieder ein«, versucht er abzuschwächen.
Dann kommt die schlimme Nachricht für Horst: »Glaubig,
Sie sind dabei!«
Den trifft das wie ein Schlag. Kreidebleich stammelt er: »Sie wollen mich
rausschmeißen? Einfach rausschmeißen? Ich bin von Anfang an dabei! War immer
da, wenn es um die Firma ging! Meine persönlichen Belange, die habe ich zurück
gestellt. Ist das der Dank dafür?«
»Ich kann es nicht ändern«, antwortet Holzig. Es
soll abweisend klingen, doch seine Stimme zittert und in seinem Gesicht zuckt
es. »Wenn ich das nicht mache, gefährde ich die Existenz der gesamten Firma.
Dann verlieren alle ihren Job.«
Horst denkt an die Folgen der Entlassung. Wut packt
ihn und er faucht: »Sie haben gut gelernt, sind schon ein richtiger Kapitalist,
der über Leichen geht, wenn es nur Nutzen bringt, die eigene Haut rettet!
Na, auf ihr Geld können sie da lange warten.«
»Gut, dass sie davon reden«, pariert Holzig, der
nun selbst in Rage gerät. »Ihre Nachzahlung behalte ich ein, als Rate für den
noch ausstehenden Betrag, und bis Monatsende sind sie beurlaubt.« Damit wendet
er sich ab.
Das ist zuviel für Horst. Er ergreift eine der
Schaufeln, die an der Wand lehnen und will sich auf Holzig stürzen, doch Werner
tritt ihm in den Weg und entreißt ihm die Schaufel.
»Lass das!« Mit weit aufgerissenen, vor Wut
verschleierten Augen starrt ihn Horst an. Dann besinnt er sich.
»Hast ja recht, es wird nur noch schlimmer«, sagt
er und wendet sich resigniert ab. Stille!
Ein Geräusch veranlasst ihn, sich umzublicken. Holzig liegt am Boden. Seine
rechte Hand hält er auf die Brust gepresst. Er ringt nach Luft, versucht mit
verzerrtem, weit aufgerissenem Mund zu schreien...
Ohne zu zögern, eilt Horst zu dem sich am Boden Krümmenden.
Auch Werner begreift schnell, kniet neben Holzig nieder und versucht ihn
anzusprechen. Doch der reagiert schon nicht mehr, ist bewusstlos.
»Das könnte ein Herzinfarkt sein!«, vermutet
Horst, der auf Grund seiner Ausbildung bei der Feuerwehr die Anzeichen deuten
kann. »Wir brauchen schnell einen Arzt!«
Der Polier, der während der Auseinandersetzung etwas
abseits gestanden hatte, greift zum Handy. Nachdem er mit der Rettungsleitstelle
gesprochen hat, ruft er ihnen zu. »Wir sollen wir ihn beatmen und das Herz
massieren!«
Horst kennt sich aus. Er legt Holzig auf den Rücken,
biegt den Kopf des Bewusstlosen zurück, und bläst ihm seinen Atem in die
Lunge. Fünfmal wiederholt er das, danach legt er ihm beide Hände auf den
Brustkorb und stößt diesen rhythmisch nieder, so das Blut durch den Körper
treibend.
‚Warum mache ich das überhaupt?’, fragt er sich,
unterbricht aber seine Bemühungen nicht. Werner löst ihn ab. Gemeinsam überbrücken
sie die Zeit, bis der Notarzt eintrifft und die weitere Behandlung übernimmt.
Der Polier hat inzwischen Frau Holzig verständigt.
»Ein Infarkt«, bestätigt der Notarzt und gibt
Holzig eine Injektion. »Der Patient muss sofort ins Krankenhaus. Es besteht
Lebensgefahr.«
»Wird er durchkommen?«, erkundigt sich Horst.
»Sie haben mit Ihrem beherzten Eingreifen das
Schlimmste verhindert«, antwortet der Arzt anerkennend. »Jetzt werden wir
unser Bestes tun.« In diesem Moment trifft der Rettungswagen auf der Baustelle
ein.
Als Frau Holzig ankommt, ist bereits alles vorüber.
»Um Gottes Willen, was war denn?«, erkundigt sie
sich aufgeregt. Tränen rinnen ihr übers Gesicht.
»Ihr Mann hatte wahrscheinlich einen Herzinfarkt,
Frau Holzig«, antwortet der Polier. »Aber nun ist er ja in guten Händen«,
versucht Werner sie zu beruhigen. »Hier, dem Glaubig hat ihr Mann zu verdanken,
dass er überlebt hat«, fügt er hinzu und klopft Horst auf die Schulter.
Frau Holzig geht auf ihn zu, ergreift wortlos seine Hände,
drückt sie kräftig. »Danke!« sagt sie tonlos.
»Vielen Dank für das, was Sie getan haben. Ich
werde es Ihnen nicht vergessen.« Danach steigt sie in ihr Auto und verlässt
die Baustelle.
Auch der Polier gibt ihm die Hand. »Mensch Horst,
wie du dich verhalten hast, dass ist bewundernswert. Erst kündigt dir Holzig so
brutal und trotzdem hast du ihm, als er in Not war, das Leben gerettet. Ich
werde mit ihm reden, wenn er wieder gesund ist. Er wird ja nichts von alledem
wissen. Der muss deine Entlassung zurück nehmen.« Auch die anderen zeigen ihm
ihre Anerkennung.
»Warten wir es ab«, antwortet Horst skeptisch. »Jetzt
bin ich erst einmal gefeuert. Da beißt die Maus keinen Faden ab.« Sie arbeiten
weiter. Als der Feierabend kommt, verabschiedet sich Horst. Mit versteinertem
Gesicht drückt er jedem noch einmal die Hand, dann fährt er nach Hause.
6.
Kapitel
Rita ahnt, dass sich der Zeitpunkt der Geburt nähert. Ihr
Leib hat sich gesenkt. Als Horst am Abend nach Hause kommt, spürt sie seine
innere Anspannung deutlich, vermeidet aber jede Frage. Während sie in der Küche
das Abendbrot zubereitet, bemerkt sie, dass er wieder die Flasche aus dem
Schrank geholt hat und einige Glas von dem scharfen Hochprozentigen in sich
hinein kippt.
‚Ich sage Rita nichts von meiner Entlassung’, hat er sich
vorgenommen. ‚Weil, sie kann jetzt keine Aufregung brauchen’. Er greift zu
einer Notlüge.
»Ich habe mir zwei Wochen Urlaub genommen. Bei dir wird es doch nun
bald so weit sein. Da brauchst du doch jemanden, der sich um dich kümmert. Die
Baustelle ist fertig und die neue wird erst in drei Wochen eingerichtet.«
Rita nickt, freut sich, doch sie ahnt, dass da noch etwas ist, was Horst
ihr verschweigt. Das Wochenende nutzen sie, um die restlichen Kisten
auszupacken. Sonntagmittag sitzt Rita in der Küche auf ihrem Hocker und schaut
Horst zu, wie der sich als Koch betätigt, als sie ein erstes leichtes Ziehen spürt.
Sie horcht in sich hinein. ‚Sind das die ersten Wehen?’ Das Ziehen lässt
nach, beginnt nach einer Pause wieder, ist diesmal etwas stärker.
»Du, ich glaube, es ist soweit«, sagt sie zu Horst. »Ich bin mir aber
noch nicht sicher.« Der reagiert ganz aufgeregt.
»Hast du schon Wehen? Soll ich den Krankenwagen rufen?«
Rita schüttelt ihren Kopf. »Nein, nein! Erst wenn die Wehen aller zwanzig
Minuten kommen, dann fährst du mich in die Klinik.«
»Hast du auch alles eingepackt?«, vergewissert er sich besorgt. »Soll
ich noch etwas besorgen? Ich werde vorsichtshalber unser Auto schon warm laufen
lassen, damit dann auch alles klappt.« Er verlässt eilig die Küche, läuft
aus dem Haus. Rita hört, wie er den Motor startet.
‚Nur gut, dass ich den Lehrgang besucht habe’, tröstet sie sich. ‚So weiß
ich wenigstens, wie ich mich verhalten muss’.
Die Abstände der Wehen werden immer kürzer. »Nun ist es soweit«,
sagt Rita schließlich. »Fährst du mich zur Klinik?«
»Soll ich nicht doch lieber ein Krankenauto rufen?« Rita bleibt ganz
ruhig. »Nein, mach keine Panik. Es ist noch genügend Zeit.«
Vorsichtig geleitet er sie zum Auto. Den Sitz hat er schon ganz nach
hinten geschoben, die Lehne zurückgestellt, so dass Rita ausreichenden Platz
hat.
Es holpert auf der unebenen Zufahrt.
»...nicht so schnell«, bittet sie und hält sich ihren Bauch. Daraufhin
schleicht Horst die Strecke bis zur asphaltierten Hauptstraße im Schritttempo,
erst dann gibt er Gas.
Rita wird nach ihrer Anmeldung von einer Schwester, die ihr die Tasche
abnimmt und beruhigend auf sie einredet, in Empfang genommen.
»Na dann... Wenn du wiederkommst, sind wir schon drei«, versucht Rita
ihm den Abschied zu erleichtern.
»Ich drück dir die Daumen.« Horst nickt ihr aufmunternd zu.»Wird
schon alles gut gehen. Soll ich hier warten?«
»Fahren Sie ruhig nach Hause«, antwortet an Ritas Stelle die
Schwester. »Rufen Sie in zwei Stunden an; dann sind Sie vielleicht schon Vater!«
Horst nimmt Rita noch einmal in seine Arme und küsst sie zärtlich. »Alles
Gute Rita, ich denk an dich!« Seine Augen werden feucht, er wendet sich
verlegen ab, winkt ihr noch zu, als sie bereits durch die breite Flügeltür der
Entbindungsstation geht. Mit einem ganz flauen Gefühl in der Magengegend bleibt
Horst allein zurück.
Wieder zu Hause angekommen, findet er keine Ruhe. Er läuft durch die
Zimmer, geht hinaus in den Garten, kommt wieder zurück, fängt etwas an und lässt
es doch wieder sein. Er kocht sich einen Kaffee, trinkt einen Kognak. Es hilft
nichts. Die Zeiger der Uhr scheinen angenagelt zu sein. Immer wieder malt er
sich aus, wie es Rita jetzt grade ergehen mag. Endlich sind die zwei Stunden
vergangen. Horst wählt die Nummer der Klinik, wird mit der Station verbunden.
»Nein, Herr Glaubig, es ist noch nicht soweit, leider!«, wird er enttäuscht.
»Sie brauchen sich aber keine Sorgen zu machen. Es verläuft alles normal. Wir
kümmern uns schon um Ihre Frau. Sie bekommt ja ihr erstes Kind, da dauert es
meist etwas länger. Rufen Sie doch in einer Stunde noch einmal an, dann wird
sie es wohl geschafft haben«, tröstet ihn die Schwester.
Obwohl sie schon aufgelegt hat, hält Horst den Hörer noch immer in der
Hand, ist so aufgeregt, dass er das gar nicht bemerkt. Erst, als er weggeht und
das Telefon fast vom Tisch herunterreißt, schrickt er auf.
»Trottel!«, beschimpft er sich und legt den Hörer auf.
‚Jeden Tag werden Kinder geboren. Rita ist in guten Händen. Ich kann
sowieso nichts tun, als abzuwarten’, versucht er sich zu trösten. Er geht
hinauf in das noch spartanisch eingerichtete Kinderzimmer.
‚Wie wird das sein, wenn unser Kind hier in dem kleinen Bettchen
liegt?’ sinniert er. ‚Wird es ein Junge oder wird es ein Mädchen sein? Ach
was, die Hauptsache ist doch, dass es gesund ist.’ Liebevoll berührt er die
winzigen Jüppchen und Strampelhöschen, die Rita schon eingekauft hat, erst
einmal in weiß. Eine Untersuchung, um das Geschlecht vorher zu bestimmen, hatte
sie abgelehnt.
Noch bevor eine Stunde vergangen ist, greift er wieder zum Telefon und
ruft in der Klinik an. Die Schwester erkennt seine Stimme sofort.
»Glückwunsch, Vater Glaubig!«, begrüßt sie ihn. »Gratuliere zu
einem prächtigen Jungen.«
»Ist alles in Ordnung? Ich meine, sind beide gesund?«, fragt er mit
banger Stimme.
»Kommen Sie doch einfach her und sehen Sie sich die beiden selber an,
Herr Glaubig. Jetzt, wo alles zu einem glücklichen Ende gekommen ist, wird ihre
Frau sicher auf Sie warten.«
»Gleich, ich komme gleich, hole nur noch ein paar Blumen, bin gleich da«,
stammelt Horst und legt den Hörer ohne ein Dankeschön auf. Zu sehr ist er von
der Nachricht berührt. Erst jetzt holt er den guten Anzug, den er ganz selten
und dann nur zu feierlichen Anlässen trägt, aus dem Schrank. Obwohl er nicht
abergläubisch ist, hatte er nicht gewagt das schon vorher zu tun. ‚Um das
Schicksal nicht herauszufordern.’ Doch nun hat es Horst so eilig, dass er sich
beim Anziehen verheddert. Nervös zerrt er am Hosengürtel, der irgendwie hängt,
saust die Treppe hinunter, und knallt die Haustür hinter sich zu. Der Autoschlüssel
klemmt wie zum Schur. Endlich
springt die Karre an. ‚Bleibe bloß ruhig, mein Junge, sonst baust du noch
Mist!’, ruft er sich zur Ordnung. ‚Blumen gibt es vor der Klinik’,
erinnert er sich. Es ist so. Vor dem Eingang steht eine freundlich lächelnde
Verkäuferin, inmitten eines ganzen Blumenmeeres. ‚Was nimmt man zu so einem
Anlass?’ Horst blickt ziemlich hilflos auf die bunte Pracht.
»Na, was gibt es denn für einen Anlass, junger Mann?«, fragt ihn die
Blumenfrau, als sie seine Unentschlossenheit bemerkt.
»Ich bin Vater geworden, und nun besuche ich meine Frau.«
Die Blumenfrau lächelt verständnisvoll, nimmt einen schönen, schon fertig
gebundenen Strauß, hält den geschickt so, dass er ihn gut betrachten kann. »Na,
wäre das nicht etwas für Sie?«
»Den nehme ich!«, antwortet der junge Vater kurz entschlossen. Rasch
bezahlt er und eilt in die Klinik. Den Weg kennt er ja schon.
Am Eingang zur Entbindungsstation kommt ihm eine Schwester entgegen. »Zu
wem wollen Sie denn, Herr...?«, wird er gefragt.
»Glaubig. Horst Glaubig! Meine Frau hat hier entbunden. Ich möchte
die beiden besuchen.«
Die Schwester bittet ihn, ihr zu folgen und dann vor einem großen Fenster zu
warten. In dem dahinter liegenden Raum stehen Baby-Bettchen. Die Schwester kommt
mit einem kleinen weißen Bündel zurück, in dem er nur ein winziges Gesicht
und zwei noch winzigere Händchen erkennen kann.
»Sie dürfen Ihren Sohn heute wegen der Infektionsgefahr noch nicht
anfassen, Herr Glaubig. Morgen ist das anders«, hört er die Schwester hinter
der Scheibe sagen. Horst schwankt zwischen Glücksgefühl und Enttäuschung.
‚Der Kleine ist aber verhutzelt’, denkt er sich, sagt aber nichts.
‚Na ja, ist ja auch kaum eine Stunde alt. Sie sehen vielleicht alle so aus?
Wenigstens in dem Alter.’
Die Schwester legt den kleinen Erik, für diesen Namen hatten sie sich
entschieden, falls es ein Junge werden sollte, wieder in das Kinderbettchen zurück.
Nun möchte Horst zu seiner Frau.
Rita liegt bleich, das Gesicht aufgeschwemmt, aber mit glücklich
strahlendem Lächeln in ihrem Bett. Die Schwester nimmt Horst die Blumen ab, so
kann er sich ans Bett setzen. In dieser Minute sind sie vollkommen glücklich
und der Welt entrückt. Rita streckt ihre Arme aus und zieht Horst zu sich
nieder. Er gibt ihr einen zärtlichen Kuss.
»War es schlimm?«, erkundigt sich Horst besorgt.
»Ja«, erwidert Rita. »Es war schon eine Tortur, aber nun ist es ja
vorbei. Wir sind beide gesund. Gott sei Dank! Hast du den Kleinen schon gesehen?
Ein ganz schöner Wonneproppen, nicht wahr?«
‚Ich kann ihr jetzt doch nicht sagen, dass ich bisschen was anderes
erwartet hatte’, überlegt Horst. Rita bemerkt sein Zögern, ahnt seine
Gedanken.
‚Die kleinen Kerle sehen anfangs alle noch ein bisschen schrumpelig
aus. Das gibt sich in ein paar Tagen. Hast du gesehen, wie viel Haare Erik schon
hat?’
Die Schwester hat inzwischen die Blumen in eine Vase gesetzt und stellt
diese auf den Tisch, der an der Seite von Ritas Bett steht.
‚Sehen Sie doch, was für schöne Blumen Ihr Mann mitgebracht hat’,
macht sie Rita aufmerksam. Die bemerkt den Strauß erst jetzt und wieder drückt
sie ihn. Er bleibt noch eine halbe Stunde, in der sie über vieles, vor allem
aber über ihren kleinen Sohn, reden. Als Horst bemerkt, dass es Rita anstrengt
und sie müde wird, geht er wieder.
Zu Hause angekommen, greift er sich eine halbvolle Flasche Weinbrand und
ein Glas. Viermal prostet er seinem Spiegelbild zu, das ihm aus der Glasscheibe
der Schrankwand angrinst. Langsam spürt er, dass die Anspannung der letzten
Stunden von ihm abfällt. ‚Nun sind wir endlich eine Familie’, denkt er
zufrieden, bevor er in seinem bequemen Sessel in einen unruhigen Halbschlummer
versinkt. Für den nächsten Tag hat er sich vorgenommen, das Versprechen, das
er Rita gegeben hat, zu erfüllen und die Frage wegen ihrer Abfindung auf dem
Arbeitsamt zu klären.
Sehr früh schon steht Horst vor dem Amt. Dessen Tür ist noch
verschlossen, klar! Kopfschüttelnd betrachtet er den protzigen Glaspalast, der
gleich nach der Wende entstanden ist. Die lassen sich die Arbeitslosen etwas
kosten’, überlegt er. ‚Ich möchte mal wissen, wie viel von solchen Angst-
und Notverwaltungsanstalten in ganz Deutschland existieren? Die müssen
Milliarden gekostet haben. Steuermilliarden!’
Inzwischen sind noch weitere Leute eingetroffen. Horst hört
interessiert drei Männern zu, die hinter ihm stehen und sich unterhalten. »Es
hat fast keinen Sinn, noch hierher zu kommen, um nach Arbeit zu fragen, wenn du
über fünfzig bist«, sagt der weiße Vollbart in der abgeschabten braunen
Lederjacke zu seinem Nachbarn. »Da gehörst du als Arbeiter in der Gesellschaft
schon zum alten Eisen.«
»Hast ja recht!«, antwortet der im Zimmermannsanzug und winkt
missmutig ab. »Vor allem auf dem Bau sind die Chancen mies. Es kommen immer
mehr Fremde aus dem Ausland. Die arbeiten hier für einen Lohn, der noch unter
dem Sozialhilfesatz liegt.«
»Der Unterschied zu uns ist, dass die zu Hause mit dem Geld ganz gut
leben können, wir hier nicht«, wendet der mit dem Vollbart ein.
An dieser Stelle bricht die Unterhaltung ab; denn die Tür des
Arbeitsamtes wird geöffnet. Da er einer der ersten am Nummernautomat ist, muss
er nicht sehr lange warten. Bald erscheint seine Zahl auf dem Monitor. Er
schildert sein Anliegen ausführlich einem freundlichen Herrn mittleren Alters,
der ihn durch seine dunkel eingefärbte Brille aufmerksam anschaut und sich hin
und wieder Notizen macht. Als er das Amt wieder verlässt, ist er jedoch gar
nicht mehr so sicher, dass er da wirklich etwas erreicht hat.
‚Also höflich war der Beamte schon’, gesteht er sich ein. ‚Der
hat sich auch alles ganz geduldig angehört, hat mein Anliegen sogar als
Widerspruch aufgenommen. Warum der nicht gleich entscheiden konnte? Wir bekämen
Bescheid, hat er gesagt, sollen den abwarten. Na große Klasse! Das kann dauern.
So einen Beamtenposten möchte ich auch haben. Da kann dir gar nichts mehr
passieren. Du sitzt im Trocknen, hörst dir die Leute an. Entscheidungen treffen
die anderen. Für das Ergebnis kannst du nichts, bist immer fein raus.’
Nein, zufrieden ist Horst mit dem, was er erreicht hat, wirklich nicht.
‚Auch Rita wird bestimmt nicht begeistert sein’, befürchtet er. ‚Aber
gegen so eine Bürokratie kannst du nichts ausrichten, dagegen bist du machtlos
Die sind nach allen Seiten abgesichert.’
Endlich! Es ist soweit. Horst fährt zur Klinik. Heute darf er Rita und
seinen kleinen Sohn Erik abholen. Natürlich kommt er wieder zu früh und muss
sich noch eine Zeitlang gedulden. Unruhig läuft er im Vorraum hin und her, bis
Rita, das winzige Bündel in eine Decke eingeschlagen, durch die Tür der
Entbindungsstation tritt. Ein wenig tollpatschig begrüßt er die beiden. Die
Schwester, Horst kennt sie nun schon, begleitet Rita und trägt ihre Tasche.
»Das Auto steht gleich draußen vor der Tür. Ich bin bis ganz heran
gefahren, damit du nicht so weit laufen musst«, sagt Horst fürsorglich. Während
Rita sich noch von der Schwester verabschiedet, verstaut er ihre Sachen.
»Hältst du mal?«, fragt sie und drückt Horst, bevor der reagieren
kann, das kleine Bündel in die Arme. Vorsichtig und ein bisschen widerstrebend
fasst der zu. Er ist unsicher und deshalb froh, als er, nachdem Rita
eingestiegen ist, ihr den Kleinen zurückgeben kann. »Daran muss ich mich erst
noch gewöhnen!«, entschuldigt er sich verlegen.
Gleich, nachdem sie zu Hause angekommen sind, bringt Rita Erik ins
Kinderzimmer und legt ihn in sein Bettchen.
»Kuck doch mal!«, fordert sie Horst auf näher zu kommen. »Sieht der
nicht niedlich aus? Das wird nun einmal ein richtig großer Mensch. Ist das
nicht wie ein Wunder?« Das Baby muss die Veränderung seiner Umgebung gespürt
haben, denn es verzieht sein Gesicht, strampelt mit seinen Beinchen und zappelt
mit seinen kleinen Ärmchen, dann fängt es an zu weinen. Erst mit kurzen
abgehackten Lauten, schließlich aber anhaltend und kräftig. Horst steht
hilflos daneben.
»Nun mach doch was!«, fordert er Rita auf. »Kannst den Kleinen doch
nicht so schreien lassen!«
»Der ist satt. Trocken liegt er auch. Babys müssen mal schreien, hat
meine Mutter gesagt. Gut ich werde ihm den Nuckel geben«, gibt sie nach und
nimmt den rosa Schnuller, das einzige Anzeichen dafür, dass sie vielleicht doch
auf ein Mädchen gehofft hatte, taucht seine Spitze fürsorglich in Honig und
reibt mit ihm die Lippen des Babys. Sofort hört es auf zu weinen, saugt gierig.
Dann öffnet Erik das erste Mal seine Augen und Horst hat das Gefühl, als
blicke er ihn an.
»Du, der hat mich richtig angekuckt, und gelacht hat er.« Horst ist
ganz aufgeregt. Eine Zeitlang beschäftigen sie sich noch mit ihrem Kind, das
bald wieder einschläft. Dann lassen sie es allein. Horst sieht nach der Post
und nimmt den Brief vom Arbeitsamt mit gemischten Gefühlen aus dem Kasten.
Wieder zögert Rita, ihn zu öffnen. Sie befürchtet, darin abermals eine
negative Nachricht zu finden.
»Nun mach schon auf!«, fordert er. »Wir können ja doch nichts daran
ändern.« Sie schlitzt das Kuvert mit einem Küchenmesser auf, nimmt das Blatt
heraus und liest. Horst blickt ihr dabei über die Schulter.
»Das habe ich befürchtet!« Rita lässt den Bescheid auf den Tisch
fallen. »Die kennen kein Erbarmen. Wenn das so wird, wie die hier schreiben,
dann rechnen sie die Hälfte der Abfindung auf mein Arbeitslosengeld an. Da würde
ich ja fast ein halbes Jahr gar nichts bekommen.«
»So eine Sauerei! Verdammte Bürokratenseelen! Dagegen
erheben wir wieder Einspruch!« Horst haut wieder mit seiner Faust auf den
Tisch, dass Rita ganz erschrocken zusammenfährt.
»Um Gottes Willen! Du hast mich aber erschreckt«, protestiert sie.
»Sobald du kannst, gehen wir zusammen noch einmal auf das Arbeitsamt«,
schlägt er vor. »Die haben mir doch gesagt, dass wir hin kommen können, wenn
der Bescheid negativ ausfällt.«
Eine Woche später ist es soweit. Sie entschließen sich, ganz früh zu gehen,
um die Ersten zu sein. »Erik wird schon so lange schlafen, wie wir unterwegs
sind.«, hofft Rita. Sie hat zwar ein ungutes Gefühl, ihn so lange allein zu
lassen, stimmt schließlich trotzdem zu. Sie sind tatsächlich die ersten, die
am Morgen vor der Tür des Amtes stehen.
»Gut, dass wir so zeitig hier sind«, stellt Rita nach einer Weile
fest. »Kuck mal, wie viele jetzt schon hinter uns stehen. Und es dauert immer
noch, bis sie öffnen«, flüstert sie Horst zu. Punkt acht Uhr wird die Tür geöffnet,
alle drängeln vorwärts. Horst eilt zu dem Automaten, der die Nummer ausgibt,
nach der aufgerufen wird. Dann heißt es warten. Obwohl die Bürozeit schon
begonnen hat, erfolgt kein Aufruf.
»Die nehmen sich aber Zeit!« Rita wird ungeduldig. Sie denkt an Erik,
der ganz allein zu Hause liegt. Auch Horst rutscht ungeduldig auf seinem Stuhl
hin und her.
»Die wollen ja nichts von uns. Wir wollen was. Da müssen wir eben
warten, bis sie soweit sind«, räsoniert Rita. »Die haben schließlich den
ganzen Tag Zeit, trinken wahrscheinlich erst einmal ihren Kaffee.« Rita hat so
laut gesprochen, dass es auch die neben ihr Wartenden verstehen.
»Sagen Sie das nicht so laut«, flüstert ihr eine Frau zu. Rita spürt,
wie ihr das Blut ins Gesicht schießt und sie rot anläuft. Ein angenehmer Ton
schwingt durch den Raum, und eine Zahl erscheint auf dem Bildschirm am Ende des
Ganges.
»Das sind wir!«, stellt Horst nach einem Blick auf den kleinen Zettel
fest, den der Automat ausgespuckt hatte. Sie werden von einer Frau freundlich
begrüßt. Die bittet Platz zu nehmen. Rita überreicht ihr den Beleg, den Horst
bei seinem Besuch erhalten hatte. Damit können die Unterlagen rasch gefunden
werden, hatte man ihm erklärt. Nachdem Rita ihr Anliegen vorgebracht hat,
werden sie in ein anderes Zimmer geschickt, in dem der für sie zuständige
Berater sitzt.
»Ich war bereits vor zwei Wochen schon einmal bei ihnen, Herr Zobel.«
Den Namen hatte Horst auf der Tischkarte gelesen. Herr Zobel nickt, als könnte
er sich an ihn erinnern.
»Aha. Um was geht es denn heute?«, fragt er und ist ganz
Aufmerksamkeit. Rita hat den Bescheid aus ihrer Tasche gezogen und reicht ihn über
den Tisch. »Es ist wegen des Bescheides da! Die Hälfte meiner Abfindung soll
gegen mein Arbeitslosengeld verrechnet werden. Da bekomme ich doch fast ein
halbes Jahr überhaupt kein Geld.«
»Augenblick bitte!« Herr Zobel studiert erst einmal das Schreiben und
dann die Akte von Rita.
»Wissen sie, ohne mein Arbeitslosengeld gibt es eine Katastrophe. Wir
haben gebaut, sind grade eingezogen. Wir müssen den Kredit zurückzahlen, haben
ein kleines Kind. Wie soll es denn nun weitergehen?« Sie fängt an zu weinen.
Herrn Zobel ist das offensichtlich unangenehm. »Liebe Frau Glaubig«,
sagt er freundlich zu Rita.
»Beruhigen Sie sich erst einmal. Wir reden darüber, vielleicht finden
wir gemeinsam eine Lösung.« Rita blickt ihn aus feuchten Augen hoffnungsvoll
an.
»Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie gegen den Bescheid
Widerspruch einlegen möchten?«, vergewissert sich Herr Zobel.
»Jawohl! Widerspruch, den wollen wir einlegen«, antwortet Horst an
ihrer Stelle erregt.
Zobel blickt ihn missbilligend an. »Dann brauchen Sie aber gute Gründe«,
belehrt er ihn.
Horst ist verunsichert. »Gründe?«, fragt er irritiert.
»Jawohl, gute Gründe!«, antwortet Zobel. »Sonst hat Ihr Einspruch überhaupt
keine Chance.«
»Können Sie uns da nicht einen Rat geben?« Rita kämpft immer noch
mit ihren Tränen und sieht ihn flehend an. »Wir kennen uns doch nicht aus.«
»Ich kann Ihnen nur sagen, in welchen Fällen keine Anrechnung erfolgt«,
antwortet Zobel sehr zurückhaltend, doch dann erklärt er genauer, was er
meint: »Wenn es sich zum Beispiel gar nicht um eine Abfindung, sondern um eine
Nachzahlung handeln würde. Oder eine Prämie, oder so etwas ähnliches.«
Rita wischt sich die Tränen aus ihren Augen. Sie ist ihm dankbar für
den Hinweis. »...verstehe!«
»Ich muss noch einmal mit dem Westermann reden«, überlegt sie. »Vielleicht
kennt der einen Weg. Der ist doch mit allen Wassern gewaschen.«
»So könnte es sein, da haben Sie recht.« Rita hat den Hinweis wohl
verstanden. »Wir verschieben das mit dem Widerspruch, müssen da erst noch
etwas klären«, sagt sie, nimmt den Bescheid wieder zurück und bedankt sich.
Danach stehen sie auf und machen sich wieder auf den Heimweg.
»Da wirst du noch einmal zu dem Westermann gehen müssen«, meint
Horst.
»Das ist mir schon klar«, antwortet die. »Ob ich den aber dazu
bringen kann, mir zu bestätigen, dass es gar keine Abfindung war, da bin ich
mir nicht so sicher.«
Als sie vom Arbeitsamt nach Hause kommen, schläft Erik noch tief. Rita
atmet auf. Sie hatte befürchtet, dass er inzwischen aufgewacht ist und schreit.
Horst ist nach dem Gespräch deprimiert. Rita kann ihn nicht davon abhalten,
wieder zur Flasche zu greifen. In letzter Zeit hat er immer öfter versucht,
Probleme im Alkohol zu ertränken. Aus Erfahrung weiß sie, dass es wenig nützt,
ihm in diesem Zustand Vorwürfe zu machen. Nach einiger Zeit, in der er mit
vernebeltem Blick vor sich hin gestiert hat, schläft er in seinem Sessel ein.
»Ich werde ihn in Ruhe lassen. Soll er erst einmal seinen Rausch
ausschlafen.« Den Kopf zurückgelehnt, schnarcht Horst fürchterlich.
‚Das halte ich im Kopf nicht aus’, stöhnt Rita nach einiger Zeit.
Auch sie fühlt sich nicht wohl, hat Kopfschmerzen und erträgt das
ununterbrochen schnarrende und kratzende Geräusch nicht länger. Grob rüttelt
sie Horst wach, bugsiert ihn hinauf ins Schlafzimmer, wo er sich aufs Bett
fallen lässt und weiter schläft. Rita ist ratlos, fühlt sich allein gelassen.
In banger Not flüchtet sie zu ihrem kleinen Sohn, der oben im Kinderzimmer
liegt, als könnte ihr von ihm Hilfe kommen. Das Baby erwacht, und ihr wird für
einen Augenblick ganz leicht ums Herz.
Doch schon bald zerren sie die Sorgen in die Wirklichkeit zurück.
‚Wenn wir den Bau nur gar nicht angefangen hätten. Wir konnten doch auch in
einer Wohnung leben. Dafür hätten wir die Miete immer aufgebracht’, klagt
sie. Noch am späten Abend sitzt Rita im Wohnzimmer. Sie weiß, dass sie im Bett
doch keine Ruhe finden würde. Es muss bereits nach Mitternacht sein, als sie hört,
dass Horst in die Küche schlurft und dort hantiert. Danach kommt er ins
Wohnzimmer. Rita tut so, als würde sie ihn gar nicht bemerken, beschäftigt
sich, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, weiter mit einer Häkelarbeit. So
bleibt Horst, der wieder einigermaßen klar denken kann und der ein saumäßig
schlechtes Gewissen hat, gar nichts weiter übrig, als zu ihr zu kommen.
Vorsichtig setzt er sich neben Rita auf die Couch, tastet nach ihrer
Hand. Als Rita sie ihm entzieht und nur spitz fragt: »Na, ausgenüchtert?«,
bricht es aus Horst heraus. Seine Nerven, zerfasert wie überbeanspruchte Seile,
versagen. Tränen verschleiern seinen Blick, seine Stimme klingt weinerlich.
»Ich ertrage das nicht mehr!«, schluchzt er, »weiß nicht mehr, wie
es weiter gehen soll. Alles richtet sich gegen uns. Wir haben Schulden, die wir
nicht mehr bezahlen können. Es wird noch soweit komm, dass wir unser Haus
verlieren. Dann war alles umsonst. Das überlebe ich...«
»Nun reiß dich aber zusammen!«, unterbricht Rita resolut sein Klagen.
»Noch ist es nicht soweit. Deine Jammerei, die macht es auch nicht besser.
Solltest nicht so viel saufen, das führt zu nichts. Hast wohl völlig
vergessen, dass du auch Verantwortung trägst?« Dieser Vorwurf ernüchtert
Horst vollends.
»Nichts hab ich vergessen!«, wehrt er sich dagegen. »Aber es liegt
doch gar nicht mehr in unserer Hand, was nun wird.«
»Ich hab gerne gearbeitet. Nun hat mich der Holzig entlassen. Du
bekommst auch kein Geld mehr. Siehst du da noch einen Ausweg?« Er steigert sich
gedanklich immer weiter in eine wilde Verzweiflung hinein: »Wenn die uns das
Haus wegnehmen, dann liegen wir auf der Straße, dann ist es aus. Wir werden
obdachlos.
‚Da mach ich Schluss! Aber die zwei, die lasse ich nicht alleine zurück,
in dem Elend. Die nehme ich mit!’ Es dauert lange, ehe er sich wieder so weit
beruhigt hat, dass sie zu Bett gehen können. Von dem fürchterlichen Vorsatz,
den er in seiner seelischen Not gefasst hat, erfährt Rita nichts. Noch lange
Zeit liegt sie wach und spürt, dass auch Horst nicht schlafen kann. Sein Atem
geht ungleichmäßig, er wälzt sich ruhelos von einer Seite auf die andere.
‚Horst ist arbeitslos geworden’, das hatte sie aus seinen Worten entnommen.
‚Das ist es, was ihn so niedergedrückt hat. Deshalb ist er so verzweifelt.’
Sie versteht seine Not, aber helfen kann sie ihm nicht.
Später muss sie doch eingenickt sein. Plötzlich schreckt sie ein Geräusch
auf. Sie ist ganz benommen. Draußen dämmert es schon, fahles Licht fällt
durch das offene Fenster. ‚Was war das?’, fragt sie sich.
‚War das Erik?’’ Sie horcht... ‚Nein! Der schläft.’
Da bäumt sich Horst neben ihr auf, ringt nach Luft, krümmt sich
zusammen und gibt schreckliche ächzende Laute von sich. Erschrocken beugt sie
sich über ihn. Seine Augen sind verdreht. Sein Mund ist verzerrt und angstvoll
aufgerissen. Schaumiger Speichel läuft ihm über die Wangen. Er versucht zu
reden, doch er bringt nur unverständliche, gurgelnde Laute hervor.
‚Er braucht einen Arzt’, begreift Rita, eilt zum Telefon und wählt
die Nummer des Rettungsdienstes. Im Schlafzimmer zurück, versucht sie ihn zu
beruhigen, legt ihn ganz flach, spricht mit ihm und streicht ihm über das
Gesicht. Er scheint es zu spüren, denn er ergreift ihre Hand und krallt sich
fest.
»Einen Arzt, schnell einen Arzt!«, presst er zwischen den hechelnden
Atemstößen hervor.
»Ich habe schon angerufen. Er kommt gleich«, versucht Rita ihn zu
beruhigen. »Du darfst mir jetzt nicht ohnmächtig werden«, fleht sie ihn an.
»Der Notarzt muss gleich kommen!«, sagt sie nochmals, läuft rasch ins Bad und
holt ein nasses, kaltes Tuch, mit dem sie ihm immer wieder über die Stirn
wischt. Endlich hört sie das Martinshorn. Sie eilt zur Haustür, öffnet, und führt
den Arzt zu Horst. Der junge Mann strahlt Ruhe und Besonnenheit aus. Er
untersucht den Kranken, gibt ihm danach eine Injektion. Zwei Sanitäter haben
inzwischen die Trage ins Schlafzimmer gebracht, legen Horst vorsichtig darauf,
bringen ihn zum Krankenwagen. Eine Diagnose erfährt Rita nicht, nur den Namen
der Klinik, in die sie Horst einliefern werden.
»Sprechen Sie bitte morgen mit dem Stationsarzt der Klinik«, antwortet
der Notarzt auf ihre bange Frage. Er ist in Eile, denn ein neuer Anruf der
Zentrale hat ihn erreicht.
Rita bleibt allein zurück. Alles ist so plötzlich gekommen, dass ihr
keine Zeit für Überlegungen blieb.
Doch nun werden ihr die Geschehnisse bewusst. Noch kommen sie ihr wie
ein Traum vor, aber langsam begreift sie die Tragweite.
Sie geht nicht wieder zu Bett, sitzt apathisch im Wohnzimmer. Langsam
zieht der Tag die dunklen Schleier der Nacht zurück. Mechanisch, wie abwesend,
brüht sie sich ihren Kaffee und trinkt ihn wie gewohnt ohne Sahne und ohne
Zucker. In Gedanken ist sie bei Horst. ‚Was mag das gewesen sein, heute
Nacht?’, fragt sie sich immer wieder, ist voller Angst. ‚Hoffentlich wird er
wieder gesund. Die werden bestimmt alles menschenmögliche unternehmen. Ich
werde zur Klinik fahren, muss mit dem Arzt sprechen’, nimmt sie sich vor.
‚Erik! Was wird mit dem Kleinen? Ich darf ihn doch nicht so lange
allein lassen. Mitnehmen kann ich ihn aber auch nicht.’ Rita überlegt, sucht
nach einer Lösung.
‚Unsere Nachbarn! Ich frage unsere Nachbarn, ob sie auf ihn aufpassen.
Na klar, sie werden bestimmt nicht ablehnen, wenn sie hören, was in der Nacht
geschehen ist’, hofft sie. ‚Doch, ich muss wenigstens warten, bis sie wach
sind.’ Immer wieder tritt sie ans Wohnzimmerfenster, von dem aus sie das Haus
der Nachbarn sehen kann. Zwischendurch legt sie Erik trocken und stillt ihn, so
dass er Ruhe gibt. Endlich, so gegen acht Uhr, sieht sie, dass nebenan die
Rollos hochgezogen werden. Rasch läuft sie hinüber und klingelt an der Gartentür.
Es dauert nicht lange, bis Frau Schneider, eine mollige, freundlich lächelnde
Mitsechzigerin, noch im Morgenmantel, aus dem Haus kommt.
»Frau Glaubig? Was gibt es denn so früh?«, erkundigt sie sich
verwundert. Als Rita schildert, was in der Nacht passiert ist, erschrickt sie,
fasst Rita bei der Hand. »Können wir Ihnen helfen?«, fragt sie spontan.
»Deshalb komme ich ja«, antwortet Rita. »Würden Sie den kleinen Erik
für eine Weile behalten? Dann könnte ich in die Klinik fahren, mich nach
meinem Mann erkundigen.«
Frau Schneider dreht sich zur Haustür um und ruft laut: »Arthur!« Als
der sich nicht rührt, ruft sie nochmals, diesmal in gellender Lautstärke: »Arthur!
Komm schnell her!«
»Der ist noch im Bad«, sagt sie entschuldigend. »Aber natürlich
nehmen wir den Kleinen. Bringen Sie ihn nur rüber, wir kommen schon mit ihm
zurecht, haben doch auch drei Enkel. Soll Sie mein Mann in die Klinik fahren?«.
Rita lehnt höflich ab. »Nein danke, ich kann selber fahren, bin schon
froh darüber, dass Sie auf den Kleinen aufpassen.«
Auch Herr Schneider ist inzwischen erschienen und wird eingeweiht. »Komm,
wir gehen gleich mit und holen den Kleinen, da kann Frau Glaubig zu ihrem Mann
fahren«, fordert ihn seine Frau auf.
Obwohl noch unrasiert und im Morgenmantel, die bloßen Füße in braunen
Lederpantoffeln steckend, ist Herr Schneider sofort bereit.
Rita bremst ihren Eifer: »Ich bringe Erik gleich zu Ihnen. Sie werden
doch auch ein paar Sachen brauchen. Soviel Zeit ist schon noch.«
Frau Schneider nickt. »Ich mache für ihn erst einmal ein Lager
zurecht.« Ihr Mann fügt hinzu: »Wenn Sie Hilfe brauchen, Frau Glaubig, da dürfen
Sie sich nicht zieren. Kommen Sie rüber und sagen Sie ,wo’s brennt. Wir
helfen Ihnen gern.«
Rita bedankt sich, dann läuft sie zurück, um alles vorzubereiten. Eine
Stunde später, Erik hat sie bei den freundlichen Nachbarn untergebracht, sitzt
Rita dem Stationsarzt gegenüber.
Der spricht sachlich, aber einfühlsam zu ihr: »Ihr Gatte hatte einen
Kreislaufkollaps. Er ist noch völlig erschöpft, schläft jetzt. Es besteht
keine Lebensgefahr. Wir behalten ihn ein paar Tage zur Beobachtung hier. Wenn
nichts dazwischen kommt, kann er bald wieder nach Hause. Sie pflegen ihn dann
gesund.«
Als er ihre Tränen sieht, tröstet er sie: »Na, nicht weinen, Frau Glaubig.
Dafür gibt es keinen Grund. Freuen Sie sich, dass es nichts Schlimmes war. In
zwei, drei Wochen ist er bestimmt wieder der alte.«
Sie darf Horst noch kurz besuchen. Da Horst noch auf der Intensivstation liegt,
bekommt sie von der Schwester einen weißen Kittel und auch ihre Schuhe muss sie
gegen sterile Gummigaloschen tauschen. Schläuche und Kabel führen von ihm zu
den Apparaten. Er schläft tief. Trotzdem spricht Rita beruhigend auf ihn ein.
Obwohl er nicht bei Bewusstsein ist, hat sie das Gefühl, dass er ihre Worte
aufnimmt. Es kommt ihr vor, als wäre ein winziges Lächeln über sein blasses
Gesicht gehuscht.
»Komme bald wieder nach Hause!«, bittet sie ihn inständig. »Ich
brauche dich doch so. Alleine schaffe ich das nicht.«
Immer noch besorgt verlässt sie die Klinik. Als sie wieder allein zu
Hause ist, versinkt sie in einem Meer brennender Angst und zäher dumpfer
Verzweiflung, ihr ist übel. Es kostet sie schon erhebliche Anstrengung, in die
Küche zu gehen und, trotz ihrer zittrigen Hände ein Glas kaltes, erfrischendes
Mineralwasser zu trinken. Danach lässt ihre Übelkeit nach, doch die
unbestimmte namenlose Angst, die aus dem Bauch kommt, die bleibt. Schon hat Rita
die Brandyflasche in der Hand, da schreckt sie auf. Grell fährt der Gedanke: »Ich
muss mich doch um Erik kümmern!«, in das breiig-zähe Grau ihrer Lethargie,
holt sie in die Realität zurück. Flasche und Glas verschwinden unbenutzt im
Schrank.
Frau Schneider erschrickt, als sie Ritas von Kummer und Leid
gezeichnetes Gesicht sieht. Sie nimmt sich zusammen, lässt sich nichts
anmerken, erkundigt sich auch nicht nach dem Befinden von Horst.
»Der Kleine spielt gerade so schön«, sagt sie, um Rita abzulenken und
zurückzuhalten. Ganz vorsichtig öffnet sie die Tür zum Kinderzimmer einen
Spalt. Erik liegt in einer blauen runden Krabbelbox von bunten Kissen umgeben.
Der rote Klapperring, der über ihm hängt, beansprucht seine ganze
Aufmerksamkeit. Es riecht nach Baby.
»Kommen Sie ,Frau Glaubig, wir gehen rüber ins Wohnzimmer.« Sie
schiebt die Zögernde gefühlvoll, aber bestimmt zur offenen Tür. »Mein Mann
ist einkaufen gegangen, da haben wir ein bisschen Zeit. Ich mache uns schnell
einen Tee, oder möchten Sie lieber einen Kaffee? Nein? Doch lieber einen Tee«,
sagt sie, als Rita den Kopf schüttelt.
Während Frau Schneider den Tee in der Küche zubereitet, hat Rita
Gelegenheit, sich in dem Zimmer umzusehen. Bewundernd betrachtet sie die beiden
weichen, wolligen Teppiche, die auf dem fein gemaserten, hellbraun glänzenden
Parkett liegen. Leise Musik schwingt im Raum. Sie kommt aus einer modernen
Stereoanlage. Es ist eine von denen, für die sich Horst so brennend
interessiert. Die Tapeten, die Gardinen, ja sogar die Bezüge der
Polstergarnitur sind auf den Farbton der Nussbaum-Möbel abgestimmt.
»Ob wir das auch einmal schaffen werden?«, überlegt sie und wird
dadurch sofort wieder schmerzlich an ihre Geldprobleme erinnert.
Frau Schneider kommt grade rechtzeitig, um Rita vor erneutem
Depressionsanfall zu bewahren. Sie trägt ein weißes Teeservice aus hauchdünnem
Porzellan ins Zimmer und stellt es auf den Tisch. Der goldgelb schimmernde Tee
riecht schwach nach Bergamotöl.
»Earl Gray!«, sagt sie bedeutungsvoll.
»Aha!«, antwortet Rita nur, weil sie mit dem Begriff nichts anfangen
kann. Nachdem sie ein Schlückchen getrunken haben, wendet sich Frau Schneider
an Rita: »Du hast Sorgen, Kindchen. Ich sehe es doch. Willst du nicht mal drüber
reden? Mir hilft das immer.«
Mit dem vertraulichen du und dem unaufdringlich warmen, mütterlichen
Ton schafft sie es, dass Rita Vertrauen fasst. »Natürlich nur, wenn du willst!«,
schränkt Frau Schneider ein, da sie Ritas Hemmungen ahnt. Die ist verlegen, zögert,
schwankt zwischen ja und nein, nippt noch einmal vom Tee und blickt Frau
Schneider in die Augen. Und diese Augen sind es, die den Ausschlag geben. Sie
erinnern sie an ihre Mutter. ‚Die hatte die gleichen warmen, braunen Augen,
auch die gleichen kleinen Fältchen, wenn sie lächelte. Sogar die Stimme klingt
vertraut.’
Die Erinnerung an ihre Mutter weicht den Damm ihrer Hemmungen auf, lässt
ihn schließlich brechen. Rita beginnt zu reden. Erst ganz leise und stockend,
in abgehackten Sätzen, dann immer schneller, bis es aus ihr heraussprudelt, wie
das Wasser aus einer starken Quelle. Ohne Rita auch nur ein einziges Mal zu
unterbrechen, hört Frau Schneider zu. Dann nimmt sie Ritas kalte Hände in die
ihren, wärmt sie und streichelt sie sanft.
»Du musst jetzt ganz stark sein, Kindchen«, sagt sie beschwörend. »Auf
dir liegt eine große Verantwortung, für deinen Mann, der Pflege brauchen wird,
für deinen Sohn, der noch hilflos ist, und auch für dich selbst.« Sie geht
aus dem Zimmer und kommt mit Erik zurück, legt ihn Rita in die Arme und
streichelt ihr zärtlich übers Haar. »Sieh nur. Schon um seinetwillen darfst
du nicht aufgeben, musst um dein Glück kämpfen. Das ganze Leben ist Kampf. Nur
die innerlich Starken gewinnen, wer aufgibt, verspielt seine Chance. Es wird
nicht einfach sein, aber du schaffst es - wenn du nur wirklich willst.«
Rita hört in sich hinein.
Ein Wunder ist geschehen. Jetzt, nachdem sie einem anderen Menschen all
ihre Sorgen und ihre Not erzählen konnte, fühlt sie sich erleichtert. Gerade
so, als wäre ihr ein Teil der Last von den Schultern genommen worden. Sie fühlt
sich nicht mehr so schwach, so niedergedrückt, so verlassen und einsam. Die
Welt um sie herum ist heller geworden. Etwas von der Kraft der anderen ist auf
sie übergegangen. Einer Kraft, die nur noch Menschen wie Frau Schneider
besitzen. Menschen, deren Charakter die Unmoral der vereisten Welt des Geldes
nichts anhaben konnte.
Für Rita wird es Zeit, nach Hause zu gehen. Ohne Worte, mit Tränen in
den Augen, umarmt sie Frau Schneider, als sie sich verabschieden. In einer fast
schlaflosen Nacht, in der das Grübeln nur durch kurze, wirre Träume
unterbrochen wird, vollzieht sich der quälende Reife-Prozess Ritas von der
liebenden Frau zur Mutter, die gewillt ist, und die auch die Kraft dafür in
sich spürt, für das Glück ihrer Familie zu kämpfen. Gegen Morgen schreckt
sie aus diesem Träumen hoch, die Visionen jedoch, die nimmt sie mit hinüber
ins reale Leben.
‚Jawohl! Ich werde mir den Weg bahnen!’, schwört sie sich. Und sie
spürt die Kraft dazu in sich. Es ist der seit Urzeiten angeborene
Mutterinstinkt, aus dem sie diese Energie schöpft. Die unbestimmte
Erwartungsangst, die ihr immer noch im Bauch sitz, verstärkt nur ihren Willen.
‚Ich muss etwas tun, sofort! Abwarten, das bringt nichts!’ nimmt sie sich
vor.
Entschlossen wählt sie die Nummer der Baufirma und vereinbart mit Frau
Holzig einen Termin für die kommende Woche. ‚Der erste Schritt ist getan.’
Rita atmet auf.
Das Befinden von Horst bessert sich nur langsam. Noch raten die Ärzte
von einer zu schnellen Entlassung ab. Rita, die sich bemüht, ihn aus seiner
Lethargie zu reißen, hat dem Stationsarzt um seine Zustimmung gebeten und auch
erhalten, dass sie Erik ab und zu mitbringen darf. Sie hofft darauf, dass Horst
dadurch wieder Lebensmut schöpft. An den anderen Tagen lässt sie Erik in der
Obhut von Frau Schneider, zu der ein enges Vertrauensverhältnis entstanden ist.
Heute hat Rita besonders viel Zeit aufgewendet, um sich zurecht zu
machen. Sie trägt das fesche grüne Kostüm, das ihre Figur so gut zur Geltung
bringt und das Horst so mag. Sie hat sich fest vorgenommen, ihn mit allen
Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, aufzumuntern und etwas von ihrem neu
gewonnenen Optimismus auf ihn zu übertragen.
»Hallo, Horst! Siehst gut aus!« Mit dieser kleinen Notlüge begrüßt
sie ihn am Nachmittag.
»Hallo, Rita«, kommt es leise und tonlos von seinen Lippen. Sie stellt
den bunten Blumenstrauß in eine Vase und eine Flasche Bier, nachdem sie ihm die
gezeigt hat, in den weißen Schrank, der neben seinem Bett steht. »Aber nicht
erwischen lassen, sonst bekomme ich Hausverbot«, versucht sie zu scherzen.
»Brauchst du nicht mitzubringen, habe sowieso keinen Appetit auf Bier«,
wehrt Horst ihr Bemühen ab. Doch so schnell lässt sich Rita nicht entmutigen.
»Na warte, dir mach ich Feuer unter deiner Bettdecke«, nimmt sie sich
vor und setzt sich nicht auf den für Besucher bereit stehenden Stuhl, sondern
direkt neben Horst auf sein Krankenbett. Kess schlägt sie ihre hübschen Beine
übereinander. Dann nimmt sie seine Hand, tätschelt die und legt sie auf ihre
festen, strammen Oberschenkel. Das zeigt Wirkung. Ein wenig Glanz kehrt in seine
gleichgültigen Augen zurück. Rita hat erreicht, was sie erreichen wollte.
Horst fasst fester zu, streicht zärtlich über ihre warme Haut. Sie kommt ihm
entgegen, wagt sich weiter vor.
»Wann kommst du nach Hause?«, fragt sie provozierend mit verführerischem
Unterton und schiebt ihre Hand vorsichtig unter die Bettdecke. Doch als sie ihn
berührt, zuckt Horst zusammen.
»Nicht! Lass das!«, wehrt er ab, zieht seine Hand zurück und schiebt
auch ihre von sich weg.
‚Affe!’, kommentiert Rita gedanklich seine Reaktion, steht auf und
geht zum Fenster, um frische Luft herein zu lassen. Der Geruch nach Medizin und
Krankheit ist ihr unangenehm. Danach setzt sie sich sittsam auf den Stuhl, der
neben seinem Bette steht.
»Ich habe mich bei Frau Holzig angemeldet. « Damit gibt sie dem Gespräch
eine ganz andere Richtung. »Wegen der noch nicht voll bezahlten Rechnung.«
»Bei Holzig? Du? Bei Holzig?« Horst blickt sie zweifelnd an. »Das hat
doch sowieso keinen Sinn«, resigniert er wieder. »Denkst du etwa, der schenkt
uns das Geld? Wo der doch selber fast pleite ist?«
»Du hast ihm damals das Leben gerettet«, verteidigt Rita ihren
Entschluss. »Das können die doch nicht so einfach ignorieren? Denen rücke ich
auf die Pelle! Sie müssen uns den offenen Betrag solange stunden, bis du wieder
Arbeit hast. Wenigstens so lange!«
»Ach mache doch, was du willst!«, gibt Horst nach, als er spürt, dass
er nicht die Kraft dazu aufbringt, ihren Entschluss zu ändern. Er zieht sich
hinter seine Mauer aus Gleichgültigkeit und Abwehr zurück, die Rita diesmal
zwar anzukratzen, aber noch nicht einzureißen vermochte.
7.
Kapitel
Holzig hat das Krankenhaus auf eignen Wunsch verlassen, vorzeitig! Nun
kommt er täglich für zwei Stunden ins Büro. Um nach dem Rechten zu sehen, wie
er sagt.
Seine Gattin sitzt bereits seit dem frühen Morgen in dem schlecht gelüfteten,
dumpf riechenden, mit Akten, Ordnern und Zeichnungen voll gestopften Büro vor
dem Computer. Als er eintritt, überrascht sie ihn mit der Nachricht, dass sie
mit Frau Glaubig einen Termin wegen des noch offenen Betrages vereinbart hat.
»Die will doch nicht etwa den Rest bezahlen?«, fragt Hornig skeptisch.
»Sonst braucht sie gar nicht hierher zu kommen«, fügt er abweisend hinzu.
Frau Holzig versucht ihm zu erklären, warum sie so und nicht anders
gehandelt hat. »Die sind in Not, Richard! Glaubig liegt im Krankenhaus und ich
befürchte, wir haben dazu beigetragen.«
»Haben wir die etwa gezwungen, ein Haus zu bauen?«, wehrt sich ihr
Mann gegen den Vorwurf. »Die hatten einfach nicht genug Kapital dafür. Das ist
doch der wirkliche Grund für ihre Misere.«
»Du, der hat dir das Leben gerettet!«, unterbricht ihn seine Frau, die
über diese Reaktion verärgert ist.
»Ich habe ihr das Gespräch zugesagt und dabei bleibe ich.«
»Und ich will die nicht sehen!« Holzig haut mit der Faust auf den
Tisch, wie er es immer macht, wenn er seinen Willen nicht mit Worten durchsetzen
kann.
»Ich bin für das Geschäft verantwortlich, und ich bestimme, was hier
gemacht wird! Wir haben nichts zu verschenken!«, fährt er seine Frau an. Die
bleibt ganz ruhig, denn sie kennt ihren Mann. Der braust schnell auf, hält aber
nicht durch.
»Ich habe damals, als er dir das Leben gerettet hat, dem Glaubig
versprochen, dass ich ihm das nicht vergessen werde. Zu meinem Wort stehe ich,
ob dir das passt oder nicht.« Sie hat das in einem so ernsten Ton gesagt, dass
Holzig stutzt. Sie blicken sich sekundenlang in die Augen... Er hält nicht
stand, weiß, dass er den Streit nicht weiter treiben darf. »Na meinetwegen,
rede mit der«, damit zieht er sich diplomatisch zurück.
»Den Betrag stunden wir ihm so lange, bis Glaubig wieder eine Arbeit
gefunden hat, zinslos!«, legt Frau Holzig fest und stößt damit nur noch auf
schwachen Widerstand. Holzig winkt ab, ein Zeichen, dass er nachgibt.
»Dann ist es besser, wenn ich den Glaubig wieder einstelle. Obwohl...
Na, du weißt ja, wie es um uns steht«, kontert er vergebens. Seine Frau bleibt
bei ihrer Meinung.
Brummend verlässt Holzig das Büro und geht hinaus auf den Bauhof. Als
Frau Glaubig kommt, lässt er sich nicht blicken.
Das Gespräch der beiden Frauen verläuft sehr sachlich. Rita schildert
ihre gegenwärtige Situation und bedauert, dass sie den Betrag zur Zeit nicht
bezahlen können, bittet um Verständnis. Da die Entscheidung ja bereits
getroffen ist, reicht Frau Holzig ihr ohne weitere Diskussion die vorbereitete
Vereinbarung über den Zahlungsaufschub.
Rita liest, ist den Tränen nahe, Freudentränen diesmal.
‚Die wollen uns wirklich den Betrag zinslos stunden, bis unser
Einkommen eine Rückzahlung gestattet’, begreift sie.
»Das wollen Sie für uns tun, Frau Holzig? Da nehmen Sie uns eine
schwere Last von den Schultern. Wir wussten nicht mehr aus noch ein. Das wird
meinem Mann helfen, wieder gesund zu werden.« Sie schüttelt Frau Holzig
dankbar die Hände.
»Wissen Sie, Frau Glaubig«, sagt die daraufhin: »Als ihr Mann damals
meinem Mann das Leben gerettet hat, da hat er mich vor einem schlimmen Schicksal
bewahrt. Ich bin in seiner Schuld.«
Die zwei Frauen, die beide um ihre Familie bangen, sich deshalb so nahe
sind, verabschieden sich mit einem kurzen, aber herzlichen Händedruck.
Wider Erwarten darf Horst doch erst nach neun Krankenhaustagen die
Klinik verlassen. Er freut sich auf zu Hause, auf Rita und Erik. Die gute
Nachricht über die Vereinbarung, die Rita mit Frau Holzig getroffen hat,
leitete den Umschwung ein. Unmittelbar danach bessert sich sein Zustand, auch
sein Lebensmut kehrt zurück.
Am ersten Tag, den er wieder zu Hause verbringt, genießt Horst die
Obhut und Pflege, mit der Rita ihn umgibt. Über die finanziellen Probleme, die
ja Auslöser seines Zusammenbruchs gewesen sind, sprechen sie nicht. Allerdings
hat Rita Neuigkeiten, die sie nicht lange für sich behalten möchte.
Am nächsten Morgen beim Frühstück, Erik ist versorgt und spielt in
seinem Wagen, beginnt Rita: »Es gibt noch ein paar Neuigkeiten, die ich dir erzählen
muss - Horst.«
Der ist zwar nicht begeistert, befürchtet Unangenehmes, nickt dann
doch, sagt scherzhaft: »Aber erst die schlechten und dann die guten!«
»Also!«, beginnt Rita und beachtet seinen Wunsch: »Du erinnerst dich
doch noch an das Gespräch mit der privaten Kreditvermittlung?«
Horst überlegt.»Ja, das war ein Gespräch, ohne konkretes Ergebnis.«
»Denen habe ich abgesagt!«
»Warum das? Es klang doch ganz gut«, wundert sich Horst. Aber er
vertraut darauf, dass Rita schon die richtige Entscheidung getroffen hat.
»Du, das waren Gauner! Die wollten uns abzocken. Aber doch nicht uns!«
Sie ist stolz darauf, dass sie es rechtzeitig erkannt und Schaden abgewendet
hat.
»Wir sollten sofort drei Prozent Bearbeitungsgebühren an die überweisen.
Erst danach wollten sie uns den Kreditvertrag zuschicken. Merkst du was?«
»Gauner!«, bestätigt Horst ihre Ansicht. »Und die Zinsen? Wie hoch
sollten die Zinsen sein?«
»Das war die nächste Unverschämtheit. Weil das Geschäft mit einem
erheblichen Risiko belastet wäre, sollten wir siebzehn Prozent pro Jahr zahlen.
Überlege einmal! Siebzehn Prozent. Die wollen ihr Geld im Schlaf verdienen. Was
mich aber endgültig davon überzeugt hat, dass es Gauner sind, das war die
Telefonrechnung.«
»Die Telefonrechnung? Wieso?«
»Du entsinnst dich bestimmt noch, dass wir uns schon damals gewundert
haben, warum die das Gespräch so in die Länge zogen. Jetzt ist mir das klar.
Du hast ganze fünfzehn Minuten gesprochen. Was glaubst du, was das gekostet
hat?« Fragend blickt sie ihn an.
»Fünfzehn Minuten? Das kann doch nicht so teuer gewesen sein. Nun sag
schon!«, drängelt er.
»Fast vierzig Mark stehen dafür auf der Abrechnung! Da war mir alles klar. Die
sind unseriös, mit denen wollte ich nichts zu tun haben. Das hättest du doch
auch so gemacht, oder?«, vergewissert sie sich.
Horst nickt zustimmend. »Das wäre teuer geworden. Vielleicht hätten
wir nie Geld gesehen.«
»Nun aber die positiven Nachrichten, wenn es welche gibt.«
Rita lächelt. »Du wirst dich wundern!« Ein bisschen lässt sie ihn
noch zappeln...
»Rede schon«, bettelt Horst.
Rita schmunzelt »Was ich mit der Firma Holzig vereinbart habe, dass
kennst du ja schon.« Rita reicht ihm das Papier. Horst studiert es.
»Donnerwetter!«, mehr sagt er dazu nicht.
Rita ist stolz darauf. »Und deine beiden Kumpels, Rolf und Werner, die
waren hier. Sie haben uns das Darlehn noch einmal angeboten.«
»Wie viel?«, erkundigt sich Horst gespannt.
»Vierzigtausend! Das ist doch was.«
Ihm bleibt der Mund offen stehen. »Vierzigtausend? Ist das wahr? Und
die Zinsen?«
»Sie sagten, dass sie mit den gleichen Zinsen zufrieden sind, die sie
auch von der Bank bekommen. Das ist fair, meinst du nicht auch?«
Horst kann noch gar nicht fassen, was Rita da erzählt. »Wann müssen
wir zurückzahlen?«, fragt er, immer noch ein bisschen skeptisch.
»Mit drei Jahren wären sie einverstanden, haben sie gesagt. Wenn wir
es nicht eher schaffen,.«
»Und? Wo ist der Pferdefuß?«, erkundigt er sich, weil er gar nicht
glauben kann, dass es noch Menschen gibt, die so menschlich sind.
»Na ja, sie wollten eigentlich eine Sicherheit. Nur für alle Fälle.«
Rita zuckt die Schultern. »Ich habe ihnen zwar meine Lebensversicherung
angeboten, doch die wollten sie nicht.«
»Ach, und nun wird nichts mit dem Darlehn?« Rita spürt seine Enttäuschung.
»Nein, nein! Sie geben uns das Darlehn
auch ohne Sicherheit. Rolf hat betont: Als du ihm damals bei seinem
Unfall geholfen hast, und das wäre nicht ungefährlich gewesen, da hättest du
auch nicht erst nach Sicherheiten gefragt, und dabei ging es nicht nur um Geld.
Sie überweisen uns den Betrag sofort, wenn du die Vereinbarung mit
unterschreibst.«
Damit reicht sie ihm auch diesen Vertrag über den Tisch. Nun ist Horst
sprachlos. Er ringt um Fassung. Endlich bringt er einen Satz heraus: »Das hast
du alles geschafft, du ganz allein? Und ich, ich hatte uns schon aufgegeben.«
Er steht auf, kommt zu Rita, Freudentränen rollen ihm über die Wangen.
Horst setzt sich neben sie auf den Fußboden, legt seinen Kopf in ihren Schoß.
Endlich weicht die Spannung und ein wohliges Glücksgefühl, wie er es schon
seit langem nicht mehr kannte, macht sich in ihm breit. Der furchtbare Druck,
der bisher auf ihm gelastet hat, ist gewichen. Bald versiegen seine Tränen. Er
strahlt sie an, wie ein kleines Kind.
»Wir können in dem Häuschen bleiben« sagt er ganz ehrfurchtsvoll.
Dann jubelt er: »Nun schaffen wir es doch, wir zwei! Aber allein hätte ich
aufgegeben«, gesteht er und ihm ist gar nicht wohl dabei. »Gleich nächste
Woche mache ich mich auf den Weg und suche mir eine Arbeit.«
Doch das muss er nicht mehr. Am Tag drauf erreicht ihn ein Brief der
Firma Holzig, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er, sobald er gesund ist, wieder
in seinem alten Job anfangen kann.
1. Kapitel
Wie oft schon in letzter Zeit, meldet sich Erik gegen
drei Uhr morgens. Rita, die bereits beim ersten Geräusch erwacht ist, blinzelt
verschlafen, streckt sich, bleibt aber noch liegen. Sie hofft, dass sich das
Baby beruhigt und wieder einschläft und wird enttäuscht. Erik wälzt sich
unruhig hin und her, strampelt heftig, dem folgt leises Weinen, schließlich das
die Nerven strapazierende gellende Schreien.
Horst richtet sich in seinem Bett auf, kratzt sich das struppige Haupt, stöhnt
und klopft schließlich mit der Hand auf Ritas Zudeckbett.
»Mach doch schon was!«, knurrt er und stößt sie an.
»Kannst den Kleinen doch nicht so schreien lassen. Ich muss morgen früh
beizeiten raus aus den Federn, brauche meinen Schlaf, sonst halte ich den Stress
auf dem Bau nicht aus. Warum der überhaupt so schreien muss? Der hat doch alles«,
fügt er vorwurfsvoll hinzu und lässt sich wieder zurückfallen.
Rita, müde und noch träge, wälzt sich schließlich
seufzend aus ihrem Bett, sucht nach den Hauschuhen, schlurft zum Kinderbett, das
seit einigen Tagen mit im Schlafzimmer steht und nimmt das Baby hoch. Sie redet
beruhigend auf den Kleinen ein und schaukelt ihn in ihren Armen. Auf Horsts
Vorwurf reagiert sie nicht. Sie kennt ihn, weiß, dass es nur zum Streit kommt,
wenn sie jetzt etwas sagt.
»Wenn der nicht aufhört, schaffst du ihn ins
Kinderzimmer. Da kann er sich austoben«, schimpft der gereizt und ist darüber
verärgert, dass er wegen des Lärms nicht wieder einschlafen kann.
Also geht Rita mit Erik ins Kinderzimmer, steckt ihm
den Nuckel in den quäkenden Mund. Erik spürt das sofort, lutscht gierig. Er
wird ruhiger, schluchzt noch ein paar Mal, verstummt dann und scheint endlich
wieder einzuschlafen. Rita legt ihn ganz behutsam in die Krabbelbox, darauf
hoffend, dass er Ruhe gibt. Sie friert und zittert erbärmlich in ihrem kurzen,
dünnen Nachthemd. Trotzdem bleibt sie noch eine Zeit lang bei ihm stehen.
Um Horst nicht noch einmal zu stören, legt sie sich im
Kinderzimmer auf die Liege und kuschelt sich in die Wollecke, die sie bereits am
Abend vorsorglich dort zurechtgelegt hatte. Am anderen Morgen steht sie zur üblichen
Zeit als erste auf, macht sich für den Tag zurecht, deckt den Frühstückstisch,
kocht Kaffee und bereitet die Schnitten für Horst. Der ist inzwischen im Bad
verschwunden. Rita hört ihn rumoren. Sie kennt die Reihenfolge der Geräusche
genau, kann abschätzen, was er tut, wann er fertig sein wird. Als er frisch
rasiert, aber noch im Bademantel in die Küche kommt, in der sie ihre Mahlzeiten
einnehmen, steht schon alles für das Frühstück bereit. An seinem mürrischen
Gesicht erkennt sie, dass er unausgeschlafen und schlechter Laune ist.
‚Der gibt mir wieder die Schuld’, vermutet sie.
Rita hat Spiegeleier mit Speck, seine Lieblingsspeise zum Frühstück,
vorbereitet, hofft, damit seine Stimmung zu bessern, spürt bald, dass es
vergebens war.
»Ich bin auch müde und abgespannt, nicht nur du. Wir müssen uns schon ein
bisschen zusammenreißen, haben nun einmal ein Kind!«, hält sie ihm vor, als
sie bemerkt, dass er ihre Mühe nicht würdigt.
»Du kannst dich ja wieder hinlegen, wenn du fertig bist. Ich kann das nicht,
muss durchhalten bis zum Feierabend«, erwidert Horst patzig. Damit hat die
Stimmung ihren Tiefpunkt erreicht. Rita ist beleidigt. Beide sitzen sich, ohne
ein Wort zu verlieren, gegenüber.
‚Wenn er nur schon fort wäre’, wünscht sich Rita,
ist verbittert, steht vom Tisch auf und beginnt das Geschirr abzuräumen.
Horst nimmt sein Schnittenpaket und will das Haus, ohne
ihr ein Wort zu gönnen, verlassen.
Rita möchte nicht dass er so geht. ‚Wenn ihm was passieren sollte, nach so
einem Streit, und wir haben uns nicht wieder vertragen, das könnte ich mir
nicht verzeihen’, sagt sie sich, läuft ihm bis zur Haustür nach und hält
Horst am Ärmel seiner Jacke fest.
»So kannst du doch nicht gehen, Horst! Wir sollten uns
wieder vertragen, bevor du aus dem Haus gehst, meinst du nicht auch? Es kann
jeden von uns etwas zustoßen. Dann ist es zu spät. Ich fänd keine ruhige
Minute mehr.«
Horst bleibt nur unwillig stehen. Als Rita versucht,
ihn an sich zu ziehen, um ihm einen Abschiedskuss zu geben, wendet er sich ab.
»... ist schon gut!«, sagt er in einem Ton, der ihr
zeigt, dass er kein Einsehen hat. Ohne noch einmal zurück zu blicken, steigt
Horst in sein Auto und fährt weg.
Rita lässt er mit ihrem Kummer allein. Von soviel
Sturheit ist sie enttäuscht. Es ist ja auch nicht das erste Mal. Die nächsten
Stunden füllt sie mit Arbeit aus, versucht sich damit abzulenken. Auch das Baby
fordert sein Recht. Später versucht sie, sich durch Arbeit im Garten auf andere
Gedanken zu bringen. Da sie niemanden hat, mit dem sie darüber reden kann,
nimmt sie Erik auf den Arm und spricht mit ihm, als könne der sie verstehen.
‚Weißt du, mein Kleiner, wenn dein Papa wenigstens
ein bisschen mithelfen würde, da ging es schon, aber der denkt ja, es wäre ein
Zuckerschlecken hier zu Hause. Der ahnt gar nicht, was es heißt, dich zu
versorgen und auch noch alles andere zu erledigen. Du weißt es ja, der kommt
nach Hause, steckt seine Beine unter den Tisch, will sein Essen und ein paar
Flaschen Bier. Dann stiert er in die Röhre, bis er müde wird und ins Bett
geht. Ein scheiß Leben ist das. Ich hatte es mir anders vorgestellt. Am besten
wäre es, wenn ich wieder arbeiten gehen könnte. Meinst du nicht auch? Ich käme
unter Leute. Dich müsste ich allerdings in eine Kindertagesstätte geben. Nicht
gern, aber...’
Rita blickt ein wenig sorgenvoll auf Erik, tröstet
sich mit: ‚Da hättest du deine Ordnung und die Tanten, die sind bestimmt
lieb. Brauchst keine Angst zu haben.’ Sie schaukelt Erik in ihren Armen, während
sie weiter spinnt: ‚Ein bisschen mehr Geld hätten wir dann auch, weißt du.
Jetzt kann ich mir nichts kaufen. Kein Kleid, keine neuen Schuhe, gar nichts.
Alles frisst das Haus auf. Aber bevor wir die Schulden abgezahlt haben, bin ich
alt. Dann brauche ich auch nichts mehr. Jetzt will ich leben, jetzt! Solange ich
noch jung bin. Auch wieder einmal ausgehen, das möchte ich.’ Tränen steigen
ihr in die Augen. Sie bringt Erik hinauf ins Schlafzimmer und legt ihn in sein
Bettchen.
‚Ich muss mit Horst drüber reden, gleich heute!’,
nimmt sie sich vor. ‚Der wird das schon einsehen. Und wenn er ein bisschen mit
zupackt, dann geht es. Andere schaffen es doch auch.’
Im Laufe des Tages festigt sie ihre Meinung in langen
Selbstgesprächen. Sie regt sich auf, wird wütend, wenn sie sich vorstellt,
dass Horst ihre Idee ablehnen könnte.
‚Wenn Horst heute nach Hause kommt, rede ich mit ihm,
unbedingt! Der wird zwar bestimmt nichts davon wissen wollen, wie ich ihn kenne;
weil es für ihn dann nicht mehr so bequem ist wie jetzt. Trotzdem, so kann es
nicht weiter gehen!’ Voll Ungeduld erwartet sie den Abend.
Es war ein verregneter Tag. Auf dem Bau gab es Ärger,
weil der Radlader, den Horst jetzt fährt, ausfiel, ein anderer einspringen und
Horst in Regen und Dreck den Fehler suchen und abstellen musste. Entsprechend
ist seine Stimmung.
Rita spürt das, glaubt aber, es rühre noch von dem
Streit am Morgen her. Seine Stimmung springt auf sie über. Kaum hat sich Horst
geduscht und umgezogen, setzt er sich ins Wohnzimmer, schaltet den
Fernsehapparat ein und öffnet die erste Bierflasche. Wieder trinkt er aus der
Flasche, worüber sich Rita ärgert.
»Horst! Ich habe mir heute noch einmal alles durch den
Kopf gehen lassen, wie das so läuft - bei uns«, beginnt sie.
Der blickt sie fragend an. Er hat den Streit vom Morgen
längst vergessen, denkt nicht mehr daran. »Was hast du dir denn überlegt?«,
fragt er deshalb verwundert.
»Du kommst nach Hause, setz dich in deinen Sessel,
kuckst in die Röhre, trinkst dein Bier, das ist es dann. Mir überlässt du
alle Arbeit hier im Haus. Das mach ich nicht mehr mit.« Rita hat das in einem
sehr energischen Ton gesagt, schaltet den Fernseher ab, nimmt ihm die
Bierflasche aus der Hand. Horst wird davon so überrascht, dass er sie erst
einmal ungläubig ansieht, bevor er reagiert. Energisch greift er wieder nach
der Flasche.
»Ich bringe schließlich das Geld heim, vergiss das
nicht, muss dafür ganz schön schuften. Da bleibt nicht mehr viel Kraft für
die Hauswirtschaft. Du hast doch den ganzen Tag Zeit. Wieso schaffst du das
nicht? Musst du eben ein bisschen ranklotzen, weniger vor dem Fernseher sitzen!«
Rita schluckt, beißt sich auf die Zunge, schweigt erst
einmal zu den Vorwürfen, will ihn nicht noch mehr reizen. Dann jedoch kann sie
sich nicht mehr beherrschen, lässt ihren Frust ab.
»Mit dem, was du verdienst, kommen wir grade so
zurecht, gut! Aber nach der Rate, die wir an die Bank zahlen müssen, und der
Abzahlung an deine Freunde, da reicht es kaum noch zum Leben. Wir können uns
keinen Urlaub leisten, wir gehen nicht aus. Ich würde mir gerne mal ein neues
Kleid oder ein paar Schuhe kaufen - nichts ist. Und arbeiten muss ich wie ein
Vieh. Du überlässt mir ja alles.«
Horst ist sprachlos. Er weiß gar nicht, was er dazu
sagen soll.
»Das macht auf die Dauer keinen Spaß. Und wir müssen
noch dreißig Jahre an die Bank abzahlen. Dann sind wir alt, das Leben ist schon
fast vorüber. Da muss sich etwas ändern, meinst du nicht auch?«
Horst ist aufgestanden, blickt Rita ungläubig an. »Was
sagst du da? Es ist nicht genug, was ich verdiene? Du kannst dir nichts kaufen?«
»Genau! Hast mich ganz gut verstanden«, fällt Rita
ihm ins Wort.
»Sieh doch nur einmal in deinen Kleiderschrank. Der
ist gerappelt voll von unnützem Zeug. Das hat alles viel Geld gekostet.«
»Stimmt doch gar nicht!«, widerspricht Rita und ist
beleidigt, weil Horst ihr vorwirft, zu großzügig mit dem Geld umzugehen.
»Und Urlaub? Den können wir gut zu Hause verbringen.
Wir leben hier doch wie in der Sommerfrische. Ich rackere mich ab, mach Überstunden,
damit es etwas mehr wird am Monatsende. Deine paar Piepen, die du vom Arbeitsamt
bekommst, das ist ja nun auch nicht gerade viel.«
»Genau! Und deshalb denke ich mir, wird es das Beste
sein, wenn ich mir wieder eine Arbeit suche«, ergreift Rita die Gelegenheit. »Im
Supermarkt habe ich nicht schlecht verdient. Ich muss ja nicht voll arbeiten,
das geht schon wegen Erik nicht.«
»Kommt überhaupt nicht in Frage!«, sträubt sich
Horst, lehnt ihren Vorschlag ab.
»Das bestimmst du nicht allein! Da habe ich auch ein Wörtchen
mitzureden«, wehrt sich Rita gegen seine Bevormundung.
»Du bleibst zu Hause und kümmerst dich um dein Kind
und um die Hauswirtschaft!« Damit versucht Horst jede weitere Diskussion über
dieses Thema zu unterbinden. Doch so schnell gibt sich Rita nicht geschlagen.
»Wieso ist das bloß mein Kind? Es ist unser Kind! Du
hast genau die selben Pflichten wie ich, könntest also auch zu Hause bleiben.
Warum unbedingt ich?«
»Du bist nun einmal die Mutter. Und außerdem, dein
Verdienst würde doch sowieso nicht ausreichen, um alles bezahlen zu können.«
»Gerade deshalb gibt es nur eine Lösung. Wir gehen
beide auf Arbeit und Erik, den geben wir in eine Kindertagestätte.«
Horst ist aufgestanden, steht Rita gegenüber, versucht sie so einzuschüchtern.
»Und was kostet das? Hast du dir das überlegt? Da
bleibt am Ende doch nicht viel mehr übrig als heute. Du aber bist den ganzen
Tag unterwegs. Zu Hause, da bleibt die Arbeit liegen.«
»Jetzt höre aber auf!«, faucht ihn Rita an. »Du
willst bloß nicht, suchst nach Gründen. Dann schaff mehr Geld ran!«
Sie weiß, dass sie ihn damit trifft. Horst ist
verbittert. Er spürt den Vorwurf, weiß, dass es ihm kaum gelingen wird, bei
Holzig, höhere Lohnforderungen durchzusetzen.
»Ich diskutier mit dir darüber nicht mehr!«, schreit
er Rita aufgebracht an. »Du bleibst zu Hause und damit basta!« Horst steht
auf, zieht seinen Mantel über und verlässt das Haus.
2. Kapitel
,Jetzt rennt er wieder in die
Kneipe, lässt sich voll laufen. Dann ist mit ihm sowieso nichts mehr
anzufangen’, sagt sie sich, ist enttäuscht, räumt das Abendbrot, auf das sie
nun auch keinen Appetit mehr hat, wieder weg. Erik muss noch gefüttert, gebadet
und ins Bett gebracht werden. Das lenkt sie ab. Später sucht sie nach einer
Fernsehsendung, die sie auf andere Gedanken bringen soll. Doch soviel sie auch
hin und her schaltet, sie findet nichts.
Rita ereifert sich. ‚Der
denkt, er kann machen, was er will. Na, da hat er sich aber in den Finger
geschnitten.’
Horst kommt schon nach einer
Stunde wieder nach Hause. Er ist nicht betrunken, wie es in letzter Zeit oft
vorkam, setzt sich zu ihr. ‚Ich habe mir das noch einmal durch den Kopf gehen
lassen’, beginnt er versöhnlich. Rita reagiert nicht.
‚Also, wenn du wirklich
arbeiten gehen willst, dann werde ich mich eben damit abfinden. Es gefällt mir
zwar nicht, aber - na ja.’
‚Lassen wir das Thema erst
einmal! Ich will mich darüber jetzt nicht mit dir streiten.’ Rita hat zwar
bemerkt, dass Horst nun bereit ist nachzugeben, sie glaubt ihm aber nicht recht,
geht in die Küche und nimmt den Kontoauszug der Bank zur Hand. Sie vergleicht
die Abbuchungen mit den Belegen und muss schließlich feststellen, dass sie das
Konto wieder überzogen haben.
‚Die Autoreparatur war
teuer, ließ sich aber nicht vermeiden. Horst braucht es ja, um auf die
Baustelle zu kommen. Ohne Auto wäre er seinen Job bald los’, resümiert sie.
‚Dadurch wird aber das Geld diesen Monat sehr knapp. Die Bank wird die Rate für
den Kredit gleich am Monatsanfang abbuchen. Wenn wir dann noch etwas an Rolf und
Werner überweisen, bleibt nicht genug zum Leben. Nein! An die beiden können
wir in diesem Monat wieder nichts zahlen. Wir hatten uns zwar vorgenommen, das
Darlehn regelmäßig mit einer bestimmten monatlichen Summe zurückzuzahlen,
doch zum Glück sind sie nicht so pingelig’, tröstet sie sich. Deprimiert lässt
sie den Kontoauszug auf den Tisch fallen und ihn da liegen.
‚Soll Horst sich den ruhig
auch einmal ansehen’, sagt sie sich. ‚Sonst glaubt der wieder, dass ich mit
dem Geld nicht umgehen kann.’ Am meisten ärgert sie sich ja darüber, dass er
so viel Geld für Zigaretten und seine Kneipengänge ausgibt. ‚Bisher habe ich
dazu nichts gesagt, doch jetzt muss ich ihn darauf hinweisen!’, nimmt sie sich
vor.
Trotz allem ist es ihr ein
paar Monate lang gelungen, fünfzig Mark in ihre Sparbüchse zu stecken. Eine
Zeit lang hat sie gehofft, soviel zusammen zu bekommen, dass es wenigstens für
eine Woche Urlaub reichen würde. Ihre Sparbüchse ist für sie der Zipfel
Hoffnung, den sie braucht, an den sie sich klammert. Hin und wieder hat sie dafür
sogar noch ein Geldstück zusätzlich geopfert; wenn sie es von dem wöchentlichen
Kostgeld abknapsen konnte.
Doch das strenge Sparregime,
das sie sich auferlegen muss, um auszukommen, zerrt an ihren Nerven.
Horst kümmert sich kaum noch um die finanziellen Belange, will auch von ihren
Sorgen nichts wissen. Er verlangt sein Essen und sein Bier.
Rita fühlt sich allein
gelassen, unverstanden, hilflos. Nur Erik gibt ihr Halt. Seinetwegen erduldet
sie das alles. Schließlich beginnt sie, erst in großen Abständen, später
immer öfter, sich dadurch positive Erlebnisse zu schaffen, dass sie Geld aus
der Sparbüchse nimmt und sich etwas kauft. Dinge, die sie meist gar nicht
braucht. Es geht ihr ja auch nicht darum, etwas Bestimmtes, etwas unbedingt Nötiges
zu kaufen. Es geht ihr darum, überhaupt irgend etwas zu kaufen und dadurch das
bisschen Freude zu erlangen, das ihr sonst versagt bleibt. Wenn sie verzweifelt
ist, treibt es sie geradezu in den Supermarkt. Dort bummelt sie durch die Gänge,
ringt mit sich, nimmt etwas in die Hand, legt es wieder zurück, verliert schließlich
den Kampf gegen sich selbst, kauft.
Einmal, als sie absichtlich
kein Geld einsteckt, auch ihre Kreditkarte vorsorglich zu Hause lässt, nimmt
sie trotzdem etwas mit, mogelt sich an der Kasse vorbei. Zum Glück wird es
nicht bemerkt. Zu Hause jedoch, als die Freude darüber verflogen ist,
erschrickt sie über das, was sie getan hat. ‚Ein Glück, dass ich nicht
ertappt wurde. Das mache ich nie wieder!’, nimmt sie sich fest vor.
Damit Horst nichts von ihrer
Sucht merkt, verbirgt Rita die Sachen zu Hause im Schlafzimmerschrank. So bleibt
ihr schon nach kurzer Zeit nur ihr schlechtes Gewissen, was sie jedoch nicht
daran hindert, bald erneut diesem zwingenden Verlangen zu erliegen. Sie bringt
nicht mehr die Kraft auf, sich dagegen zu wehren.
Horst ist wieder, wie jeden
Sonntagvormittag, zum Stammtisch gegangen, kommt von da gegen Mittag leicht
schwankend nach Hause.
Rita, die sich in der Küche
mit der Vorbereitung des Essens abmüht, ist darüber so verärgert, dass sie
lospoltert, sobald er im Haus ist: »Na, hast du wieder ordentlich eingefahren -
Korn und Bier? Wir haben es ja!« Sie donnert ihm die Küchentür vor seiner
Nase zu.
Horst, eben noch in lustiger
Runde, ist wie vor den Kopf geschlagen.
»Gönnst du mir das etwa
nicht?«, schreit er gereizt. »Die drei vier Bier werde ich mir wohl leisten können
- und auch einen Schnaps! Du, das lasse ich mir von dir nicht verbieten!«
Rita kommt aus der Küche,
wedelt ihm mit den Kontoauszug vor der Nase herum und fährt ihn an: »Da, sieh
selber! Auf dem Konto, da ist fast nichts mehr. Und an Werner und Rolf können
wir diesen Monat wieder nichts zahlen. Wir sind pleite. Aber dich interessiert
das ja alles nicht. Du gehst in die Kneipe und haust das Geld auf den Kopf, als
hätten wir es im Überfluss.«
Langsam lichtet sich der
Nebel in seinem Kopf. Er begreift, dass Rita wohl guten Grund haben muss, so
stinksauer zu sein.
»Nun mache doch nicht so
einen Aufstand wegen der paar Mark. Ich brauche eben auch einmal ein bisschen
Abwechslung, wenigstens am Wochenende«, versucht er sich zu rechtfertigen.
»Ach so! Du brauchst
Abwechslung? Und ich? Ich möchte sehn, was du sagen würdest, wenn ich in die
Kneipe ginge, besoffen nach Hause käme. Du aber müsstest das Essen kochen und
den Kleinen versorgen!«
Horst hat sich an den Tisch
gesetzt, betrachtet die Zahlen auf dem Kontoauszug.
»Wir haben unser Konto überzogen!«,
stellt nun auch er verwundert fest. »Wo ist denn das ganze Geld hin? Kannst du
nicht ein bisschen sparsamer wirtschaften?«
»Wenn du dich nie darum kümmerst,
alles auf mich abwälzt, ist es kein Wunder, wenn du nichts weißt«, hält Rita
ihm vor. »Die Rechnung für die Autoreparatur, die hast du wohl schon ganz
vergessen?«
»Ohne Auto kann ich nicht
auf Arbeit fahren, dass weißt du doch«, pariert er.
»Ich sage ja gar nichts
dagegen, aber bezahlen mussten wir sie!« So zerren sie lange hin und her. Einer
gibt dem anderen die Schuld für ihre erneut missliche finanzielle Lage.
Als Horst am Nachmittag etwas
aus dem Schlafzimmerschrank holen will, stößt er zufällig auf die Sachen, die
Rita dort verborgen hält. Er holt den ganzen Kram hervor. Was sich da alles
findet: Kämme, Seife, billiges Parfüm, Lippenstifte, Tücher, Gürtel. Er ist
fassungslos, breitet alles auf dem Bett aus.
‚Warum hat sie nur den
ganzen Krempel gekauft?’, fragt er sich, findet aber keine Erklärung dafür.
‚Na hoffentlich ist das nicht geklaut? Nein, das macht sie nicht!’, beruhigt
er sich und geht nach unten, wo er Rita mit Erik beschäftigt findet. Er nimmt
ihr den Kleinen aus den Armen und setzt ihn in die Krabbelbox.
»Komm doch mal mit!«,
fordert er sie in ziemlich barschem Ton auf. »Na komm schon!«, wiederholt er
ungeduldig seine Aufforderung, als er merkt, dass Rita zögert. Die ahnt
Schlimmes. Horst nimmt sie bei der Hand und zieht sie die Treppe hinauf. Nur
widerwillig folgt ihm Rita.
»Sage mal, was soll denn der
ganze Krempel da?« Horst schiebt die Widerstrebende ins Schlafzimmer, zeigt auf
die auf dem Bett ausgebreiteten Sachen.
Als Rita begreift, dass Horst
ihr Geheimnis entdeckt hat, schlägt sie die Hände vors Gesicht, fängt an zu
weinen.
»Wieso kaufst du denn
solchen Ramsch? Das ist doch alles unnützes Zeug, das brauchen wir doch gar
nicht.« Er schüttelt verständnislos den Kopf.
»Ich weiß doch auch nicht,
was mit mir los ist«, antwortet Rita schluchzend und ist ganz verzweifelt. »Immer
wenn ich mit den Problemen nicht mehr fertig werde, wenn das Geld nicht reicht,
oder wenn ich mich so allein gelassen fühle, da kommt es über mich, da muss
ich mir etwas kaufen. Danach geht es mir besser.«
»Du bist kaufsüchtig!«,
stellt Horst lakonisch fest. »Das ist es! Ich habe schon gehört, dass es so
etwas gibt. Aber du? Das hätte ich nicht gedacht.«
Rita hat sich gesetzt und
heult hemmungslos. Mit einer Handbewegung fegt sie die Sachen vom Bett herunter.
»Na, nun mach keine Panik«,
versucht Horst sie zu beruhigen. »Das wird schon wieder. So teuer ist das Zeug
ja nun auch nicht gewesen«, wiegelt er ab, möchte sie beruhigen. Rita tut ihm
leid und er hat ein schlechtes Gewissen. Er ist sich darüber schon im klaren,
dass er sich in letzter Zeit kaum noch um die häuslichen Dinge gekümmert -
auch Rita vernachlässigt hat.
»Erinnere dich nur einmal
daran, wie es war, als ich im Krankenhaus lag. Damals hattest du eine Energie,
dass ich nur gestaunt habe. Ich erkenne dich gar nicht wieder. Wieso lässt du
dich denn jetzt so gehen?«
Rita antwortet darauf nicht,
erhebt sich langsam. Um die am Boden liegenden Sachen kümmert sie sich nicht,
geht schlurfend ins Kinderzimmer. Wieder einmal flüchtet sie sich zu ihrem Söhnchen,
nimmt Erik auf den Arm und verlässt das Haus.
Horst wartet eine Zeit lang
darauf, dass Rita zurückkommt. Als sie jedoch auf sein Rufen nicht reagiert,
wird ihm Angst. Er sucht nach ihr.
‚Die muss raus gegangen
sein. Was mag sie vor haben?’, fragt er sich bang. ‚Wieso läuft sie weg?
Ich habe ihr doch gar nichts getan. Und geschimpft habe ich doch auch nicht so
sehr.’
Er tritt vor das Haus, sucht
im Garten nach ihr. Rita ist nicht zu finden.
3. Kapitel
Rita ist in ihrer Verzweiflung zu den Nachbarn geflüchtet.
Zum Glück sind die zu Hause. Frau Richter öffnet auf ihr Klingeln.
»Na, komm rein, Rita«, sagt sie zu ihr und schiebt
sie ins Wohnzimmer, wo ihr Mann gerade dabei ist, Briefmarken in seine Sammlung
einzufügen.
Er erkennt zwar an Ritas noch gerötetem Gesicht, dass
sie geweint hat, doch er lässt es sich nicht anmerken.
»Frau Glaubig, trinken Sie einen Kaffee mit uns?«,
fragt er und versucht ganz unbefangen zu erscheinen.
Seine Frau holt eine ihrer bunten Sammeltassen aus dem
Schrank, stellt sie vor Rita auf den Tisch. Dann nimmt sie Erik ganz vorsichtig
aus ihren Armen. Der kennt seine Ersatzoma schon und quietscht vergnügt.
Herr Glaubig schenkt Kaffee ein, schiebt Zuckerdose und
Sahnekännchen näher zu ihr hin. Für kurze Zeit sitzen sie schweigend am
Tisch, dann ergreift Frau Richter Ritas Hand und streichelt sie. »Hast Sorgen,
nicht war? Können wir dir helfen?«, fragt sie ganz vorsichtig.
»Es gab wieder Streit.«
Frau Richter legt den kleinen Erik ihrem Mann in die
Arme. »Geh doch mal mit dem Kleinen raus in den Garten. Es ist so schönes
Wetter. Ein bisschen Luft tut ihm bestimmt gut.« Ihr Blick gibt ihm zu
verstehen, dass sie allein mit Rita reden möchte, denn sie ahnt, dass die sich
scheut, in seiner Anwesenheit über ihre Sorgen zu reden.
»Das ist eine gute Idee«, stimmt der zu, steht auf,
nimmt Erik auf den Arm und verlässt das Wohnzimmer.
Rita hat das Theater natürlich durchschaut, aber ihr
ist es recht so. Mit Frau Richter kann sie reden, vor Herrn Richter hat sie eine
gewisse Scheu, wie damals, als sie noch klein war, vor ihrem Vater.
»Nun erzähl, Rita!«, fordert Frau Richter sie auf.
»Ich bin weggelaufen, halte das nicht mehr aus. Immer
bin ich schuld.« Rita beginnt zu weinen, schluchzt. »Horst ist ganz anders
geworden«, klagt sie. »Er kümmert sich um nichts mehr. Nicht um unsere
Finanzen, nicht ums Haus, kaum noch um den Kleinen. Alles überlässt er mir. Er
kommt heim, setzt sich hin und stiert in die Röhre. Reden kann ich kaum noch
mit ihm. Nach dem Essen kippt er noch zwei, drei Flaschen Bier hinter, dann geht
er ins Bett. Das macht mich alle!«
»Und, hast du mit deinem Mann schon einmal darüber
gesprochen?«, erkundigt sich Frau Richter.
»Ich habe es versucht - ein paar Mal. Aber Horst will
nichts davon hören. „Du machst das schon, hast ja Zeit“, dass ist alles,
was er dazu sagt. Heute ist es passiert! Ich hatte mir vorgenommen, jeden Monat
fünfzig Mark in mein Sparschwein zu stecken und wenn genug zusammen gekommen
ist, einmal eine, nur eine Woche Urlaub zu buchen. Ich hätte es auch geschafft,
aber...«
Frau Richter unterbricht sie. »Na das ist doch eine
gute Idee, da kann dein Mann doch nichts dagegen haben.« Sie nimmt an, dass das
Problem darin besteht.
»Davon weiß Horst doch gar nichts«, erklärt Rita.
»In letzter Zeit habe ich immer dann, wenn ich wieder mal so richtig am Boden
war, Geld aus dem Sparschwein genommen, bin in den Supermarkt gelaufen und habe
mir etwas gekauft. Nichts teures, nichts wichtiges, einfach irgend etwas. Danach
ging’s mir für eine Weile besser. So nach und nach ist ein großer Teil des
gesparten Geldes drauf gegangen.«
»Aber, wenn Horst nichts davon weiß, von deinem
Sparschwein, dann weiß er doch auch nicht, dass du etwas davon ausgegeben hast?«,
wundert sich Frau Richter.
»Die Sachen, die ich mir gekauft habe, die hatte ich
im Schlafzimmerschrank versteckt. Heute hat Horst alles gefunden. Ich weiß auch
nicht, was er da gesucht hat - ist ja auch egal. Der hat mich vielleicht
behandelt...« Wieder weint sie.
Frau Schmidt reicht ihr ein Taschentuch, zieht die
Schluchzende an sich, legt die Arme schützend um sie, wie sie es bei ihrem Kind
oft getan hat.
»Beruhige dich erst einmal, Rita. Ich glaube, das
Beste wird sein, wenn du so tust, als wäre gar nichts gewesen. Dein Mann wird
bestimmt nicht wieder davon anfangen - denke ich mir«, versucht sie ihr Mut zu
machen.
Nach einiger Zeit gibt sie Rita wieder frei, steht auf.
»Jetzt nimm dein Kind und gehe wieder rüber zu deinem Mann. Der macht sich
bestimmt schon Sorgen. Das mit dem Kaufen, das wirst du aber sein lassen müssen,
wenn es dir auch schwer fällt«, rät sie ihr und blickt Rita bedeutsam an.
Die sieht das auch so, nickt, geht ins Bad und macht
sich frisch. Danach folgt sie Frau Richter in den Garten, wo ihr Mann mit Erik
noch immer auf der Bank sitzt und wartet.
»Rita will wieder gehen«, sagt sie, nimmt ihm den
kleinen strampelnden Kerl ab, drückt ihn Rita in die Arme.
»Na mach’s gut! Ich drücke dir die Daumen.« Mit
bangem Gefühl geht Rita heim, öffnet vorsichtig die Haustür.
»Wo bist du denn gewesen? Ich habe dich überall
gesucht, habe mir Sorgen gemacht. Läufst einfach weg«, empfängt Horst sie. Er
hatte ungeduldig und von Gewissensbissen geplagt gewartet, ist nun erleichtert.
Dass sie zu der Nachbarin gegangen sein könnte, hatte er zwar vermutet, sich
aber nicht getraut, ihr zu folgen.
So wie von Frau Richter voraus gesehen, erwähnt er die
Dinge oben im Schlafzimmerschrank nicht mehr. Er hat alles wieder in dem Korb
verstaut und diesen weggestellt. Dabei war ihm klar geworden, dass sich etwas ändern
muss.
‚Ich werde mich wieder mit ums Geld kümmern’, sagt
er sich. ‚Wenn Rita kaufsüchtig ist, weiß man nicht, was passiert.’
»In Zukunft kümmere ich mich wieder um die Finanzen -
wenn dich das so fertig macht«, sagt er in einem Ton, der Mitgefühl und Verständnis
andeuten soll.
Rita durchschaut ihn natürlich. ‚Der meint es nicht
ehrlich, will mich doch nur kontrollieren’, vermutet sie. ‚Vielleicht muss
ich nun jede Woche vorrechnen, was ich ausgegeben habe’, überlegt sie, sagt
jedoch nichts, nickt nur.
»Und, wenn du gerne möchtest, dann habe ich auch
nichts dagegen, dass du ein paar Stunden arbeiten gehst. Du kämst unter Leute,
bist nicht den ganzen Tag so allein. Vielleicht kümmern sich Richters in der
Zeit um Erik, wenn wir etwas dafür bezahlen. Die beiden sind doch ganz närrisch
auf ihn.«
Rita ist darüber so erfreut, dass sie ihm alles andere
verzeiht. »Ich werde mich gleich morgen umhören, ob es im Supermarkt eine Möglichkeit
gibt.« Sie ist ganz aufgeregt, fällt Horst um den Hals, würde am liebsten
sofort etwas unternehmen.
So zieht wieder Frieden ein, es ist ein trügerischer,
denn das eigentliche Problem, dass sie sich innerlich entfremdet haben, sich
zunehmend voneinander abkapseln, schwelt weiter.
Manchmal treibt auch ein Zufall sonst langsam
verlaufende Entwicklungen voran.
Seitdem die Kinder ausgezogen sind, stehen die Zimmer
im Untergeschoss des Hauses der Familie Richter leer. Nun, da sie sich damit
abgefunden haben, dass es endgültig ist, entschließen sie sich dazu, diese an
einen Untermieter zu vergeben, erhoffen sich daraus eine finanzielle
Aufbesserung ihrer Einkünfte.
Rita ist gerade im Garten beschäftigt, als der
silbergraue Audi neben dem Grundstück anhält. Ein Fremder steigt aus, kommt zu
ihr an den Zaun.
»Junge Frau! Können Sie mir sagen, wo Familie Richter
wohnt?«, hört sie ihn fragen.
Rita richtet sich auf, wischt ihre Hände
gewohnheitsgemäß an ihrer Gartenschürze ab. Interessiert betrachtet sie den
Fremden. Der ist fast zwei Meter groß, sportlich, braun gebrannt. Sein dunkler
Anzug steht ihm gut. Der schwarze, kurz gehaltene Bart gibt ihm einen
romantischen Zug. Er lacht Rita freundlich an.
‚Ein schicker Mann - könnte mir gefallen’, stellt
die fest. »Richters? Die wohnen gleich nebenan«, gibt sie bereitwillig
Auskunft, zeigt auf das Nachbargrundstück.
Der Fremde bedankt sich, scheint es aber nicht sehr
eilig zu haben, bleibt noch stehen, betrachtet die bunten Blumenbeete, sagt
anerkennend zu ihr: »Sie besitzen Geschmack, das muss man sagen. Der Garten ist
wunderschön. Haben Sie das alles selbst so arrangiert?«
Rita freut sich über die Anerkennung ihrer Arbeit.
‚Horst hat so etwas noch nie zu mir gesagt. Für den ist das alles selbstverständlich’,
geht es ihr durch den Sinn.
»Ja, das haben wir uns allein so ausgedacht - mein
Mann und ich«, antwortet sie stolz und spürt, wie sie durch sein Lob verlegen
wird.
»Also nebenan, das sind Richters«, vergewissert sich
der Fremde noch einmal. Rita nickt zur Bestätigung.
»Einen schönen Tag noch und vielen Dank für Ihre Hilfe!« Der Fremde steigt
wieder in sein Auto und fährt die kurze Strecke bis zum Nachbargrundstück.
‚Ein schicker Mann war das«, sagt sich Rita wieder
und blickt ihm versonnen nach. »Wie alt mag der gewesen sein? So um die dreißig?
Älter ist der bestimmt noch nicht’, beantwortet sie ihre Frage selbst.
‚Wahrscheinlich ein Vertreter, der etwas zu verkaufen hat? Und ein tolles Auto
fährt der.’
Erik, der unter dem Sonnenschirm in seiner Krabbelbox
liegt und mit einer Klapper spielt, fängt an zu weinen, reißt Rita aus ihren
Gedanken. Er ist nun schon über sieben Monate alt und will beschäftigt werden.
Rita nimmt ihn hoch, wirbelt ihn im Kreis, das gefällt Erik. Er lacht und
quietscht. Kontrollierend schnüffelt Rita. „Aha!“, das Problem ist
riechbar. Sie klemmt ihn sich unter den Arm und geht ins Haus.
Immer wieder muss sie an den Fremden denken. ‚Wer mag
das gewesen sein? Vor hier ist der nicht’, überlegt sie. Vom Fenster des
Wohnzimmers aus beobachtet sie, dass der Audi noch vor Richters Grundstück
steht. Da! Er kommt aus dem Haus, fährt den Wagen auf den Stellplatz. Gespannt
beobachtet sie, was weiter geschieht. Er öffnet den Kofferraum, holt zwei große
Taschen heraus, trägt sie weg. Leider versperren ihr Haselnusssträucher die
Sicht so, dass sie nicht erspähen kann, ob er ins Haus geht. ‚Wieso bin ich
denn so neugierig? Der hat mich doch gar nicht zu interessieren’, ruft sie
sich zur Ordnung und wendet sich ab.
4. Kapitel
Einige Tage später ist Rita sicher, dass der Fremde drüben
bei Richters eingezogen ist. Sie hatte beobachtet, wie er früh gegen acht Uhr
weg fährt und erst am Nachmittag zurück kommt. Sie nimmt sich vor, Richters um
diese Zeit zu besuchen.
Als sie am nächsten Tag die beiden vor ihrem Haus in
der warmen Nachmittagssonne unter dem weißen Pavillon sitzen sieht, wo sie
Kaffee trinken, stattet sie ihnen einen Besuch ab. Sie trägt ihr buntes,
luftiges, die Figur betonendes Sommerkleid. Da die Gartentür nicht
abgeschlossen ist, tritt sie ungehindert ein. »Hallo!«, ruft sie laut und geht
auf dem mit hellen Kieseln ausgelegten Weg zum Haus.
Frau Richter hat ihren Ruf gehört, kommt ihr entgegen.
»Das ist aber schön, dass du uns wieder einmal besuchst«, begrüßt sie Rita,
neckt Erik ein wenig.
»Gut sehen Sie aus!«, empfängt Herr Richter Rita mit
einem Kompliment. Seine Frau hatte ihm alles erzählt und er versteht, dass die
junge Frau sich nach Komplimenten sehnt.
»Ja, wirklich?«, reagiert Rita erfreut, streicht über
ihr Kleid. »Das hab ich schon ein paar Jahre, aber es ist immer noch wie neu.«
Ihr Ton ist heiter, sie freut sich, ist voller Erwartung.
»Ich möchte nur ein bisschen quatschen«, begründet
sie ihren Besuch. »Bei mir drüben, da bin ich immer so allein.«
Die beiden nicken verständnisvoll. Erik strampelt,
macht sich steif, knatscht, streckt seine Ärmchen nach Frau Richter aus, gibt
so zu verstehen, dass er zu seiner "Oma" möchte. Bereitwillig lässt
Rita ihm seinen Willen.
»Noch ein paar Monate und er kann zu laufen. Na, dann
ist was los. Nichts ist sicher vor den kleinen Kerlchen. Alles wollen sie
untersuchen«, bemerkt Herr Richter. »Als unser Sohn zwei Jahre alt war, hatte
er es immer auf unser Radio abgesehen, wollte unbedingt an den Knöpfen drehen.
Nichts half da, kein Schimpfen, kein Klaps auf die Finger, bis uns eine Idee
kam...«
Frau Richter lacht und erzählt weiter: »Eines Tages
haben wir den Sender ein ganz klein wenig verstellt, die Lautstärke aufgedreht.
So war nichts zu hören, doch wenn er wieder an dem Knopf drehen sollte... Unser
Kleiner, kaum war er wieder im Wohnzimmer, guckt er uns verschmitzt an, läuft
prompt zum Radio und dreht an dem bewussten Knopf.«
»Können Sie sich vorstellen, was passiert ist, Rita?«,
fragt Herr Richter.
Rita kann zwar, tut aber so, als käme sie nicht drauf.
»Der hatte mit dem kleinen Dreh den Sender richtig
eingestellt. Das Radio brüllte los. Unser Frank erschrak darüber so, dass er
sich auf den Hintern setzte und mit dem Radio um die Wette schrie. Aber das
Problem war ein für alle Mal gelöst. Ans Radio ist er nicht mehr gegangen«,
schließt Frau Richter die Geschichte ab.
»Das werde ich mir merken!« Rita lacht herzlich, als
sie sich das bildlich vorstellt.
»Heute gibt es ja die Fernbedienung. Da kann das so
nicht mehr passieren«, schränkt Herr Richter ein.
»Sie haben neuerdings einen Untermieter?«, bringt
Rita das Gespräch auf den Punkt, der sie eigentlich interessiert.
»Ja«, bestätigt Frau Richter. »Die Zimmer standen
leer - schon lange. Die Kinder haben sich selbständig gemacht, so ist das nun
einmal. Wir haben uns gedacht, da wär’s doch nicht schlecht, wenn wir ein
paar Mark einnehmen könnten.«
»Wer ist denn das, Ihr Untermieter?«, erkundigt sich
Rita, wird ein wenig verlegen.
Frau Richter bemerkt das wohl, blickt Rita verwundert
an.
»Kennst du Herrn Starke?«, erkundigt sie sich.
»Ich habe ihn kennen gelernt, als er ankam. Er hat
mich damals nach eurem Haus gefragt.«
»Herr Starke arbeitet als Vertreter - für eine Unterwäschefirma.
Das ist ja ein bisschen komisch für einen Mann. Na, von wegen der Dessous. Aber
er wird sie den Mädles ja nicht anprobieren?«, bemerkt er und schmunzelt.
Auch Rita lacht darüber, aber ihr Lachen klingt ein
wenig verklemmt.
Erik hat offensichtlich ein Problem. Er wird unruhig,
quengelt, windet sich, knatscht...
»Da ist bestimmt ein Malheur passiert«, vermutet Frau
Richter.
»Ich habe Windeln mit, werde ihn trockn legen. Dann
ist für ihn die Welt wieder in Ordnung.« Rita nimmt Erik und geht mit ihm zur
Gartenbank. Dann bekommt er sein Fläschchen. Auch daran hatte Rita vorsorglich
gedacht.
Und tatsächlich, das kleine, runde Babygesicht strahlt
danach wieder. Als Frau Richter ihn nimmt und mit hoppe – hoppe - Reiter
aufmuntert, quietscht Erik lauthals.
Rita hat bereits eine Stunde vergeblich gewartet, will
schon gehen, ist enttäuscht, doch dann hört sie den Audi.
Auch Herr Richter merkt auf. »Da kommt unser
Untermieter!«, macht er seine Frau aufmerksam, die, durch Erik abgelenkt, das
Geräusch überhört hat. »Er kann doch auch einen Kaffee mit uns trinken, hat
den nach so einem Tag bestimmt nötig«, schlägt er vor.
Herr Starke, der die nach der Hangseite zu ebenerdig
liegenden Zimmer des Hauses bewohnt, benutzt den rückwärtigen Eingang, kommt
zwangsläufig am Pavillon vorüber. Als er Rita sieht, stutzt er einen
Augenblick, überlegt, woher er sie kennt. Sein auf Namen und Personen
trainiertes Gedächtnis vermittelt ihm schnell, dass es die junge Frau von
nebenan ist, bei der er sich nach den Richters erkundigt hatte. Freundlich begrüßt
er die Runde, kommt näher und streichelt Erik übers Haar.
»Wie heißt du denn?«, fragt er, natürlich wissend,
dass er von dem Kleinen keine Antwort bekommen kann, aber auf die Antwort der
Mutter hoffend.
»Das ist Erik«, antwortet Rita tatsächlich auf die
Stellvertreterfrage. »Sie haben wohl kleine Kinder gern?«
Herr Starke nickt und blickt sie lächelnd an.
Die Einladung zu einer Tasse Kaffee kommt ihm nun ganz
recht. »Das war heute wieder ein Tag«, sagt er und zeigt seine Erschöpfung.
»Und, wie gehen die Geschäfte?«, erkundigt sich Herr
Richter.
»Die Kunden werden immer schwieriger; seit der Umsatz
geringer wird. Heute ist das besonders in der Textilbranche der Fall. Die Leute
geben einfach weniger Geld dafür aus, oder sie haben weniger.«
»Kein Wunder, bei den vielen Arbeitslosen und
Sozialhilfeempfängern. Die müssen jeden Pfennig umdrehen«, kommentiert Rita
bissig.
»Und Rentner, die feste Bezüge haben, die kaufen sich
solche Sachen, mit denen Sie handeln, wahrscheinlich nicht mehr«, ergänzt Frau
Richter.
»Verkaufen Sie eigentlich nur an Händler?«, fragt
Rita.
»Nur an Geschäfte - im Prinzip. Aber ich habe immer
Muster zur Verfügung. Wenn Sie Interesse haben, dann findet sich schon eine Möglichkeit.«
Daran ist auch Frau Richter interessiert, doch Herr
Starke lenkt rasch von dem Thema ab. »Wirklich, Sie wohnen hier in einer
idealen Lage. So etwas würde ich mir auch wünschen; wenn ich es einmal
geschafft haben werde.«
»Na, da wird aber noch eine ganze Weile vergehen. Sie
sind doch noch nicht in einem Alter, in dem man an die Rente denkt. Oder?«
Ritas Neugier ist deutlich herauszuhören.
Doch auf diese Frage antwortet Herr Starke nicht. »Ich
muss noch die Abrechnung für den heutigen Tag erledigen und die Bestellungen an
meine Firma durchgeben«, sagt er entschuldigend, stellt die Tasse aufs Tablett
zurück, bedankt sich für den Kaffee, geht ins Haus.
»Es muss eben alles seine Ordnung haben«, pflichtet
ihm Herr Richter bei.
Auch Rita blickt ihm nach. Sympathiefunken sind übergesprungen;
das hatte Frau Richter bemerkt. Die nächste Zeit wird zeigen, ob sie
verglimmen, oder sich daran ein Feuer entfacht.
5. Kapitel
Noch ganz verwirrt, wacht Rita am Sonntagmorgen aus
einem heftigen Traum auf. Sie spürt ihr Herz aufgeregt pulsen, atmet hechelnd;
lag sie doch eben noch in der erregenden Umarmung des jungen Mannes von nebenan.
Vorsichtig richtet sie sich auf, blickt zu Horst hinüber,
vergewissert sich, dass der noch schläft. Er schnarcht leise, kann nichts
bemerkt haben. Eigentlich schämt sie sich ihres unmoralischen Traumes, doch das
Prickelnde einer solchen Affäre, das reizt sie schon.
‚Na, solange ich so etwas nur im Traum erlebe, ist es
nicht schlimm, ist ja noch kein Ehebruch’, rechtfertigt sie sich. ‚Ob er in
Wirklichkeit auch so ist, wie er es in meinem Traum war?’, überlegt sie
versonnen. ‚Quatsch!’ Energisch verdrängt sie die verführerischen
Gedanken.
‚Morgen werde ich wieder zum Arbeitsamt gehen’,
nimmt sie sich vor. ‚Mit dem Supermarkt, das wird doch nichts.’ Ihre Anfrage
war ohne Erfolg geblieben. ‚Weil ich ein Kind habe’, vermutet sie. ‚Es
muss ja auch nicht unbedingt der Supermarkt sein’, tröstet sie sich. ‚Ich könnte
auch in einem anderen Geschäft arbeiten, würde mich schon zurecht finden.’
Ganz vorsichtig schleicht sie sich aus ihrem Bett und
verlässt auf Zehenspitzen das Schlafzimmer. Sie weiß, dass Horst, wenn er am
Sonntagmorgen aufwacht, zu ihr ins Bett will. In letzter Zeit findet sie daran
keinen Spaß mehr - fühlt sich benutzt, mag diese Art Pflichtübung nicht.
Es vergeht noch eine gute Stunde, bis Horst, noch
verschlafen, nach unten kommt.
Rita hat Erik inzwischen aus seinem Bettchen geholt,
das Frühstück vorbereitet.
Mürrisch setzt sich Horst an den Tisch. Rita tut so,
als bemerke sie seine Verstimmung gar nicht, setzt Erik auf seinen Schoß, gibt
ihm einen Gutenmorgenkuss. Ihre Frage, ob er gut geschlafen habe, bleibt ohne
Antwort. Also schenkt sie wortlos Kaffee ein, legt ein Stück von dem
Sonntagskuchen auf seinen Teller.
‚Der ist knurrig, weil er heute sein Vergnügen nicht
bekommen hat. Na, der wird schon wieder’, sagt sie sich und macht ein ganz
unbekümmertes Gesicht. Sie hat recht.
Erik muntert seinen Vati auf. Er probiert jetzt bereits
ein wenig von dem, was seine Eltern essen, ist ja nun auch schon fast ein
dreiviertel Jahr alt.
Horst nimmt ein Stückchen von dem Kuchen, taucht es in
warme Milch und stopft es Erik in sein weit aufgerissenes Mündchen. Der
verzieht sein Gesicht, doch dann schluckt er tapfer. Lange hält er es jedoch
bei seinem Vati nicht aus. Bald schon beginnt er zu nörgeln, räkelt sich,
quengelt, möchte runter. Horst lässt ihm schließlich seinen Willen.
Das birgt jedoch so seine Tücken. Kaum auf dem Fußboden,
kriecht Erik auf allen Vieren quer durch die Stube, auf die Grünpflanzen zu.
»Er wird bestimmt wieder versuchen, sich an dem, was
er gerade greifen kann, hoch zu ziehen«, vermutet Rita. Schon einmal hatte er
dabei eine Grünpflanze umgeworfen - Schmutz und Scherben verursacht. Diesmal
gibt sie acht.
Als Erik versucht, sich beidhändig an die Zweige der
Zimmerlinde klammernd aufzurichten, eilt sie zu ihm, nimmt ihn hoch, vermeidet
damit ein erneutes Malheur.
Wie üblich geht Horst auch an diesem Tag gegen zehn
Uhr zum Stammtisch. In der Gartenkneipe, weiter unten am Berg, wird er ein paar
Runden Skat spielen, ein, zwei Glas Bier, vielleicht auch einen Schnaps trinken
und über Fußball reden.
Rita, der das nicht passt, hat erkannt, dass es sinnlos
ist, dagegen zu opponieren, es deshalb aufgegeben.
»Um zwölf ist das Essen fertig!«, ruft sie ihm nach,
in der Hoffnung, dass sie ihn dadurch bewegen kann, zu Mittag nach Hause zu
kommen.
»Ich bleib nicht lange!«, antwortet Horst.
‚Das erklärt er jedes Mal, doch es besagt gar
nichts.’ Diese Erfahrung hat Rita schon oft machen müssen. Nachdem sie ihre
Hausarbeit erledigt hat, bleibt noch Zeit, bevor sie das Essen aufsetzen muss.
Sie geht in den Garten, hofft darauf, den jungen Mann von nebenan zu sehen.
Vergeblich wehrt sie sich dagegen, dass sie die Erlebnisse ihres Traum bedrängen,
sie aufwühlen, nicht zur Ruhe kommen lassen.
‚Vielleicht ist der am Wochenende gar nicht hier’,
überlegt sie. Immer wieder blickt sie zu den Nachbarn hinüber. Richters sitzen
unter ihrem Pavillon beim Frühstück. Freundlich grüßen sie Rita, winken ihr
zu.
Wider Erwarten kommt Horst doch rechtzeitig zum
Mittagessen nach Hause. Nach dem Essen bleiben sie noch ein Weilchen sitzen,
Horst bereitet Espresso zu.
»Was ist denn nun mit deiner Arbeit?«, erkundigt er
sich. »Erzähle doch mal. Warst du schon im Supermarkt? Klappt es dort?«
»Mit einem Kind habe ich da keine Chance«, antwortet
Rita. »Ich werde zum Arbeitsamt gehen. Es muss ja auch nicht der Supermarkt
sein.«
»Solltest du nicht erst einmal Richters fragen, ob sie
auf Erik aufpassen? Sonst sagst du vielleicht zu und kannst es dann nicht
halten. Sie könnten ja auch ablehnen«, gibt er zu bedenken.
»Da hast du recht«, bestätigt Rita seine Überlegungen.
»Morgen Nachmittag gehe ich mal zu ihnen rüber und frage sie. Was kann ich
ihnen denn anbieten? Ganz umsonst werden sie es wohl nicht machen.«
»Das Ganze lohnt sich für uns nur, wenn du mehr
verdienst, als wir an sie zahlen müssen. Sonst ist es besser, du bleibst zu
Hause«, gibt Horst zu bedenken. »Kannst es ja versuchen.«
Am späten Nachmittag des darauf folgenden Tages geht
Rita, so wie sie es sich vorgenommen hatte, zu den Nachbarn. Natürlich hofft
sie darauf, bei dieser Gelegenheit auch den hübschen jungen Mann zu treffen.
Sie hat sich schick gemacht, die Augenlider mit einem Hauch grün betont, die
Wimpern getuscht und die Brauen nachgezogen, ihren Teint mit Creme und Puder
geglättet und die Wangen mit einer Winzigkeit Rouge belebt. Ein kesses, buntes
Tuch ziert ihren schlanken Hals.
Erik hat sie zu Hause gelassen. Er schläft oben im
Kinderzimmer. Seitdem sie das Babyphon gekauft haben, geht das.
Die Richters hören sich ihre Bitte an, sind von ihrem
Anliegen überrascht.
‚Na, die sind nicht begeistert’, stellt Rita fest,
ist besorgt, dass sie es ablehnen könnten.
»Sie sollen das auch nicht umsonst machen. Nein, das
verlangen wir nicht. Wir zahlen Ihnen eine Aufwandsentschädigung. Und wir
kaufen alles, was Sie für Erik brauchen«, erklärt sie rasch, um die
Entscheidung zu ihren Gunsten zu beeinflussen.
»Darüber müssen wir uns erst einmal in Ruhe beraten«,
sagt Herr Richter und blickt seine Frau warnend an. »Es ist eine große
Verantwortung, die wir da übernehmen würden. Man hofft es ja nicht, aber wenn
dem Kleinen etwas zustößt, sind wir verantwortlich; ganz abgesehen von den
finanziellen Folgen.«
Das hatte sich Rita nicht überlegt. Der Gedanke
verunsichert sie. »Sie haben ja Recht, so einfach ist das gar nicht«, stimmt
sie Herrn Richter zu. »Ich muss das noch einmal mit Horst bereden. Für Sie dürfen
aus so einer Hilfe selbstverständlich keine Nachteile entstehen.«
»Wir finden da schon eine Lösung«, gibt sich Frau
Richter optimistisch. Sie würde sich schon darüber freuen, wenn etwas Leben
ins Haus käme. Endlich hätte sie wieder etwas zum bemuttern. Deshalb sagt sie:
»Wir werden das schon machen. Hast du denn schon eine Stelle, wo du anfangen
kannst, Rita?« Sie ist ein wenig enttäuscht, als Rita ihr sagt, dass es noch
nicht der Fall ist.
»Ich kann doch nicht so einfach irgendwo zusagen, ohne
dass ich sicher bin, dass der Kleine in der Zeit auch gut versorgt wird.«
Das sieht Frau Richter ein. »Weißt du, Rita, wir überlegen
uns, wie wir das klären können. Vielleicht gibt es eine Versicherung?
Vielleicht genügt auch unsere Haftpflicht?«
Eigentlich ist alles besprochen und Rita könnte wieder
nach Hause gehen, doch sie hofft noch immer darauf, dass Herr Starke kommt, zögert
deshalb.
Herr Richter bemerkt es. »Trinken Sie auch noch einen
Schluck Wein mit uns«, schlägt er ihr vor. »Gestern ist eine neue Lieferung
von unsrem Weinbauern eingetroffen.« Ohne Ritas Zustimmung abzuwarten geht er
ins Haus, um Flasche und Gläser zu holen.
»Wir waren vor zwei Jahren an der Mosel im Urlaub.
Seitdem bestellen wir bei dem jedes Jahr, was wir so brauchen«, erläutert Frau
Richter. »Der Wein ist schon besser, als der aus dem Supermarkt.«
Es dauert nicht lange und Herr Richter erscheint mit
einem Tablett, auf dem die bereits geöffnete Flasche und vier, nicht drei, Gläser
stehen. Rita sieht das wohl, fragt aber nicht, für wen das vierte Glas sein
soll, deutet es als ein Zeichen dafür, dass Herr Starke in Kürze erwartet
wird.
Herr Richter zeigt ihr das Etikett auf der Flasche. »Ein
Kerner, der ist nicht ganz so trocken, lässt sich gut trinken«, preist er den
Wein an.
»Ich mag trocknen Wein nicht, wenn es auch modern ist,
den zu trinken«, unterstützt ihn Rita in seiner Meinung. Nachdem eingeschenkt
wurde, testen sie die Qualität nach dem Ritus, den sie aus dem Fernsehen
kennen. Erst Glas schwenken, Farbe prüfen, schnüffeln, einen kleinen Schluck
nehmen, kauen und mit Kennermine runter schlucken.
»Na, wie schmeckt der denn?«, erkundigt sich Herr
Richter und ist auf Ritas Antwort gespannt.
»Wirklich, das ist ein feiner Tropfen«, bestätigt
die höflich, obwohl sie nicht viel davon versteht. ‚Na, einen großen
Unterschied zu dem aus dem Supermarkt kann ich da nicht rausschmecken’, denkt
sie.
»Der ist doch bestimmt nicht billig«, vermutet sie
und betrachtet das Etikett noch einmal eingehend.
»Aber es ist eben was Besonderes, da muss man schon
ein paar Mark ausgeben«, antwortet Herr Richter stolz, ohne ihr den Preis zu
verraten.
In diesem Moment kommt Herr Starke.
»Hallo!«, grüßt er, gibt ihnen reihum die Hand und
setzt sich, ohne erst lange um Erlaubnis zu bitten, zu ihnen an den Tisch.
»Ich hab Sie gar nicht kommen hören«, sagt Frau
Richter verwundert.
»Mein Auto ist in der Werkstatt. Habe mich von einem
Taxi bis unten an den Abzweig fahren lassen, wollte noch ein paar Schritte zu Fuß
gehen«, erklärt Herr Starke.
»Ihnen ist doch nichts passiert! Hatten Sie einen
Unfall?«, fragt Rita erschrocken und ihre Wangen werden rot, als sie bemerkt,
dass die anderen sie verwundert anblicken.
Herr Starke beruhigt sie. »Nein, mein Wagen muss
durchgesehen werden. Morgen brauche ich ihn wieder, habe ihn deshalb in der
Werkstatt gelassen.«
»Und wie laufen die Geschäfte?«, erkundigt sich Herr
Richter wieder.
»Heute hatte ich Glück, habe zwei neue Kunden
gewonnen und die ersten Probebestellungen erhalten.« Er ist sichtlich froh darüber,
lehnt sich zufrieden zurück.
Herr Richter hat inzwischen das vierte Glas
eingeschenkt und schiebt es zu ihm hin.
»Da, probieren sie mal, Herr Starke, Es ist einer von
der Mosel, direkt vom Weinbauern.«
»Ja, der ist gut«, lobt der den Wein, nachdem er ihn
genüsslich gekostet hat.
»Was ich Sie fragen wollte, Herr Starke. Könnten Sie
mir nicht einmal ein paar Muster von Ihrer Kollektion zeigen«, wendet sich Rita
an ihn und gibt der Unterhaltung damit eine pikante Richtung.
Herr Starke ist zwar überrascht, fängt sich aber
sofort. Er spürt ihr Interesse und erkennt an ihrem Blick, dass es nicht nur
die Dessous sind, für die sich Rita interessiert.
»Ja, selbstverständlich kann ich das«, antwortet er.«
Bei Gelegenheit komme ich mal rüber und bringe eine Auswahl mit. Wenn Ihnen
davon etwas gefällt, finden wir schon einen Weg«, sagt er und zwinkert ihr zu.
In diesem Moment tönt aus dem Gerät, das Rita wie ein
Handy am Gürtel trägt, ein klägliches Weinen. »Mein Kleiner ist aufgewacht.
Ich muss nach Hause.« An ihrem Tonfall ist deutlich zu erkennen, dass sie es
bedauert. Als sie sich verabschiedet, hält sie die Hand von Herrn Starke einen
Augenblick fest, drückt sie bedeutungsvoll und sagt zu ihm: »Nicht vergessen,
das mit den Dessous!« Sie spürt, dass er ihren Druck erwidert.
6. Kapitel
Verlegenheit steht wie eine unsichtbare Wand zwischen
ihnen. Geschehen ist, wonach Rita sich gesehnt und Jahn, so nennt sie ihn jetzt,
ihr nach anfänglichem Zögern leidenschaftlich gegeben hat. Nach ihrer letzten
Begegnung war es für ihn zwar nicht ganz überraschend gekommen, doch
eigentlich hatte er, als er zu ihr ins Haus kam, nur sein Versprechen einlösen
und Rita einige seiner Musterstücke zeigen wollen. Als sie dann aber aus dem
Bad kommend, eine der raffinierten Kreationen tragend, in der Tür stehen
bleibt, ihn verführerisch anschaut, da konnte er nicht anders, war wie
hypnotisiert auf sie zu gegangen. Rita, die wohl nur darauf gewartet hatte,
schlang ihre Arme um seinen Nacken, presste sich erregt an ihn, drängte den
anfangs noch Widerstrebenden zur Couch hin, wo die Leidenschaft in hechelndem
Rhythmus über ihnen zusammenschlägt. Nun, da die aufgepeitschten Sinne
befriedigt sind, sitzen sie sich wortlos gegenüber, schauen verlegen aneinander
vorbei, wohl wissend, dass es Unrecht ist, was sie getan haben.
Nach einiger Zeit sagt Jahn, um das verlegene Warten zu
beenden: »Rita, ich muss jetzt wieder, habe noch Termine bei meinen Kunden.«
Die fällt ihm noch einmal um den Hals, will ihn mit
einem Kuss aufhalten, doch sie spürt, dass er in seinen Gedanken schon nicht
mehr bei ihr ist, gibt auf.
»Sehen wir uns bald wieder - Jahn?«, fragt sie bang.
»Natürlich! Sobald sich die Gelegenheit dazu bietet«,
stimmt der zu. »Doch hier bei euch zu Hause sollten wir uns nicht mehr treffen,
das könnte auffallen.«
»Wenn Erik nach Mittag schläft, dann hätte ich für
eine Stunde Zeit«, kommt Rita ihm bereitwillig entgegen. »Ich komme so gegen
eins ein Stück die Straße runter, dort könnten wir uns treffen. In deinem
Auto haben wir doch Platz.« Ihr Zwinkern verrät ihre Gedanken. Die kurze
Zweisamkeit hat ihr Begehren nicht stillen können.
Die Dessous, in denen sie ihn verführt hatte, schenkt
er ihr. »Zur Erinnerung«, wie er lächelnd sagt.
Als Horst am Abend von seiner Arbeit nach Hause kommt,
spürt er, dass Rita irgendwie anders ist als sonst. Sie trällert in der Küche
ein Liedchen, spaßt mit Erik und lacht Horst verschmitzt an. All ihre
Traurigkeit und ihr Pessimismus sind verschwunden. Als er sich ihr aber nähern,
sie auf seinen Schoß ziehen will, weicht sie ihm aus. »Nicht! Lass das«,
wehrt sie sich dagegen. »Ich muss noch das Abendbrot machen.« Sie wendet sich
ab und beginnt mit den Vorbereitungen.
»Warum bist du heute so aufgekratzt? Hast du etwa eine
Stelle gefunden?«, fragt Horst.
Rita reagiert nicht, ist in ihren Gedanken immer noch
bei dem Erlebnis vom Vormittag.
»Hee - du! Ich rede mit dir. Du bist ja ganz abwesend.
Was ist denn mit dir los?«, wundert sich Horst.
»Nichts«, gibt Rita zur Antwort, setzt sich zu ihm an
den Tisch, nimmt sich jetzt zusammen. Der Abend verläuft ruhig und
ausgeglichen. Sie beschäftigen sich noch eine Stunde mit ihrem Kind, bevor sie
Erik in sein Bettchen bringen. Wie üblich, geht Rita vor dem Zubettgehen als
erste ins Bad, um sich für die Nacht fertig zu machen. Ihre neue Unterwäsche
hat sie den ganzen Tag anbehalten und betrachtet sich, bevor sie die auszieht,
noch einmal wollüstig im Spiegel.
Der Zufall will, dass Horst ins Bad kommt, um sich eine
Kopfschmerztablette aus dem Medizinschrank zu holen. Erstaunt betrachtet er sie.
»Donnerwetter!«, entfährt es ihm. »Wo hast du denn
das feine Stück her?« Ihm ist sofort klar, dass diese Unterwäsche nicht zu
der Billigware gehört.
»Hast du etwa wieder...?« Den Rest der Frage lässt
er unausgesprochen. Rita ist darüber so erschrocken, dass sie sich nicht die
Zeit nimmt, um eine intelligente Ausrede zu überlegen.
»Das habe ich geschenkt bekommen«, antwortet sie
wahrheitsgetreu, ist sich in dem Moment, als sie es ausspricht schon im klaren,
dass das ein großer Fehler war; sie nun mehr zugeben muss.
Prompt reagiert Horst: »Geschenkt? Von wem?«
»Du weißt, dass bei Richters neuerdings ein Vertreter wohnt. Der hat Musterstücke,
die er nicht mehr verkaufen kann. Von dem habe ich es.«
»So, nicht mehr verkaufen. Und der schenkt dir das,
eben mal so?« Horst kommt die ganze Sache ziemlich merkwürdig vor. »Wie viel
ist denn so ein Teil wert?«, erkundigt er sich.
»Ich könnte mir selber so etwas ja nie kaufen, aber
wenn er es mir schenkt. Es ist ja nicht mehr ganz neu, ist eben nur ein Muster.
Es sieht aber noch ganz gut aus. Gefällt es dir auch?«, schwatzt sie und
kokettiert mit ihm, um Horst abzulenken. Doch der wird nur noch skeptischer.
»Wie kommt der denn dazu, dir so was zu schenken? Wir
kennen den doch gar nicht.«
»Den Herrn Starke, den hab ich drüben bei den
Richters kennen gelernt, als ich dort war und gefragt habe, ob sie den Erik
behalten würden. Da hat er von seiner Arbeit erzählt und dass er manchmal
Muster hat, die er aussortiert. Na, da haben wir ihm gesagt, dass wir Interesse
hätten, Frau Richter und ich. Heute kam er und hat mir so ein Stück gebracht.«
»Und der muss grade dann kommen, wenn ich nicht im
Haus bin.« Horst fragt nicht weiter, er malt sich die Dinge mit eigenen Bildern
aus. ‚Rita sagt mir doch sowieso nicht die Wahrheit, wenn was war, zwischen
den beiden, überlegt er und verlässt das Bad. Er hat sich in letzter Zeit
schon oft darüber Gedanken gemacht, warum Rita ihm gegenüber so verändert
ist. Immer wieder findet sie Ausreden, weist ihn ab, wenn er sich ihr nähern
will. Kommt es doch einmal zu der von ihm ersehnten Vereinigung, so spürte er,
dass sie nur widerwillig nachgibt, ihn einfach gewähren lässt. Bisher hatte
Horst darin noch keinen Anlass gesehen, eifersüchtig zu sein, doch nun hat sich
die Situation schlagartig geändert. Als er aus dem Bad kommt, versucht er
wieder einmal zärtlich zu sein, erhält erneut eine Abfuhr, bemüht sich nicht
weiter; weil er es ja erwartet hatte, sich nur noch einmal vergewissern wollte.
In dieser Nacht liegt er lange Zeit wach, grübelt.
‚Wenn sich da etwas abspielt, dann kann das nur in der Zeit sein, wenn der
Kleine schläft’, überlegt er. ‚Gleich nach dem Mittag legt sie ihn nieder.
In der nächsten Zeit werde ich einmal um die Zeit heim kommen’, nimmt er sich
vor. Er wird von Alpträumen gepeinigt, in denen Rita sich dem anderen hingibt,
ihn aber auslacht, schließlich verlässt. Morgens erwacht Horst schweißgebadet.
An einem der nächsten Tage fährt er, wie er es sich
vorgenommen hatte, während der Mittagspause nach Hause. Gut zweihundert Meter
vor dem Haus lässt er das Auto stehen und geht den Rest des Weges zu Fuß.
‚Wenn der bei Rita sein sollte, da müsste ich doch seinen Audi sehen’, überlegt
er. Doch weder vor dem Haus, noch nebenan bei Richters kann er ihn entdecken.
‚Ins Haus werde ich nicht gehen’, sagt er sich und bleibt unschlüssig
stehen. Er fährt unverrichteter Dinge zur Baustelle zurück. Rita hat Glück
gehabt, dass gerade an diesem Tag Jahn nicht zu ihrem Rendezvous kommen konnte.
»Wo warst du denn?«, erkundigt sich Rolf, als er
wieder auf der Baustelle eintrifft. »Hattest wohl was vergessen, zu Hause? Oder
konntest du nicht mehr bis heute Abend warten?«
Horst antwortet auf diese provozierende Frage nicht.
Werner ist aufgefallen, dass Horst mit seinen Gedanken oft abwesend ist. Er
redet kaum, interessiert sich nicht mehr für Fußball und Fernsehen.
»Rolf, ich glaube Horst hat Probleme«, meint Werner. »Hat er mit dir schon
gesprochen?« fragt er. Rolf verneint.
»Wir können ja mal fragen. Vielleicht traut er sich
nur nicht«, schlägt er vor. Nach Feierabend nehmen sie Horst beiseite und
fragen ihn direkt. Erst wehrt der ab, doch auf ihr Drängen hin öffnet er sich,
erzählt von seinem Verdacht, dass Rita mit dem Vertreter angebändelt haben könnte.
»Aber einen Beweis hast du nicht«, fasst Falk
zusammen. »Es kann doch auch wirklich so sein, wie Rita gesagt hat. Da musst du
schon fair bleiben.«
»Wenn da aber etwas daran ist, dann kenne ich nichts.
Ich lasse mich scheiden!«, regt Horst sich auf.
»Zu solchen Überlegungen hast du doch gar keinen Grund. Du bist eifersüchtig,
das ist alles, siehst schon Gespenster«, bremst ihn Rolf.
»Das sehe ich auch so«, pflichtet Werner bei. »Solange
du keine Beweise hast, ist das alles Unsinn. Und Rita deine Eifersucht spüren
lassen, das wäre nicht korrekt. Rede noch einmal mit ihr, ganz in Ruhe.«
»Ich denke nicht daran! Die sagt mir das doch sowieso
nicht, wenn sie eine Affäre hatte. Aber ich bekomme das schon noch heraus. Dem
Kerl dreh ich den Hals um, wenn an der Sache etwas dran ist, das könnt ihr mir
glauben.«
»Du musst selber wissen, was du machst, aber mit
Gewalt wirst du nichts erreichen. Rita würde sich in dem Fall bestimmt spontan
gegen dich entscheiden und das wahrscheinlich endgültig«, gibt Werner zu
bedenken. Sie lassen das Thema fallen, verabschieden sich bis zum nächsten Tag.
Das kann doch nicht sein, habe die Pille doch
immer genommen!’ Rita will es einfach nicht wahrhaben, obwohl seit dem Tag, an
dem ihre Regel hätte einsetzen müssen, schon über zwei Wochen vergangen sind.
Noch wehrt sie sich vehement gegen den Gedanken schwanger zu sein. Trotzdem hat
sie vorsorglich einen Teststreifen aus der Apotheke besorgt und benutzt den am nächsten
Morgen. Das Ergebnis ist positiv.
Der Schock, den diese Erkenntnis in ihr auslöst,
sitzt tief. ‚Das kann nicht sein! Das darf nicht sein!’, wiederholt sie. Von
panischer Unruhe getrieben, kann sie keinen klaren Gedanken fassen. ‚Ich weiß
ja nicht einmal sicher, von wem das Kind ist’, gesteht sie sich ein. ‚Ein Glück,
dass ich Horst nicht völlig abgewiesen habe. So wird er mir glauben, dass es
seins ist.’ Aufgeregt läuft sie in der Stube hin und her, schüttelt immer
wieder verzweifelt ihren Kopf. ‚Vielleicht ist der Test ja auch gar nicht so
sicher?’ Rita klammert sich an diesen Funken Hoffnung, versucht sich damit zu
beruhigen. ‚Auf jeden Fall werde ich zu meiner Ärztin gehen’, nimmt sie
sich vor. ‚Und, wenn das Kind doch nicht von Horst sein sollte? Ob das eines
Tages heraus kommt? Es ist vielleicht tatsächlich das Beste, wenn ich es mir
wegmachen lasse. Was wird Jahn dazu sagen, ob der zu mir hält?’ Diese
Gedanken quälen Rita ohne dass sie zu einem Ergebnis kommt.
Als sie Jahn das nächste Mal trifft, bemüht
sie sich besonders lieb zu ihm zu sein, ihm alle Wünsche zu erfüllen. Danach
bleiben sie noch eine Weile zusammen und Rita, eng an ihn geschmiegt, beginnt
ganz vorsichtig: »Du Jahn, ich muss dir noch etwas sagen. Es fällt mir nicht
leicht aber du musst es wissen.«
Der ist guter Dinge und macht ihr Mut. »Du
brauchst dich doch nicht zu genieren, sage einfach was du möchtest. Ich finde
schon einen Weg.« Er nimmt an, dass Rita ihn um etwas bitten wird. Doch als sie
ihm ihr Geheimnis leise ins Ohr flüstert, schiebt er sie abrupt von sich weg.
»Schwanger? Du bist schwanger?«, fragt er
erschrocken. »Aber nicht von mir!«, behauptet er sofort, sitzt ganz steif
neben ihr. »Du hast doch gesagt, dass du die Pille nimmst, dass nichts
passieren kann.«
»Die habe ich doch auch genommen, aber es ist
trotzdem passiert. Jahn ich bin sicher, das Kind ist von dir!«
»Du hast doch bestimmt auch mit deinem Mann
geschlafen?«, fragt der. Rita schweigt, was er als Zustimmung deutet.
»Dann ist das Kind von ihm! Etwas anderes
darfst du gar nicht erst denken; schließlich bist du verheiratet! Stell dir mal
vor, was dein Mann sagen würde, wenn er erfährt, dass es nicht sein Kind ist.«
»Der rastet aus. Das verzeiht der mir nie«,
antwortet Rita erschrocken.
»Also bleibt dir gar nichts anderes übrig. Du
sagst, dass es sein Kind ist!«
Als Rita ihn verzweifelt ansieht, zu weinen
beginnt, sich an ihn klammern will, wieder sagt, dass es bestimmt sein Kind sei,
fährt er sie barsch an: »Für mich spielt das überhaupt keine Rolle. Wenn du
schwanger geworden bist, dann ist das schließlich deine Schuld. Du hast die
Pille vergessen, nicht ich. Rede du mit deinem Mann, der freut sich vielleicht
sogar über die Neuigkeit«, sagt er zynisch.
»Wie kannst du nur so herzlos sein, nach allem,
was zwischen uns gewesen ist? Und ich habe gedacht, du liebst mich. Ich wollte
mich sogar von meinem Mann scheiden lassen, um mit dir zusammen zu leben.« Rita
schluchzt und verlässt heulend das Auto, in dem sie gemeinsam so viele schöne
und aufregende Erlebnisse hatten.
»Du kannst es doch wegmachen lassen. Das wäre
überhaupt die beste Lösung!«, ruft er ihr nach, dann gibt er Gas und fährt
weg.
Es tut ihr weh, begreifen zu müssen, dass Jahn
nur seinen Spaß gesucht hat, will nicht wahrhaben, dass es so ist. Hatte sie
doch fest daran geglaubt, dass auch er sie liebt, tatsächlich mit dem Gedenken
gespielt, sich von Horst zu trennen, um mit Jahn ein neues Leben zu beginnen.
Doch nun ist plötzlich alles anders. ‚Der hat
mich nur benutzt, der Lump’, sagt sie sich und ist voller Abscheu und Wut über
seinen Vertrauensbruch. ‚Für ihn war es billiger und bequemer, als in einen
Puff zu gehen.’ Rita hasst ihn jetzt, gleichzeitig sehnt sie sich nach seinen
Liebkosungen, wird von ihren Gefühlen hin und her gerissen.
Langsam geht sie zum Haus zurück. Sie wischt
sich die Tränen aus dem Gesicht, versucht ihrer Gefühle Herr zu werden. Ein
klein wenig Hoffnung hat sie noch. ‚Der wird es sich bestimmt noch einmal überlegen,
hat das sicher nicht ernst gemeint. Er war von der Nachricht so überrascht, als
er das gesagt hat’, tröstet sie sich.
Zwei Wochen sind seit dem letzten Treff mit Jahn
vergangen. Rita fällt es nicht leicht, ihren Zustand vor Horst zu verbergen.
Ihre Stimmungen wechseln, ab und zu wird ihr schlecht, ihr Appetit schlägt
Purzelbäume. Doch ihre Angst davor, dass Horst, der wie sie spürt schon
misstrauisch geworden ist, nachforschen könnte, hält Rita davon ab, ihm von
ihrer Schwangerschaft zu erzählen.
‚Das Kind muss weg - Jahn hat schon recht’,
versucht sie einen Entschluss zu fassen, zweifelt aber sofort wieder. ‚Wenn
ich mir das Kind wegmachen lasse, dann muss ich für ein paar Tage ins
Krankenhaus. Wie soll ich Horst das erklären?’, überlegt sie, findet keinen
Ausweg aus ihrer verzweifelten Lage.
Rita zögert und schiebt die Entscheidung, es
Horst zu sagen, vor sich her; obwohl klar ist, dass ihr die Zeit wegläuft, dass
jeder Tag den sie wartet, die Frage, „Warum erst jetzt?", immer
berechtigter werden lässt. Von Jahn erwartet Rita, seit er sie skrupellos im
Stich gelassen hat, keine Hilfe mehr. Zwei Tage, nachdem sie ihm gesagt hatte,
dass sie schwanger ist, war er bei Richters ausgezogen, ohne eine Nachricht zu
hinterlassen. Keine Telefonnummer, keine Adresse, keinen Gruß - nichts. Nachdem
sie sich einige Tage vergeblich damit abgequält hatte, allein mit dem Problem
fertig zu werden, ihr das aber nicht gelang, nimmt sie all ihren Mut zusammen
und beichtet Frau Richter ihre Not. Doch diesmal findet sie bei ihr kein Verständnis.
Rita spürt, dass die sich während ihrer Beichte innerlich von ihr zurückzieht.
»Was du da gemacht hast Rita, das ist ein
derartiger Vertrauensbruch, den kannst du vielleicht gar nicht wieder gut
machen. Du musst mit deinem Mann reden, egal was dann wird. Viel Zeit hast du
nicht mehr. Wenn du deinem Mann jetzt nichts sagst, dann wird der bald selbst
merken, dass du schwanger bist. Was sagst du ihm dann?«
Auch als Rita die Tränen über die Wangen
rinnen, sie Frau Richter aus ihren rot geweinten Augen flehend anblickt, Hilfe
suchend ihre Hand nehmen will, ändert die ihre Meinung nicht. Im Gegenteil, sie
entzieht sich ihr, steht auf und setzt sich an die gegenüber liegende Seite des
Tisches. Schweigen herrscht zwischen den beiden Frauen.
»Ich soll wohl gehen?«, fragt Rita, über die
Reaktion von Frau Richter erschrocken, erhält keine Antwort, versteht auch so.
Weitere vier Wochen sind vergangen. Rita hat
sich erst jetzt dazu durchgerungen, Horst ihre Schwangerschaft zu beichten. Sie
hat ihn deshalb an diesem Sonntagmorgen nicht abgewiesen, ihn gewähren lassen.
Ja, sie ist sogar, ihm leidenschaftliche Gefühle vorspielend, aufgeritten, was
für sie seit langem tabu war.
So beginnt der Tag friedvoll. Die Sonne scheint
bereits hell ins Zimmer, als sie das zerwühlte Bett verlassen. Rita deckt, nach
kalter Dusche, den Frühstückstisch draußen im Garten, wie sie es schon oft
bei schönem Wetter getan hat. Auch Erik ist bisher ruhig geblieben.
»Ist das nicht ein herrlicher Tag heute? Wie im
Urlaub«, stellt Horst zufrieden fest, als er sich an den gedeckten Tisch setzt
und in die Sonne blinzelt. Sie nehmen sich Zeit, essen genussvoll, beschäftigen
sich mit Erik, planen das vor ihnen liegende Wochenende. Als sie mit allem
fertig sind, wird Rita nervös. Sie steht auf, stellt das Geschirr zusammen,
setzt sich wieder, nimmt Erik hoch, blickt Horst verstohlen an, gibt ihm den
Kleinen auf den Schoß.
Horst strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus, was
ihr Mut macht. Eigentlich war es ihre Absicht, die Geste zu wiederholen, mit der
sie ihn damals, als sie mit Erik schwanger ging, darauf aufmerksam gemacht
hatte. Doch als sie vor ihm steht, verlässt sie der Mut.
Verwundert blickt Horst sie an. »Ist etwas?«,
fragt er, weil er fühlt, dass Rita etwas sagen möchte, sich jedoch nicht
traut. Rita nimmt ihm Erik ab, setzt ihn in sein Stühlchen und sich an seiner
Stelle selbst bei Horst auf den Schoß. Sie schlingt ihm ihre Arme um den Hals,
bringt ihren Mund ganz nahe zu seinem Ohr und flüstert ihm leise ihr Geheimnis
zu.
Horst rührt sich eine Zeit lang nicht, dann
streift er ihre Arme ab, fasst Rita bei den Schultern und blickt sie zweifelnd
und überrascht an. »Schwanger? Du bist wieder schwanger? Aber du nimmst doch
die Pille - hast du gesagt.« Die Nachricht hat ihn aus der Fassung gebracht.
»Ich habe sie doch auch immer eingenommen«,
behauptet Rita. »Die sind wahrscheinlich doch nicht so sicher, wie immer
behauptet wird«, versucht sie sich zu rechtfertigen.
»Wie lange weißt du das schon?«, erkundigt
sich Horst.
»Ich habe gehofft, dass es falscher Alarm ist,
deshalb gezögert, es dir zu sagen. Aber nun ist es klar«, weicht sie einer
konkreten Antwort aus. Anstatt sich darüber zu freuen, weist Horst auf die
Konsequenzen hin. »Da kannst du das mit dem Arbeiten gehen aber voll vergessen.«
»Ich weiß, es kommt nicht grade zu einem günstigen
Zeitpunkt, das habe ich mir doch schon gedacht. Bei Erik, da war es was anderes,
da haben wir uns gefreut. Weißt du es noch?« Eine Zeit lang schweigen beide,
überlegen...
»Nun ist es einmal passiert«, sagt Horst. »Wir
schaffen das schon. Aber eigentlich wollten wir ja kein Kind mehr. Das weißt
du.«
»Ich habe auch schon dran gedacht, es wegmachen
zu lassen. Das wäre vielleicht die beste Lösung«, antwortet Rita, um zu prüfen,
was er dazu sagt.
»Kommt nicht in Frage!«, widersetzt sich
Horst.
Rita ist das gar nicht recht. Sie befürchtet,
es könne eines Tages herauskommen, dass das Kind nicht von Horst ist. Nach
ihrer Erinnerung war sie in der Zeit, in der es passiert sein muss, mit Horst
gar nicht zusammen. Doch so ganz genau weiß sie es nicht mehr.
Horst hat nachgerechnet. ‚Es ist schon ein
bisschen merkwürdig dass es gerade in der Zeit passiert sein soll, als bei uns
so lange Funkstille geherrscht hat’, grübelt er. ‚Vielleicht war doch mehr
dran mit dem Kerl von nebenan? Aber nachweisen kann ich ihr es nicht.’ Er behält
seine Zweifel erst einmal für sich.
»Wir können uns ja noch in Ruhe überlegen,
was mir machen. Noch haben wir Zeit.« Damit versucht Rita erst einmal von dem
heiklen Thema abzulenken. Sie hat ja erreicht, was sie wollte. Beide räumen
Geschirr und Kuchen weg. Jeder ist mit seinen Überlegungen beschäftigt, so
dass kein Gespräch zustande kommt. Doch Horst geht der Gedanke, dass Rita nicht
von ihm schwanger sein könnte, nicht mehr aus dem Sinn. Immer wieder versucht
er sich zu erinnern, wie das damals vor acht Wochen war, denn so weit muss der
Zeitpunkt zurückliegen. ‚Das war doch in der Zeit, als der Kerl nebenan
gewohnt hat’, grübelt er.
‚Damals war Rita so merkwürdig, ließ nicht
mit sich reden, wollte von mir nichts mehr wissen. Aber an einmal erinnere ich
mich. Da hatten wir während einer Geburtstagsfeier ein bisschen tüchtig
zugelangt. Ich glaube in der Nacht ist etwas passiert. Es wäre also doch möglich,
dass ich der Vater bin. Vielleicht lasse ich später doch mal einen
Vaterschaftstest machen.’
7.
Kapitel
Die Tage vergehen. Horst spricht mit seinen Kollegen
Werner und Rolf über seine Probleme, erhofft sich Rat. Doch die halten sich
raus. Aus ihren Worten kann er entnehmen, dass sie es für besser halten, wenn
er die ganze Angelegenheit auf sich beruhen lässt.
Sein Misstrauen ist wohl auch der Grund dafür, dass
Horst, als sie wieder einmal heftig darüber diskutieren, ob Rita das Kind
austragen soll oder nicht, in der Erregung seine Zweifel ausspricht.
Rita erschrickt heftig. Nicht so sehr darüber, dass
Horst ihrer eigenen Vermutung nahe kommt, sondern vor allem darüber, dass nun
die Gefahr besteht, er könnte eines Tages auf Klärung dringen. Mit energischem
Protest geht sie deshalb dagegen an. Sie stellt sich, die Arme in die Seiten
gestützt, vor ihn hin und faucht: »Willst du mich beleidigen? Denkst wohl, du
kannst dir alles erlauben, kannst dich um deine Verantwortung drücken? Es ist
dein Kind! Doch nun ist mir klar, ich muss es wegmachen lassen, sonst werde ich
nicht mehr froh. Du wirst es mir immer wieder vorwerfen.«
»Wenn es wirklich von mir ist, dann bekommst du es -
basta!«
Damit beendet Horst die Debatte. Das Thema ist für ihn
abgeschlossen. In der Folgezeit unterbricht er jeden Versuch Ritas, mit ihm noch
einmal über darüber zu reden.
Die wiederum traut sich nun nicht mehr zur
Beratungsstelle zu gehen, um den für die Abtreibung nötigen Schein zu holen.
Die Zeit vergeht und schließlich ist es zu spät dafür. Obwohl noch Misstrauen
schwelt, bemühen sich beide, ihre Beziehung langsam wieder zu verbessern.
Rita verdrängt ihre Angst, dass ihr Kind nicht von
Horst sein könnte und der wiederum redet sich ein, dass er der Vater ist. Bei
der Geburt dabei zu sein, lehnt Horts allerdings ab.
Als er zur Klinik fährt, um Rita und das Neugeborene
zu besuchen, ist er nicht mehr so aufgeregt, wie er es damals bei Erik war. Er
hat Blumen besorgt, doch er vermisst die freudige innere Spannung.
Rita wartet bereits mit bangem Gefühl. Ahnt sie doch,
dass er die Zweifel an seiner Vaterschaft noch immer nicht vergessen hat. Stolz
präsentiert sie ihm das Baby. In eine weiße Decke gehüllt, ist von dem jedoch
nicht viel zu sehen. Winzig klein ist das faltige, noch rot angelaufene
Gesichtchen. Die Augen hält es fest geschlossen.
»Ist sie nicht lieb?«, fragt Rita, atmet auf, als
Horst das nickend bestätigt. »Sie hat deine Augen. Ihre sind genauso blau«,
betont sie und legt ihm das kleine Bündel in die Arme.
»Lassen wir es bei dem Namen?«, fragt er. Bereits vor
der Geburt hatten sie sich darüber geeignet, dass sie das Baby, sollte es ein Mädchen
werden, Freni nennen.
»Wir können da nichts mehr ändern? Ich musste den
Namen vor der Geburt aufschreiben. Es ist doch ein schöner Name - oder?« Rita
ist wegen seiner Frage irritiert, nimmt an, dass Horst seine Meinung geändert
hat.
»Nein, nein! Ich bin einverstanden, habe nur so
gefragt«, wiegelt der ab. Er hat sich zu Rita ans Bett gesetzt, ihr Freni zurück
gegeben und hält nun wortlos ihre Hand.
»Wie kommst du denn mit Erik zurecht?«, erkundigt
sich Rita, um das Schweigen zu beenden.
»Gut! Er ist bei Richters. Da fühlt er sich wohl.«
Rita ist erstaunt; denn nach der abrupten
Verabschiedung durch Frau Richter hatte sich die Beziehung zu den Nachbarn
merklich abgekühlt.
»Ich konnte ihn doch nicht die ganze Zeit allein
lassen. Und mitbringen darf ich ihn nicht. Die nächsten Tage bleibe ich erst
einmal zu Hause, habe mir eine Woche Urlaub genommen. Du kannst ja auch nicht
gleich herum wirtschaften, wenn du wieder zu Hause bist.«
»Richte Grüße von mir aus - an Richters«, bittet
sie und hofft, mit seiner Hilfe das Verhältnis zu ihnen wieder verbessern zu können.
»Kann ich machen. Die werden sowieso neugierig fragen,
wie es euch geht.« Sie unterhalten sich noch einige Zeit lang, dann meint
Horst: »Ich werde wieder gehen. Länger kann ich Erik nicht bei Richters
lassen. Das wird denen bestimmt zuviel.« Er erhebt sich, beugt sich über Rita
und gibt ihr einen Kuss, streichelt das Baby ganz vorsichtig, fragt, ob sie
einen Wunsch hat, den er erfüllen kann, wenn er das nächste Mal zu Besuch
kommt. Als sie verneint, nickt er, geht zur Tür, winkt noch einmal zurück.
Zu Hause angekommen, beeilt er sich, Erik abzuholen.
Richters sitzen im Garten und versuchen Erik gerade dazu zu bringen, dass er von
einem zum anderen tappst. Obwohl der sich alle Mühe gibt, setzt er sich auf
seinen Hintern, sobald sie ihm die stützende Hand entziehen. Frau Richter amüsiert
sich darüber, während Herr Richter ganz ernst bei der Sache ist. Als sie Horst
kommen sehen, schildern beide aufgeregt, sich gegenseitig ins Wort fallend, dass
Erik heute die ersten Schritte vollbracht hat.
»Er ist zwar noch ein bisschen wacklig auf seinen
kleinen Beinen, aber in zwei bis drei Wochen läuft er richtig«, behauptet Frau
Richter. »Sie müssen ihm nur noch ein bisschen helfen. Er gibt sich große Mühe.«
Horst nimmt Erik hoch, herzt und drückt den Kleinen.
»Wie geht es Rita?«, erkundigt sich Herr Richter und
vergewissert sich mit einem Blick zu seiner Frau, dass es auch in ihrem Sinne
ist.
»Ich soll Grüße an Sie ausrichten«, entledigt sich
Horst seines Versprechens. »Den beiden geht es gut. Dass es ein Mädchen ist,
das hatte ich doch schon gesagt.«
»Wie habt ihr sie denn genannt?«, möchte Frau
Richter wissen.
»Freni! Der Name hat uns gefallen. Er ist auch nicht
so häufig.«
»Freni? Ein schöner Name«, bestätigen die Beiden
unisono.
»Wenn Sie wieder in die Klinik fahren, dann schicken
wir ihr einen schönen Strauß Blumen aus unserem Garten mit«, sagt Frau
Richter. »Und wenn dann das Baby zu Hause ist, kann Rita Erik ruhig mal zu uns
bringen.«
Horst bedankt sich für die angebotene Hilfe und geht,
mit Erik auf dem Arm, nach Hause.
An den Tagen, die es noch dauert, bis er Rita aus der Klinik abholen darf,
begreift er, wie viel Mühe und Arbeit dazugehört, Garten und Haus in Ordnung
zu halten und auch Erik zu versorgen. Für sich zu kochen, dazu kommt er gar
nicht, gibt sich mit Fertiggerichten aus der Büchse zufrieden. Erik, der nun
immer öfter versucht, seinen Willen durchzusetzen, hat schnell begriffen, dass
ihm das bei seinem Vati immer dann am besten gelingt, wenn er kräftig schreit,
strampelt, sich auf den Boden wirft und steif macht. Sobald er damit Erfolg
hatte, lacht und strahlt er, brabbelt vor sich hin, bis er etwas neues entdeckt,
das Spiel wiederholt.
Horst geht das auf die Nerven. Er bringt nicht die
Kraft auf, das zu ignorieren, rauft sich die Haare und wartet sehnsüchtig
darauf, dass Rita wieder das Zepter in die Hand nimmt.
Mit »Gott sei Dank!«, empfängt er sie vor der
Klinik, nimmt ihr das Baby ab und lässt sie einsteigen. Erik, der im
Kindersitz, im Fond des Autos festgegurtet ist, streckt seine Händchen nach ihr
aus, windet sich und ruft immer wieder: »Ma... Ma...« Davon gerührt, setzt
sich Rita neben ihn, streichelt ihn liebkosend.
Mit der kleinen Freni zieht Unruhe ins Haus ein. Der
Tagesablauf muss umgestellt werden. Doch diesmal gelingt es ihnen besser. Das
Bettchen von Erik haben sie ins Schlafzimmer gebracht und Rita schläft mit
Freni im Kinderzimmer. So hat Horst seine Ruhe, ist am Morgen ausgeschlafen.
Rita nimmt die nächtlichen Unterbrechungen ihres
Schlafes geduldig hin. Nach einigen Wochen hat sich Freni schon gut entwickelt.
Sie schläft schon fast bis zum Morgen. Wenn sie gefüttert ist und trocken
liegt, strahlt sie, sobald jemand in das Kinderbettchen blickt.
Erik steht oft davor, zeigt auf sie und sagt mühsam »...ni,
...ni«. Die großen runden Augen des Babys leuchten, wenn man sich mit ihm
beschäftigt.
Horst erkannte schon bald, dass sie nicht blau sind,
wie Rita gesagt hatte, sondern grau-grün. Eine Augenfarbe, die weder seiner,
noch der von Rita entspricht. Wieder grübelt er. Erneut quälen ihn Zweifel
und, obwohl er sich dagegen zu wehren versucht, schwelt in ihm Antipathie gegen
das Baby.
Wenn Rita ihm Freni in die Arme legen will, wehrt er es
ab.
»Du, das ist noch nichts für mich. Mit meinen
schweren Händen tue ich ihr weh. Wenn sie ein Stück gewachsen ist, dann nehme
ich sie schon.« Mit diesem Argument entzieht er sich ihrem Versuch.
Eines Tages stehen Richters mit einem Blumenstrauß und
einem Päckchen vor der Tür. »Wir wollten euch zu dem Nachwuchs gratulieren«,
sagt Frau Richter und drückt Rita, ein wenig verlegen, Blumen und Päckchen in
die Hand. Dann folgt das Ritual des Bestaunens und der Bewunderung.
»Darf ich sie mal raus nehmen?«, erkundigt sich Frau
Richter und nachdem Rita ihr Einverständnis gegeben hat, hebt sie das Baby ganz
vorsichtig aus seinem Bettchen. Für Freni kommt das wohl etwas überraschend,
sie kennt ja die fremde Frau noch nicht. Also zieht sie erst einmal einen
Flunsch. Sie schwankt zwischen Lachen und Weinen; entscheidet sich aber unter
viel gutem Zureden für das Lachen, akzeptiert das fremde Gesicht.
Rita hat den Blumenstrauß in eine Vase gesetzt und
stellt diese so auf den Tisch, dass er gut zur Geltung kommt. Während Frau
Richter das Baby in den Armen schaukelt, erzählt Rita von der Zeit im
Krankenhaus.
Horst hat inzwischen eine Flasche Sekt aus der Küche
geholt, stellt Gläser auf den Tisch.
»Na, da wollen wir sie mal pinkeln lassen«, sagt er,
schenkt ein und erhebt sein Glas.
»Auf ihre Gesundheit und auf ein langes, glückliches
Leben!«, erwidert Herr Richter und stößt mit allen an. Sie sitzen noch fast
eine Stunde zusammen, bereden dies und das; wobei ihnen die Themen gar nicht
wichtig sind.
Rita ist heilfroh, dass sich die Beziehung wieder
normalisiert.
8.
Kapitel
An diesem Sonnabend geht aber auch alles schief. Schon
am Morgen verstopft beim Kaffeekochen der Filter der Maschine. Die braune Brühe
läuft auf den Küchentisch und bildet dort eine dampfende Lache, die langsam
auf den Rand der Arbeitsplatte zu kriecht. Nachdem sie ihn erreicht hat, tropft
sie in drei dünnen Fäden auf den Fußboden, um dort zu hässlichen Flecken zu
verspritzen . »So ein Mist!«, schimpft Rita, als sie aus dem Bad kommend die
Bescherung sieht. Rasch zieht sie den Stecker der Kaffeemaschine und stellt
diese auf einen Teller, der den noch immer überlaufenden Kaffee auffangen soll.
Dann greift sie nach einem Tuch und versucht den Schaden zu beheben.
Horst
betritt gähnend die Küche, sieht ihre hektischen Bemühungen und muss darüber
lachen. »Was hast du jetzt schon wieder angestellt?«, fragt er kopfschüttelnd.
»Das
siehst du doch! Der Kaffee ist übergelaufen. Ich habe dir schon ein paar Mal
gesagt, dass wir eine neue Maschine brauchen«, reagiert Rita verärgert. »Brauchst
gar nicht so zu lachen; hilf mir lieber!«, knurrt sie verärgert und wirft ihm
ein Tuch zu.
»So
was passiert auch nur dir«, mokiert sich Horst und beginnt auf dem Fußboden
herumzuwischen.
»So
etwas Ungeschicktes!«, kommentiert Rita seine halbherzigen Bemühungen und
nimmt ihm das Tuch aus der Hand. »Lass das, ich mache es schon!«
»Na
dann eben nicht!« Horst setzt sich auf die Eckbank und sieht Rita bei ihren Bemühungen
mit spöttischem Lächeln zu. Aus dem Kinderzimmer klingt Frenis Weinen. Kurze
Zeit darauf meldet sich auch Erik, der wahrscheinlich dadurch wach geworden ist.
»Kannst
du nicht mal nachsehen? Ich kann hier nicht weg, das siehst du doch!« Ritas
Tonfall klingt gereizt.
Horst
steht auf und geht ohne ein Wort der Erwiderung nach oben ins Schlafzimmer.
Weinend steht Erik im Kinderbett und streckt ihm seine Händchen entgegen. »Na
komm, mein Kleiner, ich nehme dich raus«, sagt Horst tröstend und liebkost
ihn. »Das Geschrei von deiner Schwester hat dich wohl aufgeweckt?« Er hebt
Erik aus dem Bettchen und schaukelt ihn in seinen Armen, bis er sich beruhigt
hat. Inzwischen schreit das Baby nebenan ganz erbärmlich, doch Horst tut nicht
dergleichen.
»Kümmere
dich doch auch mal um die Kleine!«, ruft Rita zu ihm hinauf. »Hörst du nicht,
wie sie schreit?«
Horst
gibt der Kinderzimmertür einen Tritt, dass diese mit lautem Knall ins Schloss fällt.
Das Baby erschrickt darüber so, dass es für einen Augenblick verstummt, um
danach nur um so lauter zu weinen.
Rita
kommt nach oben gehastet, geht ins Kinderzimmer und nimmt das Baby hoch. Es
dauert geraume Zeit, bis es sich beruhigt hat. Der Blick, mit dem Rita Horst
bedenkt, als er ins Kinderzimmer kommt, spricht Bände. Am Frühstückstisch ist
die Stimmung nicht die Beste.
Da
der Supermarkt zu weit entfernt ist, als dass Rita die Einkäufe ohne Auto
erledigen könnte, müssen sie noch dort hin fahren. In der Woche braucht Horst
den Wagen, um zu den oft entfernt liegenden Baustellen zu kommen. Den
Einkaufzettel hat Rita bereits geschrieben. Ohne ihn geht sie nicht mehr in den
Supermarkt, hält sich auch strikt daran und unterdrückt tapfer alle anderen Wünsche.
»Aber
die Heulboje nehmen wir nicht mit«, protestiert Horst und zeigt auf Freni. »Die
ist satt. Trocken gelegt hast du sie. Wenn sie trotzdem schreit, dann soll sie
von mir aus.« Um Horst nicht noch mehr zu reizen, bringt Rita das Baby wieder
hinauf ins Kinderzimmer, legt es in das Kinderbettchen und deckt es fürsorglich
mit einer Decke zu. Dann schaltet sie das Babyphon ein. Es benachrichtigt sie über
ihr Handy, wenn Freni schreien sollte.
Horst
ist mit Erik bereits zum Auto gegangen. Als Rita kommt, sitzt er bereits stolz
in seinem Kindersitz.
Im
Supermarkt herrscht reger Betrieb. Langsam schlendern sie durch die Gänge
zwischen den Regalen und arbeiten Ritas Einkaufzettel ab. Sie haben es fast
geschafft, als sich der Babyruf meldet. Rita presst das Handy ans Ohr, lauscht.
»Das
klingt aber komisch«, kommentiert sie das Geräusch, das aus dem Handy klingt.
»Das
liegt bestimmt an dem Gerät«, wiegelt Horst ab. Rita lauscht nochmals.
»Nein
Horst, da stimmt etwas nicht, lasse uns schnell heim fahren! Wenn dem Kind nun
etwas passiert ist?« Rita reicht ihm das Handy. »Höre doch selber einmal!«
Auch
Horst kommt merkwürdig vor, was er da hört. Er stellt den vollen Einkaufswagen
neben der Kasse ab.
»Wir
lassen das Zeug stehen, das nimmt uns keiner weg, holen es später! Ich sage an
der Information Bescheid, dann fahren mir.«
Rita
zerrt Erik, der sich heftig dagegen sträubt, von seinem beliebten Sitz auf dem
Einkaufswagen. Doch darauf kann sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Bevor sie das
Haus erreichen, vergehen zehn Minuten. Voll unguter Ahnung eilt Rita die Treppe
hinauf. Alles ist ruhig. Horst folgt ihr dicht auf den Fersen. Beide drängen
fast gleichzeitig in das Kinderzimmer. Stille! Das Baby ist nicht zu sehen. Fast
völlig unter der Decke verborgen rührt es sich nicht. Nur ein
strampelhosenbekleidetes Beinchen ragt auf einer Seite des Bettchens zwischen
den Gitterstäben heraus.
Rita
zieht schnell die Decke weg und merkt, dass sich das Baby darin verheddert hat.
Seine Augen sind geschlossen, als schlafe es. Als Rita ihr Töchterchen hoch
nimmt, spürt sie, dass der kleine Körper schlaff ist.
»Um
Gottes Willen, Horst! Die Kleine ist tot!«, schreit Rita ihren Schreck und ihre
Angst heraus. Der sagt nichts, nimmt Freni vorsichtig aus ihren Armen, legt sie
auf die Liege und tastet an ihrem Hals nach dem Puls.
»Schnell,
rufe den Notarzt! Sie ist ohnmächtig«, sagt er und schiebt Rita weg. Während
die zum Telefon eilt, massiert Horst ganz vorsichtig die Brust des Babys. Es
vergehen bange Sekunden, dann spürt er, dass es atmet und fühlt nun auch den
Puls wieder.
»Sie
lebt! Rita, sie lebt!«, ruft Horst ihr zu. Tränen rinnen ihm über die Wangen.
Rita
kommt zurück, fällt vor der Liege auf die Knie und tastet ganz vorsichtig nach
dem Baby.
»Der
Notarzt ist bereits unterwegs.« Sie wendet Horst ihr tränenüberströmtes
Gesicht zu. »Sie lebt, wirklich, sie lebt«, es klingt wie eine Erlösung aus
tiefster Not. »Wir hätten sie fast umgebracht, wir Egoisten!« Der
Wagen des Notarztes fährt vor, dann geht alles sehr schnell.
Horst
führt den Mann im weißen Kittel zu der kleinen Patientin. Ihr scheint es etwas
besser zu gehen. Erst ist es ein Hüsteln, dann ein herzzerreißendes Wimmern.
Der Arzt bemüht sich um sie, blickt die Eltern fragend an. Bevor die den
Hergang erklären können, trifft der Krankenwagen ein. Rita will mit zur Klinik
fahren, ist nicht davon abzubringen. Um keine Zeit zu verlieren, stimmt der Arzt
zu.
Horst
bleibt allein zurück. Er muss sich nun erst einmal um Erik kümmern, der ganz
verstört im Kinderzimmer zurückgeblieben ist. Er hat wohl gefühlt, dass etwas
Ungewöhnliches passiert ist.
Nach
zwei Stunden kommt Rita mit einem Taxi zurück. Still und in sich gekehrt setzt
sie sich ins Wohnzimmer. Immer noch rinnen ihr Tränen über die Wangen, tropfen
auf ihre Bluse und hinterlassen da feuchte Flecken.
Horst
kommt mit Erik auf dem Arm ins Zimmer. Der macht sich steif, will runter,
bekommt seinen Willen. Sofort tapst er zu seiner Mutti hin, wird hoch genommen.
Er streichelt ihr über die tränennassen Wangen, schmiegt sich an sie. Es ist
so, als spüre er, dass sie Trost braucht.
Horst hat sich neben Rita gesetzt und legt seinen Arm um sie. Die wehrt ihn
nicht ab. »Was hat der Arzt gesagt?«, fragt er kleinlaut, ist sich seiner
Schuld wohl bewusst.
»Wir haben Glück gehabt. noch ein paar Minuten und sie
wäre...« Rita kann nicht weiter sprechen. Das Bewusstsein, wie nahe die
Katastrophe war, schnürt ihr die Kehle zu.
Nachdem er die Folgen seiner Sturheit begriffen hat, schämt Horst sich vor sich
selbst. Auch er kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Schluchzend liegen
sich beide in den Armen. Ein banges Wochenende liegt vor ihnen. Rita und Horst,
durch die gemeinsame Sorge um Freni verbunden, kommen sich wieder näher.
Endlich dürfen sie Freni nach Hause holen.
Horst
ist wie ausgewechselt. Er kümmert sich rührend um die Kleine, schaukelt sie in
seinen Armen, badet sie sogar; was er bisher immer strikt abgelehnt hatte.
Rita
ist glücklich, sieht sie darin doch ein Zeichen, dass Horst die Zweifel an
seiner Vaterschaft begraben hat.
9.
Kapitel
Jahre sind
vergangen, die Kinder in ein Alter gekommen, in dem sie zwar auf ihre Rechte
pochen, ihre Pflichten jedoch noch nicht so ernst nehmen.
Erik besucht die zweite
Klasse und für Freni beginnt in diesem Jahr die Schulzeit . Horst ist noch bei
der Holzig-Bau GmbH beschäftigt. Auch Rita arbeitet wieder - als Putzfrau.
‚Besser als zu Hause sitzen und Däumchen drehen’, hatte sie sich gesagt und
alte Vorbehalte überwunden. Ihre Arbeitszeit beginnt sehr früh. Sie wurde so
gelegt, damit Rita bereits wieder zu Hause ist, wenn Erik zur Schule geht. Der
Job ist stressig. Innerlich hofft sie, eines Tages wieder in ihrem Beruf
arbeiten zu können. Das Geld ist knapp. Zinsen und Tilgungsraten belasten das
Budget, deshalb muss Rita mit jeder Mark rechnen.
In letzter Zeit kam es ihr
wiederholt so vor, als fehle Geld in der Haushaltskasse. Die bewahrt sie, wie
einst ihre Mutti, in einer Kaffeedose in der Küche auf. Sie will nicht glauben,
dass jemand etwas herausgenommen hat, ist sich auch nicht sicher, da sie nie
genau nachzählt hat. ‚Ich habe mich bestimmt geirrt´, tröstet sie sich.
Eines Tages kommt Erik früher nach Hause, in der Schule fiel wieder einmal eine
Unterrichtsstunde aus.
Rita, die im Garten arbeitet, beobachtet durch das geöffnete Küchenfenster,
wie er sich an dem Regal, in dem die Haushaltskasse steht, zu schaffen macht.
Erik ist so auf sein Tun
fixiert, dass er es nicht bemerkt.
‚Also doch!‘ Der
Verdacht, den sie bisher immer wieder verdrängt hatte, bestätigt sich. ‚Erik
vergreift sich an der Haushaltskasse. Dabei geben wir ihm jede Woche Taschengeld
und nicht zu knapp.‘ Schon ist sie auf dem Weg zum Fenster, um ihn auf
frischer Tat zu stellen, da überlegt sie es sich, bleibt stehen, zögert...
‚Ich werde erst einmal mit Horst darüber reden’, nimmt sie sich vor, wendet
sich ab und hustet so laut, dass Erik es hören muss.
Der wird aufmerksam,
erschrickt so, dass er beinah vom Stuhl fällt, stellt hastig die Büchse mit
dem Geld in das Regal zurück und verschwindet aus der Küche.
’Ob Mutti was gemerkt
hat?’ Ihm ist bei dem Gedanken ziemlich beklommen zumute. ‚Sie hat nicht
hergesehen, hätte bestimmt geschimpft’, tröstet er sich und ist erst einmal
beruhigt.
Als Rita später ins Zimmer
kommt, kann er seine Verlegenheit jedoch nur schwer verbergen. Er weicht ihrem
Blick aus, ist schweigsam, beschäftigt sich mit seinen Schulbüchern, was für
diese Zeit ganz ungewöhnlich ist.
»Hast du etwas?«, fragt
Rita beiläufig, um zu sehen, wie Erik reagiert. Innerlich hofft sie schon, dass
er sich überwindet und ihr sein Vergehen beichtet. Doch sie ist auch nicht sehr
enttäuscht, als das nicht geschieht. ‚Er glaubt bestimmt, ich hätte nichts
bemerkt. In seinem Alter tröstet man sich gerne mit solch falschen
Hoffnungen.’ Später entschließt sie sich dazu, die ganze Angelegenheit doch
erst einmal für sich zu behalten. ‚Wenn ich Horst davon erzähle, gibt es
bestimmt einen Heidenkrach. Der kennt kein Pardon! Vielleicht reicht ja der
Schreck und die Unsicherheit, dass ich etwas bemerkt haben könnte, schon aus,
um Erik in Zukunft vom Mausen abzuhalten.’ Vorsorglich zählt Rita jetzt jeden
Tag den Inhalt der Kasse nach, schreibt den Betrag auf einen kleinen Zettel und
legt diesen zu dem Geld in die Büchse.
Für Erik, der sich schon
daran gewöhnt hatte, sein Taschengeld hin und wieder durch einen Griff in die
Kasse aufzubessern, wird das zu einem großen Problem. Als er das nächste Mal
die Büchse aus dem Regal nimmt und darin den Zettel mit dem Betrag findet,
begreift er, dass der nicht zufällig da liegt. Doch er will nicht wahrhaben,
dass seine Mutti es seinetwegen getan haben könnte. Immerhin ist er so
verunsichert, dass er es diesmal tatsächlich nicht wagt, etwas aus der Büchse
zu nehmen. Zwei Wochen lang stellt Rita keine Differenz, fest. Schon freut sie
sich darüber, dass der kleine Trick so positive Wirkung zeigt und ist nun
bereit, das Geschehen zu vergessen. Da tritt doch ein, was sie trotz allem immer
noch befürchtet hatte.
Erik ist in Bedrängnis
geraten. Für den nächsten Tag planen seine Freunde, nach der Schule zu Mac
Donalds zu gehen. Soll er zugeben, dass er kein Geld hat, wo doch seine heimlich
Verehrte, ein Mädchen aus der Parallelklasse, mitkommen wird? ‚Kommt nicht in
Frage!’ nimmt er sich vor. ‚Wenn ich Mutti frage, ob sie mir das Taschengeld
aufbessert, dann sagt sie bestimmt nein’, ahnt er. ‚Aus der Büchse kann ich
aber auch nichts mehr nehmen. Mutti würde das bestimmt auffallen, wenn sie
nachzählt.‘ Erik sucht nach einem Ausweg. ‚Vielleicht prüft sie ja auch
gar nicht nach, ob der Betrag stimmt’, überlegt er - hofft er. An diese
Hoffnung klammert er sich, redet sich ein, dass es so ist. Kinder verwechseln
ihre Wunschträume oft mit der Realität. Nachdem er so seine Hemmungen, die ihn
bisher davon abhielten, wieder in die Büchse zu greifen, abgebaut hat, wartet
er nur noch auf einen günstigen Zeitpunkt. Der kommt, als Rita zu Richters
geht, um sich etwas auszuborgen. Erik erkennt seine Chance, blickt ihr durch das
Wohnzimmerfenster nach, bis er sicher ist, dass sie ihn nicht überraschen wird.
Er flitzt in die Küche und nimmt hastig die Büchse aus dem Regal. Auf dem
Zettel steht der Betrag von 120,75 DM. Erik zögert noch einen Augenblick, nimmt
dann doch ein Fünfmarkstück heraus. Schon will er die Büchse zurückstellen,
zögert, langt noch einmal hinein und angelt ein weiteres heraus. Dabei ist er
ist so aufgeregt, dass ihm die Büchse, als er sie zurückstellen will, aus der
Hand und zu Boden fällt. Ihr Deckel springt auf. Münzen rollen durch die Küche.
Erik erschrickt, gerät in Panik, sucht rasch zusammen, was er finden kann und
legt die Münzen in die Büchse zurück. Da er befürchtet, dass seine Mutti
bald zurück kommt, überzeugt er sich nicht mehr davon, dass er auch alle Münzen
gefunden hat.
Die Büchse hat bei dem Sturz
eine Delle abbekommen. Damit seine Mutti das nicht sofort bemerkt, kann er die
nicht mehr genau so ins Regal stellen, wie sie vorher gestanden hatte. Er muss
sie so drehen, dass die Delle nicht sofort sichtbar ist. ‚Trotzdem wird Mutti
das bestimmt bald merken.’ Erik bekommt Angst, nimmt die Büchse noch einmal
vom Regal und legt auch die zwei Fünfmarkstücke, die er entwenden wollte,
wieder hinein. ‚Dann fehlt wenigstens kein Geld und wegen der Delle wird sich
schon eine Ausrede finden lassen. Ich war es jedenfalls nicht.
Die zwei Groschen jedoch, die
in den Winkel zwischen Kühlschrank und Küchentür gerollt sind, hat er übersehen.
Eilig verlässt er die Küche, geht ins Kinderzimmer und schaltet den Computer
an.
Am darauf folgenden Tag findet Rita, als sie die Küche ausfegt, eben diese
beiden Münzen. Verwundert hebt sie die auf, ahnt den Grund. Mit vor Aufregung
zitternder Hand nimmt sie die Büchse aus dem Regal und bemerkt jetzt auch die
Delle.
’Der ist doch wieder...’,
geht es ihr durch den Kopf. Rasch nimmt sie ihren Kontrollzettel heraus und zählt
den Betrag nach. Es fehlen zwanzig Pfennig. ‚Und die habe ich in der Ecke
hinter der Tür gefunden’, schlussfolgert sie. ‚Also hat Erik doch wieder
vorsucht, Geld zu entwenden!’ Rita ist enttäuscht. ‚Er hat bestimmt den
Zettel gefunden und sich dann nicht mehr getraut, etwas zu stehlen. Aus irgend
einem Grund ist ihm die Büchse aus der Hand gerutscht und runter gefallen’,
vermutet sie. ‚Dabei sind die zwei Groschen heraus gerollt und die Büchse hat
die Delle abbekommen.’ Sie lässt die Büchse auf dem Küchentisch stehen, ist
nun fest entschlossen, Erik damit zu konfrontieren.
»Erik, komm doch mal runter!«,
ruft sie nach oben. Der rührt sich nicht, tut so, als habe er es nicht gehört.
Ihm schwant schon, dass ihm da Unangenehmes bevorsteht. Doch es hilft ihm
nichts. Im Gegenteil, Rita wird nur noch ärgerlicher und schreit laut und
hysterisch, dass er es nicht mehr überhören kann: »Erik! Hast du nicht gehört?
Du kommst sofort runter!«
Die Lautstärke und der
harsche Ton sagen ihm, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Doch er versucht
wenigstens zu verzögern. »Ich schalte nur noch den Computer aus!«, ruft er
zurück. Danach kommt er langsam die Treppe herunter.
Rita sitzt in der Küche.
Eriks Gehabe und sein trotziger Blick lassen ihre Wut überkochen. Sie springt
auf, geht auf ihn zu und haut ihm, der darauf überhaupt nicht vorbereitet ist,
eine schallende Ohrfeige.
»Mausedieb du!«, faucht sie ihn an. »Was denkst du dir dabei, Geld aus meiner
Wirtschaftskasse zu klauen? Wenn ich das Vati erzähle, da kannst du was
erleben.«
Erik steht ganz verdattert
da, hält sich die schmerzende Wange, Tränen glitzern in seinen Augen.
Mit der Ohrfeige und ihrem
Wutausbruch hat sich Rita abreagiert. Sie ärgert jetzt sich sogar, dass sie so
unbeherrscht gewesen ist, hat ein schlechtes Gewissen.
Erik versucht gar nicht erst
die Sache abzuleugnen oder sich zu verteidigen. Die Ohrfeige hat ihn geschockt.
Das ist ihm schon seit Jahren nicht mehr passiert. Seine erste Reaktion ist
Trotz, doch dann rinnen ihm die Tränen über die Wangen, er schämt sich.
Rita zieht ihn auf ihren Schoß,
er tut ihr jetzt leid. Sie nimmt ihn in die Arme, sagt leise: »Das machst du
nicht wieder! Versprichst du mir das?«
Erik sagt kein Wort. Die Tränen
und sein Schuldbewusstsein hindern ihn daran. Er schluchzt, nickt nur heftig und
schmiegt sich an seine Mutti.
Freni, die gerade in die Küche
gekommen ist, als Erik die Ohrfeige bekam, blickt ganz verstört auf die beiden.
Sie geht zu Rita und drängt sich an sie.
Der ist es gar nicht recht,
dass Freni die Szene miterlebt hat. »Geh mal raus in den Garten«, fordert Rita
sie auf. `Ich muss mit Erik reden!` Energisch schiebt sie Freni in Richtung Tür.
Die gehorcht, doch ihre großen, runden, fragenden Augen hält sie auf Rita
gerichtet, bis sie über die Türschwelle stolpert. Rita wendet sich wieder Erik
zu. »Warum hast du das gemacht?«
Erik zögert... »Ich weiß
nicht...«, versucht er einer konkreten Antwort auszuweichen.
»Ach, du weißt gar nicht,
warum du Geld gestohlen hast?« Rita hat Erik bei den Schultern gefasst, hält
ihn mit gestreckten Armen von sich weg.
Er blickt zu Boden.
»Sieh mich an, wenn ich mit
dir rede!«, fordert sie den Jungen auf. Erik hebt den Kopf, seine Augen sind tränennass,
doch er gibt auch jetzt auf ihre Frage keine Antwort.
»Wir geben dir doch
Taschengeld - jede Woche.«
»Ich mach’s nie wieder!«,
stammelt er und versucht sich los zu winden. Doch damit hat er kein Glück.
Rita fasst so fest zu, dass
er es unterlässt. »Was hast du
mit dem Geld gemacht?«
»Manchmal habe ich etwas zu
essen gekauft. Solche Milchschnitten - die schmecken...« Erschrocken hält er
inne.
»Ach! Deshalb bringst du die
Schnitten so oft wieder mit. Ich muss die dann essen, damit Vati nichts bemerkt.«
»Ihr habt doch gesagt, dass
ich mit meinem Taschengeld machen kann, was ich will!«, begehrt Erik jetzt
vorsichtig auf.
»Und wenn es alle ist, dann
greifst du in die Haushaltskasse, so einfach ist das.«
»Ich habe doch schon gesagt, dass ich das nicht wieder mache. Aber sage bitte
Vati nichts davon.« Das ist jetzt seine größte Sorge, denn seine Mutti wird
ihm verzeihen, das spürt er, aber Vati?
»Wie viel hast du aus der
Kasse genommen?«
»Ich weiß das nicht so
genau, aber viel ist es bestimmt nicht gewesen, ich hatte ja immer solche Angst,
dass du was merken könntest.«
Rita überlegt: `Ganz ohne
Konsequenz kann das nicht abgehen`, sagt sie sich.
»Also! Die nächsten vier
Wochen wird dein Taschengeld um ein Drittel gekürzt!«, legt sie fest.
»Nein, bitte nicht!« Erik
ist über diese Konsequenz erschrocken.
»Mir fehlt das Geld zum
Einkaufen. Du willst doch essen; und Freni und Vati auch. Hast du dir das nicht
überlegt?«
Das hat Erik tatsächlich
nicht bedacht. Geld ist für ihn noch ein Ding mit sieben Siegeln. Es ist doch
immer da, wenn es gebraucht wird. Von den Sorgen, die seine Eltern deshalb oft
plagen, haben sie den Kindern nichts erzählt.
’Es war wohl nicht richtig,
ihm eine Ohrfeige zu hauen’, überlegt Rita... Ihre Gedanken werden durch
Freni abgelenkt, die ganz vorsichtig die Küchentür öffnet und herein luncht.
»Na kommt, wir gehen Vati
ein Stück entgegen«, schlägt Rita jetzt vor und gibt Erik einen aufmunternden
Schubs.
Freni ist bei dem Gedanken,
dass sie ja dann mit Vatis Auto zurückfahren können, begeistert. Doch Erik zögert.
»Was hast du denn gemacht?
Deine linke Wange ist ja ganz rot?«, fragt Horst erstaunt, als Erik ins Auto
und auf den Platz neben ihm klettert. Deutlich sind die Spuren der Finger zu
erkennen.
»Nichts!«, sagt der rasch
und blickt sich verstohlen zu seiner Mutti um, die inzwischen mit Freni im Fond
sitzt. Rita ist das jetzt unangenehm. Schweigen!
Wieder blickt Horst fragend
zu Erik hinüber. »Sieht fast so aus, als hättest du eine Ohrfeige bekommen«,
bemerkt er. »Habt ihr euch in der Schule wieder geprügelt?« Eriks Gesicht läuft
puterrot an.
»Ich hab ihm eine gehauen«,
antwortet Rita für Erik und erspart ihm damit die Antwort. »Ich erzähle dir
später, warum.« Sie möchte Erik nicht im Beisein von Freni bloßstellen. Bis
sie zu Hause ankommen, herrscht Schweigen. Auch während des Abendessens wird
nicht darüber gesprochen. Erst nachdem sie die beiden Kinder zu Bett gebracht
haben, kommt Horst auf seine Bemerkung wegen der roten, geschwollenen Wange von
Erik zurück.
»Du hast Erik eine runter
gehauen? Warum?« Rita kann nun nicht anders, als ihm zu sagen, dass Erik in die
Haushaltskasse gegriffen hat. Horst reagiert nicht sofort, blickt sie ungläubig
an. Dann sitzt er lange schweigsam in seinem Sessel und trinkt sein Bier.
‚Der überlegt bestimmt,
welche Strafe das nach sich ziehen muss.’ Sie möchte seiner Entscheidung
zuvorkommen, denn sie kennt ihn. Wenn er einmal etwas gesagt hat, nimmt er es
nicht wieder zurück.
»Ich habe ihn schon bestraft«,
beugt sie deshalb vor. »Habe ihm für die nächsten Wochen sein Taschengeld gekürzt.
Er hat mir in die Hand versprochen, so etwas nie wieder zu machen.«
»Das ist nun das Ergebnis
deiner laschen Erziehung! Wie oft habe ich schon gesagt, dass wir die Kinder
konsequenter erziehen müssen. Aber immer wenn ich etwas sage, stellst du dich
vor sie. Jetzt hast du es...«
Mit einem solchen Vorwurf
hatte Rita am allerwenigsten gerechnet, obwohl sie doch zugeben muss, dass, was
die Erziehung betrifft, zwischen ihnen oft unterschiedliche Auffassungen
herrschen. »Jetzt mach’s mal halblang! Du bist ja kaum zu Hause. Glaubst
wohl, in den paar Stunden, die du die Kinder siehst, durch Strenge alles richten
zu können. Ich verbringe mit ihnen den größten Teil des Tages. Da kann ich
nicht immer nur schimpfen«, verteidigt sich Rita.
»Sollst du doch auch gar
nicht. Aber konsequent müsstest du wenigstens sein. Nicht erst etwas von ihnen
verlangen und wenn sie sich dagegen sträuben, später doch wieder nachgeben.«
»Höre auf damit!« Rita
wird ärgerlich. »Wenn du es besser kannst, dann bleib zu Hause und erzieh sie!«
Sie weiß natürlich, dass das gar nicht möglich ist, Horst arbeiten muss,
damit die Familie ernährt und ihre Schulden abgezahlt werden können. Doch
gerade deshalb sagt sie es ja.
»Lassen wir das! Du siehst
ja doch nichts ein.«, resigniert Horst. »Deshalb wird sich aber eben auch
nichts ändern und wir müssen mit solchen unschönen Konsequenzen leben.«
Rita schweigt zu seinen Vorwürfen.
»Dich stört ja nicht
einmal, dass Erik so unordentlich ist. In seinem Zimmer sieht es schlimm aus.
Hast du schon einmal in seinen Schrank gesehen?«, fragt Horst in vorwurfsvollem
Ton.
»Da ist Erik keine Ausnahme«,
wendet Rita dagegen ein. »Ich habe mit den Eltern anderer Kinder gesprochen.
Bei denen gibt es die gleichen Probleme. Die Jugend ist heute nun einmal so.«
»Na wunderbar! Da haben wir
ja die Lösung. Die Jugend ist eben so! Also lohnen sich die Anstrengungen gar
nicht. Aber warum das so ist, danach fragt niemand. Alle scheuen die
Unbequemlichkeiten, die mit einer konsequenten Erziehung verbunden sind.« Horst
ist aufgestanden und geht, mit hinter dem Rücken verschränkten Händen, im
Zimmer auf und ab.
»Wie meinst du das?«, fragt
ihn Rita irritiert.
»Wie ich es schon gesagt
habe. Viele Eltern sind heute tolerant, geben immer wieder nach, um ihre Ruhe zu
haben. Das hat bittere Konsequenzen für die Kinder. Für die sind Pflichten im
elterlichen Haus lebensnotwendiges Training für ihr späteres Leben. Denn dann
kommen Pflichten auf sie zu, denen sie sich nicht entziehen können. Wenn ihnen
aber das Training fehlt, dann sind sie nicht darauf vorbereitet. Erst
schmerzhafte Erfahrungen zwingen sie dann zu der Erkenntnis, dass das nicht mehr
so funktioniert, wie früher bei ihren Eltern, dass das Leben keine Rücksicht
kennt. Ein unnötiger und schmerzhafter Prozess.«
»Aha! Ich bin zu tolerant,
das meinst du doch. Aber ich habe einfach nicht die Nerven dazu, mich immer
wieder mit den Kindern zu streiten. Wie oft habe ich schon die Zimmer der Kinder
aufgeräumt, ihnen erklärt, wie es zu sein hat. Sinnlos!«
»Was schlägst du vor?«,
versucht Horst ihr entgegen zu kommen.
»Vielleicht sollten wir sie
mehr mit unseren Problemen vertraut machen. Wenn Erik gewusst hätte, wie
sparsam mir mit dem Geld umgehen müssen, um alle Verpflichtungen erfüllen zu können,
wäre er sicher gar nicht auf die Idee gekommen, in die Haushaltskasse zu
greifen.«
»Meinst du, dass das viel ändert?
Für die Kinder ist der Wert des Geldes doch noch gar nicht fassbar. Sie kennen
die Mühe noch nicht, die wir dafür aufwenden müssen. Aber es ist ja nicht
allein, dass er zu Hause unehrlich und liederlich ist. Auch in der Schule werden
seine Zensuren schlechter. Immer öfter muss ich Noten unterschreiben, die mir
gar nicht gefallen. Meine Ermahnungen haben da bisher nichts geholfen. Weil du
ihn dann immer in Schutz nimmst!«
»Jetzt reicht es mir aber!«,
begehrt Rita gegen die erneuten Vorwürfe auf. »Wer sorgt denn dafür, dass er
die Schularbeiten macht? Wer übt mit ihm? Du etwa? Der Lehrstoff ist wirklich
nicht einfach, da muss man schon Verständnis haben, wenn mal eine Arbeit
daneben geht.«
»Siehst du! Schon wieder
hast du Argumente, die sein Verhalten rechtfertigen. Genau das ist es, was ich für
falsch halte! «, sagt Horst erregt.
Rita zuckt mit den Schultern,
möchte nicht weiter diskutieren. Sie sieht keine Chance für eine Einigung.
Als Erik von der Schule nach Hause kommt, erwartet ihn eine unangenehme Überraschung:
»Heute räumst du dein
Zimmer auf!«, empfängt ihn Rita. »Ich war drin, da liegt ja alles wie Kraut
und Rüben durcheinander.« Erik ist davon gar nicht begeistert, sieht er doch
die Notwendigkeit überhaupt nicht ein, überhört die Aufforderung deshalb erst
einmal, hofft damit durchzukommen. Irrtum!
»Hast du nicht gehört? Du
sollst dein Zimmer aufräumen!«, wiederholt Rita ihre Forderung nun in
energischem Ton. »Oder muss ich es erst deinem Vater sagen?«, droht sie. »Du
weißt, dass der da keinen Spaß versteht und alles, was nicht ordentlich drin
liegt, aus deinem Schrank raus wirft.«
Damit hatte Erik bereits zweimal unangenehm Erfahrung gemacht.
»Ich geh ja schon«,
antwortet er deshalb in mürrischem Ton. Aus Protest hangelt er sich auf eine
Art an dem Treppengeländer zum ersten Stock hinauf, von der er genau weiß,
dass sich seine Mutti darüber ärgert. Doch die durchschaut sein Gebaren, übersieht
es diesmal, verschafft ihm keine Genugtuung. Unwillig und bockig rafft Erik die
im Zimmer verstreuten Kleidungsstücke zusammen und verstaut diese im Schrank,
indem er sie wahllos in die Fächer stopft. Von dem seit Tagen nicht gemachten
Bett zerrt er Deckbett, Kopfkissen und Laken und rammelt alles fluchend in den
Bettkasten. Wütend tritt er dagegen, als der sich, so unsachgemäß gefüllt,
dem unter das Bett schieben widersetzt. Nun bleibt noch der Schreibtisch, auf
dem ungeordnet Hefte, Spielzeug, Stifte und allerhand Kram liegen. Nur die
Schulhefte, die kontrolliert werden, bei denen ihm von umgeknickten Ecken Ärger
droht, behandelt er mit einer gewissen Vorsicht, verstaut sie in seiner
Schultasche. Das andere verschwindet, so, wie er es greifen kann, in den beiden
Schubladen, die zum Glück noch alles fassen. Erik weiß, dass seine Mutti ihn
kontrollieren kommt. Bis dahin muss zumindest der äußere Anblick Ordnung vortäuschen.
Danach schaltet er den Computer ein und lädt eines seiner Videospiele.
Tatsächlich vergeht kaum
eine halbe Stunde, bis Rita das Kinderzimmer betritt, um sich davon zu überzeugen,
dass Erik ihrer Aufforderung nachgekommen ist. Die Veränderungen im Zimmer
nimmt sie mit Genugtuung zur Kenntnis.
»Hattest du nicht gesagt,
dass du noch Schularbeiten erledigen musst?«, fragt sie verwundert, als sie ihn
am Computer sitzen sieht.
»Mach ich doch noch. Hab
doch morgen erst in der dritten Stunde Unterricht. Unser Mathelehrer ist krank,
da fallen die zwei ersten Stunden aus.«
Während Rita mit ihm spricht, hat Erik sein Spiel nicht unterbrochen, ballert
munter weiter. Darüber ärgert die sich und öffnet, als unwillige Reaktion
darauf, den Kleiderschrank, was sie sonst vermieden hätte. »Das soll aufgeräumt
sein?« Die Schärfe in ihrem Tonfall schreckt Erik auf.
»Ich find schon, was ich
brauche.«, verteidigt er sich unwillig.
»Komm, mir schaffen zusammen
Ordnung«, schlägt Rita versöhnlich vor, doch Erik hat keine Lust und murrt.
Als Reaktion nimmt sie die Sachen aus dem obersten Fach des Kleiderschrankes.
Pullis, Hemden, Socken, Unterwäsche, die Trainingshose, alles liegt dort wirr
durcheinander.
»Na, sieh dir das mal an! So
eine Liederlichkeit! Alles verknittert! Nein, so können wir das nicht lassen!«
Als Erik immer noch nicht dergleichen tut und unverdrossen weiter spielt, geht
sie zu ihm und schaltet den Computer mitten im Spiel aus.
»Du, das darf man nicht
machen! Da geht der kaputt!«, protestiert Erik erschrocken.
»Dann höre, wenn ich dir
etwas sage!«, schneidet Rita jeden weiteren Protest ab, fasst Erik hart am Arm
und zieht ihn zum Tisch, auf dem sie die Sachen ausgebreitet hat.
»Ich lege sie zusammen und
du räumst sie ordentlich in deinen Schrank ein.« Widerwillig muss Erik sich fügen.
»Hoffentlich guckt sie nicht
doch noch in meine Schreibtischfächer«, überlegt er besorgt. Um das zu
vermeiden, holt er, als alles im Kleiderschrank verstaut ist, rasch seine
Schulsachen aus der Tasche. »Ich mach jetzt meine Schularbeiten.«, sagt er und
setzt sich an seinen Schreibtisch, tut ganz beschäftigt.
Rita, die keine Lust auf
weitere Auseinandersetzungen hat, geht wieder hinunter in die Küche, wo die
Zubereitung des Abendbrotes auf sie wartet.
10.
Kapitel
Als
Horst nach Hause kommt, spürt er nichts mehr von der Auseinandersetzung die es
am Morgen gegeben hatte.
Auch
Rita vermeidet jedes Wort darüber, denn seit einiger Zeit hat sich das Verhältnis
zwischen Horst und seinem Sohn ohnehin sehr abgekühlt. Der spürt das und
wendet sich mit Fragen lieber an seine Mutti, was wiederum Horst beleidigt und
recht ruppige Reaktionen verursacht. Jetzt am Abendbrottisch geschieht das
wieder.
Erik
stochert lustlos in seinem Essen, worauf Horst ihn anfährt: »Wenn du keinen
Hunger hast, dann lass es stehen, aber stochere nicht so darin herum, das regt
mich auf!«
Freni
hingegen, die sich damit bei ihrem Vati einschmeicheln möchte, isst ordentlich.
Prompt wird sie gelobt.
»Nimm
dir ein Vorbild an Freni. Du mäkelst immer nur rum. Kein Gemüse, keine Milch,
keinen Käse. Da kannst du ja nicht groß und kräftig werden.«
Doch
diese Vorhaltungen führen nur dazu, dass Erik gar nichts mehr isst. Horst nimmt
ihm, dadurch provoziert, kurz entschlossen den Teller weg, geht in die Küche
und kippt das Essen in den Mülleimer.
»Du weißt ja gar nicht, was Hunger ist! Für heute gibt es nichts mehr!«, fährt
er Erik an. »Und nun verschwinde ins Kinderzimmer. Ich will mich am Abend nicht
noch aufregen müssen.« Er fasst Erik grob am Arm und schiebt ihn zur Tür
hinaus.
Rita,
der Erik leid tut, will ihm nachgehen, doch das bringt Horst noch mehr in Rage.
»Bleib gefälligst hier!« fährt er sie an, als er ihre Absicht erkennt.
»Was ist denn mit dir los? Kannst den Kleinen doch nicht so
behandeln. Damit erziehst du ihn nicht, im Gegenteil, der wird immer bockiger«,
sagt sie und geht trotz seines Protestes zu Erik ins Kinderzimmer. Zu ihrer
Verwunderung ist der durch den Rüffel von seinem Vater nicht sehr betroffen. Er
sitzt bereits wieder am Computer und spielt. Rita versucht ihm ins Gewissen zu
reden, denn die immer stärker werdende Abneigung von Horst bereitet ihr Sorgen.
»Erik, du darfst deinen Vati nicht immer so ärgern«,
versucht sie ihm ins Gewissen zu reden. »Hast du ihn denn gar nicht ein
bisschen lieb. Guck mal; der arbeitet den ganzen Tag schwer, damit wir das Haus
bezahlen können und immer genug zu essen und anzuziehen haben. Und das Geld für
dein Fahrrad, das wir dir zu deinem Geburtstag geschenkt haben, auch das musste
dein Vati erst verdienen.«
Diese
Ermahnung scheint Wirkung zu zeigen, denn Erik fragt: »Mein Fahrrad? Das hat
Vati bezahlt?« Darüber, wo eigentlich das Geld für die Geschenke herkommt,
hatte er sich noch nie Gedanken gemacht.
Rita dringt weiter in ihn: »Komm, gehe und hab deinen Vati lieb. Der ist
bestimmt ganz traurig drüber, dass er sich immer so über dich ärgern muss.«
Dazu ist Erik allerdings nicht bereit. Zu sehr hat es ihn geärgert, dass sein
Vater ihm das Essen entzogen hat. Außerdem bekommt er nun Hunger, wagt das aber
nicht zu sagen. Er wendet sich wieder seinem Computerspiel zu. Rita lässt ihn
allein, denn sie begreift, dass es jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist, Erik
von seinem Fehlverhalten zu überzeugen.
Horst hat inzwischen den Abendbrottisch abgeräumt und spielt
mit Freni. »Na, was macht unser Herr Sohn?«, fragt er bissig. »Wenn der
Hunger bekommt, dann meldet der sich schon!« Damit ist für ihn die
Angelegenheit erledigt.
»Es
macht mir Sorgen, wie ihr zwei miteinander umgeht«, greift Rita das Thema
nochmals auf. »Auch, dass er kein Gemüse isst und keine Milch trinkt, an
Butter und Käse nicht ran will. Am liebsten würde er von Spaghetti und
Tomatensoße leben, oder von solchem Schokoladenzeug. Ob wir mal mit ihm zum
Arzt gehen?«
»Quatsch!
Der ist stur, will seinen Kopf durchsetzen«, hält Horst dagegen. »Gegessen
wird, was auf den Tisch kommt, und wem das nicht schmeckt, der lässt es
bleiben. Verhungern wird der nicht, da musst du dir keine Sorgen machen.«
»Aber
du isst doch auch nicht alles!«, erinnert ihn Rita an seine eigenen Schwächen
»Wenn ich Grießbrei kochen würde, na, da möchte ich dich mal hören, was du
sagst.«
»Das
kannst du doch nicht vergleichen«, wehrt sich Horst. »Ich brauche etwas Festes
zwischen die Zähne, muss ja den ganzen Tag hart arbeiten, das kostet Kraft. Die
hab ich nicht, wenn ich mir solche Pampe rein würge.«
»Und
Rotkraut? Das isst du doch auch nicht«, bohrt Rita weiter. Horst reagiert
darauf nicht, steht auf, holt sich eine Flasche Bier und schaltet das Fernsehgerät
ein. Damit ist das Gespräch zu Ende, das weiß Rita aus Erfahrung.
Wieder
sind Jahre vergangen...
Erik
wird im Herbst die Schule verlassen. Eigentlich hatten seine Eltern ja gehofft,
dass er mit Abitur abschließt. Diesen Wunsch mussten sie aufgegeben, als sich
seine Zensuren so verschlechterten, dass dafür keine Chance mehr bestand. Nun müsste
er sich wenigstens intensiv um eine Lehrstelle bemühen. Doch nachdem die ersten
Versuche, in seinem Wunschberuf Automechaniker unter zu kommen, fehlgeschlagen
sind, zeigt er daran kein Interesse mehr. Wiederholt haben Rita und Horst sich
mit ihm unterhalten, welche Berufe für ihn noch in Frage kämen. Immer wieder
fordern sie ihn auf, sich wenigstens einmal über andere Berufe zu informieren.
»Was soll bloß
aus dem Jungen werden, wenn der sich für nichts interessiert?«, klagt Rita und
blickt Horst Hilfe suchend an. »Wir können ihm doch nicht immer alles
abnehmen, der muss doch endlich begreifen, dass er sich um seine Zukunft selber
kümmern muss.«
Horst
nickt zustimmend.
»Er
fühlt sich für nichts verantwortlich, glaubt, dass er weiter so bequem zu
Hause und auf unsre Kosten leben kann. Wir sollten ihm klar machen, dass er auch
Pflichten hat und sein Geld bald selbst verdienen muss, wenn er welches haben möchte«,
schlägt Rita vor.
»Wenn
er nach Hause kommt, reden wir mit ihm«, stimmt Horst zu.
Als sie das Thema dann aufgreifen, wird deutlich, dass Erik das ganz anders
sieht: »Warum soll ich denn noch mehr Bewerbungen schreiben? Das hat doch
sowieso keinen Sinn. Es gibt nicht genug Lehrstellen!«, wehrt der ab, schiebt
die Schuld für seine Gleichgültigkeit von sich weg.
Horst
legt seine Hand auf Eriks Schulter und blickt ihm in die Augen. »Damit kannst
du dich zwar jetzt trösten, Erik, aber deine Zukunft sieht dann trübe aus. Du
möchtest wahrscheinlich am liebsten weiterhin so leben, wie du es bisher
gewohnt bist. Steckst deine Beine unter unseren Tisch, doch das klappt nicht auf
Dauer! Auch du hast Pflichten!«
»Ach,
lasst mich doch in Ruhe!«, antwortet Erik patzig und entzieht sich weiteren
Auseinandersetzungen dadurch, dass er das Zimmer verlässt und murrend nach oben
geht.
Schon
seit einiger Zeit spüren Rita und Horst, dass er sich ihrem Einfluss immer mehr
entzieht, ihren Rat nicht mehr schätzt. Noch scheuen sie vor der Wahrheit zurück,
erkennen es nicht als Folge ihrer widersprüchlichen Erziehung an. Sie führen
es vielmehr darauf zurück, dass er sich einer Clique von Jungen und Mädchen
angeschlossen hat. Aus Mangel an sinnvoller Beschäftigung und eines anderen
Aufenthaltplatzes lümmeln die zum Ärger der Fahrgäste an der Bushaltestelle
herum. Nicht ganz zu unrecht. Für Erik besteht der Reiz, der von seiner Clique
ausgeht, darin, dass er dort als Gleicher unter Gleichen anerkannt ist. Niemand
macht ihm da Vorschriften, wie er sich verhalten soll oder fordert etwas von
ihm.
»Wir
wollen heute leben, morgen ist morgen!« Das ist die Illusion, der sie sich
hingeben. Es gelingt ihnen damit zwar, ihre Pflichten zu negieren und ihre
Zukunftsangst zu unterdrücken; doch sie bringen sich dadurch in große Gefahr.
Diese Illusion entschuldigt ihr Nichtstun, verneint die heutige Verantwortung für
das Morgen. Der Einfluss des Fernsehens und der Videospiele, die oft falsche
Ideale propagieren, zeigt darin seine Wirkung.
Nachdem
Erik aus dem Zimmer gegangen ist, überlegen Horst und Rita wieder sorgenvoll,
was sie noch dagegen tun können, dass er sich immer mehr von ihnen lossagt.
»Der
lässt uns nicht mehr an sich ran. Wenn Zureden aber nicht mehr hilft, dann
sollten mir uns etwas anderes einfallen lassen«, resümiert Horst, ohne jedoch
etwas konkretes vorzuschlagen. »Was meinst du mit: „einfallen lassen“?«,
hakt Rita nach.
»Vielleicht
sollten wir für jede Bewerbung, die er abschickt, eine Art Prämie aussetzen. Für
Geld ist er doch immer noch empfänglich.«
Rita
schüttelt ihren Kopf.
»Nein, damit
ändern wir seine Einstellung nicht wirklich. Wir belohnen Erik für eine
Selbstverständlichkeit. Der denkt dann, dass das immer so weiter geht.«
Horst
nickt. »Hast recht, das würde nichts an seiner Einstellung ändern. Er würde
zwar Bewerbungen schreiben, doch nicht, weil er eingesehen hat, dass die für
seine Zukunft wichtig sind, sondern nur, weil er aufs Geld scharf ist. Wir müssen
uns etwas einfallen lassen, was ihm unter die Haut geht, ihn zum Nachdenken
zwingt.«
»Was
ihm unter die Haut geht, das ist richtig«, stimmt Rita ihm zu. »Vor allem aber
müssen wir ihn von der Clique wegbringen, wenn nötig mit Druck.«
»Druck
hilft da nicht«, bemerkt Horst. »Er muss sich aus freien Stücken von den
Chaoten trennen.«
»Er
muss wenigstens denken, er das aus freien Stücken tut«, präzisiert Rita. »Ich
hoffe ja immer noch, dass er selbst begreift, dass die Clique nicht der richtige
Umgang für ihn ist. Hauptsache, er kommt dort nicht auch noch mit Drogen in
Kontakt«, fügt sie hinzu.
»Das
kann heute auch in der Schule passieren«, hält Horst dagegen. »Bis jetzt
raucht er ja auch noch nicht. Wahrscheinlich ist er gar nicht so leicht zu
beeinflussen und mir machen uns mehr Sorgen als nötig.«
Rita
sieht es Horst an, dass der sich seiner Worte nicht sicher ist. »Ich denke, wir
sollten erst einmal so tun, als wollten wir seine Aufforderung, ihn in Ruhe zu
lassen, ernst nehmen. Wir lassen ihn wirklich eine Weile in Ruhe, kümmern uns
nicht mehr als unbedingt nötig um ihn«, sagt Horst und Rita widerspricht
nicht.
Da
Erik hungrig ist und niemand etwas bringt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als
nach einiger Zeit doch wieder in die Küche zu gehen, wo seine Eltern noch beim
Abendbrot sitzen.
»Die
essen alleine?«, stellt er verwundert fest und ist noch mehr überrascht, dass
seine Mutti auch gar keine Anstalten macht, für ihn zu decken, wie sie es doch
sonst immer getan hat. Horst verhält sich ihm gegenüber völlig gleichgültig,
nimmt ihn gar nicht zur Kenntnis.
»Kann
ich auch etwas essen?«, fragt Erik irritiert.
»Wenn
du etwas essen möchtest, dann musst du dir schon selbst etwas zurecht machen«,
antwortet Rita prompt. »Wir sollen dich in Ruhe lassen, hast du gesagt - schon
vergessen? Das kannst du haben! Wir lassen dich in Zukunft in Ruhe, und du lässt
uns in Ruhe. Hast ja deine Clique«, setzt sie bissig hinzu.
Eine solche Reaktion hatte Erik von seinen Eltern nicht erwartet. ‚Was die
jetzt abziehen, das ist doch unfair’, denkt er sich.
»So
habe ich das doch nicht gemeint«, versucht er die unangenehmen Folgen
abzuwenden.
»Es
kommt überhaupt nicht darauf an, wie du es meinst, Erik! Es kommt lediglich
darauf an, wie mir es verstehen«, macht Horst ihm die Lage klar. »Und mir
haben verstanden, dass wir dich in Ruhe lassen sollen. Also lassen wir dich auch
in Ruhe, werden uns nur noch um das Nötigste kümmern. Dass etwas zu Essen da
ist, zum Beispiel. Ob du dir etwas nimmst oder nicht, das ist deine Sache, da
reden wir dir nicht mehr rein; zufrieden?«
Seine
Mutti räumt den Tisch ab, stellt das Geschirr in die Spülmaschine, dann
verlassen sie demonstrativ die Küche.
Erik
bleibt, von der Konsequenz, mit der seine Eltern reagiert haben, schockiert,
noch eine ganze Zeit sitzen.
‚Das
können die doch mit mir nicht machen, die müssen sich um mich kümmern!’,
empört er sich. Er will einfach nicht glauben, dass sie es ernst meinen. Dann
bleibt ihm jedoch, da er Hunger hat und etwas essen möchte, nichts anderes übrig,
als sich selbst zu bedienen. Wütend
holt er Brot aus dem Schrank, doch
bereits bei dem Versuch, einen Kanten abzuschneiden, beginnen die
Schwierigkeiten. Ungeschickt versucht er es mit dem Messer, rutscht ab... Glück
gehabt, die Haut hat nur einen Kratzer abbekommen, der kaum blutet.
‚Verdammter
Mist verdammter!’, kommentiert Erik seine Ungeschicktheit. Auf einen Teller
verzichtet er demonstrativ, legt die Schnitte einfach auf den Tisch, bestreicht
sie mit Margarine. Er nimmt gleich mit den Fingern einige Scheiben Wurst aus der
Dose, legt sie darauf, beginnt widerwillig zu kauen. Die Cola trinkt er aus der
Büchse. Doch so ganz zufrieden ist er nicht. Er ist es ja anders gewöhnt. Als
Erik fertig ist, lässt er absichtlich alles liegen, wischt auch den Tisch nicht
ab, will so seinen Protest demonstrieren. Es zieht ihn zu seiner Clique. Dort
erzählt er, was ihm zu Hause passiert ist, doch er erntet nicht den erwarteten
Trost, im Gegenteil sie lachen über ihn.
»Mann, du hast keinen Mumm, lässt das einfach mit dir
machen. Meine Alte traut sich so was schon lange nicht mehr!«, prahlt der
„Lange“, der zwar nicht besonders intelligent ist, jedoch auf Grund seiner
destruktiven Energie zum, wenn auch negativen, Vorbild in der Clique geworden
ist.
Gegen
ihn kommt Erik nicht an, das weiß er. Das verstärkt noch die Wut, die in ihm
kocht, er muss sich abreagieren, egal wie. Die Bank, auf die sich die Fahrgäste
setzen, wenn sie auf den Bus warten, sucht er sich als Opfer aus, springt auf
die Sitzfläche, wippt so lange, bis die Leisten nachgeben und brechen, reißt
auch noch die Bruchstücke aus ihrer Befestigung. Die anderen schauen seinem Tun
zu, treiben in dabei noch an. Erst als die Sitzfläche der Bank total zerstört
ist, lässt Erik von ihr ab.
11.
Kapitel
Einer der Anwohner musste beobachtet haben, was Erik
da treibt.
Völlig überraschend stehen plötzlich zwei
Polizisten vor ihm. ...keine Möglichkeit, zu entkommen und auch keine, die Tat
abzustreiten.
Als Erik später, nachdem auf dem Revier ein
Protokoll aufgenommen wurde, nach Hause kommt, schleicht er mit schlechtem
Gewissen in sein Zimmer. ‚So ein Scheiß! Mussten die mich erwischen. Ich
hatte überhaupt keine Chance, wegzulaufen. Die hat bestimmt einer von den
Grufties angerufen. Wenn ich wüsste, wer das war, der könnte etwas erleben’,
schimpft er vor sich hin, versucht die Schuld für seine missliche Lage auf den
Anrufer abzuwälzen. ‚Wenn meine Eltern davon Wind bekommen, da kann ich mir
vielleicht was anhören. Ich werde den Schaden ersetzen müssen. Das kostet
bestimmt allerhand. Von meinem bisschen Taschengeld kann ich das nie bezahlen.
Ich muss mir etwas einfallen lassen, wie ich zu Geld komme’. Erik ist unschlüssig,
ob er seinen Eltern alles beichten soll, oder ob es besser ist, erst einmal
abzuwarten. ‚Heute nicht mehr!’, entschließt er sich. ‚Die auf der
Polizei haben gesagt, dass ich mit einer Anzeige rechnen muss. Bevor die
eintrifft, werde ich es ihnen aber sagen, sonst wird es noch schlimmer. Aber
vorher muss ich eine Idee haben, wie ich den Schaden wieder gut machen kann.’
Diese Nacht schläft Erik unruhig. Immer wieder wacht er auf, grübelt darüber
nach, wie er das Geld beschaffen könnte. Ein Zufall bringt Erik der Lösung
seines Problems näher.
Auf dem Schulweg trifft er Steffen aus dem
Nachbarhaus, der gerade dabei ist, Werbematerial zu verteilen. »Lohnt sich das?«,
fragt Erik interessiert und zeigt auf den Packen bunter Zettel auf Steffens Gepäckträger,
erhält ein kurzes: »Na klar!«, als Antwort. Das ermöglicht ihm die
Interpretation, die er sich wünscht. Erik erkundigt sich, wohin er sich wenden
muss, um an so einen Job zu kommen.
»Wenn du willst, kannst du den in den nächsten
Wochen für mich machen. Ich will mal eine Zeit aussetzen.«, schlägt Steffen
vor.
»Das mach ich.«, antwortet Erik und sie verabreden
sich gleich für den nächsten Tag bei der Werbefirma.
Ganz so viel wie er gehofft hatte wird er doch nicht
verdienen, obwohl das Gebiet, in dem er das Werbematerial austragen soll,
ziemlich groß ist. Und er muss noch die Zustimmungserklärung seiner Eltern
vorlegen.
Am Abend spricht er mit seinen Eltern darüber, dass
er den Job annehmen will, um selbst Geld zu verdienen. Den eigentlichen Grund
verschweigt er noch, hofft auf ein Wunder. ‚Bisher ist die Anzeige noch nicht
eingetroffen’, tröstet er sich. ‚Vielleicht kommt die ja auch gar nicht.’
Erik hofft immer noch, dass die ganze Angelegenheit im Sande verläuft.
Sein Vater ist schon ein wenig verwundert, als Erik
ihm das Formular für die Zustimmungserklärung vorlegt. Nach seiner Ansicht
passt das so gar nicht zu Eriks derzeitigem Gebaren, doch innerlich freut er
sich darüber.
Rita blickt ihn an, als wolle sie sagen: ‚Na siehst
du, er ist doch kein schlechter Kerl!’ Sie erkundigen sich noch, wo Erik die
Werbung austragen soll und wie viel Zeit das in Anspruch nehmen wird.
»Klaus hat gesagt, dass es etwa zwei Stunden dauert, dreimal in der Woche.
Einmal davon am Wochenende. Das kann ich in meiner Freizeit schaffen.«, spielt
Erik den Zeitaufwand herunter, weil er befürchtet, dass seine Eltern sonst
Bedenken wegen der Schularbeiten haben könnten. »Kann ich eben nicht mehr so
viel Zeit an der Bushaltestelle herum hängen.«, fügt er hinzu, da er genau
weiß, dass es seinen Eltern gefallen wird.
Daraufhin nimmt Horst das Formular und unterzeichnet
es. Er reicht es Erik und sagt anerkennend: »Hätte gar nicht gedacht, dass du
so etwas aus eigenem Antrieb machst.«
Erik hat Gewissensbisse. Schon will er seinen Eltern
alles beichten, doch dann verlässt ihn der Mut wieder. Er klammert sich immer
noch an die Hoffnung, dass es gar nicht zu einer Anzeige kommt.
Zwei Wochen vergehen, dann tritt das Unglück doch ein. Am Abend, als Erik von
dem Austragen des Werbematerials nach Hause kommt, liegt der Bescheid geöffnet
auf dem Tisch.
Gegen Erik ist ein Verfahren wegen Sachbeschädigung
eröffnet worden. »Kannst du uns mal erklären, was das bedeuten soll?«, fragt
ihn sein Vati in einem Ton, der nichts Gutes verheißt. Nun kommt Erik nicht
mehr umhin, seinen Eltern alles zu erzählen. Sie hören mit finsteren
Gesichtern zu. Überraschend für Erik reagieren sie nicht so, wie er befürchtet
hatte, toben nicht, bleiben ganz ruhig. Er meint sogar ein gewisses Verständnis
aus ihren Mienen lesen zu können.
»Ich mache den Schaden auch selber wieder gut. «,
beeilt er sich zu versichern.
»Das ist ja wohl das Mindeste, dass du den Schaden
selbst wieder gut machst. Du hast die Sache doch auch selber verbockt. Dabei
werden wir dir nicht helfen.«
»Deshalb gehe ich doch schon Werbematerial
austragen.«, versucht er sie zu beschwichtigen. Er ist froh, dass er so
glimpflich davonzukommen scheint.
Die Strafe, die nach der Verhandlung gegen ihn
ausgesprochen wird, fällt glimpflich aus. Der angerichtete Schaden wird auf
vierhundert Mark geschätzt. Zweihundert muss er bar zahlen, den Rest durch
freiwillige Stunden in einer sozialen Einrichtung abarbeiten. Bald schon merkt
er, dass ein enormer Unterschied darin besteht, ob man sich etwas vornimmt, oder
es realisieren muss. Wenn er jetzt am Sonntag, an dem er doch so gern bis Mittag
im Bett bleibt, morgens aufstehen muss, verwünscht er seinen Entschluss,
Werbematerial auszutragen. Doch es bleibt ihm nichts anderes übrig. Den vom
Gericht festgesetzten Schadenersatz haben seine Eltern zwar erst einmal überwiesen,
doch nun muss er diesen abstottern.
»Da gibt es kein Pardon«, hatten sie gesagt. Dass
es bei dem relativ geringen Verdienst lange dauern wird, weiß Erik. Auch die
zehn freiwilligen Stunden fallen ihm schwer. Er soll sie im Seniorenheim der
Diakonie leisten, dort dem Hausmeister helfen. Mit ungutem Gefühl geht Erik zu
ihm.
»Feche erscht’ä’mal den Hof, dann seh’mor
weitor«, fordert der Hausmeister und zeigt auf Schubkarre, Besen und Schaufel.
Er selbst macht diese Arbeit nicht so gern. »Da kann’or’ni viel falsch
machn«, sagt er sich.
Erik zögert. ‚Wenn die von der Clique mich sehen,
wie ich hier den Dreck der anderen zusammen kratze, da kann ich mir was anhören’,
überlegt er, findet das gar nicht lustig.
»Hof fegen ist doof! Kann ich nicht etwas anderes
machen?«, mault er und versucht sich vor dieser Arbeit zu drücken.
»Du kannst och Wäsche sortiern. Sä muss für dä
Lieforung an dä Wäschorei fertch gemacht wärn. Immor scheen trenn in
Bettbezieche, Bettlakn, Koppkissn, das is ni schwer«, schlägt ihm der
Hausmeister vor.
Doch als Horst auch das mit: »Drecksche Wäsche
sortieren? Wo die nein gepinkelt haben? Auf keinen Fall!«, ablehnt, wird es dem
Hausmeister zu viel.
»Du feechst den Hof - basta! Sonst kannst’dä glei
wiedor gehn. Än Drickeberchor brauch’ch hier ni!«, weist er Erik zurecht. »Ich
komm hier ooch ohne deine Hilfe
zurecht!« Das war deutlich.
Widerstrebend nimmt Erik die Schubkarre, greift zu
Besen und Schaufel, macht sich an die Arbeit. Nach zwei Stunden, er hat sich
nicht sonderlich beeilt, ist er fertig. Der Hausmeister kontrolliert seine
Arbeit. Bis auf einige Kleinigkeiten, die Erik nacharbeiten muss, ist er
zufrieden, lädt Erik zu einer Tasse Kaffee ein.
»Wenn kommst’d’n wiedor?«, erkundigt er sich.
»’ch hätt da noch änne annore Arbeit.«
»Aber nicht wieder Hof fegen oder Wäsche sortieren.«, protestiert Erik. Der
Hausmeister lächelt verständnisvoll.
»Nee, klar! Dor Zaun misste geschtrichn wärn.«,
antwortet er(Punkt) »Wie’ch gesehn hab, machst du deine Arbeit recht
ordntlich, da kannst’dä doch ä’ Schtick von dem Zaun schtreichn. In sechs
Schtundn schaffst du gudd dä Hälfte. Dän Rest mach’ch dann selwor.« Für
Lob ist Erik immer empfänglich, deshalb sagt er gerne zu.
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Eines Tages taucht ein Neuer am Treffpunkt der Clique auf. Er hält sich
abseits. Es scheint, als sei er ein Fahrgast, der auf den Bus wartet. Die Mädchen
werden zuerst auf ihn aufmerksam. Seine untersetzte, sportliche Figur, sein
schwarzer lockiger Haarschopf, der dunkle kurz geschorene Bart und seine lässige
Kleidung machen ihn zu einem für sie interessanten Objekt. Als er deren
interessierte Blicke wahrnimmt, kommt er näher.
Sofort tritt ihm der Lange, der immer um seine
Vormachtstellung besorgt ist und deshalb keine Konkurrenz duldet, entgegen.
Misstrauisch fragt er: »Was willst du hier?« Abweisend fügt er hinzu: » Wir
brauchen keine Spanner!«
Der Neue winkt lässig ab und antwortet: »Quatsch!
Von wegen Spanner. Ich hänge doch auch nur so rum, wollte mal sehn, was ihr so
macht.«
Dem folgt gegenseitiges Taxieren.
»Habe auch einen Einstand mitgebracht.«, lockt er,
schwenkt einen Beutel, greift hinein, bietet jedem eine Büchse Bier an. Die Mädchen
zögern, doch die Jungs langen zu. Sogar der Lange lehnt nicht ab.
»Was machst du so?«, erkundigt er sich und stößt
mit dem Fremden an.
»Ich arbeite manchmal auf dem Bau.», gibt der zur
Antwort. »Aber jetzt gibt es da nichts zu tun, da mache ich blau und hoffe auf
bessere Zeiten.«
»Wohnst du noch zu Hause?«, fragt jetzt Erik, dem
dieses Thema schon lange durch den Kopf geht. Er trägt sich mit der Absicht, so
bald als möglich zu Hause auszuziehen.
»Nein! Da bin ich beizeiten ausgerückt; lasse mir
doch nicht ständig Vorschriften machen(Punkt)«, sagt der Neue und winkt verächtlich
ab.
Erik nickt verständnisvoll. »Genau wie bei mir.«,
überlegt er. Der Fremde ist ihm jetzt sympathisch geworden.
»Und? Wo wohnst du?«, fragt ihn Susi. Eines der Mädchen,
die zur Gruppe gehören.
»Ihr könnt mich "Fränki" nennen«,
bietet er ihnen an, spricht aber, ohne auf eine Reaktion zu warten, weiter: »Ich
lebe mit drei anderen in einer kleinen Wohnung, in der Platte. Da ist es nicht
so teuer. Und wenn ich Arbeit habe, da verdiene ich ganz gut, bekomme ja auch
noch Stütze.«
»Ach, du bist gar nicht fest angestellt?«, fragt
der Lange, der ist stolz darauf, dass er das als einziger aus der Clique ist.
»Ich denke gar nicht daran, Steuern zu zahlen. Die
Reichen machen das doch auch nicht. Warum sollen wir als einzige in dem Staat
die ganze Scheiße bezahlen? Das sehe ich überhaupt nicht ein(Punkt)«, erklärt
er seine Philosophie. Er langt noch einmal in den Beutel und holt wieder für
jeden eine Büchse heraus.
»Na dann Prost!«, fordert er auf, öffnet seine,
trinkt die auf einen Zug aus. Niemand will nachstehen. Alle versuchen es ihm
gleich zu tun.
Die Mädchen, die nun doch zugelangt haben,
verschlucken sich, prusten und kichern. Nach der dritten Büchse zeigt der
rasche Alkoholgenuss seine Wirkung. Selbst der Lange lässt seine Vorbehalte
gegen den Neuen fallen.
Fränki hat auf die Wirkung des Freibiers gehofft und
weiß jetzt, dass die Hemmschwelle bei den jungen Leuten herabgesetzt ist. Er
nutzt die Gelegenheit, streckt ihnen seine Hand entgegen, auf der einige kleine
bunte Dragees liegen und fragt: »Habt ihr das schon einmal probiert?«
»Was ist denn das für Zeug? Komm uns bloß nicht
mit Koks oder solchen Mist.«, protestiert eines der Mädchen, sieht sich die
bunten Dragees trotzdem, neugierig geworden, genauer an.
»Quatsch! Das ist kein Koks. Die Dinger sind ganz
harmlos. Es sind "Vitas", die machen Laune. Wenn du mal Probleme hast,
so richtig durch hängst, da fühlst du dich, wenn du eine davon einnimmst,
gleich viel besser.«, preist Fränki seine Ware an.
»Vitas?«, fragt sich der Lange, der eins von den
Dragees genommen hat.
»Das sind ganz harmlose Vitaminbonbons!«, beruhigt
ihn Fränki. »Ich habe eine Quelle, da bekomme ich die ganz günstig.«
»Aha! Schenkst du mir die?«, fragt der Lange,
blickt sich, Zustimmung und Anerkennung heischend, in der Runde um.
Fränki nickt nur.
»Mach keinen Stuss, das kann dich umhauen!«, warnen
ihn die anderen.
Doch er kann, nach der etwas voreiligen Ankündigung, nicht mehr zurück. Das würde
für Feigheit gehalten, seiner Autorität schaden.
»Du musst sie nicht schlucken, wenn du damit ein
Problem hast.« Fränki tut so, als wolle er ihm das Dragee wieder abnehmen. Er
ist sich jedoch der Wirkung seiner Worte bewusst, zögert deshalb.
Prompt fordert der Lange: »Lass mich!«, und steckt sich das Dragee in den
Mund. Fränki hat sein Ziel erreicht. Der Lange hat die Pille geschluckt, obwohl
ihm nicht ganz wohl dabei ist. Nun horcht er in sich hinein, spürt nichts...
»Merkst du schon etwas?«, fragt ihn Susi neugierig,
himmelt ihn an. Für sie ist er ein Held. Nach zehn Minuten ändert sich das
Gehabe des Langen. Sein Gesichtsausdruck wird seltsam verklärt, er beginnt sich
in den Hüften zu wiegen, zieht Susi zu sich heran, umarmt sie, beginnt mit ihr
zu tanzen. Das wäre ihm sonst nie eingefallen, denn ihr gegenüber war er
bisher immer irgendwie gehemmt.
»Eee, lass mich los!«, protestiert die, unternimmt
aber nur wenig, um sich ihm zu entziehen. Der Lange hält sie fest umschlungen,
will sie küssen.
»Nicht! Lasse mich los!«, protestiert Susi nun
energischer, sträubt sich dagegen.
Erik mischt sich ein, will Susi aus der Umklammerung befreien.
Der Lange stiert Erik an und gibt ihm einen Stoß vor die Brust, dass der zurück
taumelt.
»Hau ab, du Scheißer!«, faucht er Erik an. Doch
der hat sich rasch von dem überraschenden Schlag erholt, will den Langen
angehen.
Da tritt Fränki, dem eine Schlägerei überhaupt
nicht ins Konzept passt, zwischen die beiden. Seine bullige Figur und sein
drohender Blick flößen den beiden Respekt ein.
»Hört auf! Sofort!«, befiehlt er, packt Erik bei
der Schulter und zieht ihn aus der Reichweite des Langen.
Der gibt jetzt Susi frei. Er ist noch ein wenig verwirrt, doch das verschwindet
rasch. Die Testdragees sind nur sehr schwach in ihrer Wirkung, sollen ja auch
nur erstes Interesse erwecken.
»Das Zeug ist geil!«, keucht der Lange und blickt
triumphierend um sich. Ihm scheint gar nicht bewusst zu sein, dass er eben noch
bereit war, sich mit Erik zu prügeln.
»Da ist plötzlich alles ganz anders. Man fühlt
sich, als könnte man Bäume ausreißen. Das müsst ihr doch einmal probieren!«,
fordert er auf. Die haben alles mit Interesse beobachtet. Jetzt möchten sie die
Dragees versuchen - sofort. Sie bitten Fränki, auch ihnen eines der bunten
Vitas zu geben.
»Ich hab nicht mehr viel von den Dingern. Die sind
auch nicht ganz billig.«, sagt er zurückhaltend, denn hat erst einmal sein
Ziel erreicht. Als sie jedoch weiter in ihn dringen, gibt er scheinbar nach: »Gut.«,
sagt er. »Ich gebe euch noch ein paar. Ihr müsst selber klären, wer die
bekommt. Für alle reichen sie nicht.« Sagt es und drückt dem Langen noch vier
der bunten Dinger in die Hand. »Mehr kann ich euch nicht schenken.«, bremst er
ihre Erwartungen. Dann verabschiedet er sich. ‚Ich glaube, die haben
angebissen’, sagt er sich und lacht. ‚Das ging ja leichter, als ich gedacht
hab.’ Er reibt sich vergnügt die Hände. Diesmal hat er seinen Auftrag erfüllt.
Um die vier Vitas gibt es fast Streit in der Clique.
Sie einigen sich schließlich darauf, das Los entscheiden zu lassen. Der Lange
soll das machen, denn er bekommt sowieso kein zweites. Der ist damit
einverstanden, sucht auf dem Rasen neben der Bushaltestelle ein paar trockene
Grashalme und schneidet sie erst einmal auf gleiche Länge. Danach kürzt er
alle, bis auf vier, um zwei Zentimeter. Alle beobachten ihn gespannt. Er zeigt
ihnen die präparierten Halme, danach nimmt er sie in die rechte Hand.
»Derjenige, der einen langen Halm zieht, erhält ein Dragee.«, sagt er.
Erik verzichtet. Schon beim Freibier hatte er nur
eine Büchse angenommen. Die Veränderung, die mit dem Langen nach Einnahme der
Pille vor sich ging, gibt ihm zu denken. Er erinnert sich an die Mahnungen
seiner Eltern und die Warnungen seines Klassenlehrers.
‚Das ist eine Droge! Der will uns anfüttern!’
Das steht für ihn fest. Erik wartet nicht ab, wie die Verlosung ausgeht, wendet
sich ab und geht nach Hause. Keinem aus der Clique fällt das auf, die sind
beschäftigt.